Der Fall Angelika Senge

markiert eine Wende in der politischen Ausrichtung des Katholizismus

 

(Auszug aus meiner Biographie über ihren Doktorvater Erwin Iserloh)

 

 


Noch zwei Jahre vor Iserlohs Emeritierung gab es einen Zusammenstoss mit den Münsteraner Marxisten, der durch die Medien bundesweit für Aufsehen sorgte. Iserloh hatte eine Dissertation mit „sehr gut“ benotet, der Zweitgutachter Peter Hünermann mit „gut“. Am Ende nahm der Fachbereichsrat auf seiner Sitzung vom 13. November 1981 die Arbeit mit der Note „ausreichend“ an. Die Dissertation von Iserlohs Assistentin Angelika Senge war zu einem Politikum geworden. Ihr Thema lautete: „Marxismus als atheistische Weltanschauung. Zum Stellenwert des Atheismus im Gefüge marxistischen Denkens“. Die Anfälligkeit für eine Hingabe an den Zeitgeist wird den Theologen nicht zu Unrecht nachgesagt. So entstehen Bücher, deren Titel schon nach wenigen Jahren Befremden oder Schmunzeln wecken, weil nicht nur ihr Inhalt, sondern bereits das Anliegen kaum mehr nachvollziehbar ist. Wie konnte Joseph Lortz im Jahr 1933 den Geist des Nationalsozialismus feiern? Wie konnte er verkünden, dass er „in wichtigen Dingen zu gleichen Zielen strebt wie die Kirche“? Wie konnte er „von dem Katholiken Adolf Hitler“ sprechen und der wissenschaftlichen „Erkenntnis grundlegender Verwandtschaften zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus“? Die Verführbarkeit des Geistes ist ein zentrales Thema der alttestamentlichen Prophetie. Der wahre Prophet schaut dem Volk aufs Maul, aber er redet ihm nicht nach dem Mund. Das gilt besonders für den Umgang mit den Herrschenden. Lortz war eitel. Sein Geltungsdrang machte ihn blind für die Wirklichkeit.

Iserlohs Generation hatte den Krieg erlebt und erlitten. Der Philosoph Hans Blumenberg, der im Münsteraner Schloss seine berühmten Vorlesungen zur „Arbeit am Mythos“ oder zur „Lesbarkeit der Welt“ hielt, hatte die Verfolgung in einem Verschlag unter dem Dach überlebt. Friedrich Ohly, Münsteraner Mediävist und Gründer der mittelalterlichen Bedeutungsforschung, wurde erst Mitte der Fünfziger Jahre aus der stalinistischen Lagerhaft entlassen. Diese Männer erlebten die Zeit der Studentenunruhen, die Sympathie für den Marxismus, den Lobpreis einer Einheit von Christentum und Sozialismus mit großem Befremden. Studenten stürmten und boykottierten die Vorlesungen, wollten über die Inhalte der Seminare mitbestimmen, bei der Besetzung der Lehrstühle oder der Bewertung von Prüfungsleistungen ein Mitspracherecht haben. Als Studenten eine Vorlesung von Hans Blumenberg stürmten, verließ er ohne Kommentar den Saal. „Ich sah in die gleichen Gesichter!“, sagte der Verfolgte des Naziregimes später.

Angelika Senge stand als Mitglied des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) auf der falschen politischen Seite. Der Fachbereichsrat der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster unterwarf die Arbeit einer ideologisch motivierten Zensur und forderte durch die Streichung des letzten Kapitels eine politisch korrekte Druckfassung. Unter der Überschrift „Marxistische Christen und christlicher Atheismus“ hatte sich Angelika Senge mit der Position der „Christen für den Sozialismus“ (CfS) auseinandergesetzt, zu deren Vordenkern Kuno Füssel gehörte. Er war der Assistent von Herbert Vorgrimler (1929-2014). Vorgrimler, seit 1972 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Münster, verriss auf der Sitzung des Fachbereichsrates die Arbeit in einer Weise, die Iserloh an die Verhöre der stalinistischen Schauprozesse und die verbalen Exzesse der Richter des Volksgerichtshofes erinnern musste. Vorgrimler behauptete, die Arbeit bleibe jeglichen Nachweis schuldig, biete keinen Erkenntnisfortschritt, nehme vom Forschungsstand kaum Notiz, argumentiere in einer neuscholastischen Art, um abschließend die Verfasserin persönlich zu diffamieren:

„Es fällt mir schwer, einer Annahme der Arbeit angesichts des offenkundigen intellektuellen und moralischen Unvermögens der Verfasserin zu einer konstruktiven Auseinandersetzung und zu einem wirklichen Erkenntnisfortschritt zuzustimmen. Aber ich versuche, ihre jahrelange Fleißarbeit an den Quellen zu würdigen und stimme darum – zögernd – der Annahme als theologischer Dissertation zu.“

Iserloh hatte in seinem sieben Seiten umfassenden Erstgutachten vom 16. September 1981 mit dem einleitenden Satz die brisante Fragestellung der Dissertation herausgestellt: „Vorliegende Arbeit untersucht die heute vielfach seitens marxistisch optierender Christen aufgestellte These, man könne und müsse den weltanschaulichen Gehalt des Marxismus trennen von seiner Gesellschaftsanalyse; man könne somit marxistische Theoreme übernehmen, ohne zugleich die Weltanschauung des dialektischen Materialismus rezipieren und Atheist werden zu müssen.“ Die Frage zielte auf das Selbstverständnis vieler marxistisch geprägter Richtungen der lateinamerikanischen „Theologie der Befreiuung“, und das Ergebnis der Untersuchung von Angelika Senge war der überzeugende Nachweis: „Der Atheismus ist zentraler Bestandteil der Marx’schen Lehre.“ Nach der damaligen Promotionsordnung legten die Erst- und Zweitgutachter einer Dissertation mit ihren Gutachten Bewertungsvorschläge vor, die zur Meinungsbildung in den zuständigen Gremien beitragen sollten, jedoch keineswegs bindend waren. Iserloh optierte für „sehr gut“, da die Verfasserin „in dieser Arbeit eine große Fähigkeit, einen vielschichtigen Stoff zu durchdringen und begrifflich zu erfassen und darzustellen“ zeige.

Iserloh hatte bereits Böses geahnt, als er am Freitag des 13. November 1981 im Zimmer des Dekans Peter Hünermann dem erregten Kollegen Vorgrimler begegnete. Der Termin war denkbar ungünstig gewählt worden. Iserloh stand unter Zeitdruck, weil er an diesem Tag noch einer Vortragsverpflichtung in Oldenburg nachkommen musste. Dann hörte er mit Schrecken, dass sich die Kollegen Wilhelm Weber (1925-1983) und Adel Theodor Khoury (*1930) für diese Sitzung entschuldig hatten. Der Dekan versuchte seine Sorgen zu zerstreuen: Es werde keine Probleme geben, schließlich hatte er selbst das Zweitgutachten mit der Note „gut“ geschrieben. Wie sich zeigen sollte, hatte er Vorgrimlers Entschiedenheit unterschätzt. Niemand hatte mit den Kanonaden Vorgrimlers gerechnet. Stumm und starr vor Erstaunen folgte der Fachbereichsrat den verbalen Exzessen und stimmte schließlich mit einer Stimme Mehrheit bei drei Enthaltungen dem Notenvorschlag „ausreichend“ zu. Da hatte Iserloh bereits die Sitzungen verlassen und saß im Zug nach Oldenburg.

Am Samstagmorgen telefonierte er mit Johann Baptist Metz (1928-2019). Der Gründer einer neuen politischen Theologe hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Metz war mit Iserloh durchaus nicht einer Meinung, die Art aber, wie hier mit einem Ordentlichen Professor umgegangen worden war, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Hier waren die Ehre eines Kollegen und des Dekans in einer Weise verletzt, die nicht hingenommen werden konnte. Geduld und Demut gehören zu den zentralen christlichen Tugenden. Die Bergpredigt preist sogar jene, die um des Himmelsreiches willen zu Unrecht verfolgt und gedemütigt werden. Doch gibt es auch einen Casus Confessiones, wo ein mutiges „Nein!“ gesprochen werden muss. So legte Iserloh beim Rektor der Universität Münster, dem Chemiker Werner Müller Warmuth, Widerspruch gegen den Beschluss des Fachbereichsrates ein. Durch verschiedene Gespräch mit dem Dekan Hünermann, so der Rektor, „war hier im Haus bekannt, dass im ersten Durchgang des Promotionsverfahrens von Frau Senge ein Widerspruch gegen die Entscheidung über die Annahme der Dissertation und deren Bewertung zu erwarten war. Ebenso bestand Einigkeit mit dem Dekan, dass einem solchen Widerspruch zumindest wegen der Mängel im Abstimmungsverfahren stattgegeben werden müsste.“

Vielleicht hatte Iserloh auch ein schlechtes Gewissen und gab dem Vorwurf seines Kollegen Bruno Schüller recht, er habe seine Doktorantin ins offene Messer laufen lassen. Schüller war besorgt um das Schicksal weiterer Doktorantinnen und erkundigte sich nach dem Thema von Barbara Hallensleben (*1957). Dass sie über Cajetan arbeitete, beruhigte ihn außerordentlich. Nicht zur Ruhe aber kam Wilhelm Weber (1925-1983), der Direktor des Instituts für christliche Sozialwissenschaften. Iserloh bat dringend um seine Anwesenheit auf der kommenden Sitzung des Fachbereichsrates vom 15. Januar 1981. „Auf dieser Sitzung wird, wie mir der Herr Dekan mitgeteilt hat, die Angelegenheit Senge neu beraten, weil die Entscheidung des früheren Fachbereichsrates aus rechtlichen Gründen ungültig ist; denn die Beschlüsse sind mit mehreren Stimmenthaltungen zustande gekommen, was bei Prüfungsentscheidungen unzulässig ist. Damit ist Gelegenheit gegeben, es zu besseren und gerechteren Beschlüssen kommen zu lassen.“

Wilhelm Weber sah sich „trotz meiner besonderen Wertschätzung von Frau Senge“ nicht in der Lage, an der Sitzung teilzunehmen. „Im übrigen befinde ich mich in einer starken psychischen Blockade gegenüber unseren Gremien, wie sie heute zusammengesetzt sind. In solch sensiblen Situationen, wie sie die Wiederaufnahme des Falles Senge mit sich bringen wird, kann und darf ich mich nicht einlassen. Dies ist ärztlicherseits und nach meinem Allgemeinbefinden stringent geboten.“ Wilhelm Weber hatte zuvor die Dissertation und Iserlohs Gutachten gelesen. Vor der Fachbereichskonferenz hatte er die Arbeit „nunmehr sehr eingehend studiert. Ich finde sie ausgezeichnet und Ihr Gutachten völlig zutreffend.“ Dass er sich dennoch außerstande sah, an der Konferenz teilzunehmen, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Klima in der Katholischen Theologischen Fakultät jener Jahre. Iserloh zeigte Verständnis für die Entscheidung des Kollegen, „vor allem, wo ich selbst merke, wie sehr eine solche Angelegenheit einen aufregt und weit über die betreffende Sitzung hinaus beschäftigt.“

Angelika Senge hatte in ein Wespennest gestochen. Peter Hünermann schrieb nun ein Gegengutachten gegen Vorgrimlers Behauptungen, der Fachbereichsrat tagte ein zweites Mal und setzte die Note auf „befriedigend“ hoch, verlangte aber noch immer die Streichung des sechsten Kapitels. Am 19. und 20. April 1982 fand das Rigorosum statt. Unter dem Beisitz von Barbara Hallensleben prüfte Iserloh das Fach Kirchengeschichte, Peter Hünermann Dogmatik und Adolf Exeler und Norbert Mette Pastoraltheologie. Das Ergebnis war „sehr gut“. Herbert Vorgrimler aber gab keine Ruhe. Iserloh lag schon zehn Jahre auf dem Domherrenfriedhof in unmittelbarer Nähe zu Kardinal von Galen, da polemisierte Vorgrimler noch immer gegen „Angelika Senge, eine besondere Freundin Iserlohs“, bereitete den Fall der „Iserloh-Freundin Angelika Senge“ noch einmal aus und verunglimpfte seinen ehemaligen Kollegen Iserloh:

„Er war ein harter und unfairer Prüfer und daher bei Studenten nicht beliebt. Um sie unter Kontrolle zu haben, fotografierte er seine Hörer: er wollte seine Prüfungskandidaten sieben. Ob er Rahner und Metz das Echo bei den Studenten neidete? Zur Zeit meiner Berufung sprach er wiederholt öffentlich davon, die ‚Rahnerei’ müsse ein Ende haben. Bei Bischof Tenhumberg war er höchst einflussreich. Er huldigte einem alttestamentlichen Spruch, man müsse die Füchse totschlagen, solange sie klein sind und den Weinberg des Herrn noch nicht verwüsten können (Hld 2,15), und so setzte er bei Tenhumberg eine regelrechte Assistentenverfolgung durch. Nach seiner Emeritierung litt er an Altersdemenz. Die Feindschaft war zu Ende. Bei einem Fakultätsausflug nach Kloster Gerleve am 20. Juni 1991 hakte er sich an meinem Arm ein, so vereint gingen wir durch die Felder zur Gaststätte ‚Bakenfelder’. Bischof Lettmann schrieb in der Todesanzeige 1996, er sei, durch die Krankheit geläutert, ‚zunehmend geduldig und freundlich’ geworden. Eine viel sagende Formulierung!“ Auch gegenüber dem früh verstorbenen Kollegen Wilhelm Weber polemisierte Herbert Vorgrimler: „Ohne Kenntnis der Verhältnisse und ohne Notwendigkeit griff er die Befreiungstheologie in Lateinamerika in den Vorlesungen auf das schärfste an; das kam auch in einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit mir zum Ausdruck, in der er argumentativ unterlag. Auch er starb an einem Herzinfarkt.“ Zwei Jahre nach dem „Fall Senge“ war auch der Religionspädagoge und Pastoraltheologe Adolf Exeler (1926-1983) einem Herzleiden erlegen. Vorgrimler lebte mit Sigrid Loersch, wie man damals sagte, in „wilder Ehe“. Als er für seine Lebensgefährtin eine feste Anstellung an der Katholisch Theologischen Fakultät durchsetzen wollte, stieß er auf den Widerstand von Adolf Exeler. „Er sagte zu Sigrid, in seiner Stellungnahme gegen sie werde er zum höchsten Gericht gehen. Dieser Wunsch wurde ihm durch einen Herzinfakt erfüllt.“ Peter Hünermann war 1982 einem Ruf nach Freiburg gefolgt. Ihm rief Vorgrimler hinterher: „Hünermann hatte Angst vor Konkurrenz, weil er bei den meisten Studenten nicht ankam.“

 

 

 

 

 

Der geöffnete Himmel

 

"Sie ist ohne Zweifel eine der größten Seherinnen aller Zeiten."

(Patrick Catry über Adrienne von Speyr)

 


Mit der Konversion an Allerheiligen 1940 erreichte die Basler Ärztin Adrienne von Speyr (1902-1967) ihre himmlische Bestimmung. So sah es Hans Urs von Balthasar (1905-1988) und stellte sich in den Dienst einer doppelten Sendung. In über sechzig Büchern kommentierte die Mystikerin die Bibel und die Gebetshaltungen der Heiligen. Sie hatte Visionen von Himmel, Fegefeuer und Hölle. Ihr Leben war voller Wunder: Stigmata, Levitationen, Bilokationen, Zungenreden, Heilungen, Exorzismen und sogar eine Totenauferweckung sollten den geöffneten Himmel bezeugen. Die Identifikation der Büßerin mit dem Gekreuzigten ging so weit, dass sie die Angst von Gethsemane, den Schrei der Gottesverlassenheit am Kreuz und die Höllenfahrt immer wieder nacherlebte. Ihr freiwilliges Leiden deutete sie als Sühnopfer. Hans Urs von Balthasar protokollierte die Gesichte, redigierte den Text und edierte ihn in verschiedenen Themenkomplexen zu einer Karsamstagstheologie.

 

Wie Clemens von Brentano am Krankenbett der Anna-Katharina Emmerick, so wusste sich auch Balthasar berufen zum Zeugen einer gewaltigen Schau. Die Privatoffenbarungen der Adrienne von Speyr haben einen Umfang von über 60000 Seiten. Sie sind unüberschaubar wie das Delta des Nils oder die mäandernden sibirischen Flüsse. Ein Mozart, dessen Werk Hans Urs von Balthasar zu großen Teilen auswendig spielen konnte, hätte aus dieser Polyphonie der Offenbarungen vielleicht eine neue „Zauberflöte“ komponiert, ein Oliver Sacks den Roman einer spirituellen Grenzgängerin zwischen Genie und Wahnsinn, ein Paul Claudel das Drama der Hölle des 20. Jahrhunderts, das Edith Stein erleben musste. Die Karmeliterin gehörte zu den Freundinnen des Wiener Psychiaters Rudolf Allers. Beide waren jüdische Konvertiten. Edith Stein wohnte später in jenem Gästezimmer des Spezialisten für „Abnorme Welten“, in dem der junge Student Balthasar eine prägende Zeit erlebt hatte. „Meinem geliebten Freude Rudolf Allers“ widmete er seine germanistische Dissertation.

 

Der Jesuit und Studentenseelsorger Balthasar sprach von einer Doppelsendung wie sie in Geschichte der Kirche gelegentlich vorkommt: Johannes von Kreuz und Teresa von Avila oder Franz von Sales und Jeannes de Chantal. Urbild dieser Doppelsendungen waren für ihn Maria und der Lieblingsjünger Johannes, nach dem er den Johannesverlag und das Säkularinstitut der Johannesgemeinschaft benannte. Mit diesen Gründungen glaubte er auf die Krise der Kirche reagieren zu können. Inspiriert von Søren Kierkegaard setzte er auf den Einzelnen. Als ihm sein Orden die Anerkennung der Privatoffenbarungen verweigerte, verließ der theologische Schriftsteller die Gründung des Heiligen Ignatius. Der „Sanctus Pater Noster" (SPN), wie er in den Visionen genannt wird, habe ihn zu einer Ordensreform berufen, einer Art verborgenes Kloster in der Welt für die spirituelle Elite.

 

Adrienne von Speyr stammte aus einer Arztfamilie. Ihr Onkel leitete die psychiatrische Klinik Waldau in Bern. Hier verbrachte sie unter den Kranken die Ferien mit Schrecken und Faszination. Sie war ein sehr spezielles Kind. Von ihrer Mutter fühlte sie sich abgelehnt. „Bub-Mädchen“ oder „verfehlter Bub“ wurde sie genannt, und immer wieder musste sie aus ihrem Mund hören: „Du bist wirklich unerträglich.“ In der Schule gilt sie als „schwatzhaft“. Balthasar hat diese Kindheit durch Rückversetzungen mit Hilfe der Hypnose in schonungsloser Offenheit rekonstruiert. Auch in der Dokumentation der letzten Lebensjahre, der zum Pflegefall gewordenen Visionärin, wird er kein medizinisches Detail der Leidensgeschichte übergehen.

 

Die junge Studentin der Medizin kommt in engen Kontakt zur Basler Prominenz, dem „Teig“ wie es rund um den Münsterplatz heisst. Bei einem gemeinsamen Wanderurlaub in den Bergen wird sie mit dem Witwer Emil Dürr verkuppelt. Die Trauung findet auf dem Gelände der Waldau statt. Zu den geladenen Gästen gehören auch die Patienten der Klinik. Tanzend folgen sie dem Brautpaar. Der Berner Organist Ernst Graf begleitet die evangelische Trauung an der Orgel der Anstalt. Jahre später wird er sich an seiner Orgel erhängen. Als Emil Dürr bei einem Trambahn-Unfall ums Leben kommt, heiratet Adrienne seinen Nachfolger auf dem Basler Lehrstuhl, den Historiker Werner Kaegi. Ein Mitglied des George-Kreise führt schließlich den Studentenseelsorger und die Ärztin zusammen. Nach seiner Trennung vom Jesuitenorden bezieht Balthasar ein Zimmer im Hause Kaegi. Diese räumliche Nähe erleichtert das Anfertigen der Protokolle und später die Pflege der schwer erkrankten Seherin.

 

Balthasar gilt vielen als der bedeutendste Theologe des 20. Jahrhunderts. Kardinal Ratzinger nannte ihn den „vielleicht gebildetsten Menschen unserer Zeit“. 1984 wurde sein Werk mit dem Paul VI. Preis geehrt. Auf Wunsch von Johannes Paul II. fand 1985 in Rom ein Symposion über das geniale Paar statt. Drei Jahre später würdigte der Heilige Vater das Werk des Universalgelehrten durch seine Erhebung in den Kreis der Kardinäle. Diese konnte nicht mehr vollzogen werden, weil der Geehrte unmittelbar vor seiner Romreise starb.

 

Seitdem ist es still um den großen Mann geworden. Die Lektüre seines wissenschaftlichen Werkes setzt beim Leser eine gründliche Vertrautheit mit den Kirchenvätern und der abendländischen Geistesgeschichte voraus. Der Traditionsbruch aber hat sich inzwischen zu einem Traditionsloch erweitert. Balthasar setzte auf die Bildung einer kommenden katholischen Elite. „Der Haufen entscheidet nie“, wusste er und „von der Masse erwarte ich gar nichts“. Sein Credo ist zur Zeit nicht mehr zeitgemäss: „Ich glaube, dass Einzelne das Geschick der Welt entscheiden.“ Seine Karsamstagstheologie mit ihrer radikalen Nachfolge Jesu und seine Leidensmystik antworten auf die Kreuzeserfahrungen in den Höllen des 20. Jahrhunderts. Aber Schuld, Sünde, Buße, Sühne und Vergebung werden nicht mehr im Kontext der christlichen Mitte erfahren. Die Gegenwart hat keinen Zugang zu der visionären Welt der Adrienne von Speyr. Auch die Kirche hält es mit einem berühmten Wort von Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.“

 

Hans Urs von Balthasar ging es um letzte Haltungen. Der Ungeduldige war bei aller gelegentlichen Rücksichtslosigkeit im Menschlichen und verlegerischen Geschäftigkeit um die langfristige Wirkung seiner Bücher recht unbekümmert. Der junge Studentenseelsorger hatte noch den Eifer des Konvertitenmachers. In einer Art doppelter Strategie versuchen Adrienne und er den reformierten Startheologen Karl Barth für die katholische Kirche zu gewinnen. Sie durch nächtliche Bussübungen auf dem nackten Boden, er durch den wissenschaftlichen Austausch und eine Monographie. Barth lebte mit Frau, Kindern und der Geliebten in einem Haus. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Schließlich, so Adrienne von Speyr, soll der Heilige Ignatius mit einer direkten Anweisung vom Himmel das Unternehmen gestoppt haben: „Ignatius gibt Anweisungen, wie Karl Barth zu behandeln sei. Man sollte nicht mehr auf seine Konversion warten, er habe so viel Gnade gehabt und habe sie immer wieder verscherzt.“

 

In Adriennes Welt geht es manchmal allzu vertraulich zu, besonders wenn Engel und die Muttergottes auftreten. Doch verbietet sich ein vorschnelles Urteil über Ereignisse zwischen Himmel und Erde, die weit jenseits alltäglicher Erfahrungen liegen. Vieles erscheint auf den ersten Blick absurd, und der Leser meint das Berichtete mit einem spöttischen Lächeln abwehren zu können. Doch selbst die in der Geschichte der Wunder beispiellose Erfahrung einer „Involution des ganzen Ehelebens Adriennes. Ihre Jungfräulichkeit soll wiederhergestellt werden“ führt tief in Probleme der Seelsorge. Ob diese Beichtgeheimnisse in die Öffentlichkeit gehören, ist eine der vielen Fragen an die Doppelsendung.

 

 

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"Es ging ihm um die Heilung der Augen des Herzens, um das Sehendwerden für das Eigentliche:

für Grund und Ziel der Welt und unseres Lebens, für den lebendigen Gott."

 

(Joseph Kardinal Ratzinger in seiner Abdankungsrede

"Ein Mann der Kirche in der Welt"

auf Hans Urs von Balthasar

beim Requiem in der Hofkirche von Luzern.)

 

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"Sehen Sie, Sie geben meinem Erleben immer einen so schönen Sinn;

Sie erfassen es so unendlich viel besser als ich,

und es ist mir so, dass Ihre Führung das Erlebte für mich sinn- und gnadenvoll gestaltet."

 

(3. April 1941, Nachlass VIII. 34)

 

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"Die grenzenlose Liebe, die ich in diesen Jahren zu Ignatius bekommen habe.

Für ihn gehe ich ins Feuer, für ihn trete ich gern aus seinem Orden aus,

wenn es ihm Spaß macht, d.h. wenn es in seinen Plänen zur größeren Ehre Gottes liegt."

(Sommer 1946, Nachlass IX. 197f.)

 

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"Das Ganze ist so peinlich."

(Nachlass IX. 252)

 

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"Die Absolutsetzung 'Inspiration' gegen äußeren Gehorsam ist unkirchlich."

(1. Juli 1948, Nachlass IX.465)

 

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"Das letzte Geheimnis der Sünde bleibt in Gott verborgen:

er hat die Welt geschaffen, in der es die Versuchung gibt."

(Unser Auftrag 165)

 

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"A. antwortet auf eine Frage:

Nein, die Therese Neumann habe ich nie angetroffen."

(1963, Nachlass III. 403)

 

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"Katharina Emmerich hat angeblich das Leben des Herrn in Visionen erlebt.

(...) Selbst wenn diese Visionen echt sind, sind sie großenteils steril.

Das meiste von dem, was gezeigt wird, ist ziemlich gleichgültig.

(...) So besteht der Verdacht, dass sie sich selbst in das Bild hineinprojeziert.

In der wahren Vison verliert man den Kontakt mit dem Alltag,

man wird in eine andere Wahrheit, die der Vision hinein, fortgerissen."

(Nachlass IV. 382)

 

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Ein Gespräch mit Hans Urs von Balthasar:

 

https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/hans-urs-von-balthasar-wuchtig-kantig-und-eigenwillig-art-189743

 

Hätten Franz und Klara von Assisi Mundbinden getragen?

 

 

Sie waren gewiss kein Liebespaar, wie der suspendierte Priester Adolf Holl einst über die beiden Kinder aus reichen Elternhäusern behauptete. Sie feierten auch nicht als mittelalterliche Aussteiger das „Fest ohne Ende“ bei dem „alle Glieder mitgerissen werden von den Verheißungen des Himmels“ wie Anton Rotzetter glaubte. Das ist Theologie der Siebziger Jahre aus jenem Zeitgeist, der in immer neuen Gewandungen die Gestalt der Heiligen bis zur Unkenntlichkeit verhüllt. Franz und Klara waren keine Propagandisten des Heilfastens, Umweltapostel oder Tierschützer. Franz von Assisi (1181/2-1226) liebte die große Geste mit ihren Symbolhandlungen. Er predigte den Vögeln. Er bekehrte den Wolf zu einem Leben nach dem franziskanischen Armutsideal. Doch war die Haltung von Tieren in den franziskanischen Klöstern verpönt. Als er im Wald von Greccio das Weihnachtsfest inszenierte, hatte er kein bürgerliches Familienidyll vor Augen, sondern das Modell einer neuen heiligen Familie.

Beide waren entschiedene Menschen, die ohne Rücksicht auf familiäre Erwartungen und gesellschaftliche Konventionen ein radikales Leben in der Nachfolge Jesu führen wollten. Ihr hohes und unerschütterliches Sendungsbewusstsein machte sie zum Martyrium bereit. Sie lebten in einer Zeit der Krise, wo „die Sehkraft des Glaubens dunkel geworden“ war. Mit diesem apokalyptischen Blick auf eine „greisenhaft gewordene, absterbende Welt“ eröffnet Thomas von Celano seine Biographie der heiligen Klara (1193/4-1252).

Klara beherrschte die lateinische Sprache in Wort und Schrift wie ihre Korrespondenz mit der böhmischen Königstochter Agnes von Prag belegt. Aufgewachsen im ritterlichen Stadtpalast ihres Vaters, tritt sie 1212 als Achtzehnjährige der Armutsbewegung des heiligen Franz bei. Ihre beiden Schwestern und ihre Mutter werden ihr nachfolgen. Die Mutter hatte eine gefährliche Pilgerreise ins Heilige Land überlebt. Sie besuchte Rom und das Michaelsheiligtum am Monte Gargano. Über den Vater berichten die Quellen nichts. Wohl aber über den väterlichen Clan. Klaras Aufbruch war ein gewaltiges Ärgernis für die Großfamilie. Erregung und Gewalttaten besonders gegen Klara und Agnes erinnern an Fehden zur Wiederherstellung der „Familienehre“, wie sie aus der muslimischen Welt berichtet werden. Onkel Monaldus will sogar seine Nichte Klara vor aller Öffentlichkeit ermorden. Nachdem sich die Gemüter beruhigt haben, werden die emanzipierten Frauen bei der kleinen Kirche von San Damiano Zuflucht finden.

Mit der Erneuerung dieser verfallenen frühromanischen Kirche hatte das Werk des Heiligen begonnen. An diesen Ort pflegte er sich in der Zeit seiner Lebenskrise zurückzuziehen und betete vor einem Christusbild um Erleuchtung des Herzens und ein Gespür für den Willen Gottes. Hier hatte ihn der Auferstandene selbst berufen und ihm zugleich seinen Weg der Nachfolge gewiesen: Die Kirche in der Krise braucht dich! „Geh’ und stelle mein Haus wieder her!“ Der Heilige hatte das Wort von der Renovierung wörtlich und symbolisch zugleich verstanden.

Franz hat viele Orte in Umbrien bereist, doch das Zentrum seiner Bewegung errichtete er direkt unterhalb seiner Vaterstadt, so dass es die Bürger auf dem Berg jederzeit vor Augen hatten. Was mochte Pietro di Bernardone gedacht haben, als er von hier oben auf das Werk seines Sohnes blickte? Hatte er die Renovierungsarbeiten an der Kirche als Provokation verstanden? War er noch wütend auf sein Kind, das sich vor aller Öffentlichkeit von ihm losgesagt hatte? Giotto hat auch diese berühmte Szene ins Bild gesetzt. Der Vater ist voller Zorn und will die Hand erheben, um seinen Sohn zu züchtigen. Kinder lesen Steine vom Boden auf. Sind es die Geschwister des Heiligen? Franz und Klara haben um des Reiches Gottes willen ihre Elternhäuser verlassen. Das ist über Jahrhunderte gepflegte biblische Tradition (Mth 19.29).

Wer hat je die schlaflosen Nächte Pietro di Bernardones beschrieben? Wer kennt die Verzweiflung, die Selbstvorwürfe, die Trauer in seiner Seele? Wer spricht von den Konflikten zwischen den Eltern und Geschwistern daheim, als der Älteste in dieser provokanten Weise das Vaterhaus für immer verlassen hatte? Der unbedingte Anspruch, den eigenen Weg zu gehen, dem geistigen Vater zu folgen, setzt sich kompromisslos über das Gebot, Mutter und Vater zu ehren, hinweg. Auch das beliebteste aller biblischen Gleichnisse wird für diesen Sohn nicht zur Richtschnur. Franz kehrt nicht mehr als verlorener Sohn ins Vaterhaus zurück. Er hat der ganzen Schöpfung Versöhnung gepredigt. Er glaubte, dass in jedem Menschen ein guter Kern steckt, in jedem Wolf ein Lamm, in jedem Räuber ein Bruder. Er hat in seinen Versöhnungswillen den Islam und das Reich der Natur einbezogen. Warum gibt es keine Nachricht, dass sich der Heilige mit seinem Vater versöhnt hätte?

Gerade in dieser antibürgerlichen Sperrigkeit liegt die Aktualität der beiden Heiligen. Auch wir erleben einen Abend der Zeit und sind von Endzeiterfahrungen bewegt. Jetzt liegt vor Augen, was bereits Søren Kierkegaard gegenüber der dänischen Staatskirche betonte. Christentum ist etwas anderes als bürgerliches Wohlbefinden. So wird im Prozess der Auflösung traditioneller Gemeinde- und Familienstrukturen das Fundament der Kirche wieder sichtbar. Die Schwestern und Brüder im Herrn wissen sich ihm im Altarsakrament verbunden. Die Heilige Klara ist eine eucharistische Heilige. Als muslimische Banden durch Italien zogen und auch ihr Kloster erobern wollten, ließ sich die schwer Erkrankte aus ihrer Zelle tragen. Den über den Mauer eindringenden Sarazenen hielt sie, unterstützt von dem Kaplan, das Ziborium mit dem Allerheiligsten entgegen. Gleich Bienenschwärmen, berichtet Thomas von Celano, seien die Bogenschützen eingedrungen. „Sie aber, die krank darniederlag, blieb furchtlos liegen und ließ sich zur Türe führen, vor die Feinde hinlegen und vor sich her ein silbernes, innen mit Elfenbein ausgelegtes Kästchen tragen.“ In ihm befand sich eine Kontaktreliquie von Christus. Im Januar 1220 hatten die ersten fünf Minderbrüder in Marokko das Martyrium erlitten. Auch Klara war zu diesem Opfer bereit. Aber das Wunder geschah: „Siehe, ohne Verzug, allsogleich war der Verwegenheit jener Hunde eine Schranke gesetzt und sie erbebten. Sie flohen schleunigst über die Mauern, die sie bestiegen hatten, und mußten der Macht der Beterin weichen.“

In Kardinal Hugolino, dem späteren Papst Gregor IX., hatte die franziskanische Bewegung einen Förderer. Katharer, Albigenser, Waldenser und andere Reformbewegungen ließen sich nicht in die Kirche integrieren. Gewiss hat die radikale Armutsbewegung der Bettelmönche durch diese Heimholung keinen Verlust an Substanz erlitten, wie immer wieder behauptet wurde. Ihr Impuls kam aus dem Ursprung und als Stimme des pilgernden Gottessohnes, der keinen Ort besaß, wo er sein Haupt betten konnte (Mth 8.20).

Franz und Klara wurden zwei Jahre nach ihrem Tod in einem „Blitzverfahren“ heiliggesprochen. Der Impuls aus ihrer Berufung durchdrang die Welt und brachte große Gestalten in den Orden der Franziskaner und Klarissen hervor. Dennoch dauerte es gut achthundert Jahre, bis ein Papst den Namen des sperrigen Heiligen wählte. Franz und Klara von Assisi hatten das Haus Gottes wieder hergestellt.

„Hütet euch davor, meine Söhne, diesen Ort jemals zu verlassen“, hatte der Sterbende in der Kirche von Portiunkula seinen Mitbrüdern aufgetragen. „Solltet ihr durch eine Tür hinausgetrieben werden, so geht durch die andere wieder hinein; denn dieser Ort ist wirklich heilig und die Wohnung Gottes.“ Es ist diese Widerständigkeit und Kompromisslosigkeit in letzten Fragen, dieser Mut zur Standhaftigkeit, der unserer Zeit fehlt. Von ihr spricht auch Thomas von Celano in seiner Biographie der heiligen Klara: „Es wuchs ihr Mut mit dem wachsenden Widerstand ihrer Verwandten und ihre von Unrecht gereizte Liebe steigerte ihr Kräfte.“

 

 

 

 

„Aber ich liebe die Frauen mehr. Darum lieben sie mich auch.“

Agnes Miegel

 

Die junge Agnes Miegel (1879-1964)

(Photo: Gottheil und Sohn Königsberg)

 

 

 

Helene Miegel (1858-1913), die Mutter der Dichterin, war mit sechs Jahren Vollwaise. Ihr Bruder nahm sich das Leben. Im Alter von 18 Jahren hatte sie als Rotkäppchen verkleidet den Silvesterball der Königsberger Kaufmannschaft besucht und hier ihren späteren Mann kennengelernt. Gustav Adolf Miegel (1838-1917) war zwanzig Jahre älter als sie. Agnes blieb ihr einziges Kind, nachdem ihr jüngerer Bruder bei der Geburt gestorben war.

Nach Abschluss einer Königsberger „Höheren Mädchenschule“ besuchte Agnes Miegel ein Mädchenpensionat in Weimar. Hier wurde ihr bewußt, dass sie ihr Leben nicht nach dem klassischen Rollenmuster der Zeit verbringen wollte. Sie suchte nicht die Versorgung durch eine Ehe, sondern die geistige Unabhängigkeit als Dichterin.

Der erste Gedichtband der 22-jährigen Agnes Miegel erscheint unter dem schlichten Titel „Gedichte“ (1901) im Cotta Verlag. Er wird durch ein Widmungsgedicht („Eva“) an eine jung verstorbene Freundin und die Klage der Liebesgöttin Venus („Die Statue“) eröffnet. Das produktive Erlebnis der schöpferischen Verwandlung von Schmerzes in Schönheit, versteht die junge Dichterin als „Wunder“ der Sprache. Diese Gabe des dichterischen Wortes mit seiner therapeutischen Kraft entdeckt bereits die Schülerin, als sie ein erstes Gedicht auf die verstorbene Freundin wie im Diktat empfängt. In der kleinen Skizze „Meine ersten Verse“ vergleicht die leidenschaftliche Tänzerin („Mädchenlied“, „Liebe“, „Das Tanzlied der Margarete von Valois“) das Schreiben mit der Leichtigkeit tänzerischer Bewegung:

„Oh, wie die Feder über das Papier lief! Wie sie tanzte zwischen blauem Tintenfaß und blauen Linien! Es war wie ein Zauber. Man war immer noch voll Trauer und Sehnsucht, gewiß, aber da war eine Freude, eine Freude, strahlender als Sonne, glühend in der eigenen kleinen Brust, wie Wort auf Wort sich formte, diese Sehnsucht zu sagen.“

Agnes Miegels dichterischer Impuls entzündete sich in der Berührung durch Frauenschicksale und Frauengestalten. Weit entfernt von Erbaulichkeit und romantischen Gefühlen offenbart sich in den Gedichten eine bedingungslose Hingabe an Leben und Liebe. Dabei erkundet sie mit feministischem Spürsinn Möglichkeiten eines radikal gelebten Frauenlebens in der Jahrhundertwende. Wohl deshalb empörte sich Peter Harden, ein früher Kritiker, über diese feministische Ästhetik: „Agnes Miegel jedoch stellt den weiblichen Körper aufs Piedestal, begeistert sich für seine sinnliche Schönheit“.

Noch heute wirken viele Gedichte kühn, wie etwa die Identifikation mit der Liebesgöttin der alten Sumerer („Wie Ischtar“):

 

„Leben - nimm mich selber hin, -
Ich habe nichts als mich nur hinzugeben, -
Mehr gab dir Ischtar selbst, die Göttin, nicht,
Da sie den Weg betrat, den niemand mehr
Jemals zurückgeht.“

 

Wie Agnes Miegel im Kontext der Frauenbewegung der Jahrhundertwende wahrgenommen wurde zeigt eine Würdigung in den „Sozialistischen Monatsheften - Internationale Revue des Sozialismus“ (Juni 1904). Ihr Autor Arthur Schulz (1878-1917) stammte aus der Memelniederung, studierte in Königsberg Rechts- und Staatswissenschaft, durfte aber wegen seiner sozialdemokratischen Tätigkeit das Referendariat in Ostpreußen nicht absolvieren. Schulz stellt Agnes Miegel ebenbürtig neben Stefan George und Hugo von Hofmannsthal und nennt sie „die begabteste Dichterin der jüngsten Generation“. Ihre Gedichte seien „nach Inhalt und Form unschätzbare Dokumente eines weiblichen und höchstpersönlichen Liebesgefühls“, das weit über allen Subjektivismus hinaus ins Überpersönliche verweist „wie hinübergerettete Klänge aus den eleusinischen Mysterien, die Stimmen des ungeborenen Lebens, das aus der innersten Tiefe des weiblichen Wesens zum Lichte der Sonne hindrängt“. Auch das Thema ihrer Balladen handele „zum grösseren Teil von dem seelischen Erleben und Erleiden der Frauen.“ „Das Leitmotiv all dieser Balladen ist eine gegen die Gitter und Schranken des grauen Daseins stürmisch andrängende Sehnsucht nach Schönheit, Grösse und Lebensfreude. Über ihre Verse liegt eine im Sinne Nietzsches dionysische Grundstimmung, wie trunkenes Sonnenlicht, gebreitet.“

Börries von Münchhausen (1874-1945) rühmte sich als Entdecker der jungen Dichterin. Er hatte erste Gedichte in seinem Göttinger Musenalmanch (1898) veröffentlicht und ohne ihr Einverständnis redigiert. Als Agnes Miegel ein Jahr später nach Berlin zieht, um hier am Kaiser-Friedrich-Krankenhaus eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester zu beginnen, kommt es zu einer Affäre. Bald entdeckt sie, dass Börries von Münchhausen weitere Beziehung zu Frauen und zu ihrer Freundin Lulu von Strauß und Torney hat.

„Wie ihr zusammen gewesen seid, weiß ich nicht“, schreibt Agnes Miegel an Lulu, um dann im Brief vom 19. März 1902 ein Bekenntnis abzulegen, das sie in vielen Variationen wiederholen wird: „Ich liebe die Menschen. Aber ich liebe die Frauen mehr. Darum lieben sie mich auch.“

Die Affäre zwischen Lulu und Börries war ebenfalls kurz gewesen und endete in einem unüberbietbaren Zynismus des Freiherrn, der am 21. Februar 1902 an Lulu schrieb:

„Bis jetzt haben Sie manches vom geschlechtslosen trockenen Jüngferchen an sich gehabt, und die Enge des Lebens hatte ihren 28 Jahren die Altjüngferlichkeit von 38 gegeben. Von jetzt ab sind Sie aber - neben der Freundin - auch ein Weib für mich. Ein Weib, eins von den Weibern, den vielen, die ich geküsst und umarmt habe. Glauben Sie mir: Es ist - auch vom Hofstandpunkt! - keine schlechte Gesellschaft!“

Diese Erfahrungen stürzen Agnes Miegel eine tiefe Krise. Will, kann sie überhaupt Männer lieben? Will sie eine Familie und Kinder haben? Kinderwunsch und heterosexuelle Beziehung sind damals noch nicht zu trennen, ein Kind adoptieren kann eine alleinstehende Frau nicht, bedauert Agnes Miegel: „Weißt Du, es ist eigentlich gemein, daß ein selbständiges weibliches Wesen kein Kind haben darf.“ (Brief vom 19. Juli 1902 an Lulu)

Im Herbst 1902 folgt Agnes Miegel ihrer Freundin Lise Marczinowski nach England, wo sie für einige Monate im Boarding House der Clifton High School junge Engländerinnen betreuen. Organisiert werden diese pädagogischen Einsätze von Helene Adelmann (1842-1915), einer bedeutenden Gestalt der deutschen Frauenbewegung. Mit ihrem Buch „Ratschläge für deutsche Erzieherinnen in England“ (1895) und durch die Gründung eines Vereins in London bereitet sie die jungen Lehrerinnen gewissenhaft auf ihren Einsatz vor. Im Heim der deutschen Lehrerinnen in London besucht Agnes Miegel Kurse bei Helene Adelmann und Magdalene Gaudian und geht damit die Verpflichtung ein, nach der Rückkehr das deutsche Lehrerexamen nachzuholen.

In Clifton nimmt sie Abschied von allen Kinderwünschen. Sie schreibt an Lulu (20. November 1902):

„Gesund bin ich unberufen sehr, und wenn es mir möglich wäre, ein Neutrum zu werden und nicht alle 4 Wochen daran erinnert zu werden, daß ich schwächeren Geschlechtes bin, so wäre ich perfectly happy. (…) Ich versteh nicht wie ich mir mal Kinder wünschen konnte - es ist zu unästhetisch, die Schmerzen gehen ja vorbei - aber neun Monate sich zum horreur - oder mit Schiller zu reden, mir nicht zur Freude, anderen zum Schrecken, herumgehn, nachher ein Junges werfen und zuletzt alt und faltig herumzupilgern und Windeln zu waschen - all das könnte ich nicht mehr, und schon der Gedanke daran könnte mich vom Heiraten auch des Erzengels Michael abbringen. Obwohl man eigentlich annehmen könnte, daß einem Erzengel sowohl solche Gedanken als auch die nun wie soll ich sagen: Werkzeuge, dazu abgehen.“

In dieser Zeit der Rollenfindung entdeckt sie Hermann Hesses Erstlingswerk „Romantische Lieder“ (1898). Sie spiegeln eine ambivalente Stimmung von Liebesverlangen und Einsamkeit, Heimweh und Todessehnsucht. Agnes Miegel bedankt sich für die „wundervollen Heimwehverse“ (26. Januar 1903) einer verwandten Seele. So beginnt ein Briefwechsel voller Fürsorge. Hesse erzählt von seinem baltischen Großvater, Landarzt in Paide/Estland und Gründer eines Waisenhauses und rückt damit seine Biographie in Nachbarschaft zu Ostpreußen. Doch Agnes Miegel klärt selbstbewusst die Beziehungsebene: „Ich freue mich eines äußerst gesunden Appetits und bin, was für eine versemachende Weiblichkeit ja beinah bedauerlich ist, ausgesprochen rundlich“, schreibt sie (8. Februar 1903). „Daß Sie vergnügt sind oder sein können, wäre mir sehr tröstlich zu hören; denn ich hatte ordentlich Bange für Sie, ich bin so gern vergnügt.“

Aus England schickt sie ihm im Februar 1903 ihre „Gedichte“ mit einem Widmungsgedicht, in dem sie ihre Seelenlage im Bild der verwelkenden Rose offenbart:

 

„Staub, Kinder, Lärm und Bettelnot
Und Pferdetrott und Sonnenbrand,
Und auf des schmutzgen Pflasters Rand
Lag halbverwelkt ein Röslein rot.

Gepflückt an ferner Gartenwand
Im Morgenschein, als Sommerzier,
Und starb nun arm und elend hier,
Im Großstadtstaub, am Straßenrand.“

 

Agnes Miegel und Hermann Hesse werden sich nie persönlich begegnen. Doch wird ihre Freundschaft über sechzig Jahre währen. Aus England zurückgekehrt will Agnes Miegel in Berlin das Lehrerinnenexamen ablegen (April 1904). Schwere gesundheitliche Probleme plagen sie. Sie glaubt zu erkennen, dass sie für den Lehrberuf nicht geschaffen ist. Ohne Abschluss kehrt sie in die elterliche Wohnung nach Königsberg zurück. Im April 1906 besucht sie die „Maidenschule zur landwirtschaftlichen Ausbildung“, eine wirtschaftliche Frauenschule in München-Geiselgasteig und wird auch diese Ausbildung nicht abschließen. Im Herbst 1906 kehrt sie für immer nach Königsberg zurück. Die Eltern brauchen ihre Hilfe.

Die zweite Geburt hatte bei Helene Miegel einen schweren manisch-depressiven Schub ausgelöst. Er kehrte in Steigerungen periodisch wieder. Agnes Miegel verzichtete auf berufliche Selbständigkeit und begibt sich wieder in die Abhängigkeit von den Eltern, um ihre Mutter in häuslicher Pflege begleiten zu können. Helene Miegel starb in geistiger Umnachtung in der Provinzial-Heil-und-Pflegeanstalt Kortau. Nach dem Tod der Mutter beugt sich Agnes Miegel, selbst seit früher Kindheit immer wieder von schwerer Krankheit aus der Bahn geworfen, den Rollenerwartungen und betreut über viele Jahre ihren pflegebedürftigen erblindeten Vater. Erst nach seinem Tod wird sie frei für ein selbstbestimmtes Leben an der Seite einer Frau.

Elise Schmidt (1896-1972) zieht in ihre Königsberger Wohnung. Die junge Frau stammt von der Küste des Baltischen Meeres, die Agnes Miegel wie die Kurische Nehrung seit früher Kindheit liebte und oft besuchte. In der Zeit des Einzugs der Lebensgefährtin schrieb sie das berühmte Gedicht über das Ostseebad „Cranz“. Ein Bild weiblicher Geborgenheit („im warmen Schoß“) voller Lebensfreude unter Frauen („Meeres Töchter“):

 

„An dieser Bucht hab ich als Kind gespielt,
Der Sand war sonndurchglüht und weich und warm.
Geborgen wie in einer Greisin Arm
Lag ich am Hang der Düne.

Drunten hielt
Schnaubend der Brandung schäumendes Gespann.
Auf flockig weiße Mähnen schien das Licht.
Und manchmal sahn, mit triefendem Gesicht
Grünäugig mich des Meeres Töchter an,
Und warfen Muscheln an den Strand und Tang
Und duckten jäh mit schrillem Möwenschrei.
Der feuchte Seewind strich an mir vorbei.
Ich aber lag geborgen an dem Hang
Der weißen Düne. In den Sand gekrallt
So wie ein Kätzchen liegt im warmen Schoß.
Und wohlig blinzelnd und gedankenlos
Spürt ich, sie wacht:
heilig, vertraut, uralt.“

 


Fast 46 Jahre wird diese glückliche Partnerschaft dauernd. 1955 wird Agnes Miegel ihre Freundin adoptieren, was damals wohl der einzige Weg einer juristisch legitimierten gleichgeschlechtlichen Beziehung war.

An der Seite ihrer Frau fühlt sich Agnes Miegel zu neuer dichterischer und journalistischer Arbeit befreit. Es folgen Jahre hoher Produktivität und zahlreicher Anerkennungen. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu Kants 200. Geburtstag wurde Agnes Miegel Ehrendoktorin der Albertina. Die Verleihung der philosophischen Ehrendoktorwürde an eine Frau, die zudem weder Abitur noch Studium vorzuweisen hatte, war eine ungewöhnliche Auszeichnung. Anlässlich des 50. Geburtstages am 9. März 1929 erhält sie das freie Wohnrecht in einer neuen, größeren Wohnung.

Nach der Machtergreifung arrangiert sich Agnes Miegel aus geopolitischen Gründen mit den Nationalsozialisten. Als Folge des Versailler Vertrages sind Königsberg und Ostpreußen vom Deutschen Reich durch einen Korridor getrennt. Dieses Lebensgefühl der Isolation wird durch die unmittelbare Grenze und das durchaus berechtigte Gefühl der Bedrohung durch die Sowjetunion mit ihren System der stalinistischen Lager gesteigert. Spät, im zweiten Kriegsjahr 1940 und nach der Besetzung des Baltikums durch die Rote Armee, tritt sie in die Partei ein. Wie Anna Achmatova wird sie das Requiem dieser apokalyptischen Zeit dichten („Abschied von Königsberg“, „Wagen an Wagen“, „Zum Gedächtnis der Tiere“).

In den Nächten vom 26./27. und 29./30. August 1944 wird Königsberg durch britische Bomber in ein Flammenmeer verwandelt. Ende Oktober ziehen endlose Flüchtlingstrecks durch die Stadt. Die Angst vor den Russen ist mehr als berechtigt wie die Eroberung Königsbergs durch Stalins Armee zeigen wird. Sie hat auch die Menschen in Schweden ergriffen. Am 6. Februar 1944 notiert Astrid Lindgren in ihr Tagebuch: „Die Russen sind nun beinahe bis zur estnischen Grenze vorgedrungen und die Esten fliehen in Scharen. Nach Finnland und Schweden. Viele kommen in kleinen Booten auf Gotland an. Alles lieber, als den Russen in die Hände zu fallen.“ (Lindgren 367)

„Alle Leute sind wie vom Fieber geschüttelt, aus Angst vor Russen, Abwandern, martervoll Sterben. Alles packt und schleppt, - selbst in ruhigsten Friedenszeiten könnte die Bahn so viel Gepäck in Monaten nicht bewältigen - jetzt verstopft es die Bahnsteige, die Hallen - und hindert alles - Es ist wie eine Massenpsychose, Gott bewahre einen, da rein zu geraten“, schreibt Agnes Miegel am 30. Oktober 1944 an Ina Seidel.

Am 26. Januar 1945 beginnt die Beschießung der Stadt. Am 27. Februar werden Teile der Bevölkerung evakuiert, unter ihnen Agnes Miegel und ihre Lebengefährtin. Für zwei Jahre finden sie Aufnahme in dem dänischen Flüchtlingslager Oksbøl. Dann ziehen sie nach Niedersachsen. Hier beziehen Agnes Miegel und Elise Schmidt die untere Etage eines Haus in Bad Nenndorf. 17 Jahre liegen zwischen den Lebensaltern der Frauen als die nächste Generation in ihr Leben tritt. Heimgart von Hingst (1922-1978) arbeitet als Schulsekretärin und wird nach Agnes Miegels Tod den Nachlass betreuen und ins Deutsche Literaturarchiv Marbach überführen.

In einem Verfahren vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss Hannover wird Agnes Miegel am 12. Februar 1949 freigesprochen. Noch lange über ihren Tod hinaus wurde sie besonders von Frauen viel gelesen. Agnes Miegels Werk erhält zahlreiche Auszeichnungen. Politiker wie Theodor Heuss oder Willy Brandt lassen sich gerne neben ihr ablichten. 1979 ehrt die Bundespost ihr Gedenken durch eine Briefmarke.

35 Jahre später beginnt eine Demontage, die Formen des Rufmordes und der Auslöschung der Erinnerung („damnatio memoriae“) annimmt. Dabei wurde besonders betont, dass Agnes Miegels Name auf der Liste jener Künstlerinnen und Künstler stand, die als unabkömmlich galten und deshalb von Kriegs- und Arbeitsdienst freigestellt wurden. Diese Liste der sogenannten „Gottbegnadeten“ (BArch R 55/20252a) ist öffentlich zugänglich. Sie nennt 1200 Personen, 30 Orchester und Kapellen, drei Chöre und vier Quartette.

Hier finden sich Namen von deutschen Künstlerinnen und Künstlern wie: Hans Carossa, Gerhardt Hauptmann, Richard Strauss, Carl Orff, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Hans Knappersbusch, Walter Gieseking, Wilhelm Kempff, Lina Carstens, Paula Wessely, Willy Birgel, Beppo Brem, O.W. Fischer, Willy Fritsch, Gustav Fröhlich, Gustav Knuth, Viktor de Kowa, Theo Lingen, Bernhard Minetti oder Heinz Rühmann.

 

 

Es ist daher Luise F. Puschs Urteil über Agnes Miegel entschieden zuzustimmen:

„Da war die große Gemeinde von AnhängerInnen der “Mutter Ostpreußen”, die 1945 als 66jährige aus ihrer Heimat fliehen musste und schließlich über ein Flüchtlingslager in Dänemark nach Bad Nenndorf in Niedersachsen kam, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Da waren auf der anderen Seite die GegnerInnen, die dafür kämpften, dass Agnes-Miegel-Straßen und Agnes-Miegel-Schulen umbenannt wurden, weil die Miegel eine Nazidichterin gewesen sei, so hoch geschätzt von den Nazis, dass sie auf deren “Gottbegnadetenliste” landete, wie auch Furtwängler, Richard Strauß, Elisabeth Flickenschildt, Ina Seidel, Gerhart Hauptmann und viele andere.
 
Ich kann nicht sagen, dass ich in Werk und Leben der Dichterin bisher allzu tief eindringen konnte, und kann also nicht gut mitreden. Aber es ist mir verdächtig, dass so viele männliche Nazis nach dem Krieg ihre hohen Funktionen als Juristen, Chefärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte weiter unbehindert und hochgeachtet ausüben konnten, während Agnes Miegel von einem Literaturbetrieb, der sich mit Gottfried Benns Nazi-Affinität nicht lange aufhielt, als Aussätzige behandelt wurde. Es erinnerte mich ungut an den Medienterror gegen Christa Wolf nach der Wende. Frauen eignen sich anscheinend besonders gut als Schuldabladeplatz.“

 

Agnes Miegel und ihr Werk ist es inzwischen still geworden. Eine Zeit des Vergessens schadet wahrer Dichtung niemals. Denn Miegels Gedichte liegen wie Perlen im Meer des kulturellen Gedächtnis’. Das Wahre, das Gute und Schöne ist unzerstörbar. Franz Lennartz nannte Agnes Miegel „die größte deutsche Balladendichterin seit der Droste-Hülshoff“ (Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts 1984) und Karl Ernst Knodt, ein früher Kritiker, sagte im altväterlichen Stil: „Der alte Fontane hätte an diesem Preussenmädchen seine besondere Freude haben müssen.“

 

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Literatur und Quellen

Werke (Auswahl)

Agnes Miegel. Gesammelte Werke. Band I-VI. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1952ff.

Agnes Miegel. Ostland. Gedichte. Diederichs Verlag. Jena 1940.


Agnes Miegel. Mein Bernsteinland und meine Stadt. Gräfe und Unzer Verlag. Königsberg 1944.

Agnes Miegel. Du aber bleibst in mir. Flüchtlingsgedichte. Hameln 1949.


Agnes Miegel. Alt-Königsberger Geschichten. Eingeleitet von Anni Piorreck. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1981.

Agnes Miegel. Gedichte aus dem Nachlaß. Hrsg. von Anni Piorreck. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1979.

 

Weiterführende Literatur (Auswahl)


Martin Kakies. Elche zwischen Meer und Memel. Hugo Bermühler Verlag. Berlin 1936.


Marianne Kopp. Agnes Miegel. Untersuchungen zur dichterischen Wirklichkeit in ihrem Werk. München 1988. (=Dissertation)

Marianne Kopp. Als ich nach Weimar in die Pension kam… Aus Briefen und Erinnerungen von Agnes Miegel über ihre Zeit im Mädchenpensionat 1894 bis 1896. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 2013-2015.


Marianne Kopp. Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung. Agnes Miegel an Lulu von Strauß und Torney. Briefe 1901 bis 1922. Maro Verlag. Augsburg 2009.

Marianne Kopp. Abschied von Königsberg. Zerstörung Königsbergs, Flucht, Flüchtlingsleben und Neubeginn. Agnes Miegels Lebensweg 1944-1953 dokumentiert in privaten Briefen. Jahresgabe 2017/2018 der Agnes-Miegel-Gesellschaft.

Astrid Lindgren. Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Berlin 2015.

Jürgen Manthey. Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. Hanser Verlag. München 2005.


Wilhelm Sahm. Geschichte der Pest in Ostpreußen. Leipzig 1905.
 

Uwe Wolff. Agnes Miegel lesen in der Quarantäne. Arnshaugk 2020.