Friedrich Ohly mit seinem Patenkind David Fleinighaus

 

 
"Das für die Wissenschaft produktivste Lebensalter
ist das Jahrzehnt zwischen zwanzig und dreißig Jahren.
Alles Spätere ist nur Vollzug von dem,
was einem in diesen Jahren einfiel.
In diesen Jahren heißt es,
sich zu spannen und zu recken,
sich auf die Fußspitzen zu stellen
und etwas wie Flügel auszubilden.“

Friedrich Ohly
 

 


Dass Friedrich Ohly (1914-1996) die Studentenunruhen als eine Wiederkehr des braunen Terrors im roten Gewand erlebten, konnte ich nur ahnen. Seit dem Vorlesungsstreik des Jahres 1969 wurde in zahlreichen Go-ins der ROTeG (Rote Zellen Germanistik) die Abschaffung eines obligatorischen Studiums der deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters gefordert. Ohly hatte 1967 die DFG-gestützte Arbeitsstelle für Mittelalterliche Bedeutungsforschung gegründet. Nun verlangten Agitprop-Gruppen auf Wandzeitungen die Einstellung dieser „Hobbyforschungen auf Kosten der studentischen Ausbildung durch pervertiert historizistisch zurückgewendete Professoren“. Im Dezember 1972 griffen Vertreter des Kommunistischen Studentenverbandes (KSV) Ohly tätlich an, als er in seiner Eigenschaft als Geschäftsführender Direktor eine illegal aufgehängte Wandzeitung entfernen wollte. Der KSV sprengte daraufhin Ohlys Hauptseminar und forderte die Studierenden auf, seine Vorlesung in ein Tribunal zu verwandeln. Ohly musste die Lehrtätigkeit für den Rest des Semesters einstellen. 
 

Ohlys Seminare und Vorlesungen eröffneten mir die geistige Welt des Mittelalters. Ich schrieb eine Arbeit über das mystische Auge und den Wortschatz des Sehens im „Trudperter Hohenlied“, las Meister Eckhart, Gottfrieds „Tristan und Isolde“ und vor allen Dingen Wolframs Heiligenlegende „Willehalm" und den „Parzival“. Typologie (Präfiguration) und Metaphorologie (Symbolkunde) waren für Ohly Leitmotive einer abendländischen Kulturgeschichte, durch die das Geheimnis von Gott und Mensch erzählbar wurde. 
 


 
In seiner Abschiedsvorlesung (1982) formulierte er sein Credo: 

 


"Bildung gar oder Kultur erwerben wir wohl weniger im Erfahrungskleinraum unseres Lebens als im Umgang mit den Schätzen der in den Künsten bleibende Gestalt gewonnenen, von den Denkern im Entwurf geschauten, von der Religion ins Licht gehobenen Möglichkeit, einer sich ausbildenden Menschwerdung sich zu versichern. Was ein Ritter, ein Heroe, ein Heiliger, ja was Götter seien oder Gott, erführen wir nicht aus der Erfahrung unseres kleinen Lebens, nicht ohne die Überlieferung in Wort und Schrift und Kunstwerk, ohne die Zeugen und die Zeugnisse, die das Gedächtnis unseres Geschlechtes als den Boden der Geschichte nähren."

 

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"Der Dichtung als eines Gefäßes der Erinnerung an die Geschichte der Gefühle, Erfahrungen und Erwartungen des Menschen bedürfen wir wie aller Künste als Hilfe für ein Überleben als Geschlecht, welches des Reichtums der in seiner Geschichte gewonnenen Möglichkeiten des humanen Menschseins anders fahrlässig sich begäbe."

 

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"Bedenkt man, daß das an die Schrift gebundene geistige Erbe der Antike ohne das der Memoria gebrachte Schreibopfer der christlichen Mönche und der islamischen Gelehrten, die beide dank ihres Glaubens an den Wert des durch die Schrift ihnen Überkommenen vom Sinn des Schreibens tief durchdrungen waren und es zu einer hohen Kunst ausbildeten, dem Abgrund des Vergessens ohne Rettung zugefallen wäre, dann überkommt einen der Schrecken des Gedankens an gewesene oder kommende Möglichkeiten solcher Gedächtnisverluste der Geschichte und wächst der Dank für alle Bewahrungen von Gedankengewinnen und vorgelebten Menschenbildern. Schriftreligionen leben und sterben mit der Memoria ihres Wortes." 
 

 

Friedrich Ohly war ein Kind des Evangelischen Pfarrhauses. Am 10. Januar 1914 wurde er in Breidenbach (Hessen) als Sohn des Pfarrers Ludwig Ohly und seiner Frau Luise geboren. Zur Examensprüfung hatte die Volksschullehrerin gut 90 Kirchenlieder auswendig zu lernen. Aus diesem reichen Schatz an Lebens- und Leseerfahrungen liebte sie zu zitieren. Friedrich Ohly hatte einen jüngeren Bruder, der auch Pfarrer werden sollte, und fünf ältere Schwestern und Brüder aus der ersten Ehe des Vaters. Als Halbwaise, der Vater war bald nach der Konfirmation gestorben, legte er 1932 die Reifeprüfung am Frankfurter Lessing-Gymnasium ab und studierte anschließend in  Frankfurt, Wien und Königsberg. 
 
Bereits in Uniform legte er nach der Promotion (1938) das Erste Lehrerexamen (26. September 1939) mit vier Klausuren (Germanistik, Geschichte, Griechisch, Philosophie) an einem Tag und drei mündlichen Prüfungen am folgenden Tag ab. 1940 heiratet er. Durch eine Augenverletzung wehruntauglich geworden, kann er als Assistent von Julius Schwietering in Berlin seine wissenschaftliche Arbeit wieder aufnehmen, bis er im April 1944 erneut zum Heeresdienst eingezogen wird. 
 
Die Geschichte der großen wissenschaftlichen Studien jener Jahre wie etwa Erich Auerbachs „Mimesis“ oder Hellmut Ritters „Das Meer der Seele“ ist noch nicht geschrieben worden. Sie sind, wovon sie erzählen: Überlebenshilfe, die sich in den Grenzgängen des eigenen Lebenslaufes bewährt hat. 
 
Friedrich Ohlys „Hohelied-Studien“ sind das Zeugnis einer liebenden Gotteserkenntnis, die nicht nur die Wirkungsgeschichte des Liedes der Lieder in den Herzen frühmittelalterlicher Seelen beschreibt, sondern zugleich eine jederzeit mögliche Erfahrung. Denn es gibt keine Erkenntnis ohne Liebe. Das gilt auch für die Wissenschaft. Friedrich Ohly reichte seine Habilitationsschrift im Oktober 1943 ein. Ein Genesungsurlaub Anfang Juni 1944 gibt ihm die Möglichkeit zur Habilitation. Eine Woche hat er Zeit, das einzige Exemplar seiner Arbeit von Tag zu Tag jeweils einem der fünf Gutachter vorzulegen. 
 
Noch am Abend seiner Probevorlesung muss er nach Rumänien an die Front zurückkehren, gerät in russische Kriegsgefangenschaft (September 1944 – Oktober 1953) und verbringt bald ein Jahrzehnt in verschiedenen Arbeitslagern. Als er nach über einem Jahr der Isolation eine erste Karte nach Deutschland schicken darf, erfährt er vom Tod seines dritten Kindes und seiner Frau (Januar 1945) und kann nun den Traum von einer Beerdigung deuten, den er zeitgleich gehabt hatte. Die russische Sprache lernt er ohne Wörterbuch und Grammatik, und schreibt Sonette nach dem Alten Testament zu Jesaja, Jeremia und Hiob, den Brüderpaaren Jakob und Esau, Kain und Aber, zu Lot und dem Untergang Sodoms und zum Engelsturz.
 
 
 
Die Plackerei in russischen Steinbrüchen überlebt er durch Dichtung, besonders die Verse des Hohenliedes, dessen mittelalterlichen Kommentar, das „Trudperter Hohelied“, er später in jahrzehntelanger Arbeit kommentiert. In seinen Erinnerungen „Glück eines Gefangenen mit Puschkin und Steinen“ legt er Beispiele seiner Übertragungen von Puschkins Gedichten vor, die Swetlana Geier auf ihrem Sterbebett mit großer Zustimmung las. Die Erinnerungen sind greifbar in Ohlys Kulturgeschichte mit dem für ihn typischen bescheidenden Titel: „Ausgewählte und neue Schriften“ (1995).
 
 


„Auch das Leben eines Gefangenen hat Stunden des Glücks. Auch der nur mit Skepsis auf Befreiung hoffende, als Kriegsgefangener 1949 willkürlich zu einem Vierteljahrhundert Zwangsarbeit Verurteilte hat sie in russischen Lagern unvergesslich gehabt.“
 
 

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„Im Leid hat Kunst am ehesten Glück bereitet.“
 
 

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„Als im zweiten unabsehbaren Schweigejahr nach der Verurteilung (1950) allein Gedanken und das Aufschauen zu den Sternen, die nach Westen gingen, ein gefasstes Herz so wie in Hitze und Kälte harte Arbeit über schwere Tage halfen, war Puschkins ‚Elegie’ ein Halt.“
 
 

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„Liebe und Wissen um Geliebtsein steigern eigene Kraft in einem alles Dunkel auflichtenden, alle Last erleichternden, Jugend an den Tag rufenden Maß. Ohne Leid und Schicksal wäre das Sicherfüllen nicht bis zur Genüge ausgeschöpft.“
 

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„Begeistern werd ich mich am reinen Klang,
Werd weinen überm Wort, das mir gelang.“

Alexander Puschkins

 

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Friedrich Ohly kommentiert:
 
„Schreibende kennen solchen Dank für ein Gelingen aus der geheimnisvollsten, Geist genannten Gabe ihres Lebens. Vergleichbare Momente, wo nicht Tränen in die Augen kommen, wo ein Aufleuchten aus ihnen entspringt, kennt der Handarbeiter, der abgewogene Kraft und Sicherheit aus Erfahrung mit genossenem Glück so einsetzt, dass sich ihm selbst anscheinend Unbezwingbares ergibt. Glück aus Puschkin und ein Glück aus Arbeit brauchen  einander, werden erst vereint ein Lebenselixier.“

 


 
In Königsberg studierte Friedrich Ohly bei Paul Hankamer (1891-1945), einem Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, der seine Prägungen durch den rheinischen Katholizismus sehr ernst nahm. Hankamer stand dem Hochland-Kreis um Carl Muth nahe. Die katholische Zeitschrift wurde 1941 verboten. Hankamer musste bereits 1936 seinen Lehrstuhl aufgeben. Als Lehrer führte er einen Kulturkampf um die geistige Klärung und Bildung seiner Studenten. Der katholische Glaube war ihm ein Zeugnis letzter Verantwortung des Menschen. Als Hankamer aus dem Amt entfernt wurde, setzte sich Ohly für seinen Lehrer ein. Diese Treue führte zum Ausschluss aus der Studienstiftung und Verweis von der Universität Königsberg.
 
Ohlys Würdigung dieses Lehrers deutet zugleich ein Selbstbild an: „Er bildete keine Schule, sondern Schüler. Mit dem Reiz anspruchvoller Milde, sensibel prüfender Humanität und reicher Fazilität des Geistes zog er sie in Bann.“ Als Katholik und christlicher Humanist lehrte Paul Hankamer aus der „virtuosen Fülle der Anschauung (...) Geistesgeschichte als schöpferisch aneignende Erkenntnis der durch Gestalt und Form geschehenen Wirkung in die Zeiten ‚gesandter Individuen’“.
 
 
Im Sanskrit gibt es einen Ehrentitel für den Menschen mit einem besonderen Schicksal: MAHATMA bedeutet GROSSE SEELE oder HEILIGER. In diesem Sinne war Friedrich Ohly ein Heiliger. Das spürte gerade ein so anders strukturierter Geist wie Hans Arnfrid Astel. In seinem Nachruf auf Friedrich Ohly rühmt er die Demut des großen Liebenden:
 
 
"Der Tugend-Passepartout paßt nicht auf jeden.
Er war kein Jedermann. Ach wäre jeder
wie er, dann hätten wir ein Menschenbild!
Dem Pfarrersohn war noch sein Glaube klein.
Er hoffte aufzustehn und wußte nicht,
daß er schon längst ein Christ und auferstanden."
 
 
Friedrich Ohly wünschte bei seiner Beerdigung keine Laudatio. In einem Epigramm von Franz Grillparzer fand er seine letzte Bitte wieder:
 
 
"Lobet mich nicht, denn es beschämt mich,
Tadelt mich nicht, ich tue es selber.
Nehmt es als ein Leben an."
 
 
 
In seiner Münsteraner Abschiedsvorlesung sprach er bewegt und bewegend über die Kraft der Memoria in einer Weise, die den letzten Ernst der Kultur erfahrbar machte. Auch wer nicht wusste, dass er fast ein Jahrzehnt in russischen Arbeitslagern an den Flüssen Wolga und Kama Steine klopfen musste, spürte den Zeugnischarakter der Worte: 
 


"Dem Menschen ist das Verlangen
nach Liebe und Freundschaft
so tief eingegraben,
daß er ohne sie verkümmert."
 
 
Was er in seiner Münsteraner Antrittsvorlesung über sein väterliches Verhältnis zu seinen Schülern gesagt hatte, war gelebtes Leben und beschrieb eine Verantwortung, die über die Studienjahre hinaus sich zu seiner Freundschaft erweiterte und über den Tod hinaus dem Schüler eine nie versiegende Quelle geistiger Anregung bleibt:


 
„Verlassen säßen wir in unserer Stube ohne den Anspruch derer, die uns hören und täglich prüfen. Was der Schüler werden kann, wird er durch die Erwartung seines Lehrers; was der Lehrer werden kann, wird er durch die Erwartung seiner Schüler. Beide heben sich und tragen einander. Beide träumen voneinander einen Traum, sind nacheinander auf der Suche.“