Eintragung ins Gästebuch des "New Afghan Restaurant“ an der Pir Baba Road

(Der Bericht wurde im Sommer 1996 geschrieben)

 


„Inschallah. Wenn Gott will, wird unsere Maschine um 8.52 Uhr in Peshawar landen!“, bekennt die Stimme aus dem Bordlautsprecher. Und wenn Gott nicht will? Der Ruf des Muezzin hatte die schlaflose Nacht beendet. In den nördlichen Gebirgsdörfern von Chitral erklingt er im vielstimmigen Widerhall ebenso wie auf den Monitoren in den schwülen Wartehallen des Flughafens von Karashi. Allah ist groß, und überall in der muslimischen Welt beugen sich vor ihm die Herzen. „Islam“ bedeutet Hingabe an den Willen Gottes. Die Rhythmen des Tages und der Woche, des Jahres und der Jahrzehnte sind auf ihn ausgerichtet. Der alte Mann auf der Landstraße nach Mingora wirft sich zum Gebet in den Staub. Neben seinem Haupt rollt die Karawane der schweren Trucks. Wenn Gott will, kommt er unter die Räder. Beim Nachmittagsgebet wird die Kreuzung zum Ort des Gebetes, denn die Moschee kann die Zahl der Frommen nicht fassen. Der Angestellte unterbricht höflich das Gespräch, entschuldigt sich und geht für fünf Minuten zum Mittagsgebet.

„Bismillahir rahmanir rahim!“ Im Namen Gottes, des gnädigen, des Barmherzigen! Mit der ersten Sure des Heiligen Koran werden die Gäste der PIA (Pakistan International Airlines) auf dem Inlandflug vom indischen Ozean zu den Ausläufern des Karakorum begrüßt. Pakistani tragen Gebetskäppchen, Pathanen einen Turban auf dem Kopf. Frauen sind züchtig verschleiert. Sie kehren von einer Hochzeitsfeier zurück, wie die hennarote Färbung von Fingerspitzen und Fußsohlen der jugendlichen Mütter und ihrer Kinder zeigt. Übermüdet quengeln die Kleinen. Gelassen kümmert sich der Vater um die Töchter seiner beiden, offensichtlich überforderten Frauen.

Im staubigen Dunst von Peshawar tauchen endlose Siedlungen aus Lehmhütten und Zelten auf. Aus der urbanen Sicht von Lahore und Islamabad gehört die Grenzstadt am Kabul-Fluß zum „Wilden Westen“ Pakistans. Nicht nur wegen der drei Millionen afghanischen Flüchtlinge, die hier zum Teil in der zweiten Generation leben. Vor ihrem Elend hat die Welt die Augen geschlossen. In Peshawar gibt es keinen Tourismus, und auch die Eroberer von Alexander dem Großen bis zur britischen Koloninalmacht haben kein dauerhaftes Reich errichten können. Bedeutende Heiligtümer aus buddhistischer, hinduistischer und muslimischer Tradition, britische Festungen und Bewässerungssysteme zeugen von der wechselvollen Geschichte. Über den Khyber-Paß ist Peshawar mit Afghanistan verbunden. Wichtiger noch sind die Pässe und Pfade über die hohen Berge nach Nuristan und in die Ebene von Ghazni.

 

 

Am Khyber-Pass

 

Die von den Engländern gezogene Grenze zwischen Indien und Afghanistan (1893) ist künstlich. Denn von Peshawar bis in den Süden zieht sich das alte Stammesgebiet (Tribal Areas) der Pathanen mit seinen über 15 Millionen Einwohnern. Ausländer dürfen es offiziell nicht betreten, Pakistani nur mit einer Einreisegenehmigung. Hier herrschen eigene, uralte Stammesgesetze und ein Ehrencode, den es unter allen Umständen zu verteidigen gilt: Gastfreundschaft (melmastia) und Sippenehre (nang), Vergeltung bei Streitigkeiten bis zur Blutrache (badal), aber auch die Pflicht, dem Gegner Gnade zu gewähren, wenn dieser Unterwerfung signalisiert (nanwatai). Pashto ist die Sprache dieser Stammesgebiete. In ihr haben Dichter wie Khushal Khan Khattak (1613-1689), Kriegerpoet der Pathanen, den geistigen und militärischen Widerstand gegen die persisch sprechenden Mogulherrscher formiert, und noch heute lebt hier der Traum vom Land Pashtunistan, in dem der Nordwesten Pakistans mit dem Osten Afghanistans vereint ist. Wie überall in der indomuslimischen Kultur ist das Englische gemeinsames Verständigungsmittel. In den Basaren der Nordwestprovinz trifft man aber auch afghanische Teppichhändler mit guten deutschen Sprachkenntnissen. Unter Mohammed Zahir Shah (1914-2007), dem letzten König von Afghanistan, herrschte ein reger bildungspolitischer Austausch zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Universität Kabul. Nach dem Einmarsch der Roten Armee wurden Kontakte zu ostdeutschen Universitäten (Jena) gepflegt.

Abid Zareef Khan ist Pathane, Leiter einer Privatschule und stolzer Besitzer eines 26 Jahre alten VW-Käfers. Vierspurig brandet der Verkehr durch die Stadt. Zwischen überladenen Bussen und buntbemalten Motor Rikshas trotten Eselkarren und Wasserbüffelgespanne. Man ruft sich zu, schreit, schimpft, lacht und flucht. Die linke Hand am Steuer, die rechte auf der Hupe. Überholt wird kreuz und quer wie auf dem Jahrmarkt. Die schwarzweiß gemusterten Halstücher der Männer, in der Mittagsglut zum Abtupfen des Schweißes oder Schneuzen der Nase benutzt, dienen jetzt in der Abenddämmerung als Atemschutz. Der Polizist am Straßenrand trägt eine Atemmaske. Ein apokalyptisches Szenario wie aus einem expressionistischen Gedicht. Der Feueratem des Dämons legt einen Schleier aus Staub und Abgasen über seine Braut. Durch die verschmutzten Scheiben des Wagens ist nur wenig zu sehen. Abid reißt das Steuer nach links, um einem Kameltreiber und seinen Tieren auszuweichen. Die Sonne ist untergegangen. Trotzdem fahren die meisten Fahrzeuge ohne Licht oder haben wenigstens die Rückleuchten ausgeschaltet. Man glaubt auf diese Weise die Energie der Autobatterie zu sparen. Ja, das sei sehr gefährlich, kommentiert Abid. Jeden Moment könne ein Unfall passieren - Inschallah. Bodenwellen sollen den schnellen Verkehr bremsen. Doch niemand drosselt das Tempo. Wenn der Wagen über sie springt, lacht Abid; „German car is good for jumping!“ Und er zeigt stolz auf die Mitte des Lenkrades mit den Symbolen „Wolf“ und „Burg“.

Zwei Engel wolle er mir vorstellen, hatte Abid gesagt. An der großen Straße Nummer 5 nach Jalalabad rasten die Truckfahrer, wenn sie den Khyber-Paß glücklich passiert haben. Das typische Restaurant besteht hier aus einem großen offenen Raum ohne Mobilar. Mit dem Verzehr einer Mahlzeit erwirbt sich der Gast zugleich das Recht, auf einer der nackten Holzpritschen übernachten zu dürfen. Fünfzig Fernfahrer liegen nebeneinander ausgestreckt, richten ihre Blicke auf einen Fernsehapparat und genießen den Frieden Allahas. „Salam aley kum!“ Morgen schon können sie auf der Fahrt nach Kabul zwischen die Fronten geraten. Gekocht wird vor dem Restaurant. Aus einem Topf schöpft der Wirt Reis und füllt ihn in eine Plastiktüte. Scharfgewürztes Fleisch gibt er auf ein Schälchen. Der Bäcker holt aus dem Feuerloch im Boden nacheinander sechs runde Fladenbrote. Sie sind Grundnahrungsmittel und ersetzen als Esshilfe den Gebrauch von Messer und Gabel.

 

 

 

Swat Valley

 

Straße und Basar gehören zur Welt des Mannes. Hier geschieht alles öffentlich: die fromme Bezeugung des Glaubens wie die Geschäfte des Geldwechslers, das Ausweiden der Schlachttiere und das Mahlen der Gewürze. Der Dentist kramt in alten Gebissen und sucht für seinen Kunden einen passenden Zahnersatz, der Messerverkäufer demonstriert an einem Eisenpfahl die Schärfe der Schneide aus russischem Raketenstahl. Am Straßenrand arbeitet der Friseur, und der Schuster flickt einen Koffer. Aus der Presse fließt der Saft des Zuckerrohrs, während nebenan drei Männer hocken und in den Abwasserkanal urinieren. Hinter dem Schleier und der Haustür verborgen liegt die Welt der Frau. Hier legt sie den Chaddar ab. Er bedeckt bei Bedarf ihr Haupt und das Gesicht. Den Ganzschleier des Burqa mit der vergitterten Öffnung für die Augen wirft sie in glücklichen Augenblicken als Liebeszelt über das Haupt des Geliebten. Die Frau des Teppichhändlers stillt den Säugling in Gegenwart des Gastes. Wer es sich leisten kann, setzt auf sein Haus eine Dachterrasse mit hohen Mauern, damit die Frauen und Töchter den Blicken der männlichen Öffentlichkeit entzogen im Freien wandeln können. Auch wir sind im inneren Bezirk angekommen. „Meine Engel!“, sagt Abid. Dass die beiden Lehrerinnen dem Orden der Benediktiner angehören, ist ihnen äußerlich nicht anzusehen. Durch päpstlichen Dispens ist es auch ihnen erlaubt, Schleier und Ordensgewand abzulegen. Christen in Afghanistan und Pakistan führen ein Leben im Verborgenen.

Abid verteilt das Essen und schenkt Cola ein. Für östliche Technik und westliche Konsumgüter gibt es keine kulturellen, nationalen oder religiösen Grenzen. Noch in den letzten Dörfern des Karakorum und des Hindukusch steht neben der Moschee eine Werbung für Pepsi-Cola, und der afghanische Geschäftsmann hält beim Überqueren der Straße in der einen Hand das Handy, in der anderen seine Frau in der blauen Burqa. In Pakistan herrscht striktes Alkoholverbot. Weder in den Duty-Free Läden der Flughäfen noch in den Bars der großen Hotels ist er erhältlich. Doch hinter dem Schleier sind nicht nur schöne Frauen verborgen. Plötzlich steht eine Flasche Whiskey auf dem Tisch. Auch Abids Engel sprechen ihm zu, allerdings nicht ohne vor der Mahlzeit nach katholischem Brauch gebetet zu haben.

Den Genuß von Alkohol hatte der Prophet Muhammed (570-632) untersagt, nicht aber das Rauchen von Drogen. Deshalb begrüßen uns die Sufis beim Schrein des Chishti-Mystikers Abdur Rachman (1653-1711) mit einem Klümpchen schwarzen Afghanen. Es ist Donnerstagnacht. Bald beginnt Juma, der islamische Feiertag. Grund, durch Tanz und Musik in den Gesang der unsichtbaren Welt der Engel (jinn) einzustimmen. Nicht nur Perlen und weibliche Anmut weiß der Islam durch einen Schleier vor unberufenen Blicken zu schützen. Sag’ es niemand, nur dem Weisen: Denn wer wird dem biederen Frommen in der Moschee verraten, dass auch Gesang und Tanz ein Gebet sind? Der Mullah pocht auf den arabischen Urtext des Koran, der Mystiker aber sieht das Geheimnis Gottes auch in der Mitte der Rosenblüte und im aufsteigenden Duft des cardamomgewürzten Tees. Das Sichtbare kann dem Weisen Gleichnis des Unsichtbaren werden. Der Unwissende sieht nur den breiten Graben zwischen der westlichen und indomuslimischen Kultur. Der Wissende aber hört hinter den verschleierten Gottesbräuten Judentum, Christentum und Islam das gleiche Herz der Gottessehnsucht schlagen.

 

„Wer könnte wohl den Menschen Glauben geben?
Er schenkt den Glauben jedem Gläubigen.
Wer könnt’ zum Himmel von der Erde steigen?
Die Möglichkeit dazu gab Jesu Er.
Wer könnte sich mit Gott wohl unterreden?
Doch damit hat Er Moses hoch geehrt.“

 

Wenn der letzte Schleier fällt, was bleibt anderes als die Liebe? Von ihr sang Abdur Rachman, den die Pathanen zärtlich Baba (Vater) nennen. Ihm gehören diese Nacht und der kommende Tag. Südwestlich von Peshawar, inmitten eines riesigen Gräberfeldes, liegt sein neu restaurierter Schrein. Die Straße zum Heiligtum gilt als äußerst gefährlich, denn sie führt durch eine Region, in der Mörder, entflohene Häftlinge und Diebesgesindel ihr Unwesen treiben. Jederzeit könnten sie uns auf den unbeleuchteten Straßen durch eine Straßensperre stoppen, kommentiert Abid.

 

 

 

 Eine Welt hinter dem Schleier

 

Ohne Gottes Willen erreicht niemand sein Ziel. Wer hier ankommt, kann kein Fremder sein, gleichgültig, welche Sprache er spricht und in welchem Winkel der Erde er geboren wurde. Gott ist einer, und diese Welt ist eine. Deshalb begrüßt uns der Wächter vor dem umzäunten Heiligtum als Freunde und führt uns über den dunklen Pfad dem Gesang entgegen.

 

„Vor Ihm wirft sich die Erde betend nieder,
Der Himmel beugt sich im Gebet vor ihm.
Anbetend steht vor Ihm der Baum im Walde,
Ein jedes Gras ist Zunge seine Lobes.
In Seinem Lobpreis sind beständig alle,
Ob’s Engel sind, ob Geister, ob der Mensch.
Sein Lob verkündet jeder Fisch im Wasser,
Im Hain singt jeder Vogel seinen Preis.“

 

Auf einem überdachten Platz in der Mitte des Gartens sitzt der alte Sänger. Er hält die Augen geschlossen, denn die zweizeiligen Pashtoverse (landay) des litaneiartigen Gesanges (qawwali) stehen in seiner Seele geschrieben. Die königsblaue Farbe von Umhang und Turban kennzeichnen seinen Rang. Drei Musikanten begleiten ihn mit Schlaginstrumenten: einer Art Bongo und einer umgedrehten Waschschüssel, der schwebende Rhythmen entlockt werden. Im Sprechgesang rezitiert der Alte Rachman Babas Gottespoesie, seine Schüler wiederholen die Worte im schöpferischen Widerhall. So wurden durch Jahrtausende die großen religiösen Dichtungen der Menschheit von den Upanischaden bis zum Enuma Elisch tradiert, so memorieren Pakistans Kinder noch heute die arabischen Suren, die Muhammed einst aus dem Mund des Engels Gabriel vernahm. Das gesprochene Wort weist über die inhaltlichen Aussagen hinaus. Religiöse Sprache ist Magie. Deshalb wird auch der Gast vom Gesang des Alten ergriffen. Seine Schüler umgeben ihn in Kreisen. Unter ihnen Gesichter mit auffällig heller Hautfarbe. Die Verwandtschaft mit den Völkern Nordeuropas wird in Pashtunistan gerne betont. Die Jungen begleiten den Meister mit rhythmischem Händeklatschen. Zuweilen blitzt der Griff eines Revolvers unter ihren Gewändern hervor. Pathanen sind Waffenliebhaber. In Bannu, Kohat und besonders in Darra Adam Khel baut der Büchsenmacher innerhalb einer Woche jedes gewünschte Objekt nach. Auf Holzpritschen in der Hütte nebenan ruhen die Alten. Auch hier in der Küche (langar), die nach altem Brauch jedem Gast offensteht, ist die Luft vom süßlichen Duft des Rauschgiftes geschwängert. Tee kreist. Der Fremde wird eingeladen, in den innersten Kreis zu treten. Er legt die rechte Hand auf die Brust und bekundet mit leicht angedeuteter Verbeugung seinen Dank für die Ehre.

 

„Im Namen meines Gottes will ich singen“

 

Jeden Tag rufe Rachman Baba seine Seele, bekennt der fünfundsiebzig Jahre alte Sänger Painda Khan. Solle er zwei Tage hintereinander nicht an diesem Ort erscheinen, mögen die Freunde zu ihm auf den Hof kommen, denn er sei dann gewiß bettlägerig. Da aber die Nähe eines Heiligen Gesundheit an Seele und Leib schenkt, war Painda Khan noch nie krank gewesen. Das Rad des Pfaus ist Symbol der Ganzheit, der Einheit in der Vielfalt der Farben und Formen. Muhammeds Pferd Buraq trug einen Pfauenschweif. „Pfau“ nannte sich ein Jünger Rachman Babas. Vor dem Betreten des umzäunten Grabes zieht der Besucher wie in einer Moschee die Schuhe aus und legt sie mit den Sohlen aneinander. Eine Almosenbüchse erinnert an die heilige Pflicht (zakat). Oben im hohen Baum über dem Grab wacht ein echter Pfau. Die Seele des Verstorbenen sei in ihm, heißt es.

 

 

Mädchen in Saidu-Sharif

 

In Saidu-Sharif (Swat-Tal), nordwestlich von Peshawar, wird Hochzeit gefeiert. Ob im Flugzeug oder Hotel: die Reste der Mahlzeit werden auf den Teppichboden geworfen. Dieses Hochzeitsbankett muß üppig und die Gesellschaft sehr zufrieden gewesen sein, wie die zahlreichen Speisereste auf dem Boden des Hotel Royal Palace signalisieren. Jetzt bewegen sich zwei Tänzerinnen lasziv im Kreis der Männer. Bleiben sie mit kreisenden Hüftbewegungen vor einem stehen, darf dieser mit Hilfe seiner Freunde einen Tanz „kaufen“. Aus dicken Bündeln lassen sie Geldscheine über dem Kopf der Frau regnen. Wenn diese Bereitschaft signalisiert, springt der Mann von seinem Sitzplatz auf. Die anderen begleiten das Geschehen mit schrillen Lustschreien und Klatschen. Allah ist ein sittenstrenger Gott. Doch hier bricht noch einmal uraltes Erbe hervor. Ischtar läßt die Männer tanzen, und der Bräutigam folgt ihren Reizen mit eindeutiger Bewegung des Unterleibes.

Die Pubertät fordert strikte Geschlechtertrennung. Das Mädchen verschwindet hinter dem Schleier. Anders als bei Kindern und Männern gilt das Photographieren von Frauen als obszön. Deshalb hat der Tanz im grellen Scheinwerferlicht der Videokamera einen besonderen Reiz. Die Inszenierung ist nicht ohne symbolische Funktion: Hier die Huren mit langem offenen Haar und nacktem Bauch, dort im separierten Raum die weiblichen Hochzeitsgäste mit der Jungfrau. Die Mädchen hatten meine Begleiterin in ihren Kreis gezogen, um sie der Braut vorzustellen. Alle sind neugierig, auch die Braut. Doch sie weiß, dass sie an diesem Tag schamvoll die Augen niederzuschlagen hat. Die Kontrastierung von Heiliger und Hure ist ein beliebtes Klischee des Unterhaltungsfilms. Der Mann steht im Konflikt zwischen einer züchtig im Burqa gekleideten Frau zu seiner Rechten und einer europäischen Frau, freizügig gekleidet, einer Flasche Bier in der Hand und einer Zigarette im Mundwinkel.

Einförmiger Sprechgesang dringt aus der Schule von Islampur. Die Jungen sitzen auf der Dachterrasse, andere werden auf freiem Feld unterrichtet. Der Lehrer schreibt an die Tafel: „The teachers are clever.“ Einige Jungen gehen nicht zur Schule. Sie arbeiten in den Webereien. Auffallend viele Mädchen laufen auf der Straße herum und betreuen ihre kleinen Geschwister. Gewiß, es gäbe auch eine Mädchenschule in Islampur, beruhigt uns der Weber. Beim Rundgang durch sein Dorf führt er uns in Handwerksbetriebe und signalisiert, wenn ein Blick tabu ist. Unvermittelt bleibt er stehen und deutet auf ein Gebäude. Dort liege die Mädchenschule. Deshalb sei hier für Männer der Weg zu Ende. Angesprochen auf seine familiären Verhältnisse, erzählt er von seiner zukünftigen Frau. In vier Wochen werde Hochzeit sein. Sein Vater habe die Braut ausgesucht. „Ist sie schön?“ Er lächelt. „Besitzt Du ein Photo von ihr?“ Erneut lächelt er. „Kennst Du Deine Braut?“ Jetzt antwortet der Weber. Ja, er habe sie einmal im Alter von vier Jahren gesehen. Dann zeigt er uns stolz den Rohbau der neuen Moschee, den seine Familie finanziert hat.

 

 

Lernen ohne Bücher, ohne Tafel und Kreide

 

Zwischen Moslems und Hindus gibt es auch nach der Unabhängigkeit Pakistans von Indien (14. August 1947) noch Spannungen. Unserem muslimischen Freund Mohammed wird der Eintritt in den Sikh-Tempel Gor Khati von Peshawar verweigert. Wir als Christen dagegen sind hier ebenso willkommen wie in der Mahabat Khan Moschee, wo dem Hindu als „Ungläubigen“ der Zutritt versagt bleibt. Das reiche buddhistische Erbe dieser Region wurde dank umfangreicher japanischer Hilfe restauriert und vor Dieben geschützt. In Shahbaz Garhi, so wird erzählt, lebten einst Buddha in der Gestalt des Prinzen Visvantaras und der weiße Elefant Chanaka Dheri, der die Fähigkeit des Regenmachens besaß. Hier sind die weltberühmten Edikte des buddhistischen Königs Ashoka (272-231 v.Chr.) in der alten Gandhara-Schrift Kharoshti in Stein gemeißelt, eine frühe Magna Carta des Humanismus. Sie fordern zu religiöser Toleranz, Achtsamkeit vor allem Lebendigen, Pilgertum und Armenfürsorge auf.

 

 

Im Restaurant bei Takht-i-Bahi

 

Unweit der Ashoka-Inschriften liegen Überreste des buddhistischen Klosterkomplexes von But-Kara und die Tempelanlage von Takht-i-Bahi, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Mohammed führt uns durch den Innenhof mit seinen 35 Stupas und über 30 Bodhisattva-Kapellen. Ein Arbeiter bietet kleine antik aufbereitete Buddhastatuen zum Verkauf an. Über den Hang steigen wir auf den Berggipfel. In der Ebene liegen die Lager von Peshawar und fern am Horizont Afghanistan, das Land, aus dem man flüchtet. Ein Vers von Khushhal Khan Khatak geht mir durch den Kopf: „Ich habe Hunde, Wölfe hier gesehen!“ Achtsamkeit vor dem Leben lautete Buddhas oberstes Gebot. Sie gilt auch dem Brudertier im zerbombten Zoo von Kabul: den von Schrapnell-Kugeln zerfetzten indischen Elefanten, dem Löwen, der durch die Explosion einer Handgranate erblindete und nun statt Fleisch Reis und Karotteneintopf zu fressen bekommt.

Von der Militärbasis in Peshawar hatten wir in vielen Nächten den Start von Flugzeugen verfolgen können. Es hieß, sie dienten der Versorgung der Taliban, jener verlorenen Generation von Kindern des heiligen Krieges (jehad), die nun nach der Macht griffen. Im amerikanischen Club von Peshawar, dem zentralen Treffpunkt von Vertretern der Hilfskommitees aus aller Welt, hieß es, Pakistan und die USA unterstützten sie. Pakistan trage die Hauptlast der Flüchtlinge und müsse daher ein Interesse an der baldigen Beendigung des Krieges haben. Die USA sähen in den Taliban als sunnitischen Muslimen einen Widerpart zum schiitischen Iran. Vor allen Dingen seien sie an den Bodenschätzen im Norden des Landes interessiert. Zudem gelte Afghanistan als eines der großen Drogenanbaugebiete (Vakhan) Asiens und als Kaderschmiede des Weltterrorismus. Ramzi Yusuf, der einen Terroranschlag auf das World Trade Centre in New York ausgeübt hatte, sei hier ausgebildet worden. Als ich Mohammed nach seiner Beurteilung der politischen Lage frage, zählt er die wechselnden Führer seit dem Einmarsch der Roten Armee (27. Dezember 1979) bis zum Sturz der Regierung von Burhanuddin Rabbani (27. September 1996) auf: Hafizullah Amin, Babrak Kamal, Najibullah, Rabbani, Mulla Muhammad Umar. Der 27. sei ein Schicksalstag in der blutigen Geschichte Afghanistans. Doch habe König Amanullah Khari am 27. Juli 1919 auch die Unabhängigkeit von den Briten erreicht. Mehr sagt er nicht.

Mohammeds Freunde wohnen im Universitätsviertel von Peshawar. Sie kommen aus Norwegen, der Schweiz, aus England oder Australien. Ihre Kinder besuchen die kleine internationale Schule. Vor das bewachte Grundstück dürfen sie keinen Schritt alleine gehen. Im Schlafzimmer der Kinder hängen Photographien von Koalas, Känguruhs und dem Münsterländer Jagdhund. Daneben ein Bild, das ihre Mutter mit dem Dalai Lama zeigt. Die Schüsse in der Nacht hören sie nicht mehr. Wenn ihre Mutter nach einem Einsatz in Afghanistan wiederkommt, ist sie von Wut, Trauer und Ohnmachtsgefühlen erfüllt. Im Kreis der Familie und der Freunde gewinnt sie neuen Mut. Für die Kinder sind die Tage, wo ihre Mutter jenseits der Grenze arbeitet, von großer innerer Anspannung. Die unzähligen Minen aus russischer Besatzungszeit sind noch nicht weggeräumt. Täglich fallen ihnen Afghanistans Kinder zum Opfer. Kann man die Sorge um das eigene Leben ablegen? Darf aus Liebe das Leben gewagt werden? Das Grenzland ist eine Schule des Lebens. Dass der Mensch inmitten einer heillosen Welt Freundschaft, Vertrauen, Liebe schenken und erfahren kann, wenn er in der Dunkelheit ein Licht anzündet, lernen die Kinder hier. Ihre Mutter erzählt von einem einsamen Spaziergang am Rande eines afghanischen Dorfes. Nach der Rückkehr habe ihr Fahrer, der auch für ihre Sicherheit verantwortlich ist, gesagt, sie sei soeben über ein Minenfeld gelaufen. „Aber keine Sorge. Sie explodieren nur bei Panzern!“

 

 

Gastfreundschaft in einem afghanischen Lager

 

Auch Mohammed vertraut man sein Leben bedingungslos an. Beim Abstieg vom Klosterberg von Takht-i-Bahai singt er fröhliche Lieder aus Badakhshan. Sadat fährt uns zum Fluß. Bei einer kleinen Bootsfahrt kühlen wir die staubigen Füße im Wasser. Vorbei geht die Fahrt an einem Lager. Die Kinder winken und rufen Mohammeds Namen. Seit fünfzehn Jahren wohnen Mitglieder seiner Familie hier. Seine Frau lebe noch in der Nähe von Nangarhar. Weiter oben am Fluß reinigt ein Bauer seinen Traktor. Anschließend füllt er den Wassertank, seift seinen Körper ein und wäscht sich die Haare. Kinder springen vom Rücken der Wasserbüffel ins erfrischende Naß. Mohammed knackt Mandeln zwischen seinen Zähnen. In der Bude am Ufer genießen wir den würzigen Fisch. Dann geht es über den Ambela und Buner Paß durch unwegsame Mondlandschaft wieder ins Gebirge. Wasserfälle haben weite Teile der Straße weggespült. Immer wieder setzt der Wagen auf. Mohammed klatscht beim Vorbeifahren einer Kuh auf den Rücken. Die wehrt sich mit den Hinterläufen und schlägt eine Beule in den Wagen. Sadat lacht.

Das Wesen des Heiligen ist Freundschaft, wie das Wort „wali“ andeutet. Es bedeutet zugleich „Heiliger“ und „Freund“. Deshalb suchen die Pilger bei einem Besuch des Grabmales (mazar) von Pir Baba den freundschaftlichen Zuspruch und konkrete Hilfe bei körperlichen Gebrechen und Unfruchtbarkeit. Wie „Baba“ ist auch „Pir“ (der Alte) Ehrentitel eines Sufiheiligen. Sayyid Ali Shah von Tarmez, genannt Pir Baba, ist Nachkomme des Propheten und zugleich Pashtunistans größter Heiliger. Der aufsteigende Pfad zu seinem Schrein führt an Verkaufsständen mit allerlei Trödelkram vorbei. Unten im Bach wird ein Kleintransporter gereinigt. Anschließend wirbt der Fahrer durch vielstimmiges Hupkonzert um Kunden. Wir haben die Schuhe abgelegt, Füße, Arme und Gesicht bei der großen Waschanlage im Zentrum der Moschee gereinigt. Mohammed verabschiedet sich zum Gebet. Ohne Opferbereitschaft gibt es keine Annäherung an das Heilige. So schreibt das Ritual den Tausch von Scheinen in Opfermünzen vor. Wir erhalten zwei Säckchen voller Münzen. Hinter dem Geldwechsler öffnet sich unter einem Torbogen der letzte Aufstieg zum Schrein des Pir Baba.

Auf einer überdachten Mauer sitzen Bettler mit leprös verkrüppelten Gliedmaßen und entstellten Gesichtszügen. Einige fordern lautstark das Geldopfer ein, andere blicken den Fremden demutsvoll an. Zur rechten des Pilgerpfades befinden sich kleine Verkaufsstände mit Parfümfläschchen und pulverisierter Holzkohle, die, als Lidstrich verwendet, Zeichen der Pilgerschaft ist. Wir geben reichlich, doch einige schreien: „Gib mehr!“ Besorgt richtet sich der Blick nach oben. Werden die Almosen für den Rückweg reichen? Das Heiligtum besteht aus einem weiten, beinahe leeren Raum. Ein Bild der Sammlung und des Friedens. Mütter mit ihren Kindern haben sich auf dem blanken Fußboden niedergelassen. In der Mitte des hohen Raumes, von einem Gitterzaun geschützt, stehen die Schreine von Pir Baba und seinem Sohn. Einzeln treten die Pilger hier ein. Väter heben ihre Söhne hoch, damit sie den Schrein des Heiligen küssen können. Über dem Grabmahl hängt ein Bild von dem zentralen Heiligtum der Muslime, der Kaaba. Die Wallfahrt (hadsch) nach Mekka gehört zu den heiligen Pflichten des Muslim. Dem Wissenden aber deutet das Bild ein Geheimnis an: Auch hier ist Mekka, und die Kaaba liegt in jedem Herzen, das sich zu Gott bekehrt. Ein Pilger verteilt rosagefärbtes Fettgebäck. Süß ist der Friede Allahs. Dann folgt der Abstieg an den Krüppeln vorbei. „Gib mehr!“ rufen sie. Das Geld ist ausgegangen. Der Geldwechsler nimmt ein winziges Holzstäbchen und will mir das Zeichen der Pilgerschaft auftragen. Erst beuge ich mich vor, zucke aber bei der ersten Berührung meines rechten Augenlides zurück.

Auf der Rückfahrt machen wir Rast bei Adul‘rahim im „New Afghan Restaurant“ an der Pir Baba Road. Der Wirt reicht mir das Gästebuch und bittet mich, meine Adresse einzutragen und ein Photo von ihm zu machen. Was ich ihm schulde, frage ich den Wirt. Nichts, sagt Abdul‘rahim und legt die rechte Hand auf seine Brust. „Salaam alay kum!“ sage ich zum Abschied. „Waalay kum as salaam! Nächstes Jahr in Afghanistan!“ entgegnet er und nimmt mich in die Arme. Inschallah!

 

 

 

Hinweis: Ich danke Annemarie Schimmel für die Erlaubnis, aus ihrem Werk „Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker“ (1987) zu zitieren.

 

 

 

Gedanken und Erfahrungen beim Ordnen meiner Bibliothek

 

 

 

Dieses Geschenk von Robert Gernhardt (1987) für meinen Sohn Jaakob habe ich nicht entsorgt!

 

 

Die stillen Tage nach der Jahreswende verbringe ich gerne in meiner Bibliothek. Alle Jahre wieder versuche ich die Bestände zu entstauben, zu ordnen und auf einen Kernbestand der mir wirklich wichtigen Bücher zu reduzieren. Bisher verlief dieses Unternehmen stets unbefriedigend. „Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde“, klagte Kohelet (12.12), voller Selbstironie, nachdem er sein eigenes Buch vollendet hatte. Das Weisheitsbuch der Bibel gehört zur Weltliteratur. Dagegen haben die meisten Bücher aus meinen Beständen bereits nach wenigen Jahren ihren Glanz verloren. Mit dem Zeitgeist, der sie hervorgebracht hat, ist auch ihr Geist erloschen. Nur welche Bücher sind wichtig, welche sind nichtig?

 

Tobias Blumenberg hat in seinem Ratgeber „Der Lesebegleiter“ Vorschläge für den Kernbestand einer Bibliothek gemacht. Der Lieblingssohn des Philosophen Hans Blumenberg gilt seitdem als „Deutschlands belesenster Zahnarzt“. Die hohen Summen, die einige seiner Kollegen gerne in Aktien, Gold und Immobilien anlegen, investierte Blumenberg in den Erwerb einer Bibliothek von über 30000 Büchern. Sie standen im ehemaligen Ravensburger Blumenberg-Archiv in Bücherregalen bis zur Zimmerdecke, umlagerten in stabil errichteten Stapeln den Schreibtisch des Philosophen, füllten Garderobe und Garage, den Fitnessraum im Keller und die Sauna. Dann kam ein Umzug, den jeder Bücherfreund fürchtet.

 

Bei meinem letzten Umzug in das Haus am Waldrand hatte ich die Chance verpasst, die Bestände zu reduzieren. Sie füllten Haus, Dach, Keller und ein kleines rotes Gartenhaus mit Kaminofen. Die Kinder nannten es „Engelhaus“, weil ich hier viele meine Bücher schrieb. Die Bücherflut hatte ganz unerwartet mit Buchbesprechungen für die Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ begonnen. In der Folge bekam ich viele Freiexemplare zugeschickt. Unübersichtlich wurde es erst, als mir die gesamte Taschenbuchproduktion für meine Kolumne mit Buch-Tipps ins Haus geliefert wurde. Ich errichtete immer neue Regale für neue Bücher. Schließlich standen sie über das ganze Haus verteilt in Zweierreihen. Als ich einsah, dass ich den größten Teil meiner Sammlung niemals werde lesen können, war es zu spät. Wohin mit den Büchern?

 

Die Antiquare lächelten milde, als ich ihnen einen der zahlreichen Reprints des Zweitausendundeins Verlages anbot. Alle hatten die vielbändige Zeitschrift „Die Fackel“ von Karl Krauss gekauft. Keiner hatte darin gelesen. Die Universitätsbibliothek Hildesheim nahm mir einige hundert wissenschaftlicher Bücher ab. Allerdings nur unter der Voraussetzung, rigoros ausmisten zu dürfen. So lautete auch die Vorgabe der Dombibliothek. Nur Schwester Monica vom Kloster Marienrode erbarmte sich meiner. Sie betrieb ein kleines Antiquariat mit großer Willkommenskultur. Doch nach einer vierten Kofferraumladung mit zwei Metern Eugen Drewermann, einem Meter Hans Küng und 82 Büchern von Anselm Grün musste auch sie freundlich sagen: „Jetzt machen wir erst einmal eine Pause!“

 

Dennoch fuhr ich aus dem Kloster bereichert nach Hause. In einem Büchermagazin hatte sich ein Wasserrohrbruch ereignet und die Kirchenväter überflutet. Nun saß ein stiller Büßer mit Mund-Nasen-Schutz über den in Leder gebundenen Bänden des Heiligen Augustin und behandelte die Einbände mit Ethanol. Bücher lieben es warm und trocken. Das hatte ich nicht berücksichtigt, als ich mit Karl Barth, Søren Kierkegaard und Martin Luther die gesamte moderne protestantische Theologie in den Keller ausgelagert hatte. Nun wusste ich Rat dank Schwester Monica und kaufte mir in der Glückauf-Apotheke ein Fläschchen reinen Alkohol.

 

Im Laufe der vergangenen Jahreswechsel hatte ich mich von gut der Hälfte meiner Bestände getrennt und einige Male den großen gefräßigen Papiercontainer bis zum Rand mit vergilbten und schäbig aussehenden Taschenbüchern von Heinrich Böll, Günter Grass, Peter Handke, Martin Walser und vielen anderen modernen Autoren gefüllt. Wie schnell war die Zeit selbst über Nobelpreisträger hinweggegangen! Nun besaß ich nur noch gebundene Ausgaben. Doch allen Versuchen, die Bestände auf das Wesentliche zu reduzieren, steht das Leben des Lesers entgegen. Selbst bei streng eingehaltener Askese kommen immer wieder neue Bücher ins Haus und schaffen Platzprobleme. Was tun, wenn die Regale im Laufe des Jahres wieder überquellen? Der Philosoph und Anglist Ulrich Horstmann verriet mir ein Geheimnis: Für jedes Buch, dass er neu erworben habe und behalten wolle, müsse ein anderes aus seiner Sammlung weichen. Gute Idee. Aber welches Buch soll es sein?

 

Für mich gibt es alle Jahre wieder nur eine Lösung: Ohne viel Federlesens trenne ich mich von Büchern. Längst habe ich mich von der Illusion befreit, ich fände jemanden, dem ich sie schenken könnte. Bei Hanns-Josef Ortheil im Institut für Literaturwissenschaft und Literarisches Schreiben habe ich früher viele Bücher und Bildbände ausgelegt und bekam nur Ärger mit dem Hausmeister. Die Bücherbasare der Kirchen lehnen jede Annahme von neuen Lieferungen ab.

 

Nun gut, ich könnte Bücher über medimops oder booklooker verhökern. Aber ich habe keine Krämerseele. Im Ort haben wir eine alte rote britische Telephonzelle, die zum Bücherschrank umgebaut wurde. Aber mir geht es nicht mehr um ein gutes Werk oder einen würdigen neuen Besitzer meiner nie gelesenen Bücher. Ich will mich einfach trennen von Werken, die ich einst sammelte, weil ich glaubte, ich werde sie eines Tages lesen. Einige haben vierzig Jahre auf mich gewartet. Ich hatte immer etwas Besseres zu tun, als sie aufzuschlagen. Also, ab in die Bücherschränke!

 

Kaum habe ich die Bücher von Christoph Ransmayr entsorgt, begegne ich einem sehr belesenen Menschen, der Ransmayr neben W.G. Sebald für einen der bedeutendsten Autoren der Gegenwart hält. Vielleicht ist ein Unrecht wieder gut zu machen? Es gibt im Leben viele Fragen, die nicht geklärt werden müssen. Die Bücher sind nicht mehr im Haus. Dafür sind im vergangenen Corona-Jahr 2020 die Bücher der verfemten Agnes Miegel in mein Leben getreten. Mir gefallen ihre frühen Gedichte. Vielleicht gehört die Dichterin Ostpreußens zu jenen längst vergessenen Dichtern wie Edzard Schaper oder Ernst Wiechert, die eines Tages wieder gelesen werden, weil wir ihre Substanz im Zeitgebundenen entdecken? Bücher haben wie Menschen ein Schicksal.

 

Meine Sammlung deutscher Literatur ist alphabetisch geordnet. Da steht der Pour le Mérite-Träger Ernst Jünger neben dem Pazifisten Hans Henny Jahnn und der Katholik Reinhold Schneider neben dem Atheisten Arno Schmidt. Eine Büchersammlung vereint Unvereinbares. Widersprüche und Ungereimtheiten auszuhalten ist eine Lebensaufgabe. Neben den Gedichten von Benn stehen Brentanos Aufzeichnungen über Anna Katharina Emmerick.

 

Von den Büchern, die im vergangenen Jahr erschienen sind, habe ich keines meinen Beständen hinzugeführt. Was für mich bestimmt ist, findet eines Tages den Weg zu mir. Das scheint ein Gesetz des Lesens zu sein. So habe ich jetzt das Lieblingsbuch von Sting gelesen: Michail Bulgakovs Roman „Der Meister und Margarita“. Eine Groteske im Stil von E.T.A.Hoffman und ein indirekter Kommentar auch zur Pandemie. Der Nachteil meiner neuen Liebe: Ich habe mir sämtliche Bücher über den großen russischen Autor des 20. Jahrhunderts bestellt.

 

Beglückend sind Bücher, die ich mit der Erfahrung eines langen Leselebens noch einmal lese. Theodor Fontanes überwältigende Seelenromane, allen voran „Unwiederbringlich“, „Celine“ und „Effi Briest“. Welch eine Liebe zum Menschen, welche historische Bildung, welch genauer Blick ins Wesentliche. Neben Fontane steht Friedrich de la Motte Fouque, der Autor ungezählter zu recht vergessener Romane. Aber seine Liebesgeschichte „Undine“ ist überwältigend schön. Sie hat Maler wie John William Waterhouse, Musiker wie E.T.A.Hoffmann, Antonin Dvorak und Dichter wie Hans Christian Andersen („Die kleine Seejungfrau“) inspiriert. Bei der diesjährigen Sichtung meiner Bücher bin ich nur bis Fouques „Undine“ gekommen. Ich nahm das Buch aus dem Regal, schlug es wieder auf und versank in eine andere Welt.

 

 

 

„Manuskripte brennen nicht“

 


„Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakov (1891-1940) gilt heute als berühmtester russischer Roman des 20. Jahrhunderts. Das Buch spiegelt die Passion Jesu mit dem großen Terror in der Sowjetunion und den Moskauer Schauprozessen der Jahre 1936-38. Bulgakov stammte aus einem alten russischen Priestergeschlecht. Zwölf Jahre arbeitete er an diesem Werk, das erst Jahrzehnte nach seinem Tod erscheinen durfte.

 

Der Meister ist ein Schriftsteller auf verlorenem Posten. Weil er ein Buch über den Prozess Jesu geschrieben hat, wird er in die Psychiatrie eingewiesen. Margarita heißt seine Muse. Als Kunstwerk ist „Der Meister und Margarita“ mit seinem magischen Surrealismus der Gegenentwurf zum sowjetischen Realismus. Michail Bulgakov ließ sich von Goethes „Faust“ zu einem religiösen Roman inspirieren. Dabei kehrte er die Verhältnisse um: Nicht Margarethe (Gretchen ) sitzt im Kerker, sondern Faust. Bulgakov verwandelt Gretchen zurück in seine ursprüngliche Gestalt. Die russische Margarita ist eine würdige Nachfolgerin der frühen christlichen Heiligen. Mit unerschütterlichem Mut bekämpft sie den Drachen Furcht in ihrer Brust und schließt, um ihren Geliebten befreien zu können, einen Pakt mit dem Teufel. Voland nennt er sich nach einer Selbstbezeichnung des Mephistopheles in Goethes „Faust“ (V. 4023). In einer grotesken Umkehrung seiner Rolle als Geist, der stets vereint, ist der Moskauer Teufel ein Anwalt des Lebens und der Liebenden.

 

Nach der Oktoberrevolution wurden Priester ermordet oder in Vernichtungslager deportiert und Kirchen und Klöster als Viehställe, Lagerhallen, Kinos oder Gefängnisse missbraucht. Die russische orthodoxe Kirche spaltete sich. Viele Popen flohen ins Ausland. Der Patriarch Tichon passte sich an und leugnete vor der Weltöffentlichkeit das große Martyrium seiner Kirche. Andere Priester gingen als Katakombenkirche in den Untergrund. Ein Verein der Gottlosen betrieb atheistische Polemik.

 

Bulgakovs Roman beschreibt auf der ersten Seite zwei dieser antikirchlichen Agitatoren. In einem Moskauer Park treffen sich der Chefredakteur einer Zeitung und ein Lyriker. Er bekommt den Auftrag, ein antireligiöses Werk zu schreiben, in dem bewiesen werde, dass Jesus nie existiert habe und die Evangelien Lügen verbreiten. In ihr Gespräch platzt der Teufel. Er weiß alles über die beiden Gottlosen, kann ihre Gedanken lesen und ihr Schicksal voraussagen. „Ja, wir sind Atheisten“, bekennt einer der Materialisten. „Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat Bewusstsein und glaubt schon lange nicht mehr an die Märchen über Gott.“ Der vermerkwürdige Fremde verweist auf die Gottesbeweise Kants und erhält die zornige Antwort: „Für solche Beweise müßte man den Kant drei Jahre nach Solowki verbannen!“

 


Das alte Kloster Solowki liegt im Inselreich des Weißen Meeres. An diesem heiligen Ort des Gebetes und der Buße errichtete Stalin ein Vernichtungslager. Die westliche Welt kannte das russische Golgatha, aber protestierte nicht. Maxim Gorki und andere Schriftsteller besuchten Solowki und priesen zynisch die politische Umerziehung, die in diesem Gulag stattfinde.

 

Grotesk waren die Verhältnisse überall in der Sowjetunion. Menschen verschwanden spurlos. Langjährige Wegbegleiter des Diktators bezeichneten sich in absurden Schauprozessen der Sabotage und wurden liquidiert. Inmitten dieser Sonnenfinsternis veranstaltete die Amerikanische Botschaft einen Ball, zu deren Gästen auch das Ehepaar Bulgakov zählte. Jelena Bulgakova, Urbild der Margarita, berichtet in ihrem Tagebuch vom 23. April 1935 von einem Hexensabbat inmitten einer seltsamen Menagerie: „Hinter einem Netz, das vor das Orchester gespannt war, lebendige Vögel und Fasanen. Gespeist wurde an kleinen Tischen im riesigen Speisesaal. In der Ecke lebendige Bären, Zicklein und Hähne in Käfigen. Zum Essen Akkordeonmusik. Eine Treppe höher hatten sie eine Schaschlik-Braterei eingerichtet. Dort tanzte man kaukasische Tänze.“

 

Bulgakov hatte mehrfach vergeblich versucht, die Sowjetunion zu verlassen. Um als Schriftsteller zu überleben, war er zu Anpassungen bereit. Er überarbeite sein Buch, strich Passagen, vernichtete das Manuskript, schrieb es aus dem Gedächtnis neu und litt dabei über Jahre unter dramatischen Angststörungen. Lang anhaltende Panikattacken erlauben es ihm nicht, die Wohnung zu verlassen. Schließlich kann er das Tageslicht nicht mehr ertragen.

 

Der Roman nimmt an seiner berühmtesten Stelle diese Grenzerfahrung auf. Voland begegnet dem Meister in der geschlossenen Psychiatrie. Das Manuskript, sagt der Meister, sei vernichtet. Er habe es im Ofen verbrannt. Darauf antwortet der Teufel: „Das kann nicht sein, denn Manuskripte brennen nicht.“ Dann gibt er dem Meister das Manuskript zurück. Doch er braucht es nicht mehr. Er kennt den Roman auswendig.

 

Als der Roman über dreißig Jahre nach Bulgakovs Tod im Jahr 1973 vollständig veröffentlicht und sofort zum Kultbuch wird, weiß jeder Leser wie wahr dieser paradoxe Satz ist. Denn Manuskripte brennen tatsächlich nicht, wenn sie im Gedächtnis aufbewahrt sind. So hatte Bulgakows Freundin Nadeschda Mandelstam die Gedichte ihres in der Verbannung verstorbenen Mannes auswendig gelernt und über die Zeit des großen Terrors hinweg gerettet.

 

Wie die Christen in den Katakomben, so hielt Michail Bulgakov in aussichtsloser Lage an seiner Berufung fest. Auch Schreiben kann ein Opfer sein. „Es gibt keinen Schriftsteller, der verstummen kann,“ schrieb er an Stalin (30. Mai 1931), „und wenn er verstummt, dann ist er eben kein wahrer Schriftsteller.“ Doch was ist das Opfer ohne die Liebe, die Passion ohne die compassio? „Man hat mich zerbrochen“, klagt der Meister, als Margarita in der Psychiatrie auftaucht, um ihn zu befreien. Nun erlebt er das Mysterium der Wandlung: „Ich fürchte nichts, weil ich schon alles durchlebt habe. Sie haben mich zu sehr geängstigt, jetzt kann mich nichts mehr ängstigen“.

 

Bulgakov starb an den Folgen einer Nierensklerose. Seine Frau hielt dem Meister die Hand. Sie berichtet: „In den Augen lag ein Staunen. Sie füllten sich mit einem seltsamen Licht.“ Bulgakov glaubte, dass Ehen im Himmel gestiftet werden. So heisst es auch im Roman über den Meister und seine Muse, „sie seien in alle Ewigkeit füreinander bestimmt.“ Daher erzählt „Der Meister und Margarita“ von dem unauslöschlichen Siegel der Liebe.

 

Michail Bulgakow. Der Meister und Margarita. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Luchterhand Literaturverlag. Frankfurt a.M. 1990. 556 Seiten.

 

 

 

 

"Die Sophia aber umfasst alle Völker,

und sie ist unter allen Völkern,

sie ist keine nationale-lokale,

sondern die universale Kirche,

die alle Völker unter ihre Kuppel zusammenruft."

 

Sergij Bulgakov. In der Hagia Sophia (1923)

 

 

 

 

 

 
Die Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau hat aus russischer orthodoxer Sicht eine dem Petersdom vergleichbare Bedeutung. Als Stalin im Dezember 1931 das Gotteshaus im „Dritten Rom“ sprengen ließ, war dies der vorläufige Höhepunkt einer beispiellosen Christenverfolgung. Sie begann unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917 mit der Enteignung des kirchlichen Landbesitzes, der Übereignung aller Schulen, Lehranstalten, Akademien und Bibliotheken, des Verbotes des Religionsunterricht an den Schulen und der Einführung der standesamtlichen Eheschließung. Priester und Mönche wurden verfolgt und ermordet, Klöster zu Gefängnissen und Erschießungsorten. Am Platz der gesprengten Moskauer Kathedrale sollte das höchste Gebäude der Welt, der 400 Meter hohe Palast der Sowjets errichtet werden als gigantischer Sockel für eine Leninstatue. Es kam anders. Wo einst die Christus-Erlöser-Kathedrale statt, wurde ein Schwimmbad errichtet. Erst zwischen 1995 und 2000 konnte die ausschließlich von Spendengeldern finanzierte Kathedrale neu errichtet werden. Sie wurde zum Symbol für die Wiedergeburt der Kirche, weshalb der blasphemische Aufritt von „Pussy Riot“ an diesem Ort eine Ungeheuerlichkeit darstellte.

 

Das Ziel der Revolution unter Lenin und Stalin war die Auslöschung der Kirche und allen religiösen Lebens. In Leben und Werk des Ökonomen und späteren Priesters und Theologen Sergij Bulgakov (1871-1944) spiegeln sich diese Jahrzehnte. Bulgakov stammte aus einem alten Priestergeschlecht. Sein Vater war ein armer Geistlicher ohne eigene Pfarrei. Die Familie sah sich zahlreichen gesundheitlichen Belastungen und Grenzerfahrungen ausgesetzt. Auch das geistliche Leben in Bulgakovs Heimatgemeinde, der Kirche des heiligen Sergij, war kein Idyll: der Geistliche alt und schwach, Küster, Diakon und der Bass im Kirchenchor dem Alkohol verfallen. Doch gerade hier, inmitten unwürdiger Diener, erlebte der Knabe eine Initiation durch den Gesang und das Mysterium der Eucharistie. „In ihr wurde die Seele von Schönheit beseelt. Sie war ganz und gar himmelblau, sophianisch.“ Bulgakov spricht von Erfahrungen der Entrückung, von himmlischen Sphärenklängen und Engelsgesängen, von der Herrlichkeit Gottes. „Ja, hier empfing ich in meinem Herzen die Offenbarung der Sophia, hier wurde in meine Seele die Perle gelegt.“ Der göttlichen Weisheit oder Sophia sind in Russland viele Kirchen geweiht. Die auf Christus bezogene Tradition der „Hagia Sophia“ verwandelte sich in Russland in die Weisheit, die in der Gottesmutter Maria sichtbar wird.

 

Weisheit und Wissen bilden im Leben Bulgakovs eine Einheit. In seiner erfahrungsbezogenen Gotteslehre ist die Sophia ein unergründliches Symbol für eine paradoxe Erfahrung der Herrlichkeit gerade in der Dunkelheit des Schmerzes. Den Tod des dreijährigen Sohnes erlebt Bulgakov als „Donnerschlag vom Himmel“ und zugleich als religiöse Offenbarung, die zu einer Lebenswende führt. Nachdem er sich zwischen dem 14. und 30. Lebensjahr von der Kirche abgewandt und seine Hoffnung auf Glauben entfremdet hatte, reift nun in ihm der Wille zum Priestertum. Die göttliche Weisheit führt bei ihm zu einer ganzheitlichen Lebensdeutung, in der gerade die Umwege und Irrwege wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn zur Mitte führen. „Letztlich ist die Tragödie - natürlich mitsamt ihrer Überwindung - der einzig würdige ‚Heilsweg‘. Auf den Lebenswegen der Menschen muss es auch ‚Häresien‘ geben, damit die Bewährtesten in ihrer Bewährung offenbar werden.“

 

Auf einem der sogenannten Philosophenschiffe, mit der ein Teil von Russlands geistiger Elite des Landes verwiesen wird, geht dieser Weise 1923 ins Exil. Über Konstantinopel (Istanbul), Prag, Dresden kommt er nach Paris und wird hier Mitgründer und später Dekan des Instituts St. Serge für Orthodoxe Theologie. Der Aufenthalt in Istanbul fällt auf seinen 25. Hochzeitstag. Bulgakov ist ergriffen von großer Dankbarkeit. „Ehen werden wahrhaft im Himmel geschlossen“, notiert er in sein Tagebuch und nach dem Besuch der Hagia Sophia: „Ich empfand eine überirdische Seligkeit, und darin versanken all meine derzeitigen Kümmernisse und Schwierigkeiten - zumindest für einen Augenblick - als unbedeutend.“

 

Bulgakov erlebt die Kirche der Heiligen Sophia als Moschee. „Das Heiligtum ist Christus genommen und einem falschen Propheten übergeben worden.“ Dennoch sieht er eine echte Ergriffenheit. „Wie schön, wie würdevoll, wie geordnet war dieses Gebet auf seine Weise!“ Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft wird Bulgakov von einer Vision der ökumenischen Einheit unter dem Kreuz ergriffen. Die Zukunft der geteilten Christenheit liegt für ihn im Advent Christi, der zugleich Advent der Sophia ist: „Die Sophia aber umfasst alle Völker, und sie ist über allen Völkern, sie ist keine national-lokale, sondern die universale Kirche, die alle Völker unter ihre Kuppel zusammenruft.“

 

Aus den Reihen seiner eigenen Kirche hat man Sergej Bulgakov katholisierende Tendenzen und dogmatische Häresien vorgeworfen. Mit der Sophiologie lehre er eine vierte Person neben der Trinität. Ein Vorwurf, den Protestanten nach der Verkündigung des Dogmas von der leibhaftigen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950) ebenfalls erhoben. Bulgakov ging es nicht um gnostische Spekulationen, sondern um die gute Schöpfung, die als Sophia-Kirche durch alle Katastrophen hindurch dem kommenden Licht der Herrlichkeit Gottes entgegen schreitet.

 

 

 

 

Sergej Bulgakov war ein Universalgelehrter: Ökonom, Philosoph, Theologe. Seine zahlreichen Bücher bezeugen einen spirituellen Autor von Rang, der die Herrlichkeit und Weisheit Gottes nicht nur denkt, sondern auch inmitten der Geschichte und der Natur erfährt. Auf einer Seefahrt nach Amerika schaut er „eine Offenbarung der Sophia im Ozean“, jene Schönheit des Anfangs, als der Geist Gottes noch vor dem ersten Schöpfungstag über den Wassern schwebte. „Und antwortend gab ich mich hin, ging auf dieser Sophia der Wasser, indem ich sie mit der weiblichen Seite meiner Seele in mich aufnahm.“ Sophiologie ist die ursprünglichste und reinste Form aller frauengerechten Theologie.

 

Barbara Hallensleben, Beraterin im Vatikan und polyglotte Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene in Fribourg, widmet sich seit Jahrzehnten in Theologie und Zusammenarbeit der russischen orthodoxen Kirche. Ihr hohes persönliches Engagement gilt dem studentischen Austausch ebenso wie Kontakten zu höchsten kirchlichen Vertretern. So wurde Metropolit Hilarion, Leiter des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats, in Fribourg habilitiert. Zu den vielfältigen Früchten von Barbara Hallenslebens ökumenischem Wirken gehört eine auf 20 Bände projektierte deutschsprachige Ausgabe der Werke Sergij Bulgakovs im renommierten Münsteraner Aschendorff Verlag. Der Band „Aus meinem Leben“ führt mit autobiographischen Zeugnissen in die Mitte einer unbekannten Welt, die doch wichtiger Teil der Ökumene ist. Ein großer russischer Weiser und Wissenschaftler ist zu entdecken!

 

*

 

 

 *

 

"Ja, hier empfing ich in meinem Herzen die Offenbarung der Sophia,

hier wurde in meine Seele die Perle gelegt (...).

Wenn wir am Weihnachtsfest oder am Tag der Taufe

nachts um zwei Uhr mit dem Schlitten fuhren,

dann glänzte das Himmelsgewölbe in seiner Herrlichkeit.

Die Sterne leuchteten und ergriffen unsere Seelen mit ihren Engelsklängen -

inmitten der Winterkälte, wie auch der Herr in kalter Winternacht

in einer Höhle geboren wurde.

Und alles, eines um das andere, zeugte von der Herrlichkeit Gottes.

Meine Seele hat vieles aufgenommen und wenig bewahrt,

doch das hat sie bewahrt, denn nur das ist der Schatz der Seele,

ihre Perle, alles andere ist äußere Schale oder Hülle."

 

Meine Heimat (1939)

 

 

*

 

 

*

 

"Alle menschlichen Sünden sind nur Tropfen vor dem Ozean der Barmherzigkeit Gottes -

so hörte ich von dem Starez.

Ich verließ ihn losgesprochen und versöhnt,

erschüttert und in Tränen aufgelöst,

und ich fühlte mich wie auf Flügeln in das Innere der bergenden Kirche getragen."

 

Rufe und Begegnungen (1917)

 

*

 

"Ich habe den Ozean in seiner Begegnung mit der Sonne gesehen ...

den Abgrund, der das Licht des Logos empfing

und ihm im heiligen Geist antwortete,

gekleidet in Schönheit ...

Der Ozean ist vor allem eine Offenbarung des Himmels, des Himmelsgewölbes.

Ich glaube nirgends - auch nicht auf den höchsten Bergen -

gibt es eine solche Offenbarung des Himmelsgewölbes wie über dem Ozean.

(...)

Es ist der Heilige Geist, der über dem Wasser schwebte -

und schwebt -

und es in Schönheit erstrahlen lässt.

Und schon ist es nicht mehr das formlose und böse Naturelement,

sondern die gestaltete, begrenzte Unendlichkeit der Kraft des Seins,

ist es die Kraft Gottes und die Weisheit,

eine Offenbarung der Sophia im Ozean ...

Und antwortend gab ich mich hin,

ging auf in dieser Sophia der Wasser,

indem ich sie mit der weiblichen Seite meiner Seele in mich aufnahm

(denn alles ist auch im Menschen, sowohl dieser Ozean

als auch dieser unendliche Abgrund,

dieses uranfängliche Alles -

all das ist im Menschen)."

 

Reise nach Amerika (1934)

 

*

 

 

"Welche Gnade war in meinem ganzen Leben

wirksamer und offenkundiger als der Schutzengel,

den Gott mir zugeführt und geschenkt hat,

meine Lebensgefährtin,

der ich niemals würdig war

und die für mich immer ein sicherer Halt gewesen ist.

Ehen werden wahrhaftig im Himmel geschlossen."

 

Tagebuch vom 14. (27.) Januar 1923

 

 

*

 


Alle Zitate aus:

Sergej Bulgakov. Aus meinem Leben. Autobiographische Zeugnisse. Hrsg. von Barbara Hallenslebens und Regula M. Zwahlen. Aschendorff Verlag. Münster 2020. (= Werke Band 2).

 

In memoriam!

 

Ulrich Schacht mangelte es wahrlich nicht an Selbstbewusstsein, wenngleich er gerne Demut predigte. In Buch und Film verarbeitete er seine Familiengeschichte, schrieb recht abstrakte naturästhetische Betrachtungen und die atemberaubend schöne Novelle „Grimsey“. Seine Gedichte hielt er für nobelpreisverdächtig. Bei aller Demut: Wahrlich, das sind sie! Leider starb Ulrich Schacht viel zu früh an den Folgen eines zweiten Herzinfarktes. Am 9. März 2021 hätten wir seinen 70. Geburtstag feiern können und im kommenden Herbst die Vergabe des Literaturnobelpreises.

Wer sich nicht selbst wichtig nehme, sagt Thomas Mann in seinem Josephroman, der könne auch anderen kein Segen sein. In Ulrich lebte viel Glaube an die eigene Berufung. Sein Erwählungsbewusstein war die Voraussetzung dafür, andere an ihn glauben zu machen. Wie Joseph hatte er immer wieder die Erfahrung der Grube gemacht und aus ihr eine Steigerung der Lebenskraft gewonnen.

Ulrich hatte ein gewinnendes Wesen, wenn er etwas wollte, und immer eine Forderung oder einen Wunsch auf den Lippen. So fehlte es ihm nie an Sponsoren für seine Reisen in die russische Arktis. Michael Otto, Lutz Peters, Günther Schulz und Gönner aus deutschen Verlagen gehörten dazu.

Die Arktisreisen waren Ordensfahrten. 1987 hatte Ulrich in Marielyst/Falster den Ivenack-Orden gegründet, eine evangelische Bruderschaft mit katholisierender Ausrichtung. Ihm stand er als selbst ernannter Großkomtur vor. Der anachronistische Titel störte ihn nicht im geringsten. Mich schon. Bei aller Wertschätzung seiner Person bin ich Ulrichs Einladungen zu den Konventen seines Ordens nie gefolgt. Armut und Keuschheit mochte ich wohl geloben, aber nicht Gehorsam gegenüber dem Großkomtur „Bruder Wismar“. So lautete Ulrichs Ordensname. Friedrich Heiler hatte das Konzept einer „evangelischen Katholizität“ entworfen. Doch in der evangelischen Kirche kann man nicht katholisch sein. Das wusste Ulrich. Aber es störte ihn nicht im geringsten. Auf verlorenem Posten fühlte er sich pudelwohl.

 

 

 

Der ursprüngliche Ordensname nahm Bezug auf die Ivenacker Eichen, Deutschlands älteste Bäume. Als Ulrich eine landeskirchliche Anerkennung seines Ordens suchte, musste er diesen allzu deutschnational klingenden Namen aufgeben. Aus dem Ivenack-Orden wurde die Evangelische Bruderschaft St. Georgs-Orden mit Sitz im Erfurter Augustinerkloster. Die Wahl von Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer als Ordensheilige schuf die notwendige Akzeptanz und Finanzierung durch die Landeskirche.

Ulrich war ein Mann für Konsensstörung, der als Querulant und Querdenker gerne zu Vorträgen mit provokativen Potential eingeladen wurde, etwa vom Jens Lüpke und dem Katholischen Forum Niedersachsen. In seinem Buch „Über Schnee und Geschichte. Notate 1983-2011“ rechnet Ulrich mit der evangelischen Kirche ab:

„Übrig ist eine Art Kirchenruine, in der jeder Pastor Papst ist, Bischöfe machtlose Grüßauguste und synodale oder kirchenamtliche Verlautbarungen sich kaum noch von politischen unterscheiden, vor allem in ihren politisch-korrekten Absurditäten und linksseligen Verstiegenheiten. (…) Der nicht-häretische Teil des deutschen Protestantismus könnte, mit der entsprechenden „Melanchthon“-Formel und in eigener Gestalt, unter die Fittiche Roms zurückkehren, wie Teile der Anglikanischen Kirche es gerade zu vollziehen beginnen, und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, nomen est omen, sowie die Riege der zeitgeistrunkenen Priester, Bischöfe und Theologieprofessoren bleiben Rom zukünftig erspart. So könnten die einen dann weiterhin konzentriert Gott dienen und dadurch der Welt ein normatives Beispiel geben, die anderen aber unentwegt die Welt retten und dabei Gott links liegen lassen oder überholen, bis sie ein weiteres mal des Teufels ist.“

 

 

 

Mitglieder der Schacht-Expedition vor dem MI-8 Hubschrauber

 

 

Das ist Ulrich Schacht! Doch besaß er auch eine andere Seite. Sie zeigt sich in seinen wunderbaren Gedichten. Manche sind Gebete. Sie beschreiben die Erfahrung des Heiligen in der Natur, auf die der Mensch nur mit tiefer Verbeugung vor dem Schöpfer in Demut reagieren kann:

 


„Schnee in der Luft die
Sonne sinkt ins Meer, von Osten
her ertrinkt die Welt im

Weiß. In Pfützen glänzt das
Eis vorm Haus die weißen Tische
Stühle - längst verschwunden. Schnee

in der Luft er deckt die
Schnitte Wunden wenn er
fällt, von Osten her ertrinkt die

Welt in Schweigen: Aufsteigen bis
ins All. Lautloser Fall. Tiefstes
Verneigen.“

 


 

 

 

Professor Baranov vom Institut für Arktis und Antarktis St. Petersburg

https://www.spitzbergen.de/2017/10/26/russischer-hubschrauber-abgestuerzt.html

 

 

Die zweite Fahrt (1991) der Ordensbrüder ging in diese Welt aus Schnee und Schweigen. Ausgangspunkt war Murmansk. In dieser Stadt hatte Michail Gorbatschow die Aufhebung der Sperrzone russische Arktis gefordert. Die Ordensbrüder fuhren mit der „Professor Molchanov“ in die hohen Breitengrade. Pavel Molchanov (1893-1941) gehörte zu den bedeutenden Arktisexperten. Wie viele seiner Kollegen wurde er von Stalins Geheimpolizei erschossen. Später fand sein Name eine Rehabilitierung.

Im Jahr des Mauerfalls hatte Ulrich Spitzbergen besucht. Franz-Joseph-Land lag damals noch im militärischen Sperrgebiet. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion öffnete sich für wenige Jahre ein Zeitfenster, das Ulrich für seine „Künstlerexpeditionen“ (1991, 1992, 1993, 1995) nach Novaja Semlja, Severnaja Semlja und Franz-Joseph-Land nutzte. An der letzten Reise in das Land hinter Lethe durften Heimo Schwilk und ich als Gäste teilnehmen. Dann wurde das Inselreich, auch wegen der atomaren Verstrahlung weiter Regionen der Kara-See, wieder zum militärischen Sperrgebiet erklärt.

Am 16. Juli 1995 trafen sich in Hamburg die schwarz gekleideten Ordensbrüder. Am Vorabend des Fluges hielten sie eine letzte Abendmahlzeit. In schwarzer Schrift waren auch die Aufkleber mit dem Zeichen des Ivenack-Ordens gehalten. Jeder hatte sie auf seine Gepäckstücke zu kleben. Von Hamburg flogen wir über Kopenhagen nach St. Petersburg. Dort startete eine Antonov-26 zum Flug nach Sibirien. Die Reisezeit wurde mit acht bis zehn Stunden angegeben. Am Ende waren es zwölf. Beim Flug in den Osten werden die Uhren um sechs Stunden vorgestellt, besser noch, der Reisende legt sie ab. Denn was bedeutet Zeit in diesen gewaltigen Räumen? Alles ist hier maßlos wie die sommerliche Lichtflut über und die dunklen Wälder unter uns.


 

 

Der Schreibtisch des Arktis-Forschers 

 

 

Am 16. Juli 1995 trafen sich in Hamburg die schwarz gekleideten Ordensbrüder. Am Vorabend des Fluges hielten sie eine letzte Abendmahlzeit. In schwarzer Schrift waren auch die Aufkleber mit dem Zeichen des Ivenack-Ordens gehalten. Jeder hatte sie auf seine Gepäckstücke zu kleben. Von Hamburg flogen wir über Kopenhagen nach St. Petersburg. Dort startete eine Antonov-26 zum Flug nach Sibirien. Die Reisezeit wurde mit acht bis zehn Stunden angegeben. Am Ende waren es zwölf. Beim Flug in den Osten werden die Uhren um sechs Stunden vorgestellt, besser noch, der Reisende legt sie ab. Denn was bedeutet Zeit in diesen gewaltigen Räumen? Alles ist hier maßlos wie die sommerliche Lichtflut über und die dunklen Wälder unter uns.

Wie das Wetter des Nordlandes in Minutenschnelle wechseln kann, so der Kurs der russischen Währung. Zwei Zwischenlandungen sind auf dem Flug nach Dickson nötig, doch selbst der Pilot weiß beim Start nicht, wo sie stattfinden werden. Während der Reise über menschenleere Landschaften wird er bei verschiedenen Flughäfen den besten Benzinpreis erfragen. Wir fliegen in Richtung Archangelsk über die ehemaligen Vernichtungslager aus stalinistischer Zeit. Weit unten liegen die Solowki-Inseln, auf denen Pawel Florenski verbannt worden war. Edzard Schaper hat das Schicksal der verfolgten Christen in der Sowjetunion in seinen karelischen Erzählungen und seinem Roman „Die sterbende Kirche“ (1936) beschrieben.

Im Juli 1931 flog Arthur Koestler als Korrespondent des Ullstein Verlages mit dem „Graf Zeppelin“ über die Welt der Lager in Richtung Franz-Joseph-Land. Ziel der Reise war die Stille Bucht der Hooker-Insel, wo das deutsche Luftschiff auf den sowjetischen Eisbrecher Malygin treffen sollte. Ulrich hatte eine kleine Reisebibliothek zusammengestellt, darunter Friedrich Sieburgs Bericht „Die rote Arktis“ (1932) über die Fahrt mit der Malygin. Das Verwaltungszentrum der roten Arktis und ihrer Straflager war Archangelsk. Wir dürfen die Stadt nicht betreten. Sieburg hatte über Archangelsk berichtet: „Die Kirche ist in ein antireligiöses Museum umgewandelt, ihr weißgekalkter Bau liegt in einer kleinen Anlage, die der Aufenthaltsort der Säufer, Bettler, Tagediebe und Obdachlosen von Archangelsk ist.“

Wieder in der Luft feierten wir die Überquerung des nördlichen Polarkreises mit zuckersüßem Schaumwein aus rosafarbenen Hartplastikschalen und einem Apfelstückchen. Amderma meldet 8 Grad. Wir betreten das Reich des Permafrostes. Im Sommer taut der Boden nur bis zu einer Tiefe von zwanzig Zentimetern auf. Aus Schutz vor der Bodenkälte steht das Flughafengebäude auf Pfeilern. Die Stufen sind vom Frost zersprengt worden, das Rollfeld zeigt tiefe Risse. Aus unerfindlichen Gründen verweigert unser Zielflughafen Dickson die Landeerlaubnis. So verzögert sich der Weiterflug um zwei Stunden. Gelegenheit, zwischen schrottreifen Maschinen und Öllachen zu gehen. Am Flughafengebäude die alte Parole: „Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird immer leben.“ Das Portrait des Diktators ist vom Frost zerfressen worden. Wir erleben den Untergang der roten Arktis.

Das Militärlager Dickson erreichen wir nach Mitternacht. Unter Stalin war Dickson ein Gulag. Während des Kalten Krieges lebten hier 1500 Soldaten, jetzt sind es nur noch zehn. Wieder grüßt ein verwitterter Lenin. Um zwei Uhr nachts steht die Sonne leuchtend am Himmel. Wir steigen durch eine Trümmerwüste. Eine apokalyptische Landschaft wie die Zone in Andrej Tarkowskijs Film „Stalker“. Aufgeplatzte Leitungsrohre, verlassene Häuser, verrostete Kettenfahrzeuge, tonnenweise Schrott, dazwischen Hinweisschilder auf radioaktive Strahlung. Draußen auf dem Grund der Karasee liegen nukleare U-Boote. Neue, noch verpackte Gerätschaften verwittern bereits am Straßenrand, eine Lieferung von Heizkörpern liegt vor den Häusern und dient als Fußabtreter.

Am Kap Tscheljuskin ist nur eine Zwischenlandung geplant. Ein eisiger, naßkalter Wind fährt durch das nebelverhangene Lager. In gefütterten Gummistiefeln waten wir durch den Schlamm, während der Hubschrauber aufgetankt wird. Auf einem Schild der Hinweis auf das Rauchverbot. Bei Zuwiderhandlung werden zwei Monate Entzug der Zuckerration angedroht. Der Tankwart raucht dennoch, denn Zucker gibt es hier auf verlorenem Posten schon lange nicht mehr. Russland hat für die Heimkehr seiner arktischen Arbeiter kein Geld. Aus der Nebelwand taucht ein blutverschmierter Samojede mit einem Knochen in der Schnauze auf. Sofort verbeißen sich sieben Bestien ineinander. Mit groben Fußtritten versucht sie der Tankwart auseinander zu treiben.

Fünf Eisbären seien im Gelände gesichtet worden, heißt es plötzlich. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie nicht geschossen werden. Eisbären kennen keine natürlichen Feinde. Sie gelten als unberechenbar und extrem schnell. „When you have seen them, you are dead!“, sagt Martin Harris, Meteorologe aus Oxford, der hier oben Wettersatelliten aussetzen will. „Wenn Du einen Eisbären siehst, fängst das Leben erst richtig an!“, meint Ko de Korte, ein holländischer Ornithologe und Zyniker. Er lebt von den wenigen Reisegruppen, die er in die Arktis führt, und verachtet zugleich den Menschen, der seinen Fuß in das Vogelparadies setzt.

 

 

 Arktisches Gelege

 

 

Unerwartet bietet sich die Möglichkeit, die Polarstation Fedorov und das Denkmal am Kap zu besuchen. Viktor schultert die Kalaschnikov und beordert einen Lastwagen. Wir legen uns auf die hölzerne Ladefläche und klammern uns während der holprigen Fahrt aneinander, um nicht abgeworfen zu werden. Durch die Risse in den Balken spritzt der Eisschlamm. Am Kap Tscheljuskin sind viele Entdeckungsreisende der Arktis gescheitert oder durch das Eis an der Weiterfahrt gehindert worden. Direkt am Ufer haben Soldaten auf hohen Wachtürmen Position bezogen. Vor ihren Augen gleiten Eisblöcke vorbei. Die breite Urinspur eines Eisbären zieht sich über eine Schneewehe. Grüne Steine mit langer gleichmäßiger Maserung liegen auf dem Boden. Einige Stellen sind mit leeren Patronenhülsen übersät. Zwei mannshohe Steintürme und ein aufgerichteter Baumstamm mit roten Farbstreifen markieren den Ort: 77° 42’ 07’’ nördlicher Breite, 104° 8’ Länge. Musik und Dialogfetzen der Radiostation durchdringen lautstark die Eiswüste. Wir frieren trotz der Spezialkleidung. Viktors Hals und Hände sind ungeschützt. Wärmende Kleidung wird den Soldaten nicht zugeteilt. Vielleicht geht deshalb die Zigarette im Mund niemals aus. Sechzig Kilometer von Kap Tscheljuskin entfernt befand sich ein Lager für politische Gefangene. Eine Ahnung von den Zuständen im GULAG läßt uns erschaudern.


Zehn Stunden dauert der Flug mit dem Hubschrauber MI-8 von Dickson über Kap Tscheljuskin ins Nordland. Ein gefährliches Unternehmen. Denn zwei MI-8 Hubschrauber sollten in diesem Sommer 1995 über dem Eis abstürzen. Aus zweihundert Metern Flughöhe gleitet der Blick über endlos scheinende Tundraweiten. Kilometerweit haben sich die Spuren der Kettenfahrzeuge in den Boden gefressen. Dreißig Jahre lang werden sie sichtbar sein. Das Leben ist empfindlich, und die kurzen Sommer schenken ihm nur wenig Blütezeit. Fünf Sommer dauert es, bis sich ein knospendes Blümchen entfaltet hat.

Niemand kann hier oben allein überleben. Alles Lebendige braucht Schutz. Die rotfarbene Flechte den Stein, das winzige Vergißmeinnicht die Grasnabe, der Eisbär die Schneehöhle, der Mensch den Hund und das Gespräch. Auch wir hocken dichtgedrängt zwischen den großen Benzintanks im Innenraum des Helikopters. Der Lärm der Rotorblätter ist ohrenbetäubend, die technische Ausrüstung wirkt überaltert.


 


 

Auf Sewernaja Semlja

 

 


 

Mir ist nicht zum ersten Mal auf dieser Fahrt ins Land hinter Lethe unwohl. Ein Ordensbruder kommentiert: „Man merkt auf Schritt und Tritt, dass du noch nie im Knast gewesen bist!“ Das stimmt. Ulrich wurde im Frauenzuchthaus Hoheneck geboren. Später wurde er wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Jeder Ordensbruder hat Knasterfahrung. Offenbar schöpft er daraus eine innere Stärke und Gelassenheit. Sebastian Kleinschmidt bringt diese Erfahrung auf den Punkt:

„Wer im Gefängnis ist, erfährt Licht und Dunkelheit elementar. Schacht gehörte zu denen, die Energie daraus gezogen haben, auch als späterer Dichter. So wurde er Zeuge der Dunkelheit und zugleich Bote des Lichtes. Beides ist in sein Schreiben eingegangen. In fast allen seinen Gedichten, besonders denen über den Norden, ist das zu spüren.“

Auf alles waren wir nach den bisherigen Erfahrungen gefaßt, nur nicht auf den angenehmen Komfort der Radio- und Wetterstation „Prima“. Sie liegt auf Bolschewik, der südlichsten Insel des Nordlandes Severnaja Semlja. Ihre Entdecker nannten sie Swjataja Olga - Sankt Olga. Die Revolution löschte auch diesen Namen aus.

Vier Russen wohnen das ganze Jahr über auf Prima. Die Station über dem 79. Breitengrad kann nur im Monat August von Eisbrechern aus Murmansk oder Archangelsk versorgt werden. Prima beherbergt in diesem Jahr nur drei Reisegruppen. Das sei zum Überleben zu wenig, erklärt Vladimir Baranov in morgendlicher Runde. Unser Begleiter war Angestellter des berühmten Forschungsinstituts für Arktis und Antarktis in St. Petersburg und versucht nun einen sanften Tourismus aufzubauen. Auf den Tischen steht der köstliche Fisch, den wir am Nachmittag geangelt hatten. Oberhalb der Station befindet sich der See Osero Twerdoje. Er dient zur Trinkwasserversorgung und ist ganzjährig zugefroren. Im Sommer beträgt die Eisdichte 150 Zentimeter. Wir hatten Löcher gebohrt und Lachsforellen gefangen. Unsere russischen Begleiter ließen die Tiere auf dem Eis liegen, wo sie lange Maul und Kiemen bewegten. Einige von uns befremdete der Brauch, und sie baten, die Fische zu köpfen. Entsetzt wiesen die Russen das Anliegen zurück. Wie könne man nur einem so edlen Tier den Kopf abschneiden!

Severnaja Semljas Inselwelt erstreckt sich 360 km von Nord nach Süd und 324 km von West nach Ost. Gut die Hälfte der Fläche ist vergletschert. Rentiere, Eisbären, Schneehasen, Lemminge und Polarfüchse sind auf Severnaja Semlja zu Hause. An den steilen Felswänden der Fjorde brüten Seevögel. Einige Kolonien bestehen aus zehntausend Brutpaaren. Severnaja Semlja bietet ein abwechslungsreiches Landschaftspanorama. Sanftwellige eisfreie Hochebenen sind mit grünen Schiefertafeln bedeckt. Weder Grashalme noch Moose wachsen hier. Schwarze Flechten mit grauen Rändern bilden die ersten Spuren des Lebens zwischen den gewaltigen Brocken einer Geröllhalde. Der Frost hat die Steine aufgesprengt und steinerne Blütenornamente gebildet. Im Anorganischen prägen sie die Grundmuster des Lebens vor. Orangerot leuchtende Flechten ernähren sich von den Mineralien. Die Reise führt in den Anfang der Schöpfung zurück, als Wasser und Land gerade getrennt worden waren.

 

 

Swernaja Semlja

 

Himmel, Erde und Wasser fließen ineinander über. Farben und Formen wechseln in Minutenschnelle. Türkisblau und grauschwarz bricht der Gletscher auf. Jahrtausendelang wurde das Land von seinen Eismassen geknetet. Jetzt hat das Eis den fruchtbaren Lehm der Schöpfung freigegeben, einen Erdenkloß, dem zum Lebendigwerden nur noch der Anhauch Gottes fehlt. Keine Kamera kann das Farbenspiel des Urschlamms einfangen. In braunroten, ockergelben und lindgrünen Linien stürzen Berge den Canyon hinab. An ihren Rücken sind die Spuren des Walkens und Knetens deutlich sichtbar. Unten in den Schluchten murmelt rostfarbenes Wasser über rosige Gipsplatten. Nur laufend können wir uns in dieser Landschaft bewegen. Wer stehenbleibt, versinkt bis zu den Knien im Boden. Vor Jahrmillionen war die Arktis eisfrei. Käme heute tatsächlich ein dauerhafter weltweiter Umschwung des Klimas, hier oben wäre bereits der fruchtbare Boden für eine neue Entfaltung des Lebens gegeben. Die Arktis geht mit jedem Klimawandel kreativ um.

Auf Novaja Semlja haben russische Wissenschaftler Atomversuche durchgeführt und große Teile der Insel verstrahlt zurückgelassen. Während wir die Überreste des Winterlagers „Het Behouden Huys" von Willem Barents an der Nordspitze dieser Insel besuchen, wird weltweit gegen die geplanten französischen Atomversuche im Pazifik protestiert. Seltsame Gedanken überfallen den Reisenden. Es ist, als werde hier im Nordland bereits eine neue Schöpfung vorbereitet. Die arktische Landschaft ist weder schön, gewaltig noch erhaben, ihre Größe übersteigt alles Begreifen. Sie ist ein heiliger Raum, vor dem der Eindringling zurückschreckt. Es kommt auf den Menschen nicht an, selbst die von ihm geschaffenen Katastrophen und Zerstörungen wirken bedeutungslos vor der Erfahrung einer unergründlichen Schöpferkraft. Ulrich Schacht schreibt:

 

„Woher wir kommenbleibt unerschlossen:
Die Daten sind reine Zahl auf Papier.
Am Anfang des Lebens wird Blut vergossen;
am Ende erschrickt ein verwundetes Tier.

Auftauchen Verlöschen: Kometengewitter -
im Raum aller Spiele besiegt uns der Kreis.
Es gibt kein Gestade für jenen Ritter,
von dem unser Herz mit Gewißheit weiß.

Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten:
ihr Kreisen ist grundlose Trunkenheit.
Wann immer wir in unser Leben schnellten,
gewannen wir nichts und verloren die Zeit.“

 

Vor dem fünfstündigen Flug von Severnaja Semlja über das Eismeer nach Franz-Josef-Land werden die vier großen Tanks des Hubschraubers in Sredni aufgefüllt. Sredni gehört zu den Sedow-Inseln. Die Haut des Tankwartes auf der Militärstation ist vom Frost gezeichnet. Ein erfrorenes Lächeln legt die Zahnhälse und das rotbläuliche Zahnfleisch frei. Drei junge Frauen sind gekommen und blinzeln gegen die Sonne. In Sichtweite von Sredni liegt die Insel Domaschni. Hier stand in den dreißiger Jahren das Haus des russischen Arktisforschers Georgi A. Uschakov (1901-1963). Bären- und Walroßknochen liegen verstreut. Zwischen den letzten Balken des Hauses brüten die Elfenbeinmöwen. Sie gelten als Schutzengel der Arktis und Symbole der Unsterblichkeit. Sergej, der Funker, verweist auf die Schwingen der Elfenbeinmöwe, die er als Tätowierung auf dem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger trägt. Wenn der Helikopter ins Wasser stürze, sagt er, kämen die Möwen und trügen unsere Seelen in den Himmel.

 

 

 

 Engel der Arktis

 

 

Nach zwei Stunden Flug besuchen wir den einsamsten Ort der Arktis, die verlassene Station Uschakova. Zwei Holzhäuser inmitten des Eismeeres auf einem Gletscher. Ziegelsteine sind vor einem Haus gestapelt, ein moosiger Eisbärenschädel liegt zwischen alten Zeitungen und leeren Flaschen. Heute steht er ausgekocht auf Heimo Schwilks Art-Deco-Schreibtisch in der Uckermark.

Lebensmittelreste in der Vorratskammer. Wäsche hängt noch an der Leine und ein Feuerlöscher an der Wand. Mit weißem Pinselstrich sind die Umrisse eines nackten weiblichen Körpers an die Eingangstür gemalt. Doch schon beginnt eine dicke Eisschicht den Fußboden der Häuser zu überziehen. Über dem Hauptgebäude sind noch die Funkdrähte gespannt. Doch kein Mensch sendet aus diesem Eiland Botschaften, und auch die große Antenne empfängt keine Signale mehr. Auf ihren Drähten spielt der Polarwind das Lied von Nacht und Eis. In seinem Reisebericht „Von weißen Nächten und roten Tagen“ (1934) spricht Arthur Koestler vom „Wahnsinn der Einsamkeit“ und dem „Eiskoller“. Als er die Fahrt des Zeppelins L 127 begleitete, war er soeben Mitglied der kommunistischen Partei geworden. Seinen Reisebericht wird er in der Sowjetunion veröffentlichen. Die Arktis beweise, dass der Mensch nur in der sozialistischen Gemeinschaft leben könne: „Wenn man alle Propheten des Individualismus und alle Poeten, die die Einsamkeit verherrlichen, von Nietzsche bis Rilke, zwänge, nur ein Jahr oben zu verbringen - der Individualismus würde bald ausgestorben sein.“

Franz-Joseph-Land wurde von dem böhmischen Offizier Julius Payer und dem Schiffsleutnant Karl Weyprecht aus Hessen entdeckt. Ihre Fahrt mit der „Admiral Tegethoff“ inspirierte Christoph Ransmayr zu einem Roman, den Ulrich auf seiner ersten Fahrt nach Spitzbergen (1989) las. Unser Quartier auf der Station Krenkel (Hayes-Insel) befindet sich in einem desolaten Zustand, der alles in den Schatten stellt, was wir bisher gesehen hatten. Der Namensgeber, Ernst Krenkel (1903-1971), gehörte mit Pavel Molchanov und Rudolf L. Samoilowitsch (1881-1940) zu den wissenschaftlichen Leitern des ersten Zeppelin-Fluges nach Franz-Joseph-Land. Der LZ 127 Graf Zeppelin traf in der Buchta Tichaja - Stille Bucht der Hooker-Insel - auf den Eisbrecher Malygin. Die Forschungsstation an der Stillen Bucht wurde 1959 geschlossen. Dafür wurde unser Quartier neu errichtet.

 

 

 

Bell Island

 

Dass die Geschichte der Entdeckung der Arktis auch eine Geschichte des Scheiterns ist, wird plötzlich wieder bewußt. Willem Barents starb noch bei seiner Rückkehr von Novaja Semlja an Skorbut, Otto Krisch, Maschinist der Tegetthoff, liegt auf der Wilczek-Insel begraben, auf der Rudolf-Insel, dem nördlichsten Eiland von Franz-Josef-Land, liegt das Grab des Matrosen Sigurd Myhre, daneben der Propeller und andere Teile einer Antonov-26 und die Rotorblätter von zwei Hubschraubern. Als Franz-Josef-Land in den dreißiger Jahren von der Sowjetunion besetzt wurde, versuchte man sämtliche Spuren der bisherigen Erforschung des Archipels zu beseitigen. Planmäßig wurden amerikanische und norwegische Polarstationen eingeebnet. Wie unübersichtlich und wenig kontrollierbar die Inselwelt von Franz-Josef-Land jedoch ist, zeigt die Tatsache, dass inmitten des Zweiten Weltkrieges deutsche Soldaten auf Alexandra-Land eine Militärstation errichten konnten, die erst in den sechziger Jahren entdeckt wurde. Inzwischen hat sie ein Gletscher unter sich begraben.

Stille herrscht in der arktischen Landschaft, aber kein Schweigen. Das ruhige Gespräch beim Eisangeln ist noch in weiter Ferne zu vernehmen. Aus den Fjorden steigt das Geschrei der Möwen empor. Die Walrosse grunzen und rülpsen am Meeressaum. Wer könnte die Worte des Windes übersetzen und den Gesang der treibenden Eisberge? Wer entziffert die Frostmuster der Steine? Die eisige Stille der Arktis bricht Felsen und versteinerte Seelen auf. Nach jahrelangem Schweigen beginnt mancher Pilger wieder das Gespräch mit Gott.

 

 

 

 

Wir sind die letzten Gäste auf der nördlichsten Wetterstation der Welt. Nach unserem Besuch wird die Station geschlossen werden. Sie liegt an der Teplitzbucht unweit des Kap Germania. Hier auf der Rudolf-Insel lebt ein Ehepaar. Krapfen, Gebäck, Brot, Butter, Marmelade und Tee werden aufgedeckt. Gesang ertönt. Der Funker hat ein kleines Museum eingerichtet: Steine, Eisbärenkrallen, Überreste der Ziegler-Expedition. Die Hausfrau führt uns durchs Gebäude. Im Schlafzimmer über dem Ehebett eine Muttergottes mit Jesuskind, dann durch einen Flur mit Nahrungsvorräten vor eine Tür, hinter der sich Unglaubliches verbirgt: Leinen- und ledergebundene Bücher, Regale vom Boden bis zur Decke gefüllt. Es mögen zehntausend Bände sein. Wir versuchen, die Buchrücken zu entziffern. Alles ist in diesem Hort der Kultur zu finden. Auch Goethe in der Arktis. Seit 1995 versinkt die Station in Schnee und Eis. Einst wurden hier Saurierknochen gefunden. Vielleicht werden kommende Geschlechter eines fernes Tages die Bibliothek der Weltliteratur unter dem Eis finden.

Auf der Jackson Insel erinnert eine Gedenktafel in russischer und norwegischer Sprache an Fridtjof Nansen und Fredrik Hjalmar Johansen, die hier vor genau einhundert Jahren neun Monate in Nacht und Eis überwinterten. Nach zwei Jahren Eisdrift mit der „Fram“ („Vorwärts“) hatten sie auf 84° 4’ nördlicher Breite das Schiff verlassen, um zu Fuß den Nordpol zu erreichen. Trotz unglaublicher Willensstärke scheiterte der Versuch, und nur einem guten Geschick hatten es die beiden zu verdanken, dass sie auf ihrem Rückweg Franz-Josef-Land erreichten. Auf Jackson ist noch der Fichtenstamm zu sehen, der als Firststück für ihre Winterhütte aus Stein, Eis- und Walroßfellen diente. Neun Monate dunkle Nacht, neun Monate, in denen nichts passiert, die Gedanken nichts mehr denken und das Herz im Schweigen versinkt. Was ist der Mensch? „Nur ein Staubkorn ist er vor der Macht, die alles, was wir sehen und nicht sehen, erschaffen hat, der Macht, die von Ewigkeit her alles regiert und in Ewigkeit alles nach ihren uns unfaßbaren Gesetzen regieren wird, der Macht, die uns auf dieser Reise so oft vom Untergange errettet hat!“, notiert Hjalmar Johansen in seinem Reisebericht. Noch immer ist die Arktis ein Ort der Selbstbegegnung und der Berührung mit dem Geheimnis der Schöpfung.

 

 

 

Undine von der Lamme und Ulrich Schacht im Arbeitszimmer des Dichters

 

 

In seiner neuen schwedischen Heimat habe ich Ulrich immer wieder besucht. Das letzte Mal im Herbst 2017 mit Undine, meiner Frau. Ulrich führte uns in sein weiß gestrichenes Arbeitshaus. Es besteht aus einem großen Raum, vollgestopft mit Büchern. Eine Couch von Büchern bedeckt. Davor ein Tischchen mit einem Schachspiel. Dann zwischen Büchern eingemauert der Schreibtisch. Zur Linken an der Wand ein Bild Friedrich Schillers, eine Ikone mit der Darstellung der Ankündigung der Geburt Jesu, ein schlichtes Holzkreuz, Rubljovs Dreifaltigkeitsikone. Im Bücherregal hinter dem Schreibtisch Bilder und Postkarten: Die Sixtinische Madonna, Uta von Naumburg, Cranachs junger Luther, daneben Papst Benedikt XVI., weitere Marienbildnisse. Daneben eine grüne Postkarte mit der Bitte: „Herr, gib mir Geduld, aber zackig!“

 

 

 

Das Leben feiern

 

Am Nachmittag fahren wir mit Stefanie und Ulrich ans Meer nach Hovs Hallar. Birgit Nilsson lebte hier. Es gibt auch ein kleines Museum. Aber die Saison ist schon vorbei. Wir gehen hinunter an die Steilküste. Die stark zerklüfteten Felsen erinnern an die Steinwüste von Franz-Joseph-Land. Ulrich herzt unseren Hund Tobit und bleibt auf einem dicken Felsbrocken sitzen, während wir weiter durch das unwegsame Gelände steigen. Hier auf der Halbinsel Bjäre drehte Ingmar Bergmann im Sommer 1956 den Film „Das siebente Siegel“. In Hovs Hallar wurde die Szene aufgenommen, in der Max von Sydow mit dem Tod Schach spielt.

Fassungslos waren wir, als wir ein Jahr später die Nachricht von Ulrichs Tod erhielten. Dieser überaus vitale Bursche - so früh aus dem Leben gerissen. Viel zu früh! Es gibt sehr viele Todesarten, und jeder Mensch hat sein eigenes Urteil, seine eigenen Ängste und Hoffnungen. Viel zu früh. Ja. Aber wenn es sein muß, denke ich heute, dann möchte ich auch so gehen dürfen, allein, aber nicht einsam. Stefanie Schacht hat auf der Todesanzeige ein Photo platziert. Es zeigt Ulrich, wie immer schwarz gekleidet, in einem winterlichen Buchenwald. Mit dem rechten Arm lehnt er seinen mächtigen Leib an einen Baum. Ganz klein wirkt Ulrich in dieser Landschaft. Beigegeben hat Stefanie dieses herrliche Gedicht ihres Mannes:

 

„Manchmal gibt der Wind den
Bäumen eine Stimme: Sie flüstern sie

ächzen sie schreien vor
Schmerz. Gefährten, sagen

wir dann, und wissen: Selbst
wenn wir die letzten Stimmen

wären wir wären, noch
immer, nicht einsam.“

 

 

 

  

Forschungsstation Krenkel/Rudolf-Insel/Franz-Joseph-Land

 

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Die Gedichte werden zitiert nach:
Ulrich Schacht. Platon denkt ein Gedicht. Edition Rugerup. Berlin 2015.