Traumatisierung

 

Die Welt war ein Wunder. Aber ganz plötzlich, wie bei einem Sommergewitter, konnten dunkle Wolken aufziehen. Es blitzte und donnerte im Kopf und im Bauch. Der Krieg war wieder da: Draußen auf dem Albersloher Weg fuhren Panzer und verbreiteten einen Höllenlärm, dass unsere Herzen wie die zarten Gläser für Erdbeerbowle in Oma Selmas Küchenbüffet zitterten. Mit ihren Ketten rissen die Panzer den frischen Asphalt und manche kaum verheilte Wunde auf.

Wir spielten bei Sebon im Wald und entdeckten einen Bombentrichter. Das Wasser hatte eine geheimnisvolle Braunfärbung. Eichenlaub trieb auf der Oberfläche. Wir warfen Knüppel hinein und jäher Schrecken durchfuhr uns: Lag da nicht ein toter Soldat? Dort: Waren die Stofffetzen nicht Reste eines seidenen Fallschirmes? Da, im feuchten Bunker unter dem Bahndamm: Waren das nicht bemooste Totenschädel? Eine fröhliche Familienfeier oder ein lustiger Besuch bei den Nachbarn. Plötzlich Stille. Die Alten tuschelten. Einige kämpften mit den Tränen.

Dass Deutschland unter alliierter Besatzung stand, erfuhr ich durch die Panzer auf dem Albersloher Weg und die Briefmarkensammlung des Vaters. Ich entdeckte alte Marken aus dem Saarland mit dem Profil des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, Marken aus Baden oder Mecklenburg. Im Osten herrschten die Russen, im Süden die Amerikaner, im Südwesten die Franzosen und im Norden die Engländer. Wir lebten in der englischen Besatzungszone.

Einmal im Jahr wurden die Kasernentore für deutsche Besucher geöffnet. Dann konnten wir Hubschrauber und Panzer besichtigen. Mir gruselte es bereits beim Anblick des Eisenrosses. Niemals wäre ich in einen Panzer gekrochen. Schrecklicher war ein Lazarett mit Verwundeten. Ich ahnte nicht, dass die Schwerverletzten mit viel Blut und reichlich Verbandszeug nicht echt waren. Mich traf ihr Anblick unvorbereitet. Wie bei anderen Eindrücken aus frühen Tagen wurde ich die Bilder nie wieder los. Da lag ein Mann mit blutdurchtränktem Kopfverband. Der Glaskörper des linken Auges war aus der Höhle getreten.

Echte Kriegsversehrte wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Wir redeten sie mit „Onkel“ an, obwohl sie nicht verwandt waren. Onkel Nikolaus hatte im Krieg beide Beine und einen Arm verloren. Onkel Röder war drei Tage unter Trümmern verschüttet gewesen. An der Stirn trug er eine tiefe Delle, die von einem Kopfschuss zurückgeblieben war. Sein Haar war gelb gebeizt vom Kondensat des Zigarrenrauchs. Tante Röder besaß ein weißes Simca Cabriolet mit roten Sitzen. Wenn sie damit gelegentlich unterwegs war, überkam ihren Mann abgrundtiefe Angst. Untröstlich saß er dann bei unserer Mutter am Küchentisch, kippte den Pinn mit Asbach Uralt und weinte: „Die Mutti ist weg!“ Jeder wusste, dass sie in der nächsten Stunde wiederkäme. Ich verstand daher die Verzweiflung nicht. Gerade deshalb ging von Onkel Röder eine tiefe Beunruhigung aus.

 

 

Auferstanden aus Ruinen

 

Wenige Tage vor der Niederkunft stieg meine Mutter über eine wackelige Leiter zum Dachfrist eines neu errichteten Hauses. Sie trug auch mich in die Höhe. Unten standen die Maurer und Zimmermänner mit Germania-Bierpullen. Opa Franz und Tante Martha hielten sich an einem Gläschen Doppelwacholder fest. Ein bewegender Moment des Rückblicks auf dunkle Jahre und zugleich eine innere Aufrichtung: Es geht hinauf, zumindest voran. Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Doch das Vergangene ist nicht vergangen und wird niemals vergehen. Das wissen alle.

Sie sind Vertriebene und gehören nicht ins Münsterland, obwohl sie die deutsche Sprache besser als die Westfalen sprechen und fleißiger arbeiten. Das machen ihnen die Münsteraner schnell klar. Flüchtlinge sind Fremde und werden Fremde im eigenen Land bleiben.

Die Großeltern stammen aus Breslau. Die Mutter aus Königsberg. Münster ist nicht die Großstadt Breslau und schon gar nicht Königsberg. Dennoch wehen auf dem First die bunten Bänder der Richtkrone fröhlich im Sommerwind. Endlich wieder ein eigenes Dach über dem Kopf. Oma Selma hält ihren weißen Spitz im Arm. Sie mag keinen Alkohol. Selbst an ihrem hundertsten Geburtstag wird sie nicht am Sektglas nippen.

Um Geld zu sparen, hat der Vater die Baugrube nach Feierabend eigenhändig mit dem Spaten ausgehoben. Da war keine Zeit für die neue Musik von Bill Haley. Auch die Ankunft von Elvis Presley in Bremerhaven gehörte nicht zu jenen Ereignissen, die auf der Dauerbaustelle wahrgenommen werden. Nicht einmal das „Wunder von Bern“ hat die Bewohner bewegt.

Zehntausende deutscher Kriegsgefangener schuften noch in sowjetischen Arbeitslagern. Erst im Herbst des Jahres 1955 werden sie heimkehren dürfen. Unendlich größer ist die Zahl der Toten. Zu ihnen gehören die Großeltern aus Königsberg. Sie stehen nicht unter der Leiter und sind doch anwesend.

Opa Franz hat den Krieg überlebt. Er war ein kleiner Mann. Die Höhe des Kellers bestimmte er nach seiner Größe. Wer über ihn hinauswüchse, würde sich bücken müssen. Eine originelle Sparidee hatte auch sein Sohn. Er legte die Elektrokabel diagonal auf die Wand, bevor sie verputzt wurde. So konnten viele Meter gespart werden, und kein Unbefugter würde jemals einen Nagel in die Wand schlagen können, ohne einen Kurzschluss zu produzieren.

Jeder Pfennig zählt. Wer zwei Pfennige einmal umdreht, hat schon vier Pfennige. Wer zwei Pfennige zwei Mal umdreht hat acht Pfennige und bald ist aus dem Zwei-Pfennig-Stück die erste Deutsche Mark geworden. So wächst der Wohlstand. Erst sehr langsam, dann aber unaufhaltsam. Deutschland ist auferstanden aus Ruinen. Ein Wunder an Sparsamkeit, Bescheidenheit, Fleiß, Ausdauer, Verzicht. Ein Wunder an Seelenstärke. So erlebten es die Großeltern und Eltern. Wir sind die Kinder des Wirtschaftswunders. Wir sollen es in Zukunft noch weiter bringen, damit der Wunder kein Ende ist.

Eines Tages, weiß Opa Franz, werde sich auch in der Ostzone das Wunder ereignen. Die Ostzone ist die Deutsche Demokratische Republik. In der DDR gab es am 17. Juni 1953 einen Volksaufstand gegen den Kommunismus und die Russen, sagt Opa Franz. Der 17. Juni sei deshalb bei uns im Westen ein Staatsfeiertag. An diesem Tag sei der Kindergarten geschlossen. Niemand müsse arbeiten außer den Ärzten, Feuerwehrleuten und Eisenbahnern. Opa Franz und der Vater sind Eisenbahner. Der 17. Juni heisse „Tag der deutschen Einheit“, weil es eines Tages die Wiedervereinigung Deutschlands geben werde.

In der sowjetisch besetzen Zone wohnen Oma Selmas Verwandte. Sie schreiben viele Briefe mit wunderschönen Briefmarken für die Sammlung des Vaters. „Nie wieder Krieg und Faschismus!“ steht auf den Briefumschlägen oder „Pioniertreffen“, „Solidarität“, „Internationaler Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors“.

Ich verstehe einige Worte nicht. Was ist Faschismus? Faschismus klingt wie Schisser. Schisser waren Angsthasen. Was Terror ist, glaube ich zu wissen. Macht keinen Terror, rufen die Nachbarn, wenn wir zu laut sind und zu viel Rabatz auf der Straße machen. Aber was ist Solidarität? Ich hatte keine Ahnung. Nicht einmal eine Vermutung.

Oma Selma will mir die Worte aus der Ostzone nicht erklären. Auf den Briefmarken stehe nur dummes Gequatsche. Wenn die Verwandten von drüben von Solidarität sprechen, dann wollen sie sagen, dass auch sie einen Eisschrank kaufen möchten. Eisschränke gab es vor dem Krieg. Oma Selma hat beim Versandhaus Quelle einen Kühlschrank gekauft. Der wird elektrisch betrieben und nicht mehr mit echtem Eis bestückt wie der Eisschrank.

Aber drüben in der Ostzone wäre Tante Lucie froh, wenn sie wenigstens einen alten Eisschrank oder einen Erdkeller hätte, sagt Oma Selma. Jetzt weiß ich: Solidarität bedeutet, dass jede Familie einen eigenen Kühlschrank besitzt. Vielleicht gehört Oma Selma zu den Kühlschrank-Pionieren? Pioniere sind nämlich Menschen, die nach vorne blicken und sich durchsetzen. Sie sind keine Schisser oder Faschisten und haben keine Angst vor Eis und Kälte wie die Polarforscher Roald Amundsen und Fridtjof Nansen.

In jeder Etage unseres Hauses befindet sich eine moderne Toilette mit Wasserspülung. Doch noch immer geht Tante Martha „aufs Häusel“, wenn sie pullern muss. Sie liegt gerne auf der Scheslong, legt ihre Füße zum Ausruhen auf die Ritsche. Milch erwärmt sie in einem Tippel, tunkt die Sülze in den Mostrich und isst zum Frühstück Semmeln mit Leberwurst.

Jeder Bewohner ist für den Unterhalt des Hauses verantwortlich. Doch eine muss den Überblick haben und für die Einhaltung der Ordnung sorgen. Das ist selbstverständlich Oma Selma. Sie verfügt über die notwendigen Kompetenzen. Das hat sie früher bewiesen, als sie die perfekte Durchführung eines Eintopfsonntags im Wohnblock der Eisenbahnersiedlung von Sagan sicherstellte. Eintöpfe mit viel Porree und Sellerie bilden noch immer ihre Hauptspeise. Oma Selma lässt sich von niemanden mehr in die Pflicht nehmen. Als einzige Erwachsene geht sie nicht arbeiten. Ihre Schwester Martha betätigt sich als Spülhilfe in einem Café am Hauptbahnhof. Abends bringt sie den Kaffeesatz zu weiterem Aufbrühen nach Hause.

„Mahnung, Verpflichtung, Gedenken“ steht auf einer Briefmarke, mit der Tante Lucie ihren Brief frankiert hat. Überall lebt Erinnerung: Eine kleine herzförmige Vase. Im Sommer bestückt mit Gänseblümchen, über den Winter mit Heidekraut. Darüber das Bild der verstorbenen Großmutter. Ein Ort stillen Gedenkens an das Wahre, Gute und Schöne, das nicht leben durfte. Auf dem Gertrudenfriedhof in Oldenburg das Grab mit dem kleinen roten Stein. Ein Wallfahrtsort. Der Großvater hatte nicht einmal ein Grab. Er war in Königsberg geblieben. So hieß es, wenn die Rede auf ihn kam. In Königsberg war er nicht freiwillig geblieben, auch wenn es so klang. Viele Männer wurden zum Bleiben gezwungen. Was sie erlebt und erlitten, lebt weiter in der Erinnerung ihrer Kinder und Enkel. Die Toten sind nicht tot. Abends legen sich die Erwachsenen erschöpft von der Arbeit ins Bett. Die Toten schlafen nie. Oft finde ich keinen Schlaf. Dann spüre ich, dass die Toten bei mir sind. Der Vater meint, das sei unmöglich und ich höre die Flöhe husten.

Oma Selma will keine Geschichten von früher hören. Auch für sie wird das Haus mit der Richtkrone niemals Heimat. Heimat ist ein innerer Raum. Hier sind die Grenzen zwischen den Lebenden und den Toten aufgehoben. Über diese innere Welt konnte man erzählen oder schweigen. Die Mutter erzählte. Oma Selma schwieg.

Warum überleben die einen? Warum sterben die andern? Die Welt war voll unlösbarer Fragen. Ihrer waren so viele, dass man sich schuldig fühlen konnte. Tante Ulla hatte den Untergang der Wilhelm Gustloff überlebt. Ihre Schwester Edith verlor ihren Mann und stand mit zwei kleinen Kindern alleine da. Opa Franz’ einzige Schwester war Witwe und verbrachte ihre letzten Tage allein in einem Altenheim, wo sie ihr kleines Zimmer mit einer Mitbewohnerin und zwei Stoffbären teilte. Einsam waren auch die Verwandten im Osten. Sie lebten in heruntergekommenen Häusern, sangen dennoch „Auferstanden aus Ruinen“. Tante Lucie wohnte in Artern. In der Adventszeit stellte Oma Selma für sie und alle Verwandten in der Ostzone Lichter auf. „Licht von drüben“ nannte sie diese Kerzen. Der Vater mochte den Brauch nicht. Zu schnell sei eine Gardine entflammt. Außerdem glaube er nicht, dass der Glanz der Lichter über hunderte von Kilometern leuchtete.

 

 

 

Warum trifft es immer die Guten?

 

Zum Glück wohnte Tante Martha im Haus. In Zimpel hatte die Tatta ein eigenes Haus besessen, jetzt bewohnte sie ein kleines Zimmer in der gemeinsamen Wohnung mit Schwester und Schwager. Bei ihrer Flucht in den Westen hatte sie nichts von ihrem Besitz retten können und doch war sie eine reiche Frau. Jetzt lebte sie aus den ersten fünfzehn Jahren ihrer Kindheit und Jugendzeit vor dem Ersten Weltkrieg. Trauer und Schmerz über das Verlorene waren nur eine Seite ihrer Seele. Sie zeigte uns jenen unvergänglichen Schatz, der in allen verborgen liegt: den inneren Reichtum der Seele.

 

So steigen in mir Bilder auf: Ein warmes Sommergewitter. Ich sitze mit Tatta in der Gartenlaube und kann nicht ins Haus zurück, weil die Tatta nicht mehr gut auf den Beinen ist. Wir warten auf das Ende des Regens. Niemand hatte so viel Geduld wie Tatta. Zuerst vertreiben wir uns die Zeit. Tatta trägt wie immer ihre alte Schürze, und weil es Hochsommer ist, sind ihr faltiger Hals und das welke Fleisch ihrer Arme unbedeckt. Neben dem Saftglas, aus dem die Wespen trinken, liegt ihre Zeitung. Aus Bonbonpapieren und Streichhölzern fertigt sie bunte Fähnchen für die Spielzeugautos. Der Regen will nicht enden. Wir blicken stumm in den Garten und lauschen. Mein Herz ist wie ein Wassereimer, in den die Regentropfen fallen. Mit jedem Tropfen wächst die Liebe. Ich bin erfüllt. Es bedarf keiner Worte. Da schwebt das Unaussprechliche im Garten. Die angehaltene Zeit. Stille. Staunen. Adern voll Dasein.

 

Tattas Zeitung war „Der Schlesier“. Er war das Zentralorgan der Landsmannschaft Schlesiens und wurde von Fördermitteln des Bundes unterstützt. „Der Schlesier“ lag immer auf dem Tisch - draußen im Garten oder in ihrem kleinen Zimmer, aber ich habe sie nie darin lesen gesehen. Die Zeitung war ein Symbol des unwiederbringlich Verlorenen. Oft ergriffen Tatta schwere Schübe von Wehmut. Sie weinte über den Verlust ihres Hauses in Zimpel, über Onkel Heinz, über ihre kranken Beine und die Gehässigkeiten ihrer Schwester. Ich versuchte sie zu trösten:


„Aber Tatta, du hast doch mich!“


Die Tiefe ihres Weltschmerzes konnte ich nicht nachvollziehen, doch ahnte ich den Abgrund. Das Leben war rätselhaft und zuweilen lag über allem eine große Traurigkeit. Sie ergriff plötzlich meine kindliche Seele und blieb namenlos wie so Vieles.

Mit der Tatta gab es kurzweilige Fernsehabende, wenn Heidi Kabel und Henry Vahl vom Hamburger Ohnsorg Theater spielten oder Aufzeichnungen aus dem Kölner Millowitsch Theater ausgestrahlt wurden. Tatta liebte die alten Filme mit Hans Moser, in denen gesungen wurde. Eines Abends ergriff mich ganz unerwartet die Melancholie . Zwischen den alten Schwestern sitzend, schaute ich den Film „Der Herr Kanzleirat“ (1948) von Hubert Marischka. Hans Moser sang:


„Der alte Herr Kanzleirat
träumt heute von der Heirat,
die er versäumt hat und jetzt is’ er allein.
Wie schwer ist doch so einsam,
wie schön wär’s doch gemeinsam.
Was man versäumt hat,
das bringt man nimmer ein.“


Da schossen mir die Tränen in die Augen. Vielleicht waren alle Bewohner des Hauses auf ihre Weise einsam, allein und träumten sich in eine Welt, die es nicht mehr gab oder nie geben wird. Doch kannte die Tatta ein Zauberwort, das beruhigend wirkte und dem Gewicht des Lebens ein wenig die Schwere nahm:


„Uwe, weißt du, es trifft immer die Guten!“

 

 

 

 

Das Paradies des Herzens

 


Die Tatta war alt geworden, so alt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie einmal sehr jung gewesen war. Damals kannte ich noch nicht das diamantene Licht der Kindheit. Niemals verliert es seinen Glanz. Früher, das waren für Tatta die entlegenen Räume der Kindheit und Jugendzeit vor dem Ersten Weltkrieg. Da war Tante Martha so alt wie ich. Früher, das war ihre Jugend in der Großstadt Breslau, ihre erste große Liebe zu einem jüdischen Studenten der Rechtswissenschaft. Ihn hatte sie im Theater an der Liebichshöhe kennengelernt, wo sich auf den Stehplätzen im oberen Rang die schönen Mädchen mit den Studenten der Breslauer Universität trafen. Die Abende kosteten ihren Preis. Die junge Martha zahlte ihn gerne. Zu Hause stand der Vater hinter der Tür und fegte ihr den Hut vom Kopf. Diese Geschichte erzählte die Tatta glucksend vor Lachen und als einen Triumph der Liebe über die Gewalt. In der Auswahl ihrer Erinnerungen hatte sie auf das bessere Teil gesetzt.

Im Buch des Lebens stehen viele Geschichten. Manche sind schön, mache schaurig. Einige gehen schwer über die Lippen, andere rauben den Atem und bleiben namenloser Schmerz. Vielleicht gehört die Auswahl der richtigen Geschichten zur Überlebenskunst. Früher war nicht alles besser. Aber das bessere Teil will ins Licht gehoben werden.

Die Tatta trug seit ihrer Jugendzeit Ohrringe mit weißblauen Steinen. Ein Geschenk ihrer Jugendliebe. Sie hatte diesen Schmuck durch alle Zeiten errettet. Man sah es den Ohrläppchen an. Vom Gewicht der Ringe waren sie lang und weich geworden. Gewiss waren die Steine nicht echt, aber sie funkelten nach allen Jahren noch immer wie Diamanten und würden bis in die letzten Lebensjahre im Licht blitzen.

Land der Kindheit, Reich der Jugend - Märchenhaft wie Frau Holles Garten muss die Heimat der Mutter gewesen sein. Von Königsberg und der Kurischen Nehrung konnte nur ganz sanft, sehr zärtlich und mit beinahe angehaltenem Atem gesprochen werden. Denn der kostbarste Diamant der Erinnerung darf nur den Weisen gezeigt werden. Die Menge verhöhnet leicht, was sie nicht versteht. Am nächtlichen Himmel sieht sie nur den halben Mond, obwohl er doch rund und schön ist.

Es war ein Land. Ein Land der dunklen Wälder und kristallenen Seen. Ein Land, wo das Meer rauscht. Wo Elche am Rand der Kiefernwälder stehen als lauschten sie dem Choral der Ewigkeit. Ein Land der Innigkeit und der Schönheit. Paradiesisch wie der Garten in Eden. Dann kam eine Düne und deckte alles zu. Von dieser großen Düne war unter den Verwandten der Mutter viel die Rede, aber noch mehr von den lichtdurchfluteten Sommertagen seliger Jugend.

Die Düne vernichtet, aber sie bewahrt auch im Untergang. Das Erzählen war Frauensache - wie das Lesen. Onkel Georg las keine Bücher. Nicht, weil er sie langweilig fand, sondern weil er keine Zeit zum Lesen hatte, obwohl er schon längst in Rente war. Welchen Beruf er in seiner ostpreußischen Heimat ausgeübt hatte, habe ich nie erfahren. Manchmal schnappte ich Worte auf: Onkel Georg sei im Ersten Weltkrieg Taucher bei der Marine gewesen. Er war der erste, der mit einem schweren Motorrad über die Sandpisten der Kurischen Nehrung fuhr. Als ihm in der Kriegsgefangenschaft ein Zahn ausfiel, ersetzte er ihn selbst. Nach dem Krieg ließ er den Zahn aus Blech gegen einen goldenen Zahn austauschen.

Onkel Georg hatte nicht nur einen goldenen Zahn, sondern auch goldene Hände. Während die Frauen von seliger Jugendzeit und nicht enden wollendem Schrecken erzählen, verbrachte Onkel Georg seine Zeit in einem kleinen Schuppen hinter dem winzigen Haus. Hier wohnte er mit seiner Frau Maria und Tante Jette zur Miete. Tante Maria hatte fünf Schwestern und einen Bruder. Sie stammten aus Schwarzort, einem Fischerdorf auf der Kurischen Nehrung. In den lichten Sommermonaten mussten sie ihre Zimmer räumen und in das Gartenhäuschen ziehen. Denn Gäste aus Berlin kamen auf die Nehrung, um hier blaue Tage und glühende Sommernächte am Ostseestrand zu erleben. Der Zug brachte sie über Königsberg nach Cranz. Täglich verkehrte von hier aus der Dampfer der Cranz-Memel-Linie über Rositten, Nidden, Preil nach Schwarzort und weiter bis nach Memel, wo ein Denkmal an das Ännchen von Tharau erinnerte. Im Dreißigjährigen Krieg hatte Simon Dach ihr Schicksal besungen. Die Verse waren Wort gewordene Unsagbarkeit und wohl deshalb von Tante Maria und ihre Schwestern so sehr geliebt. In ihnen war ihr Leben aufgehoben:


„Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt.
Sie ist mein Reichtum, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Käm' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
wir sind gesinnt, beieinander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
soll unsrer Liebe Verknotigung sein.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
je mehr ihn Hagel und Regen anficht,
so wird die Lieb in uns mächtig und groß
durch Kreuz, durch Leiden, durch mancherlei Not.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt,
ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer,
Eisen und Kerker und feindliche Heer.
Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn’,
mein Leben schließ ich um deines herum.“

 


Im Gartenhäuschen ließ sich gut leben. Das fand auch der Elch. Die Kinder gaben ihm den Namen Jakob. Wie alle Elche liebte Jakob Äpfel. Jeden Abend trat er aus dem Kiefernwald über Heide und Blaubeerfelder in den Garten, wo die Kinder seit Johanni im glücklichen Ausnahmezustand des Sommers lebten.

Tante Maria war eine der vielen Schwestern unserer früh verstorbenen Großmutter und zusammen mit Onkel Georg der Vormund der Mutter. Die Mutter und ich besuchten sie oft. Bei Tante Maria in der Oldenburger Milchstraße waren die Regeln locker. Überfiel mich am Abend die Müdigkeit, wurden im Wohnzimmer zwei Sessel zusammengeschoben. Schon besaß ich ein Lager und war geborgen wie in der Greisin Arm.

In seinem Schuppen schnitzte Onkel Georg den Elch Jakob - mal in kleiner, mal in großer Ausführung. Dazu den Kurenkahn des Urgroßvaters und jene Fischreiher, die am Dorfausgang von Schwarzort nach Perwelk in einer großen Kolonie lebten. Sie horsteten in den hohen Kiefern. Onkel Georg hatte schon sehr viele kleine und große Elche, Kurenkähne und Reiher geschnitzt. Alle Verwandten waren bestens versorgt. Aber Onkel Georg war das egal. Er schnitzte unverdrossen weiter, damit wir neue Elche und Reiher im Haus am Erbdrostenweg aufstellen konnten.

Früher konnte auch ich ein bisschen zaubern: Jakob, der Elch auf dem Fensterbrett in Münster, konnte den Elch im Garten von Schwarzort nicht ersetzten. Ein Kurenkahn im Wohnzimmer ist nicht von den frischen Winden des Haffs umgeben. Ein Reiher auf dem Schränkchen atmet nicht den Geruch des Schilfs. Doch kann man neue Apfelbäume für Elche pflanzen und dazu zwei Birnbäume und zwei Pflaumenbäume und viele Sträucher mit Johannisbeeren und Stachelbeeren. Man kann sich ans Fensterbrett setzten und auf den geschnitzten Elch von Onkel Georg schauen. Wenn man lange sitzt und dabei ganz still wird, passiert etwas Wunderbares. Jakob, der Elch von der Kurischen Nehrung, kommt in den Garten. Keine Ahnung, wie er das macht. Wenn der Elch im Garten steht, zieht er wie ein Magnet weitere Bilder von früher heran: Gleich hinter den Johannisbeeren, fast in Thieles Garten, liegt das Schilf und in ihm versteckt der Kahn des Urgroßvaters, und da ist auch schon der Reiher und taucht sein Haupt ins Wasser und stiehlt die Fische.

Es war ein Land. Alle liebten dieses Land. Nun ist es nicht mehr und wird nie mehr sein. Jeder wusste dies. Es gab nur die Erinnerung und das Paradies des Herzens. Onkel Georg schnitzte sie in Holz. Die Mutter und Tante Maria gestalteten aus ihr Geschichten von unvergänglicher Schönheit. Überlebensglück. Die Jahres des Schreckens hatten das Paradies nicht zerstört, sondern erst erschaffen. Nun trat die Substanz des Lebens hervor. Jetzt war seine vergängliche Gestalt in ein unvergängliches Bild verwandelt. Das war die Kraft des Wortes, über die manche Dichter verfügen. Durch sie lebt im Unvergänglichen, was einst wie der rinnende Sand im Stundenglas, Teil der Vergänglichkeit war. Geborgen wie ein Kätzchen im warmen Schoß.

Die Mutter brauchte keine Liederbücher und keine Lyrikbändchen. Ihre Geschichten und Lieder waren unverlierbarer Besitz und hatten sie durch die Zeit, wo man die Sonne kaum kennt, getragen. Wie Onkel Georg dem Holz eine Gestalt gab, so wirkten die Erzählungen der Mutter eine geistige Landschaft. Das Erzählen brauchte keinen Anlass und keine Stunde. Jederzeit und überall konnte sich die Tür zu dem, was nun innere Welt war, öffnen. Innigkeit ist der Schlüssel zu diesem Reich. Zu viel Innigkeit sei ungesund, meinte der Vater. Dann finde man nachts keinen Schlaf mehr, weil die Gedanken kreisen. Da hatte er recht. In jedem Kind leben Vater und Mutter. Ihre Stimmen in Einklang zu bringen mit dem eigenen Auftrag, bleibt eine lebenslange Aufgabe. Die Tür zum Paradies des Herzens ist weit geöffnet.