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Menschen und Schicksale
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„Kein Landsmann sang mir gleich“
Edzard Schaper – ein deutscher Lebenslauf

 


„And even though
it all went wrong
I’ll stand before the Lord of Song
with nothing on my lips but Hallelujah!“


Leonard Cohen. Hallelujah

 

 

 

Herausragender Zeitzeuge Osteuropas im 20. Jahrhundert:
Eine Wiederentdeckung

 

 

Edzard Schaper (1908-1984) wurde von Hitler und Stalin zum Tode verurteilt und nach seiner Flucht in Schweden als vermeintlicher Doppelagent unter Arrest gestellt. Dass Edzard Schapers Werk mit einer Gesamtauflage von sechs Millionen Büchern seit den Siebziger Jahren nahezu vergessen wurde, bestätigt den Charakter dieses Grenzgängers als Exponent einer Generation, die in wahrlich finsteren Zeiten leben musste und von deren Erfahrungen die Nachgeborenen nichts mehr hören wollten. Diese Verdrängung ging so weit, dass bereits vier Jahre nach Schapers Tod niemandem die Übernahme seines berühmten Romantitels „Die letzte Welt“ (1956) durch Christoph Ransmayrs Endzeitroman aus dem Jahre 1988 auffiel.

Heute sind Schapers Bücher als eine exemplarische Erfahrung der Geschichte Europas überraschend aktuell. Die Wiederentdeckung von Schapers Leben und Werk gilt der Jahrhundertfigur eines deutschen Schriftstellers, der (bis auf die wenigen Jahre seiner Jugend) nie in Deutschland gelebt hat. Sie öffnet den einmaligen Blick in den Nordosten Europas - ins Baltikum, nach Finnland und Skandinavien, nach Polen und St. Petersburg - und erzählt die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts anhand bisher unbekannter Quellen aus den geheimen politischen Archiven Estlands, Finnlands, Schwedens, Polens und der Schweiz.

Als der Schweizer Gelehrte Max Wehrli im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung einen Nachruf auf Edzard Schaper hielt, sprach er von einem Leben zwischen den Grenzen und hinter den Linien. Edzard Schaper habe von Menschen auf verlorenem Posten geschrieben. Sein „mächtiges erzählerisches Werk hat sich mit Vorliebe der Einsamen, der Flüchtlinge, der Verlorenen und Vergessenen der Geschichte angenommen.“ Es bleibe „verpflichtend als Dokument einer Geschichtserfahrung, die man einzigartig und großartig nennen möchte, wäre es nicht die Erfahrung der Geschichte in ihrem Dunkel und ihrer menschlichen Ausweglosigkeit. Dafür ist ihm, am ‚Abend der Zeit’, der Untergang der deutsch-baltischen Welt und die Verwirrung der nationalen, politischen und konfessionellen Fronten im Zusammenstoß von Osten und Westen das immer neu ergründete Beispiel geworden, auch wenn er seine Figuren und Ereignisse auch in anderen Zeiten und Ländern spielen lassen konnte.“

 

 

Stationen seines Lebenslaufes

 

Die Mutter, so wird man später dem Kind erzählen, musste während der gesamten Schwangerschaft das Bett hüten. Edzard Hellmuth war das letzte ihrer neun Kinder, das sie im Alter von 46 Jahren zur Welt brachte. Johanne Schaper (1862-1942) stammte aus dem ostfriesischen Wiegboldsbur. Sie hatte den Beruf der Köchin erlernt und arbeitete in der Kantine einer Kaserne. Hier lernte sie 1888 August Schaper (1862-1950) kennen. Der Sohn eines Müllers aus dem Kalenberger Land (Provinz Hannover) wollte Dorfschullehrer werden. Weil das Geld für eine Ausbildung jedoch nicht reichte, wurde er Berufssoldat. Seit 1896 Halbinvalide, arbeitete er aus gesundheitlichen Gründen in der Administration und erreichte die Position eines Lazarett-Verwaltungsinspektors.

Als August und Johanne Schaper mit ihrer Kinderschar nach Ostrowo (Provinz Posen) an die deutsch-russische Grenze versetzt wurden (1907), waren sie der vielen Umzüge müde. Der alte Soldat sehnte sich nach ruhigen letzten Dienstjahren in Hannover. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zerstörte diese Hoffnung. Er wurde für den knapp sechsjährigen Edzard Schaper zu einem Schlüsselerlebnis, dessen Erschütterungen noch in dem späten Roman „Am Abend der Zeit“ (1970) nachhallen.

Das Kind hatte einen Jahrmarkt besucht. Inmitten des heiteren Treibens erscheint ein Melder auf seinem Rad und verkündigt den Ausbruch des Krieges. In Panik geraten, packen die Händler ihre Waren ein. Zu Hause angekommen, erlebt das Kind, wie auch seine Mutter Vorbereitungen zur Flucht trifft. Als Lazarett-Verwaltungsinspektor hat August Schaper jedoch am Ort zu bleiben. Im Krankenhaus und auf der Hinrichtungsstätte wird sein jüngster Sohn Augenzeuge einer Welt, die sein kindliches Bewusstsein überfordert. Ohnehin belastet mit einer Anlage zur Schwermut, flieht er mit seinen polnischen Freunden in Phantasiereisen. Er lernt die polnische Sprache und einige Brocken Jiddisch. Interreligiöse oder interkulturelle Berührungsängste sind der Familie fremd. Die Schwester Frieda wird 1919 den jüdischen Architekten Ernst Guggenheimer heiraten, Helene den jüdischen Arzt Paul Walter Wolff. August und Johanne Schapers Kinder werden früh in die Selbständigkeit entlassen. Erich gründet bereits im Alter von 22 Jahren die noch heute existierende pharmazeutische Firma Schaper & Brümmer in Ringelheim, Wilma arbeitet als Krankenschwester, Karl-Günther wandert nach Peru aus.

Edzard Schaper ist ein melancholisches Kind mit der Neigung zu Einzelgängertum und Tagträumerei. Schon die ersten Jahre in Ostrowo deuten die katastrophale Schullaufbahn dieses einseitig im sprachlich-musischen Bereich begabten Kindes an. Schapers Schulbesuch ist auch die Geschichte des Missbrauchs einer jungen Seele. Jeden Freitag erhält er von einem alten Pauker Prügel wegen seiner schlechten Schrift. Er sucht Zuflucht bei seiner Lehrerin Irene Himm und verliebt sich in sie. Als ältere Schüler ihn zu einem Schabernack verführen, lässt die jugendliche Erzieherin ihn zur Strafe für mehrere Monate die Eselsbank drücken. Nach dem Krieg besucht Schaper das Königliche Evangelische Gymnasium in Glogau (1919-1922), zu dessen Schülern auch Jochen Klepper gehört. Während einer Aufführung von Robert Schumanns „Das Paradies und die Peri“ in der Glogauer Garnisonskirche vernimmt der junge Schaper in dem Oratorium seine eigene Lebensmelodie. Wie der Engel Peri fühlt er sich entwurzelt und heimatlos. Das Leben der Peri ist bestimmt von der Suche nach dem verlorenen Paradies. Mit dem Spiegelbild seiner eigenen Entwurzelung erlebt Schaper zugleich die heilende Kraft der Musik. Deshalb beschließt er, Musiker zu werden. Nach einem erneuten Ortswechsel besucht der Vierzehnjährige die Humboldtschule in Hannover (1922-1925) und erhält durch den preußischen Kultusminister die Zulassung zum Studium der Musik bei Th. W. Werner und Rudolf Steglich. Diese doppelte Belastung endet 1925 in einem Nervenzusammenbruch. Schaper verlässt die Schule ohne Abschluss, arbeitet für einige Monate als Hilfskraft im Theaterverbund Herford-Minden und beginnt am 13. Mai 1925 eine Ausbildung als Hilfs-Dramaturg in Stuttgart. Er wohnt bei seiner Schwester Frieda und ihrem Mann, dem Architekten Ernst Guggenheimer. Sein extravagantes Benehmen führt bald zu Konflikten mit dem Hausherrn. Guggenheimer hatte seinem genialischen Schwager die Stelle vermittelt und sah nun seinen eigenen Ruf beschädigt: Denn Schaper wurde im Theater immer wieder abgemahnt, weil er ohne Entschuldigung dem Dienst fernblieb, Regieanweisungen falsch oder gar nicht weitergab und als Bubenstück nach Güstrow fuhr, sich dort als Dramaturg ausgab und von Ernst Barlach in einer durchzechten Nacht die Erlaubnis der Uraufführung des „Blauen Boll“ einholte. Diese Eigenwilligkeit brachte Schaper in doppelten Konflikt mit seinen Vorgesetzten, denn einerseits konnten sie das Verhalten nicht dulden, andererseits das Ergebnis nicht ablehnen. Unter der Leitung von Friedrich Brandenburg und Curt Elwenspoek fand die Uraufführung des „Blauen Boll“ (13. Oktober 1926) im Kleinen Haus des Württembergischen Landestheaters Stuttgart statt. Auf dem Programmzettel tauchte Edzard Schapers Name an keiner Stelle auf. Deutlicher konnte dem jungen Genie seine dienende Rolle in Stuttgart nicht vor Augen geführt werden. Ernst Barlach aber verband auf den ersten Blick mit dem jungen Schaper eine Seelenverwandtschaft. Deshalb öffnete er sich dem Siebzehnjährigen. Edzard Schaper wurde Barlachs erster Biograph.

Das Stuttgarter Zwischenspiel endete mit einem weiteren Nervenzusammenbruch, aus dem Schaper jedoch ein neues kreatives Potential gewann. In zwei Romanen erzählt er wenig verschlüsselt die Geschichte seiner Seele und veröffentlicht in der von Robert Schumann gegründeten „Neuen Musikzeitung“ den Aufsatz „Die Musik der Geisteskranken“. Er versucht den Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn für eine Dokumentation über psychisch kranke Musiker zu gewinnen. Finanziell abgesichert durch den Verleger Adolf Bonz, zieht sich der achtzehnjährige Autor auf die kleine Festungsinsel Christiansø nördlich von Bornholm zurück, um hier, angeregt durch Romain Rolland, einen Musikerroman zu schreiben. In Georg Friedrich Händel sieht er ein willensstarkes Vorbild für die Bewältigung von Lebenskrisen. Zwei Jahre arbeitet er an dem Händelroman und kommt doch über eine Projektion eigener Erfahrungen auf den Lebenslauf dieses Genies nicht hinaus. Der Händel-Roman ist, nicht frei von übertriebenem Geltungsdrang, Ausdruck eines überzogenen Anspruches und einer starken Neigung, sich selbst zu überfordern. Im Frühjahr 1929 verlässt Schaper die Insel. Während seines Aufenthaltes hat er nicht nur Dänisch gelernt, sondern auch die Grundlagen der norwegischen, schwedischen und finnischen Sprache, die er in den kommenden Jahren durch zahlreiche Übersetzungen dieser Literaturen konsequent erweitern wird.

Auf der Suche nach der verlorenen Heimat Ostrowo arbeitet der Zwanzigjährige als Gärtner auf einem polnischen Gut bei Posen, verdingt sich als Matrose auf einem Fischkutter im Eismeer und kehrt ohne Perspektive nach Deutschland zurück. In Berlin trifft er 1931 Rudolf Pechel, den Herausgeber der „Deutschen Rundschau“. Durch seine Vermittlung knüpft er Kontakte zu neuen Verlagen. Schaper will Deutschland so schnell wie möglich wieder verlassen. Mit dem Verlag Langen/Müller schließt er einen Vertrag ab, der ihm zwei Jahre lang die finanzielle Unabhängigkeit sichert. Da Vorfahren seiner Mutter nach Estland auswanderten, denkt er über einen Umzug ins nördliche Baltikum nach. In dieser Situation kann er die Begegnung mit einer jungen Frau aus Estland nur als Wink des Schicksals deuten.

Alice Pergelbaum wurde in St. Petersburg geboren. Ihre Eltern waren deutschbaltischer Herkunft und entfernt verwandt mit der Familie von Lou Andreas-Salomé. Zweimal flohen sie mit ihrer Tochter vor der Revolution nach Tallinn/Reval. Hier legte Alice Pergelbaum 1923 als Jahrgangsbeste das Abitur an der berühmten Elisenschule ab. Aus dieser herausragenden Bildungsanstalt gingen Frauen wie Margarete von Wrangell hervor, die erste in Deutschland habilitierte Wissenschaftlerin, nach der heute ein Förderprogramm benannt ist. Alice Pergelbaum arbeitete in der deutschen Schulverwaltung in Estland. Am Tag ihrer Begegnung in Berlin macht Schaper ihr sogleich einen Heiratsantrag und folgt ihr im Herbst 1931 nach Estland. Rückblickend nannte Schaper diese Liebe auf den ersten Blick ein „Verhängnis“. In dem von ihm oft zitierten „Verhängnis“ des barocken Dichters Paul Fleming, in dessen Revaler Haus er eine zeitlang wohnen wird, verdichtet sich Schapers religiöse Deutung der Geschichte. Das „Verhängnis“ ist der von Gott verhängte Lebenslauf. Er schließt neben den glücklichen Momenten der Sinn- und Selbsterfahrung alle Brüche und Katastrophen mit ein. Die Antwort auf das „Verhängnis“ ist der Glaube, dessen Geheimnis sich der Vernunft nicht erschließt, durch Vernunftgründe aber auch nicht widerlegt werden kann. Im Spiegel der Barocklyrik und ihrer paradoxen Grunderfahrungen Melancholia und Lebenfreude, Vergänglichkeit und Ewigkeit hat Schaper seine Lebenszeit als eine neue Epoche des Dreißigjährigen Krieges gedeutet.

Ein „Verhängnis“ besonderer Art war die Beziehung zu Katharina Kippenberg. Die Verlegerin der Insel glaubte an die Sendung des jungen Schriftstellers. Regelmäßig empfing sie ihn in ihrem Leipziger Haus, unternahm Ausflüge und führte mit ihm einen intensiven Briefwechsel, dessen Veröffentlichung von Anfang an geplant war. Katharina Kippenberg war die Verlegerin und Biographin Rainer Maria Rilkes. Der Dichter der „Duineser Elegien“ ist das Leitbild ihrer Erziehung, dem sich Schaper noch bei seinem Umzug ins Wallis verpflichtet fühlen wird. So forderte und förderte Katharina Kippenberg ihn bis an die Grenze seiner seelischen und körperlichen Leistungsfähigkeit. In Estland kam er wieder mit der Welt Osteuropas in Berührung, die ihn in der Kindheit geprägt hatte. Nun beschrieb er seine geistige Heimat für die „große Dame“ aus Leipzig. Mit den Romanen „Die sterbende Kirche“ (1935) und „Der Henker“ (1940) gelangen ihm Epochenromane einer Welt im Umbruch.

Schon vor dem Hitler-Stalin-Pakt erlebt der junge Vater von zwei Töchtern die schrittweise Sowjetisierung Finnlands und Estlands. Im Herbst 1939 muss er mit seiner Familie die neue Wahlheimat verlassen und nach Deutschland zurückkehren. Er befindet sich in einer aussichtslosen Lage. Sein jüdischer Schwager Paul Walter Wolff ist an den Folgen eines Gewaltaktes während der Reichspogromnacht gestorben, der Schwager Guggenheimer konnte dank der Hilfe seiner Frau untertauchen. Von Schaper wird ein Ariernachweis gefordert. Er kann ihn erbringen, nicht jedoch Alice Pergelbaum. Schaper beschließt die Flucht nach vorn. Er will ins Ausland und beantragt ein schwedisches Einreisevisum. Es wird abgelehnt. In Berlin wird er gemustert und soll an die Front verschickt werden. Unter allen Umständen will er eine Trennung von der Familie verhindern. Aufgrund seiner sprachlichen Kompetenzen deutet sich ein Ausweg an. Durch Kontakte zu Mitarbeitern von Wilhelm Canaris bekommt er wie Dietrich Bonhoeffer eine UK-Stellung und fährt als offizieller Mitarbeiter der amerikanischen Presseagentur UPA mit Alice Pergelbaum und den Kindern wieder zurück nach Estland. Hier versucht er seinen Roman „Der Henker“ zu vollenden und arbeitet an der Seite estnischer Freiheitskämpfer in der antisowjetischen Spionage. Im Sommer 1940 muss er sich durch Flucht dem sicheren Todesurteil entziehen.

Nach Deutschland zurückgekehrt, gerät er wieder in eine Zwickmühle, da Schweden erneut die Einreise ablehnt. Schließlich findet er einen Weg, das Land legal zu verlassen. Er wird Mitarbeiter der Berliner Börsen-Zeitung und reist mit seiner Familie im Dezember 1940 nach Finnland. Im Gegensatz zu „dem jetzt so begeistert gefeierten Verräter an der Sache der Humanität: Bert Brecht“, der damals ebenfalls in Helsinki lebt, ist Schaper aufgrund seiner Sprachkenntnisse sogleich in die finnische Gesellschaft integriert. Er schließt Freundschaft mit dem Verleger Heikki A. Reenpää und dem weltberühmten Mathematiker Rolf Nevanlinna. Den führenden Politikern und Militärs ist er rasch persönlich bekannt. Marschall Gustav Mannerheim, noch heute in Finnland ein Symbol nationaler Identität, wird Edzard Schaper in seiner Eigenschaft als Staatspräsident die finnische Staatsbürgerschaft (1944) verleihen. Nach dem verlorenen Winterkrieg schließt Finnland eine sogenannte „Waffenbrüderschaft“ mit Deutschland. Ihre Aufgabe ist die Befreiung der von der Sowjetunion okkupierten Landstriche Ostkareliens. Schaper verbindet mit diesem Kampf die trügerische Hoffnung einer Rückkehr nach Estland. Als Journalist reist er hinter die Linien an der finnisch-russischen Grenze, sieht die Folgen der Sowjetisierung auch in Estland und hört aus erster Quelle Nachrichten über den Bau der Murmanbahn und die am Eismeer errichteten Konzentrationslager. Der Besuch des von deutschen Soldaten besetzten Estland führt zu einer vollständigen Desillusionierung. Schaper beobachtet die Folgen der Rassepolitik. Sein Roman „Der vierte König“ (1961) und Erzählungen wie „Hinter den Linien“ (1952) werden später den Schrecken jener Jahre dokumentieren.

1942 und 1943 nimmt Schaper jeweils für einige Monate eine Vertretung des schwedischen Korrespondenten seiner Zeitung wahr. Die Familie wohnt wie zwei Jahre zuvor Bertolt Brecht und andere Exilanten aus Deutschland im Stockholmer Stadtteil Lidingö. Schaper nutzt den Aufenthalt, um Möglichkeiten einer Arbeit in Schweden zu erkunden. Er knüpft Kontakte zu deutschen Exilverlagen in Stockholm und zu einflussreichen Geistlichen. Dann erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Zurückgekehrt nach Helsinki spitzt sich die Lage für ihn dramatisch zu. Die finnisch-deutsche „Waffenbrüderschaft“ hat ihr Ziel verfehlt. Stalin diktiert die Bedingungen über einen Waffenstillstand. Wie im Estland des Jahres 1939/1940 mehren sich nun auch in Finnland die Zeichen einer schleichenden Sowjetisierung. Schaper fühlt sich durch Agenten der sowjetischen Geheimdienste in Todesgefahr. Gleichzeitig wird er zu einer Musterung nach Berlin geladen. Er befürchtet die Abschiebung in ein Todeskommando, flieht über Königsberg nach Helsinki und gibt die Arbeit für den Börsenkurier auf.

Dass Schaper die Stadt verlassen konnte, hatte er Generalmajor Paul von Hase zu verdanken, der ebenfalls mit einer Baltin verheiratet war. Der Stadtkommandant von Berlin war ein Vetter Dietrich Bonhoeffers. Wilhelm Canaris hatte ihn seit 1938 in Verschwörungspläne des Offizierskorps eingeweiht. Bei dem Attentat des 20. Juli 1944 sollte Paul von Hase eine entscheidende Rolle spielen. Nach Stauffenbergs Rückflug von der Wolfsschanze wäre es seine Aufgabe gewesen, die Entmachtung der hitlertreuen Militärs in der Reichshauptstadt durchzuführen.

 

 


Das zweifache Todesurteil

 

 

Am 23. April 1944 meldete die NZZ: „Zwei deutsche Journalisten in Helsingsfors, der Korrespondent des ‚Hamburger Fremdenblattes’, Graf Anton v. Knyphausen, und der frühere Korrespondent der ‚Berliner Börsen-Zeitung’, Edward (sic!) Schaper, haben laut ‚Stockholms Tidningen’ ihre Beziehungen mit dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland abgebrochen. Beiden wurden ihre deutschen Pässe abgenommen.“ Jetzt bangt Schaper auch um das Leben seiner Familie. Im Februar 1944 wird Helsinki von den Sowjets bombardiert. Freunden in Schweden gelingt es, ein Einreisevisum für die Kinder zu vermitteln. Edzard Schaper und Alice Pergelbaum fliehen am 4. Oktober 1944 auf einem Boot von Björneborg (Pori) nach Gnarp in Schweden. Während die Mutter zu ihren Kindern fahren darf, wird Schaper interniert und aufgrund einer Denunziation als gefährlicher deutscher Agent verdächtigt. Gleichzeitig verurteilt ihn der Volksgerichtshof am 31. Oktober 1944 in Abwesenheit zum Tode. Am 14. Dezember 1944 beschließt die Staatliche Ausländerbehörde Schaper in ein Internierungslager bei Umeå einzuweisen, um ihn an die Sowjetunion auszuliefern. Damit steht er nicht nur unter einem doppelten Todesurteil, sondern Schaper erlebt diese absurde Situation als Vollstreckung eines „moralischen Todesurteils“. Weihnachten 1944 erleidet er einen erneuten Nervenzusammenbruch und wird in ein Kreiskrankenhaus eingeliefert. Nun beginnt ein Leidensweg, der auch drei Jahre später mit der Übersiedlung in die Schweiz kein Ende finden wird. Schapers Theologie der Geschichte als eines Verhängnisses wurzelt in Schüsselerfahrungen, um deren spirituelle Deutung der Autor ein Leben lang ringen wird. Das „moralische Todesurteil“ hat sein Selbstbewusstsein erschüttert und seine Nerven zerrüttet. Zugleich aber erschloss der Zusammenbruch jeder Möglichkeit einer Selbstbehauptung eine spirituelle Tiefendimension, die Schaper in seinen Romanen „Die Freiheit des Gefangenen“ (1950) und „Die Macht der Ohnmächtigen“ (1952) als Paradox des Glaubens und Vertrauen auf die Gnade zu beschreiben versuchen wird.

Obwohl er in Gösta von Uexküll und den Geistlichen Bo Giertz, Birger Forell, Manfred Björkquist angesehene Fürsprecher hat und erwiesener Maßen ein Opfer des Nationalsozialismus ist, muss er in den kommenden zwei Jahren die Abschiebung in ein sowjetisches Todeslager befürchten. Stalin fordert von der schwedischen Regierung die Auslieferung sämtlicher Bürger aus Estland, Karelien und anderen nun sowjetischen Regionen Osteuropas. Die finnische Staatsbürgerschaft wird von den sowjetischen Behörden nicht anerkannt. Selbst als Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe von Birger Forell ist Schaper seines Lebens in Schweden nicht sicher. Einem erneuten Auslieferungsbegehren entzieht er sich durch Flucht in die Wälder, um sich dort das Leben zu nehmen.

Dass Schaper schließlich in die Schweiz übersiedeln kann, verdankt er vor allen Dingen seinem Freund Rolf Nevanlinna, der in Zürich Funktionentheorie lehrt, sowie den Zürcher Germanisten Max Wehrli und Carl Helbling. Unmittelbar nach seiner Ankunft auf dem Zürcher Flughafen (16. Juni 1947) erfährt er vom Tod seiner großen Gönnerin Katharina Kippenberg. Die Folgen begreift er rasch: Trotz der entschiedenen Unterstützung durch Friedrich Michael, den Lektor des Insel Verlages, besteht keine Aussicht auf eine Neuedition seiner alten Inselbücher. Denn Anton Kippenberg glaubt trotz der Teilung Deutschlands, dass er neben der neuen Filiale in Wiesbaden den alten Leipziger Firmensitz in der sowjetischen Zone wieder aufbauen kann. Ein Autor wie Edzard Schaper, der mit seinem Roman „Die sterbende Kirche“ die Leiden der verfolgten Kirche unter Stalin beschrieben hat, passt nicht in Kippenbergs Konzept. So ist Schaper gezwungen, einen neuen Verlag zu finden.

 

 


In der Schweiz

 

 

Im Haus von Max Wehrli findet Schapers Familie ab September 1947 eine erste Unterkunft. Auch Rudolf Kassner, dessen Walliser Grab Schaper pflegen wird, war hier oft Gast. Nach Estland, Finnland und Schweden beginnt für seine dreizehn und elf Jahre alten Töchter ein vierter Versuch der Inkulturation. Die in der Familie gepflegte Umgangssprache ist das Schwedische. Schon im estnischen Haapsalu und in Helsinki lebte die Familie in einer weitgehend schwedischsprachigen Umwelt. Nun müssen die Kinder neben der deutschen Sprache auch die Dialekte der Kantone lernen. Nach verschiedenen Wohnungswechseln im Kanton Zürich und Berner Oberland, zieht die Familie ins katholische Wallis. Schaper sah in diesem Kanton ein Grenzland mit jenem Gemisch der Sprachen und Kulturen, dessen Aura er seit Kindheitstagen liebte. Wie in Estland versuchte er auch im Wallis neben der Familie das Leben eines Einsiedlers zu führten. In Brig werden zwei getrennte Wohnungen in einem Haus gemietet und im oberen Wallis eine Klause, wo Schaper die Hälfte des Jahres in Abgeschiedenheit lebt. Neben einzelnen Terminen ist er jedes Jahr vier Monate auf Lesereise. In der Regel liest er jeden Tag in einer anderen Stadt und nimmt bis zu drei Termine wahr: Vormittags in Schulen, nachmittags in anderen Bildungseinrichtungen und abends in der größten Buchhandlung am Platze mit zweihundert oder mehr Gästen.

Nach dem vergeblichen Versuch eines Neubeginns in der Insel erschienen seine Werke in Peter Schifferlis Verlag „Die Arche“, er wird Autor des aus dem Exil zurückgekehrten jüdischen Konvertiten Jakob Hegner, publiziert bei Artemis und im Fischer Verlag. Das Werk wird in den kommenden Jahrzehnten mit zahlreichen Preisen gewürdigt, der Autor wird Mitglied des PEN, des Schweizerischen Schriftstellerverbandes und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Bücher gehören zur Pflichtlektüre in den Schulen und erreichen eine Gesamtauflage von über sechs Millionen. Schaper ist in zahlreichen Radiofeatures für Radio Bremen, Sender freies Berlin, das Schweizerische Radio und andere Sender, durch ausgedehnte Lesereisen und Vortragstätigkeit präsent.

Albert Carlen, der als Schriftsteller, Erzieher und Priester eine lokale Größe im oberen Wallis war, führte Edzard Schaper und Alice Pergelbaum zur Konversion. Das Ehepaar wurde am 1. Oktober 1951 durch Abt Benno in Einsiedeln gefirmt. Die Walliser waren stolz auf den weitgereisten Autor, ernannten ihn zum Ehrenburger zweier Gemeinden, vermittelten die Verleihung einer Ehrendoktorwürde von Fribourg und konnten schließlich in Schaper einen Schweizer Bürger begrüßen. Der Autor erduldete diese Ehrungen und widersprach auch nicht dem Vergleich mit Rainer Maria Rilke, dessen heimisches Gegenbild die Oberwalliser in ihm sehen wollten.

In Estland und Karelien war Schaper tief beeindruckt vom Glauben der verfolgten Christen aus der russischen orthodoxen Tradition, und während der dunklen Jahre in Schweden fand er Trost in den seelsorgerlichen Gesprächen mit Bo Giertz, dem späteren Bischof von Göteborg. Die Gründe für seine Konversion sind gewiss nicht nur im Ortswechsel und einer Anpassung an Walliser Erwartungen zu suchen, wenngleich die konfessionelle Enge der Fünfziger Jahre nicht übersehen werden darf. Schapers religiöse Sozialisation war lutherisch, und in dieser Spiritualität mit ihren Liedern, ihrer Kreuzesmystik und dem Vertrauen allein auf die Gnade noch in der Erfahrung des verborgenen Gottes (deus absconditus) blieb er auch nach seiner Konversion verwurzelt. Katharina Kippenberg hatte gegenüber ihrem Jungautor von den Kreuzwegen der Geschichte gesprochen: Kreuzwege seien nicht nur Stationen des Leidens, sondern sie markierten jene geheimnisvollen Orte, wo die Schätze des Lebens vergraben liegen.

Das Kreuz bildet das zentrale Symbol in Edzard Schapers Werk. Es markiert den Ort einer geheimnisvollen Wandlung, durch die Schaper in den Grenzerfahrungen seines Lebens immer wieder geschritten ist. Deshalb konnte er sein Leben als „Verhängnis“ sehen und annehmen. Jede Autorschaft hat eine Mitte. Um sie kreist das Werk. Schapers Sendung findet ihre Mitte in dem Imperativ: „Nimm dein Verhängnis an!“ Diese Aufforderung lädt nicht nur zur Aussöhnung mit dem eigenen Leben ein, sondern vertraut einem unsichtbaren großen Plan hinter allen verworrenen Wegen, Brüchen und Umbrüchen. Sie ist kein glorreicher Triumph des Glaubens über die Geschichte, sondern eine letzte stille Gewissheit der sterbenden Kirche, in der auch der vierte König sein Leben aushaucht. Edzard Schaper hat auf dem Hintergrund der Erfahrung des 20. Jahrhunderts und trotz aller Erschütterungen, die durch seine eigene Seele gingen, noch einmal von jenem dem Leben abgerungenen Gottvertrauen geschrieben, das seinen Ausdruck in den Liedern des Barock gefunden hat. Deshalb konnte er – die Grabinschrift Paul Flemings zitierend - durchaus selbstbewusst seinen einmaligen Ort in der Geschichte der deutschen Literatur seines Jahrhundert hervorheben: „Kein Landsmann sang mir gleich!“

Dieser Selbsteinschätzung folgte der bekannte Schweizer Literaturwissenschaftler Robert Faesi in einem Grußwort zum 60. Geburtstag des Autors (1968): „Erst 60, und welche Ernte! Bewunderungswürdig, nach Quant- und gar Qualität und erst recht angesichts der Widerstände, die ein stürmisches, schwieriges Leben Ihnen auferlegte. Wie fanden Sie Mut und Kraft, ihm gewachsen zu sein und so Erstaunliches abzugewinnen. Ich kenne keinen, der gleiches Lob verdiente.“

Schapers Glaube ist alles andere als eine billige Gnade, eine Illusion oder eine Vertröstung auf bessere Zeiten und eine andere Welt. Wo Schaper den Himmel beschwört, da bleibt er erdgebunden. Max Wehrli, der schon Anfang der Vierziger Jahre an der Universität Zürich Vorlesungen über den Roman „Der Henker“ hielt und den Schaper als einzigen Interpreten seines Werkes anerkannte, betont daher zu Recht: „Der dichterische Impetus, der dieses Werk hervorgetrieben hat, gilt ja zugleich einer Wirklichkeit, die spontan, wach und sicher ergriffen ist. Er zeugt von einer Liebe zur geschöpflichen Welt, gerade, wo sie verloren und verlassen scheint. Es kommt zu unvergesslichen Schilderungen von genau und liebevoll beobachteten Menschen und Lebensräumen gerade in ihrer Vergänglichkeit oder ihrem Elend: sei es nun das Leben auf einem baltischen Gutshof oder das eines Walliser Hirtenjungen im Binntal. Und wenn immer wieder einmal Soldaten und Priester als stille Helden erscheinen, so vertreten sie ein Leben als Dienst an objektiven Ordnungen, und sei es auch auf verlorenem Posten.“

Schaper erprobt die Möglichkeit eines Lebens trotz Geschichte an gebrochenen Helden. Die herausragende Gestalt unter ihnen ist der geistig behinderte „vierte König“. Er hat in einem russischen orthodoxen Kloster an der estnischen Grenze Zuflucht gefunden, entgeht aber im letzten Moment dem Zugriff der SS-Soldaten, die ihn in ein Vernichtungslager deportieren wollen. Seine Hilflosigkeit, sein Verstummen, sein vollständiges Angewiesensein auf Hilfe wird zum paradoxen Symbol des Glaubens, das man als Beispiel für eine „Theorie der Unbegrifflichkeit“ (Hans Blumenberg) deuten könnte: Gott lebt, weil der vierte König lebt. Schapers Werk erzählt nicht nur von Grenzen und Grenzgängern, sondern ist selbst ein metaphysischer Grenzgang. Indem er Lebensbilder von den Kreuzwegen des Unbekannten und Unerforschten erzählt und in ihnen als eine Art transzendenter Hintergrundstrahlung das „Verhängnis“ andeutet, bricht er den Absolutismus der Geschichte. Das Leben selbst ist für Edzard Schaper der Ort der Epiphanie. Wie die Ikonen, so bergen Schapers Erzählungen ein geheimnisvolles Licht.

Die Geschichte kann noch in ihrem größten Schrecken zum Ort der Erfahrung einer unzerstörbaren Freiheit werden. Davon wollte ein zunehmend saturiertes Bürgertum in den Sechziger und Siebziger Jahren nichts mehr hören. Schaper gehörte schon in seinen von schwerer Krankheit gezeichneten letzten Lebensjahren im deutschsprachigen Raum zu den vergessenen Autoren. Mit der Befreiung des Baltikums und der staatlichen Unabhängigkeit Estlands wurde sein Werk zuerst von Germanisten und Kulturwissenschaftlern in Nordosteuropa wiederentdeckt. Edzard Schapers Werk ist ein einmaliges authentisches Lebenszeugnis von den Rändern Europas, in denen zugleich die Mitte Europas aufleuchtet. Es wird wie die Ikone vom vierten König lebendig bleiben.