Traumatisierung

 

Die Welt war ein Wunder. Aber ganz plötzlich, wie bei einem Sommergewitter, konnten dunkle Wolken aufziehen. Es blitzte und donnerte im Kopf und im Bauch. Der Krieg war wieder da: Draußen auf dem Albersloher Weg fuhren Panzer und verbreiteten einen Höllenlärm, dass unsere Herzen wie die zarten Gläser für Erdbeerbowle in Oma Selmas Küchenbüffet zitterten. Mit ihren Ketten rissen die Panzer den frischen Asphalt und manche kaum verheilte Wunde auf.

Wir spielten bei Sebon im Wald und entdeckten einen Bombentrichter. Das Wasser hatte eine geheimnisvolle Braunfärbung. Eichenlaub trieb auf der Oberfläche. Wir warfen Knüppel hinein und jäher Schrecken durchfuhr uns: Lag da nicht ein toter Soldat? Dort: Waren die Stofffetzen nicht Reste eines seidenen Fallschirmes? Da, im feuchten Bunker unter dem Bahndamm: Waren das nicht bemooste Totenschädel? Eine fröhliche Familienfeier oder ein lustiger Besuch bei den Nachbarn. Plötzlich Stille. Die Alten tuschelten. Einige kämpften mit den Tränen.

Dass Deutschland unter alliierter Besatzung stand, erfuhr ich durch die Panzer auf dem Albersloher Weg und die Briefmarkensammlung des Vaters. Ich entdeckte alte Marken aus dem Saarland mit dem Profil des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, Marken aus Baden oder Mecklenburg. Im Osten herrschten die Russen, im Süden die Amerikaner, im Südwesten die Franzosen und im Norden die Engländer. Wir lebten in der englischen Besatzungszone.

Einmal im Jahr wurden die Kasernentore für deutsche Besucher geöffnet. Dann konnten wir Hubschrauber und Panzer besichtigen. Mir gruselte es bereits beim Anblick des Eisenrosses. Niemals wäre ich in einen Panzer gekrochen. Schrecklicher war ein Lazarett mit Verwundeten. Ich ahnte nicht, dass die Schwerverletzten mit viel Blut und reichlich Verbandszeug nicht echt waren. Mich traf ihr Anblick unvorbereitet. Wie bei anderen Eindrücken aus frühen Tagen wurde ich die Bilder nie wieder los. Da lag ein Mann mit blutdurchtränktem Kopfverband. Der Glaskörper des linken Auges war aus der Höhle getreten.

Echte Kriegsversehrte wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Wir redeten sie mit „Onkel“ an, obwohl sie nicht verwandt waren. Onkel Nikolaus hatte im Krieg beide Beine und einen Arm verloren. Onkel Röder war drei Tage unter Trümmern verschüttet gewesen. An der Stirn trug er eine tiefe Delle, die von einem Kopfschuss zurückgeblieben war. Sein Haar war gelb gebeizt vom Kondensat des Zigarrenrauchs. Tante Röder besaß ein weißes Simca Cabriolet mit roten Sitzen. Wenn sie damit gelegentlich unterwegs war, überkam ihren Mann abgrundtiefe Angst. Untröstlich saß er dann bei unserer Mutter am Küchentisch, kippte den Pinn mit Asbach Uralt und weinte: „Die Mutti ist weg!“ Jeder wusste, dass sie in der nächsten Stunde wiederkäme. Ich verstand daher die Verzweiflung nicht. Gerade deshalb ging von Onkel Röder eine tiefe Beunruhigung aus.

 

 

Auferstanden aus Ruinen

 

Wenige Tage vor der Niederkunft stieg meine Mutter über eine wackelige Leiter zum Dachfrist eines neu errichteten Hauses. Sie trug auch mich in die Höhe. Unten standen die Maurer und Zimmermänner mit Germania-Bierpullen. Opa Franz und Tante Martha hielten sich an einem Gläschen Doppelwacholder fest. Ein bewegender Moment des Rückblicks auf dunkle Jahre und zugleich eine innere Aufrichtung: Es geht hinauf, zumindest voran. Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Doch das Vergangene ist nicht vergangen und wird niemals vergehen. Das wissen alle.

Sie sind Vertriebene und gehören nicht ins Münsterland, obwohl sie die deutsche Sprache besser als die Westfalen sprechen und fleißiger arbeiten. Das machen ihnen die Münsteraner schnell klar. Flüchtlinge sind Fremde und werden Fremde im eigenen Land bleiben.

Die Großeltern stammen aus Breslau. Die Mutter aus Königsberg. Münster ist nicht die Großstadt Breslau und schon gar nicht Königsberg. Dennoch wehen auf dem First die bunten Bänder der Richtkrone fröhlich im Sommerwind. Endlich wieder ein eigenes Dach über dem Kopf. Oma Selma hält ihren weißen Spitz im Arm. Sie mag keinen Alkohol. Selbst an ihrem hundertsten Geburtstag wird sie nicht am Sektglas nippen.

Um Geld zu sparen, hat der Vater die Baugrube nach Feierabend eigenhändig mit dem Spaten ausgehoben. Da war keine Zeit für die neue Musik von Bill Haley. Auch die Ankunft von Elvis Presley in Bremerhaven gehörte nicht zu jenen Ereignissen, die auf der Dauerbaustelle wahrgenommen werden. Nicht einmal das „Wunder von Bern“ hat die Bewohner bewegt.

Zehntausende deutscher Kriegsgefangener schuften noch in sowjetischen Arbeitslagern. Erst im Herbst des Jahres 1955 werden sie heimkehren dürfen. Unendlich größer ist die Zahl der Toten. Zu ihnen gehören die Großeltern aus Königsberg. Sie stehen nicht unter der Leiter und sind doch anwesend.

Opa Franz hat den Krieg überlebt. Er war ein kleiner Mann. Die Höhe des Kellers bestimmte er nach seiner Größe. Wer über ihn hinauswüchse, würde sich bücken müssen. Eine originelle Sparidee hatte auch sein Sohn. Er legte die Elektrokabel diagonal auf die Wand, bevor sie verputzt wurde. So konnten viele Meter gespart werden, und kein Unbefugter würde jemals einen Nagel in die Wand schlagen können, ohne einen Kurzschluss zu produzieren.

Jeder Pfennig zählt. Wer zwei Pfennige einmal umdreht, hat schon vier Pfennige. Wer zwei Pfennige zwei Mal umdreht hat acht Pfennige und bald ist aus dem Zwei-Pfennig-Stück die erste Deutsche Mark geworden. So wächst der Wohlstand. Erst sehr langsam, dann aber unaufhaltsam. Deutschland ist auferstanden aus Ruinen. Ein Wunder an Sparsamkeit, Bescheidenheit, Fleiß, Ausdauer, Verzicht. Ein Wunder an Seelenstärke. So erlebten es die Großeltern und Eltern. Wir sind die Kinder des Wirtschaftswunders. Wir sollen es in Zukunft noch weiter bringen, damit der Wunder kein Ende ist.

Eines Tages, weiß Opa Franz, werde sich auch in der Ostzone das Wunder ereignen. Die Ostzone ist die Deutsche Demokratische Republik. In der DDR gab es am 17. Juni 1953 einen Volksaufstand gegen den Kommunismus und die Russen, sagt Opa Franz. Der 17. Juni sei deshalb bei uns im Westen ein Staatsfeiertag. An diesem Tag sei der Kindergarten geschlossen. Niemand müsse arbeiten außer den Ärzten, Feuerwehrleuten und Eisenbahnern. Opa Franz und der Vater sind Eisenbahner. Der 17. Juni heisse „Tag der deutschen Einheit“, weil es eines Tages die Wiedervereinigung Deutschlands geben werde.

In der sowjetisch besetzen Zone wohnen Oma Selmas Verwandte. Sie schreiben viele Briefe mit wunderschönen Briefmarken für die Sammlung des Vaters. „Nie wieder Krieg und Faschismus!“ steht auf den Briefumschlägen oder „Pioniertreffen“, „Solidarität“, „Internationaler Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors“.

Ich verstehe einige Worte nicht. Was ist Faschismus? Faschismus klingt wie Schisser. Schisser waren Angsthasen. Was Terror ist, glaube ich zu wissen. Macht keinen Terror, rufen die Nachbarn, wenn wir zu laut sind und zu viel Rabatz auf der Straße machen. Aber was ist Solidarität? Ich hatte keine Ahnung. Nicht einmal eine Vermutung.

Oma Selma will mir die Worte aus der Ostzone nicht erklären. Auf den Briefmarken stehe nur dummes Gequatsche. Wenn die Verwandten von drüben von Solidarität sprechen, dann wollen sie sagen, dass auch sie einen Eisschrank kaufen möchten. Eisschränke gab es vor dem Krieg. Oma Selma hat beim Versandhaus Quelle einen Kühlschrank gekauft. Der wird elektrisch betrieben und nicht mehr mit echtem Eis bestückt wie der Eisschrank.

Aber drüben in der Ostzone wäre Tante Lucie froh, wenn sie wenigstens einen alten Eisschrank oder einen Erdkeller hätte, sagt Oma Selma. Jetzt weiß ich: Solidarität bedeutet, dass jede Familie einen eigenen Kühlschrank besitzt. Vielleicht gehört Oma Selma zu den Kühlschrank-Pionieren? Pioniere sind nämlich Menschen, die nach vorne blicken und sich durchsetzen. Sie sind keine Schisser oder Faschisten und haben keine Angst vor Eis und Kälte wie die Polarforscher Roald Amundsen und Fridtjof Nansen.

In jeder Etage unseres Hauses befindet sich eine moderne Toilette mit Wasserspülung. Doch noch immer geht Tante Martha „aufs Häusel“, wenn sie pullern muss. Sie liegt gerne auf der Scheslong, legt ihre Füße zum Ausruhen auf die Ritsche. Milch erwärmt sie in einem Tippel, tunkt die Sülze in den Mostrich und isst zum Frühstück Semmeln mit Leberwurst.

Jeder Bewohner ist für den Unterhalt des Hauses verantwortlich. Doch eine muss den Überblick haben und für die Einhaltung der Ordnung sorgen. Das ist selbstverständlich Oma Selma. Sie verfügt über die notwendigen Kompetenzen. Das hat sie früher bewiesen, als sie die perfekte Durchführung eines Eintopfsonntags im Wohnblock der Eisenbahnersiedlung von Sagan sicherstellte. Eintöpfe mit viel Porree und Sellerie bilden noch immer ihre Hauptspeise. Oma Selma lässt sich von niemanden mehr in die Pflicht nehmen. Als einzige Erwachsene geht sie nicht arbeiten. Ihre Schwester Martha betätigt sich als Spülhilfe in einem Café am Hauptbahnhof. Abends bringt sie den Kaffeesatz zu weiterem Aufbrühen nach Hause.

„Mahnung, Verpflichtung, Gedenken“ steht auf einer Briefmarke, mit der Tante Lucie ihren Brief frankiert hat. Überall lebt Erinnerung: Eine kleine herzförmige Vase. Im Sommer bestückt mit Gänseblümchen, über den Winter mit Heidekraut. Darüber das Bild der verstorbenen Großmutter. Ein Ort stillen Gedenkens an das Wahre, Gute und Schöne, das nicht leben durfte. Auf dem Gertrudenfriedhof in Oldenburg das Grab mit dem kleinen roten Stein. Ein Wallfahrtsort. Der Großvater hatte nicht einmal ein Grab. Er war in Königsberg geblieben. So hieß es, wenn die Rede auf ihn kam. In Königsberg war er nicht freiwillig geblieben, auch wenn es so klang. Viele Männer wurden zum Bleiben gezwungen. Was sie erlebt und erlitten, lebt weiter in der Erinnerung ihrer Kinder und Enkel. Die Toten sind nicht tot. Abends legen sich die Erwachsenen erschöpft von der Arbeit ins Bett. Die Toten schlafen nie. Oft finde ich keinen Schlaf. Dann spüre ich, dass die Toten bei mir sind. Der Vater meint, das sei unmöglich und ich höre die Flöhe husten.

Oma Selma will keine Geschichten von früher hören. Auch für sie wird das Haus mit der Richtkrone niemals Heimat. Heimat ist ein innerer Raum. Hier sind die Grenzen zwischen den Lebenden und den Toten aufgehoben. Über diese innere Welt konnte man erzählen oder schweigen. Die Mutter erzählte. Oma Selma schwieg.

Warum überleben die einen? Warum sterben die andern? Die Welt war voll unlösbarer Fragen. Ihrer waren so viele, dass man sich schuldig fühlen konnte. Tante Ulla hatte den Untergang der Wilhelm Gustloff überlebt. Ihre Schwester Edith verlor ihren Mann und stand mit zwei kleinen Kindern alleine da. Opa Franz’ einzige Schwester war Witwe und verbrachte ihre letzten Tage allein in einem Altenheim, wo sie ihr kleines Zimmer mit einer Mitbewohnerin und zwei Stoffbären teilte. Einsam waren auch die Verwandten im Osten. Sie lebten in heruntergekommenen Häusern, sangen dennoch „Auferstanden aus Ruinen“. Tante Lucie wohnte in Artern. In der Adventszeit stellte Oma Selma für sie und alle Verwandten in der Ostzone Lichter auf. „Licht von drüben“ nannte sie diese Kerzen. Der Vater mochte den Brauch nicht. Zu schnell sei eine Gardine entflammt. Außerdem glaube er nicht, dass der Glanz der Lichter über hunderte von Kilometern leuchtete.

 

 

 

Warum trifft es immer die Guten?

 

Zum Glück wohnte Tante Martha im Haus. In Zimpel hatte die Tatta ein eigenes Haus besessen, jetzt bewohnte sie ein kleines Zimmer in der gemeinsamen Wohnung mit Schwester und Schwager. Bei ihrer Flucht in den Westen hatte sie nichts von ihrem Besitz retten können und doch war sie eine reiche Frau. Jetzt lebte sie aus den ersten fünfzehn Jahren ihrer Kindheit und Jugendzeit vor dem Ersten Weltkrieg. Trauer und Schmerz über das Verlorene waren nur eine Seite ihrer Seele. Sie zeigte uns jenen unvergänglichen Schatz, der in allen verborgen liegt: den inneren Reichtum der Seele.

 

So steigen in mir Bilder auf: Ein warmes Sommergewitter. Ich sitze mit Tatta in der Gartenlaube und kann nicht ins Haus zurück, weil die Tatta nicht mehr gut auf den Beinen ist. Wir warten auf das Ende des Regens. Niemand hatte so viel Geduld wie Tatta. Zuerst vertreiben wir uns die Zeit. Tatta trägt wie immer ihre alte Schürze, und weil es Hochsommer ist, sind ihr faltiger Hals und das welke Fleisch ihrer Arme unbedeckt. Neben dem Saftglas, aus dem die Wespen trinken, liegt ihre Zeitung. Aus Bonbonpapieren und Streichhölzern fertigt sie bunte Fähnchen für die Spielzeugautos. Der Regen will nicht enden. Wir blicken stumm in den Garten und lauschen. Mein Herz ist wie ein Wassereimer, in den die Regentropfen fallen. Mit jedem Tropfen wächst die Liebe. Ich bin erfüllt. Es bedarf keiner Worte. Da schwebt das Unaussprechliche im Garten. Die angehaltene Zeit. Stille. Staunen. Adern voll Dasein.

 

Tattas Zeitung war „Der Schlesier“. Er war das Zentralorgan der Landsmannschaft Schlesiens und wurde von Fördermitteln des Bundes unterstützt. „Der Schlesier“ lag immer auf dem Tisch - draußen im Garten oder in ihrem kleinen Zimmer, aber ich habe sie nie darin lesen gesehen. Die Zeitung war ein Symbol des unwiederbringlich Verlorenen. Oft ergriffen Tatta schwere Schübe von Wehmut. Sie weinte über den Verlust ihres Hauses in Zimpel, über Onkel Heinz, über ihre kranken Beine und die Gehässigkeiten ihrer Schwester. Ich versuchte sie zu trösten:


„Aber Tatta, du hast doch mich!“


Die Tiefe ihres Weltschmerzes konnte ich nicht nachvollziehen, doch ahnte ich den Abgrund. Das Leben war rätselhaft und zuweilen lag über allem eine große Traurigkeit. Sie ergriff plötzlich meine kindliche Seele und blieb namenlos wie so Vieles.

Mit der Tatta gab es kurzweilige Fernsehabende, wenn Heidi Kabel und Henry Vahl vom Hamburger Ohnsorg Theater spielten oder Aufzeichnungen aus dem Kölner Millowitsch Theater ausgestrahlt wurden. Tatta liebte die alten Filme mit Hans Moser, in denen gesungen wurde. Eines Abends ergriff mich ganz unerwartet die Melancholie . Zwischen den alten Schwestern sitzend, schaute ich den Film „Der Herr Kanzleirat“ (1948) von Hubert Marischka. Hans Moser sang:


„Der alte Herr Kanzleirat
träumt heute von der Heirat,
die er versäumt hat und jetzt is’ er allein.
Wie schwer ist doch so einsam,
wie schön wär’s doch gemeinsam.
Was man versäumt hat,
das bringt man nimmer ein.“


Da schossen mir die Tränen in die Augen. Vielleicht waren alle Bewohner des Hauses auf ihre Weise einsam, allein und träumten sich in eine Welt, die es nicht mehr gab oder nie geben wird. Doch kannte die Tatta ein Zauberwort, das beruhigend wirkte und dem Gewicht des Lebens ein wenig die Schwere nahm:


„Uwe, weißt du, es trifft immer die Guten!“

 

 

 

 

Das Paradies des Herzens

 


Die Tatta war alt geworden, so alt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie einmal sehr jung gewesen war. Damals kannte ich noch nicht das diamantene Licht der Kindheit. Niemals verliert es seinen Glanz. Früher, das waren für Tatta die entlegenen Räume der Kindheit und Jugendzeit vor dem Ersten Weltkrieg. Da war Tante Martha so alt wie ich. Früher, das war ihre Jugend in der Großstadt Breslau, ihre erste große Liebe zu einem jüdischen Studenten der Rechtswissenschaft. Ihn hatte sie im Theater an der Liebichshöhe kennengelernt, wo sich auf den Stehplätzen im oberen Rang die schönen Mädchen mit den Studenten der Breslauer Universität trafen. Die Abende kosteten ihren Preis. Die junge Martha zahlte ihn gerne. Zu Hause stand der Vater hinter der Tür und fegte ihr den Hut vom Kopf. Diese Geschichte erzählte die Tatta glucksend vor Lachen und als einen Triumph der Liebe über die Gewalt. In der Auswahl ihrer Erinnerungen hatte sie auf das bessere Teil gesetzt.

Im Buch des Lebens stehen viele Geschichten. Manche sind schön, mache schaurig. Einige gehen schwer über die Lippen, andere rauben den Atem und bleiben namenloser Schmerz. Vielleicht gehört die Auswahl der richtigen Geschichten zur Überlebenskunst. Früher war nicht alles besser. Aber das bessere Teil will ins Licht gehoben werden.

Die Tatta trug seit ihrer Jugendzeit Ohrringe mit weißblauen Steinen. Ein Geschenk ihrer Jugendliebe. Sie hatte diesen Schmuck durch alle Zeiten errettet. Man sah es den Ohrläppchen an. Vom Gewicht der Ringe waren sie lang und weich geworden. Gewiss waren die Steine nicht echt, aber sie funkelten nach allen Jahren noch immer wie Diamanten und würden bis in die letzten Lebensjahre im Licht blitzen.

Land der Kindheit, Reich der Jugend - Märchenhaft wie Frau Holles Garten muss die Heimat der Mutter gewesen sein. Von Königsberg und der Kurischen Nehrung konnte nur ganz sanft, sehr zärtlich und mit beinahe angehaltenem Atem gesprochen werden. Denn der kostbarste Diamant der Erinnerung darf nur den Weisen gezeigt werden. Die Menge verhöhnet leicht, was sie nicht versteht. Am nächtlichen Himmel sieht sie nur den halben Mond, obwohl er doch rund und schön ist.

Es war ein Land. Ein Land der dunklen Wälder und kristallenen Seen. Ein Land, wo das Meer rauscht. Wo Elche am Rand der Kiefernwälder stehen als lauschten sie dem Choral der Ewigkeit. Ein Land der Innigkeit und der Schönheit. Paradiesisch wie der Garten in Eden. Dann kam eine Düne und deckte alles zu. Von dieser großen Düne war unter den Verwandten der Mutter viel die Rede, aber noch mehr von den lichtdurchfluteten Sommertagen seliger Jugend.

Die Düne vernichtet, aber sie bewahrt auch im Untergang. Das Erzählen war Frauensache - wie das Lesen. Onkel Georg las keine Bücher. Nicht, weil er sie langweilig fand, sondern weil er keine Zeit zum Lesen hatte, obwohl er schon längst in Rente war. Welchen Beruf er in seiner ostpreußischen Heimat ausgeübt hatte, habe ich nie erfahren. Manchmal schnappte ich Worte auf: Onkel Georg sei im Ersten Weltkrieg Taucher bei der Marine gewesen. Er war der erste, der mit einem schweren Motorrad über die Sandpisten der Kurischen Nehrung fuhr. Als ihm in der Kriegsgefangenschaft ein Zahn ausfiel, ersetzte er ihn selbst. Nach dem Krieg ließ er den Zahn aus Blech gegen einen goldenen Zahn austauschen.

Onkel Georg hatte nicht nur einen goldenen Zahn, sondern auch goldene Hände. Während die Frauen von seliger Jugendzeit und nicht enden wollendem Schrecken erzählen, verbrachte Onkel Georg seine Zeit in einem kleinen Schuppen hinter dem winzigen Haus. Hier wohnte er mit seiner Frau Maria und Tante Jette zur Miete. Tante Maria hatte fünf Schwestern und einen Bruder. Sie stammten aus Schwarzort, einem Fischerdorf auf der Kurischen Nehrung. In den lichten Sommermonaten mussten sie ihre Zimmer räumen und in das Gartenhäuschen ziehen. Denn Gäste aus Berlin kamen auf die Nehrung, um hier blaue Tage und glühende Sommernächte am Ostseestrand zu erleben. Der Zug brachte sie über Königsberg nach Cranz. Täglich verkehrte von hier aus der Dampfer der Cranz-Memel-Linie über Rositten, Nidden, Preil nach Schwarzort und weiter bis nach Memel, wo ein Denkmal an das Ännchen von Tharau erinnerte. Im Dreißigjährigen Krieg hatte Simon Dach ihr Schicksal besungen. Die Verse waren Wort gewordene Unsagbarkeit und wohl deshalb von Tante Maria und ihre Schwestern so sehr geliebt. In ihnen war ihr Leben aufgehoben:


„Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt.
Sie ist mein Reichtum, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Käm' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
wir sind gesinnt, beieinander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
soll unsrer Liebe Verknotigung sein.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
je mehr ihn Hagel und Regen anficht,
so wird die Lieb in uns mächtig und groß
durch Kreuz, durch Leiden, durch mancherlei Not.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt,
ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer,
Eisen und Kerker und feindliche Heer.
Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn’,
mein Leben schließ ich um deines herum.“

 


Im Gartenhäuschen ließ sich gut leben. Das fand auch der Elch. Die Kinder gaben ihm den Namen Jakob. Wie alle Elche liebte Jakob Äpfel. Jeden Abend trat er aus dem Kiefernwald über Heide und Blaubeerfelder in den Garten, wo die Kinder seit Johanni im glücklichen Ausnahmezustand des Sommers lebten.

Tante Maria war eine der vielen Schwestern unserer früh verstorbenen Großmutter und zusammen mit Onkel Georg der Vormund der Mutter. Die Mutter und ich besuchten sie oft. Bei Tante Maria in der Oldenburger Milchstraße waren die Regeln locker. Überfiel mich am Abend die Müdigkeit, wurden im Wohnzimmer zwei Sessel zusammengeschoben. Schon besaß ich ein Lager und war geborgen wie in der Greisin Arm.

In seinem Schuppen schnitzte Onkel Georg den Elch Jakob - mal in kleiner, mal in großer Ausführung. Dazu den Kurenkahn des Urgroßvaters und jene Fischreiher, die am Dorfausgang von Schwarzort nach Perwelk in einer großen Kolonie lebten. Sie horsteten in den hohen Kiefern. Onkel Georg hatte schon sehr viele kleine und große Elche, Kurenkähne und Reiher geschnitzt. Alle Verwandten waren bestens versorgt. Aber Onkel Georg war das egal. Er schnitzte unverdrossen weiter, damit wir neue Elche und Reiher im Haus am Erbdrostenweg aufstellen konnten.

Früher konnte auch ich ein bisschen zaubern: Jakob, der Elch auf dem Fensterbrett in Münster, konnte den Elch im Garten von Schwarzort nicht ersetzten. Ein Kurenkahn im Wohnzimmer ist nicht von den frischen Winden des Haffs umgeben. Ein Reiher auf dem Schränkchen atmet nicht den Geruch des Schilfs. Doch kann man neue Apfelbäume für Elche pflanzen und dazu zwei Birnbäume und zwei Pflaumenbäume und viele Sträucher mit Johannisbeeren und Stachelbeeren. Man kann sich ans Fensterbrett setzten und auf den geschnitzten Elch von Onkel Georg schauen. Wenn man lange sitzt und dabei ganz still wird, passiert etwas Wunderbares. Jakob, der Elch von der Kurischen Nehrung, kommt in den Garten. Keine Ahnung, wie er das macht. Wenn der Elch im Garten steht, zieht er wie ein Magnet weitere Bilder von früher heran: Gleich hinter den Johannisbeeren, fast in Thieles Garten, liegt das Schilf und in ihm versteckt der Kahn des Urgroßvaters, und da ist auch schon der Reiher und taucht sein Haupt ins Wasser und stiehlt die Fische.

Es war ein Land. Alle liebten dieses Land. Nun ist es nicht mehr und wird nie mehr sein. Jeder wusste dies. Es gab nur die Erinnerung und das Paradies des Herzens. Onkel Georg schnitzte sie in Holz. Die Mutter und Tante Maria gestalteten aus ihr Geschichten von unvergänglicher Schönheit. Überlebensglück. Die Jahres des Schreckens hatten das Paradies nicht zerstört, sondern erst erschaffen. Nun trat die Substanz des Lebens hervor. Jetzt war seine vergängliche Gestalt in ein unvergängliches Bild verwandelt. Das war die Kraft des Wortes, über die manche Dichter verfügen. Durch sie lebt im Unvergänglichen, was einst wie der rinnende Sand im Stundenglas, Teil der Vergänglichkeit war. Geborgen wie ein Kätzchen im warmen Schoß.

Die Mutter brauchte keine Liederbücher und keine Lyrikbändchen. Ihre Geschichten und Lieder waren unverlierbarer Besitz und hatten sie durch die Zeit, wo man die Sonne kaum kennt, getragen. Wie Onkel Georg dem Holz eine Gestalt gab, so wirkten die Erzählungen der Mutter eine geistige Landschaft. Das Erzählen brauchte keinen Anlass und keine Stunde. Jederzeit und überall konnte sich die Tür zu dem, was nun innere Welt war, öffnen. Innigkeit ist der Schlüssel zu diesem Reich. Zu viel Innigkeit sei ungesund, meinte der Vater. Dann finde man nachts keinen Schlaf mehr, weil die Gedanken kreisen. Da hatte er recht. In jedem Kind leben Vater und Mutter. Ihre Stimmen in Einklang zu bringen mit dem eigenen Auftrag, bleibt eine lebenslange Aufgabe. Die Tür zum Paradies des Herzens ist weit geöffnet.

 

 

 

 

 

 

 

Der Fall Angelika Senge

markiert eine Wende in der politischen Ausrichtung des Katholizismus

 

(Auszug aus meiner Biographie über ihren Doktorvater Erwin Iserloh)

 

 


Noch zwei Jahre vor Iserlohs Emeritierung gab es einen Zusammenstoss mit den Münsteraner Marxisten, der durch die Medien bundesweit für Aufsehen sorgte. Iserloh hatte eine Dissertation mit „sehr gut“ benotet, der Zweitgutachter Peter Hünermann mit „gut“. Am Ende nahm der Fachbereichsrat auf seiner Sitzung vom 13. November 1981 die Arbeit mit der Note „ausreichend“ an. Die Dissertation von Iserlohs Assistentin Angelika Senge war zu einem Politikum geworden. Ihr Thema lautete: „Marxismus als atheistische Weltanschauung. Zum Stellenwert des Atheismus im Gefüge marxistischen Denkens“. Die Anfälligkeit für eine Hingabe an den Zeitgeist wird den Theologen nicht zu Unrecht nachgesagt. So entstehen Bücher, deren Titel schon nach wenigen Jahren Befremden oder Schmunzeln wecken, weil nicht nur ihr Inhalt, sondern bereits das Anliegen kaum mehr nachvollziehbar ist. Wie konnte Joseph Lortz im Jahr 1933 den Geist des Nationalsozialismus feiern? Wie konnte er verkünden, dass er „in wichtigen Dingen zu gleichen Zielen strebt wie die Kirche“? Wie konnte er „von dem Katholiken Adolf Hitler“ sprechen und der wissenschaftlichen „Erkenntnis grundlegender Verwandtschaften zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus“? Die Verführbarkeit des Geistes ist ein zentrales Thema der alttestamentlichen Prophetie. Der wahre Prophet schaut dem Volk aufs Maul, aber er redet ihm nicht nach dem Mund. Das gilt besonders für den Umgang mit den Herrschenden. Lortz war eitel. Sein Geltungsdrang machte ihn blind für die Wirklichkeit.

Iserlohs Generation hatte den Krieg erlebt und erlitten. Der Philosoph Hans Blumenberg, der im Münsteraner Schloss seine berühmten Vorlesungen zur „Arbeit am Mythos“ oder zur „Lesbarkeit der Welt“ hielt, hatte die Verfolgung in einem Verschlag unter dem Dach überlebt. Friedrich Ohly, Münsteraner Mediävist und Gründer der mittelalterlichen Bedeutungsforschung, wurde erst Mitte der Fünfziger Jahre aus der stalinistischen Lagerhaft entlassen. Diese Männer erlebten die Zeit der Studentenunruhen, die Sympathie für den Marxismus, den Lobpreis einer Einheit von Christentum und Sozialismus mit großem Befremden. Studenten stürmten und boykottierten die Vorlesungen, wollten über die Inhalte der Seminare mitbestimmen, bei der Besetzung der Lehrstühle oder der Bewertung von Prüfungsleistungen ein Mitspracherecht haben. Als Studenten eine Vorlesung von Hans Blumenberg stürmten, verließ er ohne Kommentar den Saal. „Ich sah in die gleichen Gesichter!“, sagte der Verfolgte des Naziregimes später.

Angelika Senge stand als Mitglied des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) auf der falschen politischen Seite. Der Fachbereichsrat der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster unterwarf die Arbeit einer ideologisch motivierten Zensur und forderte durch die Streichung des letzten Kapitels eine politisch korrekte Druckfassung. Unter der Überschrift „Marxistische Christen und christlicher Atheismus“ hatte sich Angelika Senge mit der Position der „Christen für den Sozialismus“ (CfS) auseinandergesetzt, zu deren Vordenkern Kuno Füssel gehörte. Er war der Assistent von Herbert Vorgrimler (1929-2014). Vorgrimler, seit 1972 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Münster, verriss auf der Sitzung des Fachbereichsrates die Arbeit in einer Weise, die Iserloh an die Verhöre der stalinistischen Schauprozesse und die verbalen Exzesse der Richter des Volksgerichtshofes erinnern musste. Vorgrimler behauptete, die Arbeit bleibe jeglichen Nachweis schuldig, biete keinen Erkenntnisfortschritt, nehme vom Forschungsstand kaum Notiz, argumentiere in einer neuscholastischen Art, um abschließend die Verfasserin persönlich zu diffamieren:

„Es fällt mir schwer, einer Annahme der Arbeit angesichts des offenkundigen intellektuellen und moralischen Unvermögens der Verfasserin zu einer konstruktiven Auseinandersetzung und zu einem wirklichen Erkenntnisfortschritt zuzustimmen. Aber ich versuche, ihre jahrelange Fleißarbeit an den Quellen zu würdigen und stimme darum – zögernd – der Annahme als theologischer Dissertation zu.“

Iserloh hatte in seinem sieben Seiten umfassenden Erstgutachten vom 16. September 1981 mit dem einleitenden Satz die brisante Fragestellung der Dissertation herausgestellt: „Vorliegende Arbeit untersucht die heute vielfach seitens marxistisch optierender Christen aufgestellte These, man könne und müsse den weltanschaulichen Gehalt des Marxismus trennen von seiner Gesellschaftsanalyse; man könne somit marxistische Theoreme übernehmen, ohne zugleich die Weltanschauung des dialektischen Materialismus rezipieren und Atheist werden zu müssen.“ Die Frage zielte auf das Selbstverständnis vieler marxistisch geprägter Richtungen der lateinamerikanischen „Theologie der Befreiuung“, und das Ergebnis der Untersuchung von Angelika Senge war der überzeugende Nachweis: „Der Atheismus ist zentraler Bestandteil der Marx’schen Lehre.“ Nach der damaligen Promotionsordnung legten die Erst- und Zweitgutachter einer Dissertation mit ihren Gutachten Bewertungsvorschläge vor, die zur Meinungsbildung in den zuständigen Gremien beitragen sollten, jedoch keineswegs bindend waren. Iserloh optierte für „sehr gut“, da die Verfasserin „in dieser Arbeit eine große Fähigkeit, einen vielschichtigen Stoff zu durchdringen und begrifflich zu erfassen und darzustellen“ zeige.

Iserloh hatte bereits Böses geahnt, als er am Freitag des 13. November 1981 im Zimmer des Dekans Peter Hünermann dem erregten Kollegen Vorgrimler begegnete. Der Termin war denkbar ungünstig gewählt worden. Iserloh stand unter Zeitdruck, weil er an diesem Tag noch einer Vortragsverpflichtung in Oldenburg nachkommen musste. Dann hörte er mit Schrecken, dass sich die Kollegen Wilhelm Weber (1925-1983) und Adel Theodor Khoury (*1930) für diese Sitzung entschuldig hatten. Der Dekan versuchte seine Sorgen zu zerstreuen: Es werde keine Probleme geben, schließlich hatte er selbst das Zweitgutachten mit der Note „gut“ geschrieben. Wie sich zeigen sollte, hatte er Vorgrimlers Entschiedenheit unterschätzt. Niemand hatte mit den Kanonaden Vorgrimlers gerechnet. Stumm und starr vor Erstaunen folgte der Fachbereichsrat den verbalen Exzessen und stimmte schließlich mit einer Stimme Mehrheit bei drei Enthaltungen dem Notenvorschlag „ausreichend“ zu. Da hatte Iserloh bereits die Sitzungen verlassen und saß im Zug nach Oldenburg.

Am Samstagmorgen telefonierte er mit Johann Baptist Metz (1928-2019). Der Gründer einer neuen politischen Theologe hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Metz war mit Iserloh durchaus nicht einer Meinung, die Art aber, wie hier mit einem Ordentlichen Professor umgegangen worden war, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Hier waren die Ehre eines Kollegen und des Dekans in einer Weise verletzt, die nicht hingenommen werden konnte. Geduld und Demut gehören zu den zentralen christlichen Tugenden. Die Bergpredigt preist sogar jene, die um des Himmelsreiches willen zu Unrecht verfolgt und gedemütigt werden. Doch gibt es auch einen Casus Confessiones, wo ein mutiges „Nein!“ gesprochen werden muss. So legte Iserloh beim Rektor der Universität Münster, dem Chemiker Werner Müller Warmuth, Widerspruch gegen den Beschluss des Fachbereichsrates ein. Durch verschiedene Gespräch mit dem Dekan Hünermann, so der Rektor, „war hier im Haus bekannt, dass im ersten Durchgang des Promotionsverfahrens von Frau Senge ein Widerspruch gegen die Entscheidung über die Annahme der Dissertation und deren Bewertung zu erwarten war. Ebenso bestand Einigkeit mit dem Dekan, dass einem solchen Widerspruch zumindest wegen der Mängel im Abstimmungsverfahren stattgegeben werden müsste.“

Vielleicht hatte Iserloh auch ein schlechtes Gewissen und gab dem Vorwurf seines Kollegen Bruno Schüller recht, er habe seine Doktorantin ins offene Messer laufen lassen. Schüller war besorgt um das Schicksal weiterer Doktorantinnen und erkundigte sich nach dem Thema von Barbara Hallensleben (*1957). Dass sie über Cajetan arbeitete, beruhigte ihn außerordentlich. Nicht zur Ruhe aber kam Wilhelm Weber (1925-1983), der Direktor des Instituts für christliche Sozialwissenschaften. Iserloh bat dringend um seine Anwesenheit auf der kommenden Sitzung des Fachbereichsrates vom 15. Januar 1981. „Auf dieser Sitzung wird, wie mir der Herr Dekan mitgeteilt hat, die Angelegenheit Senge neu beraten, weil die Entscheidung des früheren Fachbereichsrates aus rechtlichen Gründen ungültig ist; denn die Beschlüsse sind mit mehreren Stimmenthaltungen zustande gekommen, was bei Prüfungsentscheidungen unzulässig ist. Damit ist Gelegenheit gegeben, es zu besseren und gerechteren Beschlüssen kommen zu lassen.“

Wilhelm Weber sah sich „trotz meiner besonderen Wertschätzung von Frau Senge“ nicht in der Lage, an der Sitzung teilzunehmen. „Im übrigen befinde ich mich in einer starken psychischen Blockade gegenüber unseren Gremien, wie sie heute zusammengesetzt sind. In solch sensiblen Situationen, wie sie die Wiederaufnahme des Falles Senge mit sich bringen wird, kann und darf ich mich nicht einlassen. Dies ist ärztlicherseits und nach meinem Allgemeinbefinden stringent geboten.“ Wilhelm Weber hatte zuvor die Dissertation und Iserlohs Gutachten gelesen. Vor der Fachbereichskonferenz hatte er die Arbeit „nunmehr sehr eingehend studiert. Ich finde sie ausgezeichnet und Ihr Gutachten völlig zutreffend.“ Dass er sich dennoch außerstande sah, an der Konferenz teilzunehmen, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Klima in der Katholischen Theologischen Fakultät jener Jahre. Iserloh zeigte Verständnis für die Entscheidung des Kollegen, „vor allem, wo ich selbst merke, wie sehr eine solche Angelegenheit einen aufregt und weit über die betreffende Sitzung hinaus beschäftigt.“

Angelika Senge hatte in ein Wespennest gestochen. Peter Hünermann schrieb nun ein Gegengutachten gegen Vorgrimlers Behauptungen, der Fachbereichsrat tagte ein zweites Mal und setzte die Note auf „befriedigend“ hoch, verlangte aber noch immer die Streichung des sechsten Kapitels. Am 19. und 20. April 1982 fand das Rigorosum statt. Unter dem Beisitz von Barbara Hallensleben prüfte Iserloh das Fach Kirchengeschichte, Peter Hünermann Dogmatik und Adolf Exeler und Norbert Mette Pastoraltheologie. Das Ergebnis war „sehr gut“. Herbert Vorgrimler aber gab keine Ruhe. Iserloh lag schon zehn Jahre auf dem Domherrenfriedhof in unmittelbarer Nähe zu Kardinal von Galen, da polemisierte Vorgrimler noch immer gegen „Angelika Senge, eine besondere Freundin Iserlohs“, bereitete den Fall der „Iserloh-Freundin Angelika Senge“ noch einmal aus und verunglimpfte seinen ehemaligen Kollegen Iserloh:

„Er war ein harter und unfairer Prüfer und daher bei Studenten nicht beliebt. Um sie unter Kontrolle zu haben, fotografierte er seine Hörer: er wollte seine Prüfungskandidaten sieben. Ob er Rahner und Metz das Echo bei den Studenten neidete? Zur Zeit meiner Berufung sprach er wiederholt öffentlich davon, die ‚Rahnerei’ müsse ein Ende haben. Bei Bischof Tenhumberg war er höchst einflussreich. Er huldigte einem alttestamentlichen Spruch, man müsse die Füchse totschlagen, solange sie klein sind und den Weinberg des Herrn noch nicht verwüsten können (Hld 2,15), und so setzte er bei Tenhumberg eine regelrechte Assistentenverfolgung durch. Nach seiner Emeritierung litt er an Altersdemenz. Die Feindschaft war zu Ende. Bei einem Fakultätsausflug nach Kloster Gerleve am 20. Juni 1991 hakte er sich an meinem Arm ein, so vereint gingen wir durch die Felder zur Gaststätte ‚Bakenfelder’. Bischof Lettmann schrieb in der Todesanzeige 1996, er sei, durch die Krankheit geläutert, ‚zunehmend geduldig und freundlich’ geworden. Eine viel sagende Formulierung!“ Auch gegenüber dem früh verstorbenen Kollegen Wilhelm Weber polemisierte Herbert Vorgrimler: „Ohne Kenntnis der Verhältnisse und ohne Notwendigkeit griff er die Befreiungstheologie in Lateinamerika in den Vorlesungen auf das schärfste an; das kam auch in einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit mir zum Ausdruck, in der er argumentativ unterlag. Auch er starb an einem Herzinfarkt.“ Zwei Jahre nach dem „Fall Senge“ war auch der Religionspädagoge und Pastoraltheologe Adolf Exeler (1926-1983) einem Herzleiden erlegen. Vorgrimler lebte mit Sigrid Loersch, wie man damals sagte, in „wilder Ehe“. Als er für seine Lebensgefährtin eine feste Anstellung an der Katholisch Theologischen Fakultät durchsetzen wollte, stieß er auf den Widerstand von Adolf Exeler. „Er sagte zu Sigrid, in seiner Stellungnahme gegen sie werde er zum höchsten Gericht gehen. Dieser Wunsch wurde ihm durch einen Herzinfakt erfüllt.“ Peter Hünermann war 1982 einem Ruf nach Freiburg gefolgt. Ihm rief Vorgrimler hinterher: „Hünermann hatte Angst vor Konkurrenz, weil er bei den meisten Studenten nicht ankam.“

 

 

 

 

 

 

Hätten Franz und Klara von Assisi Mundbinden getragen?

 

 

Sie waren gewiss kein Liebespaar, wie der suspendierte Priester Adolf Holl einst über die beiden Kinder aus reichen Elternhäusern behauptete. Sie feierten auch nicht als mittelalterliche Aussteiger das „Fest ohne Ende“ bei dem „alle Glieder mitgerissen werden von den Verheißungen des Himmels“ wie Anton Rotzetter glaubte. Das ist Theologie der Siebziger Jahre aus jenem Zeitgeist, der in immer neuen Gewandungen die Gestalt der Heiligen bis zur Unkenntlichkeit verhüllt. Franz und Klara waren keine Propagandisten des Heilfastens, Umweltapostel oder Tierschützer. Franz von Assisi (1181/2-1226) liebte die große Geste mit ihren Symbolhandlungen. Er predigte den Vögeln. Er bekehrte den Wolf zu einem Leben nach dem franziskanischen Armutsideal. Doch war die Haltung von Tieren in den franziskanischen Klöstern verpönt. Als er im Wald von Greccio das Weihnachtsfest inszenierte, hatte er kein bürgerliches Familienidyll vor Augen, sondern das Modell einer neuen heiligen Familie.

Beide waren entschiedene Menschen, die ohne Rücksicht auf familiäre Erwartungen und gesellschaftliche Konventionen ein radikales Leben in der Nachfolge Jesu führen wollten. Ihr hohes und unerschütterliches Sendungsbewusstsein machte sie zum Martyrium bereit. Sie lebten in einer Zeit der Krise, wo „die Sehkraft des Glaubens dunkel geworden“ war. Mit diesem apokalyptischen Blick auf eine „greisenhaft gewordene, absterbende Welt“ eröffnet Thomas von Celano seine Biographie der heiligen Klara (1193/4-1252).

Klara beherrschte die lateinische Sprache in Wort und Schrift wie ihre Korrespondenz mit der böhmischen Königstochter Agnes von Prag belegt. Aufgewachsen im ritterlichen Stadtpalast ihres Vaters, tritt sie 1212 als Achtzehnjährige der Armutsbewegung des heiligen Franz bei. Ihre beiden Schwestern und ihre Mutter werden ihr nachfolgen. Die Mutter hatte eine gefährliche Pilgerreise ins Heilige Land überlebt. Sie besuchte Rom und das Michaelsheiligtum am Monte Gargano. Über den Vater berichten die Quellen nichts. Wohl aber über den väterlichen Clan. Klaras Aufbruch war ein gewaltiges Ärgernis für die Großfamilie. Erregung und Gewalttaten besonders gegen Klara und Agnes erinnern an Fehden zur Wiederherstellung der „Familienehre“, wie sie aus der muslimischen Welt berichtet werden. Onkel Monaldus will sogar seine Nichte Klara vor aller Öffentlichkeit ermorden. Nachdem sich die Gemüter beruhigt haben, werden die emanzipierten Frauen bei der kleinen Kirche von San Damiano Zuflucht finden.

Mit der Erneuerung dieser verfallenen frühromanischen Kirche hatte das Werk des Heiligen begonnen. An diesen Ort pflegte er sich in der Zeit seiner Lebenskrise zurückzuziehen und betete vor einem Christusbild um Erleuchtung des Herzens und ein Gespür für den Willen Gottes. Hier hatte ihn der Auferstandene selbst berufen und ihm zugleich seinen Weg der Nachfolge gewiesen: Die Kirche in der Krise braucht dich! „Geh’ und stelle mein Haus wieder her!“ Der Heilige hatte das Wort von der Renovierung wörtlich und symbolisch zugleich verstanden.

Franz hat viele Orte in Umbrien bereist, doch das Zentrum seiner Bewegung errichtete er direkt unterhalb seiner Vaterstadt, so dass es die Bürger auf dem Berg jederzeit vor Augen hatten. Was mochte Pietro di Bernardone gedacht haben, als er von hier oben auf das Werk seines Sohnes blickte? Hatte er die Renovierungsarbeiten an der Kirche als Provokation verstanden? War er noch wütend auf sein Kind, das sich vor aller Öffentlichkeit von ihm losgesagt hatte? Giotto hat auch diese berühmte Szene ins Bild gesetzt. Der Vater ist voller Zorn und will die Hand erheben, um seinen Sohn zu züchtigen. Kinder lesen Steine vom Boden auf. Sind es die Geschwister des Heiligen? Franz und Klara haben um des Reiches Gottes willen ihre Elternhäuser verlassen. Das ist über Jahrhunderte gepflegte biblische Tradition (Mth 19.29).

Wer hat je die schlaflosen Nächte Pietro di Bernardones beschrieben? Wer kennt die Verzweiflung, die Selbstvorwürfe, die Trauer in seiner Seele? Wer spricht von den Konflikten zwischen den Eltern und Geschwistern daheim, als der Älteste in dieser provokanten Weise das Vaterhaus für immer verlassen hatte? Der unbedingte Anspruch, den eigenen Weg zu gehen, dem geistigen Vater zu folgen, setzt sich kompromisslos über das Gebot, Mutter und Vater zu ehren, hinweg. Auch das beliebteste aller biblischen Gleichnisse wird für diesen Sohn nicht zur Richtschnur. Franz kehrt nicht mehr als verlorener Sohn ins Vaterhaus zurück. Er hat der ganzen Schöpfung Versöhnung gepredigt. Er glaubte, dass in jedem Menschen ein guter Kern steckt, in jedem Wolf ein Lamm, in jedem Räuber ein Bruder. Er hat in seinen Versöhnungswillen den Islam und das Reich der Natur einbezogen. Warum gibt es keine Nachricht, dass sich der Heilige mit seinem Vater versöhnt hätte?

Gerade in dieser antibürgerlichen Sperrigkeit liegt die Aktualität der beiden Heiligen. Auch wir erleben einen Abend der Zeit und sind von Endzeiterfahrungen bewegt. Jetzt liegt vor Augen, was bereits Søren Kierkegaard gegenüber der dänischen Staatskirche betonte. Christentum ist etwas anderes als bürgerliches Wohlbefinden. So wird im Prozess der Auflösung traditioneller Gemeinde- und Familienstrukturen das Fundament der Kirche wieder sichtbar. Die Schwestern und Brüder im Herrn wissen sich ihm im Altarsakrament verbunden. Die Heilige Klara ist eine eucharistische Heilige. Als muslimische Banden durch Italien zogen und auch ihr Kloster erobern wollten, ließ sich die schwer Erkrankte aus ihrer Zelle tragen. Den über den Mauer eindringenden Sarazenen hielt sie, unterstützt von dem Kaplan, das Ziborium mit dem Allerheiligsten entgegen. Gleich Bienenschwärmen, berichtet Thomas von Celano, seien die Bogenschützen eingedrungen. „Sie aber, die krank darniederlag, blieb furchtlos liegen und ließ sich zur Türe führen, vor die Feinde hinlegen und vor sich her ein silbernes, innen mit Elfenbein ausgelegtes Kästchen tragen.“ In ihm befand sich eine Kontaktreliquie von Christus. Im Januar 1220 hatten die ersten fünf Minderbrüder in Marokko das Martyrium erlitten. Auch Klara war zu diesem Opfer bereit. Aber das Wunder geschah: „Siehe, ohne Verzug, allsogleich war der Verwegenheit jener Hunde eine Schranke gesetzt und sie erbebten. Sie flohen schleunigst über die Mauern, die sie bestiegen hatten, und mußten der Macht der Beterin weichen.“

In Kardinal Hugolino, dem späteren Papst Gregor IX., hatte die franziskanische Bewegung einen Förderer. Katharer, Albigenser, Waldenser und andere Reformbewegungen ließen sich nicht in die Kirche integrieren. Gewiss hat die radikale Armutsbewegung der Bettelmönche durch diese Heimholung keinen Verlust an Substanz erlitten, wie immer wieder behauptet wurde. Ihr Impuls kam aus dem Ursprung und als Stimme des pilgernden Gottessohnes, der keinen Ort besaß, wo er sein Haupt betten konnte (Mth 8.20).

Franz und Klara wurden zwei Jahre nach ihrem Tod in einem „Blitzverfahren“ heiliggesprochen. Der Impuls aus ihrer Berufung durchdrang die Welt und brachte große Gestalten in den Orden der Franziskaner und Klarissen hervor. Dennoch dauerte es gut achthundert Jahre, bis ein Papst den Namen des sperrigen Heiligen wählte. Franz und Klara von Assisi hatten das Haus Gottes wieder hergestellt.

„Hütet euch davor, meine Söhne, diesen Ort jemals zu verlassen“, hatte der Sterbende in der Kirche von Portiunkula seinen Mitbrüdern aufgetragen. „Solltet ihr durch eine Tür hinausgetrieben werden, so geht durch die andere wieder hinein; denn dieser Ort ist wirklich heilig und die Wohnung Gottes.“ Es ist diese Widerständigkeit und Kompromisslosigkeit in letzten Fragen, dieser Mut zur Standhaftigkeit, der unserer Zeit fehlt. Von ihr spricht auch Thomas von Celano in seiner Biographie der heiligen Klara: „Es wuchs ihr Mut mit dem wachsenden Widerstand ihrer Verwandten und ihre von Unrecht gereizte Liebe steigerte ihr Kräfte.“

 

 

 

 


„Allein den Betern kann es noch gelingen“
Reinhold Schneider

 

 


Reinhold Schneider (1903-1958) war der Lieblingsschriftsteller von Bundespräsident Johannes Rau. „Bruder Johannes“ nannte man den ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen respektvoll wegen seiner kirchlichen Bindung und Bildung. Während meiner Münsteraner Jugendzeit war der Sohn eines reformierten Laienpredigers mein Landesvater. Mit ihm erreichte die SPD 1980, 1985 und 1990 mühelos die absolute Mehrheit, obwohl er politische Gegner von Format hatte. 1995 erzielte der christliche Politiker noch einmal 46 % der Stimmen.

„Das wichtigste, was uns Reinhold Schneider heute zu sagen hat, ist die Verantwortung der Politik vor Gott. Das ist auch das Thema seines großen Widerstandsromans ‚Las Casas vor Karl V.‘. Schneider ist für mich der große katholische Romancier neben Gertrud von le Fort. Ich bin ihm persönlich einige Male begegnet“, bekannte der mit der Reinhold-Schneider-Plakette 1999 ausgezeichnete in einem Gespräch, das Heimo Schwilk und ich mit ihm führten.

Nachdem uns das Wachpersonal im Bellevue kontrolliert hatte, wurden wir von einer Mitarbeiterin empfangen, trugen uns in das Gästebuch ein und erwarten den Bundespräsidenten in seinem Dienstzimmer. „Reinhold Schneider“ hatte sich der gelernte christliche Buchhändler aus dem Ruhrgebiet als Ausgangspunkt für unser Gespräch gewählt. „Jugendsünden“, kommentierte er seine eigenen schriftstellerischen Versuche, die er unter dem Pseudonym „Heinz Gräber“ vorgelegt hatte. Sie waren inspiriert von jenen berühmten Sonetten, die Reinhold Schneider in der Diktatur geschrieben hatte. Wie die Dichtung von Osip Mandelstam in den Jahren des großen Terrors wurden Schneiders Sonette ab 1941/42 mündlich überliefert. Der Schüler Johannes Rau schrieb sie eigenhändig ab und legte sie jenen Feldpostbriefen bei, die unter dem Dach des evangelischen Pfarrhauses am Klingelholl in Barmen-Gemarke von Mitgliedern der Bekennenden Kirche zusammengestellt wurden. Darunter Schneiders berühmtes Sonett von den Betern. Der Präsident zitierte das Sonett aus dem Gedächtnis:

 

„Allein den Betern kann es noch gelingen,
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug’ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.“

 


Schneiders Sonett spricht von der Macht der Ohnmächtigen in apokalyptischer Zeit. Das Weltgericht steht unmittelbar bevor. In einer Zeit der Gottesfinsternis („da sich das Heil verbirgt“) und der Hybris („Menschenhochmut“) bleibt ihnen allein das Gebet. Doch dürfen sie gewiss sein, dass ihr Opfer stärker ist als die Macht und Werke der „Täter“. In scheinbar aussichtsloser Lage vertrauen sie auf Gottes Hilfe („Segen“). Geschrieben wurde das Sonett im Mai 1936 während einer Italienfahrt. Ein Zusammenhang mit Schneiders Reversion zum Katholizismus ist nicht bekannt. Bereits im Januar 1930 hatte Schneider dem Insel Verlag einige Sonette zum Druck angeboten. Erst im November 1939 erscheint eine Auswahl mit 59 Sonetten. „Allein den Betern“ wurde nicht aufgenommen. Seine Stunde kam erst in den fortgeschrittenen Kriegsjahren, als Schneider in Eigenauflage (Samisdat-Verfahren) seine inzwischen verbotenen Texte veröffentlichte.

Reinhold Schneiders Sonett hat eine lange Wirkungsgeschichte. Als Gebet wurde in den Bombennächten ebenso gesprochen wie über vierzig Jahre später bei den Friedensgebeten in den Kirchen der ehemaligen DDR. So steht es für eine Erfahrung christlicher Einheit. Was Christen in Glauben und Charakter, in Mentalität und Herkunft, in Konfession und Politik trennte, schien überwunden und aufgegangen in einer Ökumene des glaubenden Herzens. Mit Reinhold Schneider hatten viele Christen gehofft, dass „Gott aus unsern Opfern Segen“ wirken werde. Not lehrt Beten. Doch mit der größten Not schien die Stunde der Beter vergangen.

 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es Reinhold Schneider an Ehrungen nicht gefehlt. Das hätte ihn skeptisch werden lassen müssen. Denn in seinem Namen feierte sich das westdeutsche Bürgertum als widerständig. Reinhold Schneider war mit weißer Weste durch die braune Zeit gekommen, ein Mann der Inneren Emigration, in der nun viele die Diktatur überlebt haben wollten. Reinhold Schneider aber blieb, der er war - ein schwermütiger Dichter mit einer tragischen Weltsicht, der seiner Berufung folgte. Entschieden sprach er sich gegen die Wiederbewaffnung aus und veröffentlichte seine Artikel auch in Ostdeutschland. Katholische Kreise forderten daraufhin seine Exkommunikation. Reinhold Schneider reagierte mit Humor und bezeichnete sich gegenüber seinem engen Freund Walter Nigg (1903-1988) als einen Ketzer und Narren.

Der reformierte Pfarrer Walter Nigg hat das Bild Reinhold Schneiders in der Nachwelt durch fünf biografische Portraits geprägt. Sie erstrecken sich über einen Zeitraum von 34 Jahren (1958-1982) und dokumentieren Hoffnungen und Illusionen im interkonfessionellen Dialog. Walter Nigg erzielte mit seinem Buch „Große Heilige“ (1946) eine beispiellose Wirkung unter katholischen Lesern. Auf dem Schutzumschlag der Erstausgabe sind Albrecht Dürers „Betende Hände“ („Studie zu den Händen eines Apostels“ 1508) abgebildet. Geschult an Søren Kierkegaard und Fjodor Dostojevskij schrieb Walter Nigg in schonungsloser Offenheit von den Krisenerfahrungen der Heiligen, von realer und eingebildeter Schuld, von Frömmigkeit und Frömmelei, von Machtgelüsten und Ohnmachtserfahrungen, von der endlos scheinenden Nacht der Gottesferne und der Erfahrung des Lichtes. Niggs dramaturgisch gestaltete Heiligengeschichten wurden als Pilgerreisen der Seele gelesen. Kein Triumphzug zum Heil, sondern oftmals ein tragischer Labyrinthweg, der nach vielen Anfechtungen zur Mitte führt. Walter Nigg holte das wirkliche Leben in die Legende. Der Leser spürte, dass hier weder akademische Theologie noch seichte Spiritualität betrieben wurde. Denn Walter Nigg schöpfte aus der Fülle kulturgeschichtlicher christlicher Überlieferung und spiegelte sie mit dem eigenen bewegten Leben. So entstand ein authentisches Lebens- und Glaubenszeugnis. Das Kind aus einer „Mischehe“ war nach dem Freitod des katholischen Vaters und dem Krebsleiden der Mutter in sehr jungen Jahren Vollwaise geworden. Seine erste Frau und Mutter seiner Kinder litt unter schweren manisch-depressiven Schüben und nahm sich schließlich das Leben. Diese schmerzhaften Grenzerfahrungen gingen in Niggs Lebensbeschreibungen der Heiligen ein. Der reformierte Pfarrer zeigte die Bruchstellen des Lebens. Aber er wusste auch einfühlsam zu beschreiben, wie durch diese Risse neues Licht einbrach und eine Tiefendimension erschloss.

In Reinhold Schneiders tragischer Familiengeschichte erkannte Nigg eigene Grenzerfahrungen wieder. Die Eltern führten ein Nobelhotel in Baden-Baden. Als sie in der Währungskrise bankerott machten, verließ die Mutter ihren Mann. Reinhold Schneiders Vater erschoß sich. Der Selbstmordversuch des katholisch getauften und gefirmten Sohnes scheiterte. Schneider erlebte eine tiefe Glaubenskrise. Wie Reinhold Schneider, so ging auch Walter Nigg mit den Schicksalsschlägen produktiv um. Als Seelsorger einer ländlichen Gemeinde und Vater von zwei Kindern stand er fest im realen Leben. Nigg heiratete wieder. Seiner zweiten Frau sind „Große Heilige“ gewidmet. Als sie nach kurzer Ehe einem Krebsleiden erliegt, geht Walter Nigg wie der dänische Dichter und Pfarrer Nikolai Grundtvig eine dritte Ehe ein. Das geordnete Leben an der Seite einer Frau war ihm Voraussetzung einer nie versiegenden schriftstellerischen Produktivität.

In dem Privatdruck für die Vereinigung Oltner Bücherfreunde „Ein Ritter des Glaubens“ (1958) stimmt der Heiligenforscher einen hohen Ton an: „Reinhold Schneider war nahe an der Grenze der Heiligkeit.“ Seine Sendung sei die Versöhnung der Konfessionen:

„Er stimmte dem Gedanken völlig zu, dass sich heute innerhalb des Christlichen eine Gruppe bildet, die man nicht mehr mit den bisherigen Begriffen bezeichnen kann, zudem es kein gewollter Vorgang, sondern ein geistiges Ereignis unserer Zeit ist. Die in diesem Sinne Verbundenen können sich nach ihm nicht verlieren und auch nicht mißverstehen. Reinhold Schneider war ein Glied jener unsichtbaren Gemeinde, die in allen sichtbaren Kirchen vorhanden ist.“

Walter Nigg hatte allen Einladungen zur Mitarbeit an der ökumenischen Bewegung eine Absage erteilt. Denn die Einheit der Kirche ist allein Gottes Sache. Der Beter aber schaut in jene „Tiefen, die kein Aug’ entschleiert“ und erfährt die Ökumene schon heute als reale Gegenwart. Nigg nennt sie Ökumene des glaubenden Herzens. In ihr spielt die Frage konfessioneller Bindungen und Differenzen zwischen der katholischen Kirche und den Denominationen keine Rolle mehr. Diese überkonfessionelle Gemeinde ist eins, ohne einig sein zu müssen. Sie gehört zu den Stillen im Lande. Sie fordert auch keine Mahlgemeinschaft (Interkommunion), weil sie weiß, dass die Einheit in der Eucharistie als eigentliches Ziel der Ökumene nicht von dieser Welt ist. Nigg hat über diese Fragen intensiv mit Reinhold Schneider gesprochen. Deshalb zählt er ihn zu den Glaubensrittern der unsichtbaren Kirche.

Auch Hans Urs von Balthasar (1905-1988) arbeitete an der Gestalt einer neuen Heiligen. In der Konvertitin Adrienne von Speyr fand er ein Medium mit hochsensitiver Begabung, eine Schwester im Geiste der westfälischen Nonne Anna-Katharina Emmerick, die sich unter der Anleitung des Dichters Clemens von Brentano in ferne Zeiten und Zustände versetzen konnte und mit anschaulichen Erzählungen jene Leerstellen der Bibel füllte, die hier im Geheimnis blieben. Die Visionärin sah Jesus und Maria mit eigenen Augen. Was Clemens von Brentano nach ihrem Diktat auf vielen tausend Seiten niederschrieb, hielten die Leser für geoffenbarte Wahrheit, Literatur oder schlicht für Blödsinn. Auch an Adrienne von Speyr schieden sich die Geister - nicht erst, als ihr Seelenführer die Kunde von ihrer Revirgination verbreitete. Adrienne von Speyr diktierte nicht nur umfangreiche Kommentare zu den Büchern der Bibel, sondern schaute das innere Gebetsleben der Heiligen im Himmel.

Walter Nigg und Reinhold Schneider kannten diese Berichte aus dem entstehenden „Allerheiligenbuch“, weil sie ihnen durch Hans Urs von Balthasar zugänglich gemacht wurden. Nigg sah in dieser Literatur mit Beichtstuhlperspektive eine Indiskretion. Der gutmütige Reinhold Schneider erwehrte sich nicht der Bitte, Adrienne von Speyrs Werk zu besprechen. Hans Urs von Balthasar hatte ihn mit dem Angebot einiger Heiligenbilder auf Bestellung geködert. Aus dem gemeinsamen Sommerurlaub 1951 mit Adrienne in der Bretagne schrieb Hans Urs von Balthasar an Reinhold Schneider:

„Sie ist hier sehr glücklich, es ist ganz das, was sie sich träumte, und sie schenkt dafür neue Heiligenbilder, die wohl ihre besten sind. Sollten Sie ein paar Heilige von ihr wünschen, so schreiben Sie mir deren Namen.“

Walter Nigg und Reinhold Schneider trafen sich regelmäßig zu persönlichen Gesprächen. Hans Urs von Balthasar dagegen kannte die Biografie Schneiders nicht, als er zum 50. Geburtstags des Autors eine ideengeschichtliche Monografie vorlegte, in dem er das „Urkatholische“ seiner Sendung zu erkennen glaubte, „dass der unsichtbare Glaube und die sichtbare Geschichte nicht getrennt werden“. Schneiders größte Leistung sei „die Rückholung einer säkularisierten, protestantischen Geschichtsauffassung in den geheiligten Innenraum, in dem allein die Deutung des Geschehens gelingen kann.“

Zwischen Walter Niggs erster Würdigung und dem Aufsatz „Reinhold Schneiders Erbe“ (1969) liegt das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen Hoffnungen und Enttäuschungen. Draußen auf den Straßen und in den Hörsälen rebellierten die Studenten. Ein linker Mob sprengte Vorlesungen und zitierte akademische Lehrer wie den Münsteraner Kirchenhistoriker Erwin Iserloh vor ein Tribunal. Als Ritter wider den Zeitgeist - auch innerhalb der Kirche - erhob Walter Nigg seine Stimme und schrieb den Namen Reinhold Schneiders auf seinen Schild. Im Pensionsalter und entbunden von allen Pflichten eines Gemeindepfarrers, folgte er nun den zahlreichen Einladungen zu Vortragsreisen. In Kirchen und katholischen Akademien wetterte er in guter prophetischer Tradition wider den Zeitgeist und die rebellischen Studenten. Schneider, so heißt es jetzt, war „ein Kämpfer gegen den Zeitgeist in und außerhalb der Kirche, er besaß den Mut, den augenblicklichen Modeströmungen ins Angesicht zu widerstehen. Ohne eine kämpferische Gesinnung werden die Christen von der allgemeinen Schlammflut zugedeckt, die gegenwärtig das Kostbarste der abendländischen Tradition fortzuschwemmen droht.“ Auch gegen die ihm unliebsamen damals viel aufgeführten Autoren wie Friedrich Dürrenmatt oder Peter Handke zückt er die heilige Lanze des Glaubensritters: „Noch viel weniger gesellte er (Reinhold Schneider) sich zu jenen dem Zeitgeist hörigen Schriftstellern, die mit Linkstendenz plus erotischen Schamlosigkeiten ihre Stilübungen zu machen pflegen und zuletzt dem Publikum die Zunge herausstrecken.“

Walter Nigg hatte entschieden Mut, sich unbeliebt zu machen. Er sprach von den geistigen Ruinen der späten Sechziger Jahre, „einem moralischen Trümmerfeld ohne gleichen“. Aber er schoß sich nicht nur gegen das entstehende Linkskartell ein, gegen „demonstrierende Jugend“ und „Gammler“, sondern auch gegen eine Kirche, deren Zeugnis von „verworrener Dürftigkeit“ sei, geprägt von Ratlosigkeit, Sinnentleerung und Substanzverlust. Walter Nigg blickte seiner Zeit scharf in die Augen und thematisierte die Folgen eines Traditionsabbruches und eines Bildungsverlustes, der sich noch radikaler entwickeln sollte, als er es ahnen konnte.

 

 

In seiner zweiten Rede über Reinhold Schneider wettert Nigg auch gegen die Ökumene. Keineswegs lebe man in einem ökumenischen Zeitalter. Ökumene sei nichts als ein Schlagwort. Die Ökumene, zitiert er Schneider, sei bei Gott im Himmel verwirklicht, daher liege „die Erreichung dieses Zieles nicht in unseren Kräften.“ Nur „die kleine Schar“ lebe schon heute in dieser überzeitlichen und überkonfessionellen Ökumene. „Trotz der verschiedenen Kirchenzugehörigkeit stehen sie einander ganz nahe, weil sie an einer Intensivierung, Verlebendigung des Christlichen und nicht an einer Verdünnung, Anpassung und Entmythologisierung interessiert sind.“

Walter Nigg blieb ein viel gelesener religiöser Schriftsteller, als Reinhold Schneiders Bücher selbst in den damals noch existierenden christlichen Buchhandlungen nicht mehr zu finden waren. Die geistige tabula rasa des Angebotes heutiger Buchhandlungen lag noch jenseits von Niggs Vorstellungskraft als er Gelassenheit gegenüber den „Neuigkeitsjägern“ empfahl:

„Wir kennen diese Neuigkeitsjäger, die sich immer nach dem neusten Schrei ausrichten; aber es ist unser ganzer Stolz, dass wir nicht so denken. Auf dem Gebiet des Geistes herrschen doch andere Gesetze, der abgeschmackten Zeitdienerei sind die ewigen Werte der abendländischen Überlieferung gegenüberzustellen. Wir kennen ein Brot des Lebens, das heute so notwendig ist, wie es gestern war und morgen sein wird. Im Bereich des Geistigen gibt es ein Dauerndes im Wechsel der Zeiten, von dem wir keinen Schritt abweichen, und wir stellen uns eher die Frage, ob wir innerlich stark genug sind, die Last des Erbes zu tragen. Wir geloben feierlich, zu Reinhold Schneiders Erbe unwandelbar zu stehen, mag kommen, was da kommen will, wir geben sein Vermächtnis nicht preis, wir wollen es der nächsten Generation weiterschenken, weil wir selbst von ihm beschenkt worden sind.“

Dieser Treueschwur übersieht nicht, dass der Glaubensritter in den Sechziger und Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Züge des Ritters von der traurigen Gestalt annimmt. Der Einsatz gegen den Zeitgeist gleicht immer mehr einem Kampf gegen Windmühlenflügel. Das verdrießt Walter Nigg in keiner Weise. Narr und Ritter folgen unangefochten ihrem Auftrag. 1973 erscheint ein drittes Portrait von Reinhold Schneider unter dem beschwörenden Titel „Was bleiben soll“. Der nun siebzigjährige Walter Nigg zeichnet zehn biografische Bilder von Wegbegleitern, die für ihn zum geistigen Erbe gehören. Ich nenne hier die Namen. Möge der Leser selbst überprüfen, welcher Name für ihn heute zu denen gehört, die geblieben sind: Hermann Kutter, Albert Schweitzer, Georges Bernanos, José Orabuena, Julien Green, Romano Guardini, Peter Wust, Reinhold Schneider, Martin Buber und Leo Schestow.

Die Studentenunruhen waren aus Walter Niggs Sicht ein Vorspiel des Terrorismus, der in den Anschlägen der RAF gipfelte. Die Zeit geriet aus den Fugen. Längst ging es nicht mehr um Fragen des kulturellen Kanons, um Bildungsauftrag oder ökumenische Fragen. Die Axt schien an die Wurzeln gelegt. Nigg rückte nun Schneiders letztes Buch in den Blick. Es trägt den Titel „Winter in Wien“ und berichtet von schweren Anfechtungen bis zu Erfahrungen des Glaubensverlustes. Nigg bringt es auf den Punkt: Reinhold Schneider sei an der Schöpfungsordnung irre geworden, er habe sich im Widerspruch zu seiner Zeit buchstäblich aufgerieben und sein Leben geopfert.

„Was am gegenwärtigen Generationenkonflikt so tief beunruhigt, ist die Tatsache, dass Alt und Jung das gemeinsame Erbe des Abendlandes aus den Augen verloren haben, was bei den früheren Auseinandersetzungen nicht der Fall war. Beide Teile haben die tieferen Wurzeln vergessen, sie kennen die unzerstörbare Mitte nicht mehr. Es ist töricht, über die heutige Jugend mißbilligend den Kopf zu schütteln, und noch törichter ist es, um ihre Gunst zu buhlen, indem man all ihren Albernheiten zustimmt. Wir haben vielmehr den jungen Leuten die abendländische Tradition wortlos und glaubwürdig vorzuleben.“

Im Jahr des deutschen Herbstes veröffentlichte Walter Nigg sein berühmtes Engel-Buch. Der Titel zitiert eine Bach-Kantate (BWV 19) und nimmt unüberhörbar Bezug auf die terroristische Bedrohung jener Zeit. „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“ (1977) ist eine Kulturgeschichte der Engel ohne jene spirituellen Selbstbespiegelungen, die nach der Jahrtausendwende durch Engelbücher in Mode kommen sollten. Nigg glaubte an Engel als Boten einer anderen Welt, die wirkmächtig in das weltliche Geschehen eingreifen können. „Kein dichterisches Werk entsteht ohne Hilfe des Engels“, schreibt er in seinem vierten Portrait des Freundes. „Reinhold Schneiders Glaube“ (1978) deutet seine Sendung im Kontext der spanischen Mystik und der Erfahrung der dunklen Nacht der Abwesenheit Gottes: „Wir sind in eine Stunde eingetreten, in der die Bilder, die Zeichen erloschen sind und trostloses Grau wie eine Krankheit das Leben befallen hat, der Mensch lebt in der letzten Situation.“ Nüchtern und im Blick auf die Zukunft recht realistisch wird auch die Ökumene beurteilt: „Sie wird nicht durch Diskussionen und Kommissionen bewerkstelligt, das haben die Religionsgespräche in der Vergangenheit genügend bewiesen.“ In seinen düsteren Rechenschaftsberichten „Verhüllter Tag“ (1954), „Der Balkon“ (1957) und „Winter in Wien“ (1958) habe Reinhold Schneider im Geiste die Agonie des Christentums in der Jahrtausendwende durchlitten:

„Was wir gegenwärtig an auflösendem und verhärtendem Geschehen erleben, ist, tiefer gesehen, in der Sprache der spanischen Mystik ausgedrückt, eine ganz schwere, geradezu würgende Trockenheitsperiode. Die Quellen sprudeln nicht mehr, das frische Wasser fehlt, und deswegen wirkt sich diese Durststrecke zu einem so bedrückenden Erlebnis aus, das wir seelisch-geistig fast nicht zu bewältigen imstande sind.“

Hans Urs von Balthasar sah bei Schneider keine Teilnahme an der mystischen Nacht des Glaubens, sondern nur ein Überwältigwerden durch die angeborene Schwermut und einen Rückfall in frühe nihilistische Phasen. „Winter in Wien“ sei aus sehr niedrigen Motiven ein Bestseller geworden. Eine heimliche Freude an Schneiders Agonie und vermeintlicher Apostasie habe das Interesse der Leser bestimmt. Hans Urs von Balthasar sieht sich zu einer Überarbeitung seiner Schneider-Monografie gezwungen. Urkatholisch sei der späte Schneider nicht mehr. Vielmehr habe er einen Rückfall in die Welt des protestantischen Zweifels Kierkegaardscher Prägung erlebt. Keine mystische Dunkle Nacht des Glaubens, „die ein übernatürlicher Entzug tiefer, seliger Gotteserfahrung ist“, sondern „vor allem intellektuelle Einsichten, die zur Verdunkelung des Gottesverhältnisses führen: das unbegreifliche Leiden der Kreatur, die sinnlose, nie abgetragene Schuld geschichtlichen Daseins, die Unfasslichkeit der kosmischen Dimensionen, die Welt als ‚rotierende Hölle‘, als Prozess des Fressens und Gefressenwerdens. Dies alles verdunkelt ihm das Antlitz des liebenden Vaters, aber, was er vor sich hat, ist nicht, wie in der Dunklen Nacht, der abgewendete oder entschwundene Vater Jesu Christi, sondern ‚die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Keltertreters‘.“

Walter Nigg überlebte den Freund um dreißig Jahre. Von seiner eigenen reformierten Kirche hatte er innerlich längst Abschied genommen. „Ich habe mein Leben im Dienst der Kirche zugebracht. Wenn ich aber heute an einem Gottesdienst teilnehme, gehe ich mehr oder weniger traurig nach Hause. Die Kirche hat ihr Thema verloren und versucht sich weltklug der gegenwärtigen Situation anzupassen“, bekennt er gegenüber Axel Springer, dessen Seelsorger er nach dem Freitod des Sohnes Sven Simon (Axel Springer junior) geworden war. Von den offiziellen ökumenischen Annäherungsversuchen seiner Tage hielt er weniger denn je. „Die nachkonziliare Epoche ist auf der ganzen Linie durch Unsicherheit, Verwirrung und Ratlosigkeit gekennzeichnet. Es ist unsere vordringliche Aufgabe, diesen Zustand zu überwinden, was freilich weder durch eine reaktionäre noch durch eine progressive Haltung geschehen kann“, schreibt er in seinem letzten Schneider-Portrait. Es trägt den Titel „Vergängliches und Unvergängliches: Reinhold Schneider“ (1982).

Im Laufe seines langen Berufslebens hatte Walter Nigg ungezählte Abdankungsreden am Grab seiner Gemeindemitglieder gesprochen. Diese waren geschätzt, weil in ihnen der Verstorbene vor dem Horizont der Ewigkeit gesehen wurde. Ein Purgatorium dieser Art ist auch Niggs letzte Rede auf den Freund. Sie benennt das Zeitbedingte und betont das Bleibende seiner Sendung.

Vergängliches: Schneiders Dramen. Bestenfalls Lesedramen, aber auf der Bühne nicht zu genießen!

Vergängliches: Die Reinhold-Schneider-Gesellschaft. Rückwärts gewandte Idealisierung! Einbalsamierung und Errichtung eines Mausoleums! Die Feiern zum 75. Geburtstag waren „Begräbnisse erster Klasse“. Man müsse „Reinhold Schneider aus den Händen der Gartenzwerge befreien“.

Vergängliches: Die neuen religiösen Bücher über Zen-Meditation, Theologie der Befreiung, Politisches Nachtgebet: „heute schon Makulatur“! Der religiöse Buchmarkt, das Angebot der Kirchentage: Ein Augiasstall! Verlust des Wesentlichen. Dafür religiöse Unterhaltungsmusik.

Bei aller Hochachtung für Reinhold Schneider vermisste Nigg die erotische Dimension in seinem Leben und Werk. Dafür machte er Anna Maria Baumgarten verantwortlich, „die ihn besitzen wollte und nicht losließ und von der er sich in seiner Weichheit nie zu befreien vermochte. Diese sich vordrängende Dame inspirierte ihn nicht im geringsten; sie verwaltete seinen Nachlass unwürdig und ist deshalb nur am Rande seiner Biographie kurz zu vermerken. Er selbst hat sie in seinen autobiographischen Schriften nie erwähnt.“

Unvergängliches: Die Erfahrung des Scheiterns und der Demut. Der Gewinn von Bescheidenheit, Geduld und ein Offenwerden für den Willen Gottes. Dein Wille geschehe! Johannes Rau sagte es in dem zitierten Gespräch mit diesen Worten: „Das meine ich mit der Dimension der Transzendenz und der Eschatologie. Der Kern der christlichen Botschaft ist nicht die Bewahrung dessen, was ist, sondern die Freude auf das, was kommt. Und auf den, der kommt. (…) Ich kann den Kirchen nur raten, den Mut zu haben, Kirche zu sein und nicht zu Sozialverbänden zu mutieren.“

 

 

 

Reinhold Schneider hatte die Wiederkehr Christi vor Augen, als er das Sonett von der Macht des Gebets schrieb. Den Betern allein könne es gelingen, das Weltgericht abzuwenden. Diese theologische Deutung der Geschichte ist heute weitgehend verpönt. Im Vordergrund kirchlichen Engagements stehen ethische und psychologische, ökologische und genderspezifische Fragen. Die Erfahrung des Klimawandels führt daher nicht in eine eschatologische Dimension. Es herrscht keine „Freude auf das, was kommt“, sondern jene atemlose Panik, die Greta Thunberg in Davos beschworen hat. Welcher Geistliche würde heute die Corona-Pandemie auf endzeitlichem Horizont zu deuten wagen und ihr eine Mahnung Gottes zur Umkehr entnehmen? Wer würde im Angesicht des Endes von dem Frieden der Seele predigen, der wichtiger ist als alle Impfstoffe?

Die Stunde der Beter ist wieder gekommen. Reinhold Schneider hat ein unvergängliches Gedicht für Krisenzeiten geschrieben. Heute in der Corona-Pandemie ist es eine starke Zumutung, weil es in einen Zwiespalt führt: Alles tun müssen und doch nicht alles tun können. Es gibt kein Leben ohne Schuld. Aber diese Erfahrung von Schuld ist bereits eine Erfahrung von Gnade.

Die Wirkungsgeschichte des Sonetts ist noch nicht geschrieben worden. Sie würde die geheimen und oftmals überraschenden Wege des Wortes aufzeigen. Ernst Jünger (1895-1998), der im hohen Alter in die katholische Kirche eintrat, las während des Weltkrieges zwei Mal die gesamte Bibel. Spuren dieser Lektüre sind in seinen Tagebüchern mit dem Titel „Strahlungen“ zu finden. Doch auch Reinhold Schneiders Sonett muss ihn erreicht haben. Unter dem Eindruck der Bombardierung von Paris durch alliierte Flieger notiert er am 31. Dezember 1943 in sein Tagebuch:

 

„Von allen Domen bleibt nur noch jener,
der durch die Kuppeln der gefalteten Hände gebildet wird.
In ihm allein ist Sicherheit.“

 

 

Der geöffnete Himmel

 

"Sie ist ohne Zweifel eine der größten Seherinnen aller Zeiten."

(Patrick Catry über Adrienne von Speyr)

 


Mit der Konversion an Allerheiligen 1940 erreichte die Basler Ärztin Adrienne von Speyr (1902-1967) ihre himmlische Bestimmung. So sah es Hans Urs von Balthasar (1905-1988) und stellte sich in den Dienst einer doppelten Sendung. In über sechzig Büchern kommentierte die Mystikerin die Bibel und die Gebetshaltungen der Heiligen. Sie hatte Visionen von Himmel, Fegefeuer und Hölle. Ihr Leben war voller Wunder: Stigmata, Levitationen, Bilokationen, Zungenreden, Heilungen, Exorzismen und sogar eine Totenauferweckung sollten den geöffneten Himmel bezeugen. Die Identifikation der Büßerin mit dem Gekreuzigten ging so weit, dass sie die Angst von Gethsemane, den Schrei der Gottesverlassenheit am Kreuz und die Höllenfahrt immer wieder nacherlebte. Ihr freiwilliges Leiden deutete sie als Sühnopfer. Hans Urs von Balthasar protokollierte die Gesichte, redigierte den Text und edierte ihn in verschiedenen Themenkomplexen zu einer Karsamstagstheologie.

 

Wie Clemens von Brentano am Krankenbett der Anna-Katharina Emmerick, so wusste sich auch Balthasar berufen zum Zeugen einer gewaltigen Schau. Die Privatoffenbarungen der Adrienne von Speyr haben einen Umfang von über 60000 Seiten. Sie sind unüberschaubar wie das Delta des Nils oder die mäandernden sibirischen Flüsse. Ein Mozart, dessen Werk Hans Urs von Balthasar zu großen Teilen auswendig spielen konnte, hätte aus dieser Polyphonie der Offenbarungen vielleicht eine neue „Zauberflöte“ komponiert, ein Oliver Sacks den Roman einer spirituellen Grenzgängerin zwischen Genie und Wahnsinn, ein Paul Claudel das Drama der Hölle des 20. Jahrhunderts, das Edith Stein erleben musste. Die Karmeliterin gehörte zu den Freundinnen des Wiener Psychiaters Rudolf Allers. Beide waren jüdische Konvertiten. Edith Stein wohnte später in jenem Gästezimmer des Spezialisten für „Abnorme Welten“, in dem der junge Student Balthasar eine prägende Zeit erlebt hatte. „Meinem geliebten Freude Rudolf Allers“ widmete er seine germanistische Dissertation.

 

Der Jesuit und Studentenseelsorger Balthasar sprach von einer Doppelsendung wie sie in Geschichte der Kirche gelegentlich vorkommt: Johannes von Kreuz und Teresa von Avila oder Franz von Sales und Jeannes de Chantal. Urbild dieser Doppelsendungen waren für ihn Maria und der Lieblingsjünger Johannes, nach dem er den Johannesverlag und das Säkularinstitut der Johannesgemeinschaft benannte. Mit diesen Gründungen glaubte er auf die Krise der Kirche reagieren zu können. Inspiriert von Søren Kierkegaard setzte er auf den Einzelnen. Als ihm sein Orden die Anerkennung der Privatoffenbarungen verweigerte, verließ der theologische Schriftsteller die Gründung des Heiligen Ignatius. Der „Sanctus Pater Noster" (SPN), wie er in den Visionen genannt wird, habe ihn zu einer Ordensreform berufen, einer Art verborgenes Kloster in der Welt für die spirituelle Elite.

 

Adrienne von Speyr stammte aus einer Arztfamilie. Ihr Onkel leitete die psychiatrische Klinik Waldau in Bern. Hier verbrachte sie unter den Kranken die Ferien mit Schrecken und Faszination. Sie war ein sehr spezielles Kind. Von ihrer Mutter fühlte sie sich abgelehnt. „Bub-Mädchen“ oder „verfehlter Bub“ wurde sie genannt, und immer wieder musste sie aus ihrem Mund hören: „Du bist wirklich unerträglich.“ In der Schule gilt sie als „schwatzhaft“. Balthasar hat diese Kindheit durch Rückversetzungen mit Hilfe der Hypnose in schonungsloser Offenheit rekonstruiert. Auch in der Dokumentation der letzten Lebensjahre, der zum Pflegefall gewordenen Visionärin, wird er kein medizinisches Detail der Leidensgeschichte übergehen.

 

Die junge Studentin der Medizin kommt in engen Kontakt zur Basler Prominenz, dem „Teig“ wie es rund um den Münsterplatz heisst. Bei einem gemeinsamen Wanderurlaub in den Bergen wird sie mit dem Witwer Emil Dürr verkuppelt. Die Trauung findet auf dem Gelände der Waldau statt. Zu den geladenen Gästen gehören auch die Patienten der Klinik. Tanzend folgen sie dem Brautpaar. Der Berner Organist Ernst Graf begleitet die evangelische Trauung an der Orgel der Anstalt. Jahre später wird er sich an seiner Orgel erhängen. Als Emil Dürr bei einem Trambahn-Unfall ums Leben kommt, heiratet Adrienne seinen Nachfolger auf dem Basler Lehrstuhl, den Historiker Werner Kaegi. Ein Mitglied des George-Kreise führt schließlich den Studentenseelsorger und die Ärztin zusammen. Nach seiner Trennung vom Jesuitenorden bezieht Balthasar ein Zimmer im Hause Kaegi. Diese räumliche Nähe erleichtert das Anfertigen der Protokolle und später die Pflege der schwer erkrankten Seherin.

 

Balthasar gilt vielen als der bedeutendste Theologe des 20. Jahrhunderts. Kardinal Ratzinger nannte ihn den „vielleicht gebildetsten Menschen unserer Zeit“. 1984 wurde sein Werk mit dem Paul VI. Preis geehrt. Auf Wunsch von Johannes Paul II. fand 1985 in Rom ein Symposion über das geniale Paar statt. Drei Jahre später würdigte der Heilige Vater das Werk des Universalgelehrten durch seine Erhebung in den Kreis der Kardinäle. Diese konnte nicht mehr vollzogen werden, weil der Geehrte unmittelbar vor seiner Romreise starb.

 

Seitdem ist es still um den großen Mann geworden. Die Lektüre seines wissenschaftlichen Werkes setzt beim Leser eine gründliche Vertrautheit mit den Kirchenvätern und der abendländischen Geistesgeschichte voraus. Der Traditionsbruch aber hat sich inzwischen zu einem Traditionsloch erweitert. Balthasar setzte auf die Bildung einer kommenden katholischen Elite. „Der Haufen entscheidet nie“, wusste er und „von der Masse erwarte ich gar nichts“. Sein Credo ist zur Zeit nicht mehr zeitgemäss: „Ich glaube, dass Einzelne das Geschick der Welt entscheiden.“ Seine Karsamstagstheologie mit ihrer radikalen Nachfolge Jesu und seine Leidensmystik antworten auf die Kreuzeserfahrungen in den Höllen des 20. Jahrhunderts. Aber Schuld, Sünde, Buße, Sühne und Vergebung werden nicht mehr im Kontext der christlichen Mitte erfahren. Die Gegenwart hat keinen Zugang zu der visionären Welt der Adrienne von Speyr. Auch die Kirche hält es mit einem berühmten Wort von Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.“

 

Hans Urs von Balthasar ging es um letzte Haltungen. Der Ungeduldige war bei aller gelegentlichen Rücksichtslosigkeit im Menschlichen und verlegerischen Geschäftigkeit um die langfristige Wirkung seiner Bücher recht unbekümmert. Der junge Studentenseelsorger hatte noch den Eifer des Konvertitenmachers. In einer Art doppelter Strategie versuchen Adrienne und er den reformierten Startheologen Karl Barth für die katholische Kirche zu gewinnen. Sie durch nächtliche Bussübungen auf dem nackten Boden, er durch den wissenschaftlichen Austausch und eine Monographie. Barth lebte mit Frau, Kindern und der Geliebten in einem Haus. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Schließlich, so Adrienne von Speyr, soll der Heilige Ignatius mit einer direkten Anweisung vom Himmel das Unternehmen gestoppt haben: „Ignatius gibt Anweisungen, wie Karl Barth zu behandeln sei. Man sollte nicht mehr auf seine Konversion warten, er habe so viel Gnade gehabt und habe sie immer wieder verscherzt.“

 

In Adriennes Welt geht es manchmal allzu vertraulich zu, besonders wenn Engel und die Muttergottes auftreten. Doch verbietet sich ein vorschnelles Urteil über Ereignisse zwischen Himmel und Erde, die weit jenseits alltäglicher Erfahrungen liegen. Vieles erscheint auf den ersten Blick absurd, und der Leser meint das Berichtete mit einem spöttischen Lächeln abwehren zu können. Doch selbst die in der Geschichte der Wunder beispiellose Erfahrung einer „Involution des ganzen Ehelebens Adriennes. Ihre Jungfräulichkeit soll wiederhergestellt werden“ führt tief in Probleme der Seelsorge. Ob diese Beichtgeheimnisse in die Öffentlichkeit gehören, ist eine der vielen Fragen an die Doppelsendung.

 

 

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"Es ging ihm um die Heilung der Augen des Herzens, um das Sehendwerden für das Eigentliche:

für Grund und Ziel der Welt und unseres Lebens, für den lebendigen Gott."

 

(Joseph Kardinal Ratzinger in seiner Abdankungsrede

"Ein Mann der Kirche in der Welt"

auf Hans Urs von Balthasar

beim Requiem in der Hofkirche von Luzern.)

 

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"Sehen Sie, Sie geben meinem Erleben immer einen so schönen Sinn;

Sie erfassen es so unendlich viel besser als ich,

und es ist mir so, dass Ihre Führung das Erlebte für mich sinn- und gnadenvoll gestaltet."

 

(3. April 1941, Nachlass VIII. 34)

 

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"Die grenzenlose Liebe, die ich in diesen Jahren zu Ignatius bekommen habe.

Für ihn gehe ich ins Feuer, für ihn trete ich gern aus seinem Orden aus,

wenn es ihm Spaß macht, d.h. wenn es in seinen Plänen zur größeren Ehre Gottes liegt."

(Sommer 1946, Nachlass IX. 197f.)

 

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"Das Ganze ist so peinlich."

(Nachlass IX. 252)

 

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"Die Absolutsetzung 'Inspiration' gegen äußeren Gehorsam ist unkirchlich."

(1. Juli 1948, Nachlass IX.465)

 

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"Das letzte Geheimnis der Sünde bleibt in Gott verborgen:

er hat die Welt geschaffen, in der es die Versuchung gibt."

(Unser Auftrag 165)

 

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"A. antwortet auf eine Frage:

Nein, die Therese Neumann habe ich nie angetroffen."

(1963, Nachlass III. 403)

 

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"Katharina Emmerich hat angeblich das Leben des Herrn in Visionen erlebt.

(...) Selbst wenn diese Visionen echt sind, sind sie großenteils steril.

Das meiste von dem, was gezeigt wird, ist ziemlich gleichgültig.

(...) So besteht der Verdacht, dass sie sich selbst in das Bild hineinprojeziert.

In der wahren Vison verliert man den Kontakt mit dem Alltag,

man wird in eine andere Wahrheit, die der Vision hinein, fortgerissen."

(Nachlass IV. 382)

 

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Ein Gespräch mit Hans Urs von Balthasar:

 

https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/hans-urs-von-balthasar-wuchtig-kantig-und-eigenwillig-art-189743