In memoriam!

 

Ulrich Schacht mangelte es wahrlich nicht an Selbstbewusstsein, wenngleich er gerne Demut predigte. In Buch und Film verarbeitete er seine Familiengeschichte, schrieb recht abstrakte naturästhetische Betrachtungen und die atemberaubend schöne Novelle „Grimsey“. Seine Gedichte hielt er für nobelpreisverdächtig. Bei aller Demut: Wahrlich, das sind sie! Leider starb Ulrich Schacht viel zu früh an den Folgen eines zweiten Herzinfarktes. Am 9. März 2021 hätten wir seinen 70. Geburtstag feiern können und im kommenden Herbst die Vergabe des Literaturnobelpreises.

Wer sich nicht selbst wichtig nehme, sagt Thomas Mann in seinem Josephroman, der könne auch anderen kein Segen sein. In Ulrich lebte viel Glaube an die eigene Berufung. Sein Erwählungsbewusstein war die Voraussetzung dafür, andere an ihn glauben zu machen. Wie Joseph hatte er immer wieder die Erfahrung der Grube gemacht und aus ihr eine Steigerung der Lebenskraft gewonnen.

Ulrich hatte ein gewinnendes Wesen, wenn er etwas wollte, und immer eine Forderung oder einen Wunsch auf den Lippen. So fehlte es ihm nie an Sponsoren für seine Reisen in die russische Arktis. Michael Otto, Lutz Peters, Günther Schulz und Gönner aus deutschen Verlagen gehörten dazu.

Die Arktisreisen waren Ordensfahrten. 1987 hatte Ulrich in Marielyst/Falster den Ivenack-Orden gegründet, eine evangelische Bruderschaft mit katholisierender Ausrichtung. Ihm stand er als selbst ernannter Großkomtur vor. Der anachronistische Titel störte ihn nicht im geringsten. Mich schon. Bei aller Wertschätzung seiner Person bin ich Ulrichs Einladungen zu den Konventen seines Ordens nie gefolgt. Armut und Keuschheit mochte ich wohl geloben, aber nicht Gehorsam gegenüber dem Großkomtur „Bruder Wismar“. So lautete Ulrichs Ordensname. Friedrich Heiler hatte das Konzept einer „evangelischen Katholizität“ entworfen. Doch in der evangelischen Kirche kann man nicht katholisch sein. Das wusste Ulrich. Aber es störte ihn nicht im geringsten. Auf verlorenem Posten fühlte er sich pudelwohl.

 

 

 

Der ursprüngliche Ordensname nahm Bezug auf die Ivenacker Eichen, Deutschlands älteste Bäume. Als Ulrich eine landeskirchliche Anerkennung seines Ordens suchte, musste er diesen allzu deutschnational klingenden Namen aufgeben. Aus dem Ivenack-Orden wurde die Evangelische Bruderschaft St. Georgs-Orden mit Sitz im Erfurter Augustinerkloster. Die Wahl von Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer als Ordensheilige schuf die notwendige Akzeptanz und Finanzierung durch die Landeskirche.

Ulrich war ein Mann für Konsensstörung, der als Querulant und Querdenker gerne zu Vorträgen mit provokativen Potential eingeladen wurde, etwa vom Jens Lüpke und dem Katholischen Forum Niedersachsen. In seinem Buch „Über Schnee und Geschichte. Notate 1983-2011“ rechnet Ulrich mit der evangelischen Kirche ab:

„Übrig ist eine Art Kirchenruine, in der jeder Pastor Papst ist, Bischöfe machtlose Grüßauguste und synodale oder kirchenamtliche Verlautbarungen sich kaum noch von politischen unterscheiden, vor allem in ihren politisch-korrekten Absurditäten und linksseligen Verstiegenheiten. (…) Der nicht-häretische Teil des deutschen Protestantismus könnte, mit der entsprechenden „Melanchthon“-Formel und in eigener Gestalt, unter die Fittiche Roms zurückkehren, wie Teile der Anglikanischen Kirche es gerade zu vollziehen beginnen, und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, nomen est omen, sowie die Riege der zeitgeistrunkenen Priester, Bischöfe und Theologieprofessoren bleiben Rom zukünftig erspart. So könnten die einen dann weiterhin konzentriert Gott dienen und dadurch der Welt ein normatives Beispiel geben, die anderen aber unentwegt die Welt retten und dabei Gott links liegen lassen oder überholen, bis sie ein weiteres mal des Teufels ist.“

 

 

 

Mitglieder der Schacht-Expedition vor dem MI-8 Hubschrauber

 

 

Das ist Ulrich Schacht! Doch besaß er auch eine andere Seite. Sie zeigt sich in seinen wunderbaren Gedichten. Manche sind Gebete. Sie beschreiben die Erfahrung des Heiligen in der Natur, auf die der Mensch nur mit tiefer Verbeugung vor dem Schöpfer in Demut reagieren kann:

 


„Schnee in der Luft die
Sonne sinkt ins Meer, von Osten
her ertrinkt die Welt im

Weiß. In Pfützen glänzt das
Eis vorm Haus die weißen Tische
Stühle - längst verschwunden. Schnee

in der Luft er deckt die
Schnitte Wunden wenn er
fällt, von Osten her ertrinkt die

Welt in Schweigen: Aufsteigen bis
ins All. Lautloser Fall. Tiefstes
Verneigen.“

 


 

 

 

Professor Baranov vom Institut für Arktis und Antarktis St. Petersburg

https://www.spitzbergen.de/2017/10/26/russischer-hubschrauber-abgestuerzt.html

 

 

Die zweite Fahrt (1991) der Ordensbrüder ging in diese Welt aus Schnee und Schweigen. Ausgangspunkt war Murmansk. In dieser Stadt hatte Michail Gorbatschow die Aufhebung der Sperrzone russische Arktis gefordert. Die Ordensbrüder fuhren mit der „Professor Molchanov“ in die hohen Breitengrade. Pavel Molchanov (1893-1941) gehörte zu den bedeutenden Arktisexperten. Wie viele seiner Kollegen wurde er von Stalins Geheimpolizei erschossen. Später fand sein Name eine Rehabilitierung.

Im Jahr des Mauerfalls hatte Ulrich Spitzbergen besucht. Franz-Joseph-Land lag damals noch im militärischen Sperrgebiet. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion öffnete sich für wenige Jahre ein Zeitfenster, das Ulrich für seine „Künstlerexpeditionen“ (1991, 1992, 1993, 1995) nach Novaja Semlja, Severnaja Semlja und Franz-Joseph-Land nutzte. An der letzten Reise in das Land hinter Lethe durften Heimo Schwilk und ich als Gäste teilnehmen. Dann wurde das Inselreich, auch wegen der atomaren Verstrahlung weiter Regionen der Kara-See, wieder zum militärischen Sperrgebiet erklärt.

Am 16. Juli 1995 trafen sich in Hamburg die schwarz gekleideten Ordensbrüder. Am Vorabend des Fluges hielten sie eine letzte Abendmahlzeit. In schwarzer Schrift waren auch die Aufkleber mit dem Zeichen des Ivenack-Ordens gehalten. Jeder hatte sie auf seine Gepäckstücke zu kleben. Von Hamburg flogen wir über Kopenhagen nach St. Petersburg. Dort startete eine Antonov-26 zum Flug nach Sibirien. Die Reisezeit wurde mit acht bis zehn Stunden angegeben. Am Ende waren es zwölf. Beim Flug in den Osten werden die Uhren um sechs Stunden vorgestellt, besser noch, der Reisende legt sie ab. Denn was bedeutet Zeit in diesen gewaltigen Räumen? Alles ist hier maßlos wie die sommerliche Lichtflut über und die dunklen Wälder unter uns.


 

 

Der Schreibtisch des Arktis-Forschers 

 

 

Am 16. Juli 1995 trafen sich in Hamburg die schwarz gekleideten Ordensbrüder. Am Vorabend des Fluges hielten sie eine letzte Abendmahlzeit. In schwarzer Schrift waren auch die Aufkleber mit dem Zeichen des Ivenack-Ordens gehalten. Jeder hatte sie auf seine Gepäckstücke zu kleben. Von Hamburg flogen wir über Kopenhagen nach St. Petersburg. Dort startete eine Antonov-26 zum Flug nach Sibirien. Die Reisezeit wurde mit acht bis zehn Stunden angegeben. Am Ende waren es zwölf. Beim Flug in den Osten werden die Uhren um sechs Stunden vorgestellt, besser noch, der Reisende legt sie ab. Denn was bedeutet Zeit in diesen gewaltigen Räumen? Alles ist hier maßlos wie die sommerliche Lichtflut über und die dunklen Wälder unter uns.

Wie das Wetter des Nordlandes in Minutenschnelle wechseln kann, so der Kurs der russischen Währung. Zwei Zwischenlandungen sind auf dem Flug nach Dickson nötig, doch selbst der Pilot weiß beim Start nicht, wo sie stattfinden werden. Während der Reise über menschenleere Landschaften wird er bei verschiedenen Flughäfen den besten Benzinpreis erfragen. Wir fliegen in Richtung Archangelsk über die ehemaligen Vernichtungslager aus stalinistischer Zeit. Weit unten liegen die Solowki-Inseln, auf denen Pawel Florenski verbannt worden war. Edzard Schaper hat das Schicksal der verfolgten Christen in der Sowjetunion in seinen karelischen Erzählungen und seinem Roman „Die sterbende Kirche“ (1936) beschrieben.

Im Juli 1931 flog Arthur Koestler als Korrespondent des Ullstein Verlages mit dem „Graf Zeppelin“ über die Welt der Lager in Richtung Franz-Joseph-Land. Ziel der Reise war die Stille Bucht der Hooker-Insel, wo das deutsche Luftschiff auf den sowjetischen Eisbrecher Malygin treffen sollte. Ulrich hatte eine kleine Reisebibliothek zusammengestellt, darunter Friedrich Sieburgs Bericht „Die rote Arktis“ (1932) über die Fahrt mit der Malygin. Das Verwaltungszentrum der roten Arktis und ihrer Straflager war Archangelsk. Wir dürfen die Stadt nicht betreten. Sieburg hatte über Archangelsk berichtet: „Die Kirche ist in ein antireligiöses Museum umgewandelt, ihr weißgekalkter Bau liegt in einer kleinen Anlage, die der Aufenthaltsort der Säufer, Bettler, Tagediebe und Obdachlosen von Archangelsk ist.“

Wieder in der Luft feierten wir die Überquerung des nördlichen Polarkreises mit zuckersüßem Schaumwein aus rosafarbenen Hartplastikschalen und einem Apfelstückchen. Amderma meldet 8 Grad. Wir betreten das Reich des Permafrostes. Im Sommer taut der Boden nur bis zu einer Tiefe von zwanzig Zentimetern auf. Aus Schutz vor der Bodenkälte steht das Flughafengebäude auf Pfeilern. Die Stufen sind vom Frost zersprengt worden, das Rollfeld zeigt tiefe Risse. Aus unerfindlichen Gründen verweigert unser Zielflughafen Dickson die Landeerlaubnis. So verzögert sich der Weiterflug um zwei Stunden. Gelegenheit, zwischen schrottreifen Maschinen und Öllachen zu gehen. Am Flughafengebäude die alte Parole: „Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird immer leben.“ Das Portrait des Diktators ist vom Frost zerfressen worden. Wir erleben den Untergang der roten Arktis.

Das Militärlager Dickson erreichen wir nach Mitternacht. Unter Stalin war Dickson ein Gulag. Während des Kalten Krieges lebten hier 1500 Soldaten, jetzt sind es nur noch zehn. Wieder grüßt ein verwitterter Lenin. Um zwei Uhr nachts steht die Sonne leuchtend am Himmel. Wir steigen durch eine Trümmerwüste. Eine apokalyptische Landschaft wie die Zone in Andrej Tarkowskijs Film „Stalker“. Aufgeplatzte Leitungsrohre, verlassene Häuser, verrostete Kettenfahrzeuge, tonnenweise Schrott, dazwischen Hinweisschilder auf radioaktive Strahlung. Draußen auf dem Grund der Karasee liegen nukleare U-Boote. Neue, noch verpackte Gerätschaften verwittern bereits am Straßenrand, eine Lieferung von Heizkörpern liegt vor den Häusern und dient als Fußabtreter.

Am Kap Tscheljuskin ist nur eine Zwischenlandung geplant. Ein eisiger, naßkalter Wind fährt durch das nebelverhangene Lager. In gefütterten Gummistiefeln waten wir durch den Schlamm, während der Hubschrauber aufgetankt wird. Auf einem Schild der Hinweis auf das Rauchverbot. Bei Zuwiderhandlung werden zwei Monate Entzug der Zuckerration angedroht. Der Tankwart raucht dennoch, denn Zucker gibt es hier auf verlorenem Posten schon lange nicht mehr. Russland hat für die Heimkehr seiner arktischen Arbeiter kein Geld. Aus der Nebelwand taucht ein blutverschmierter Samojede mit einem Knochen in der Schnauze auf. Sofort verbeißen sich sieben Bestien ineinander. Mit groben Fußtritten versucht sie der Tankwart auseinander zu treiben.

Fünf Eisbären seien im Gelände gesichtet worden, heißt es plötzlich. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie nicht geschossen werden. Eisbären kennen keine natürlichen Feinde. Sie gelten als unberechenbar und extrem schnell. „When you have seen them, you are dead!“, sagt Martin Harris, Meteorologe aus Oxford, der hier oben Wettersatelliten aussetzen will. „Wenn Du einen Eisbären siehst, fängst das Leben erst richtig an!“, meint Ko de Korte, ein holländischer Ornithologe und Zyniker. Er lebt von den wenigen Reisegruppen, die er in die Arktis führt, und verachtet zugleich den Menschen, der seinen Fuß in das Vogelparadies setzt.

 

 

 Arktisches Gelege

 

 

Unerwartet bietet sich die Möglichkeit, die Polarstation Fedorov und das Denkmal am Kap zu besuchen. Viktor schultert die Kalaschnikov und beordert einen Lastwagen. Wir legen uns auf die hölzerne Ladefläche und klammern uns während der holprigen Fahrt aneinander, um nicht abgeworfen zu werden. Durch die Risse in den Balken spritzt der Eisschlamm. Am Kap Tscheljuskin sind viele Entdeckungsreisende der Arktis gescheitert oder durch das Eis an der Weiterfahrt gehindert worden. Direkt am Ufer haben Soldaten auf hohen Wachtürmen Position bezogen. Vor ihren Augen gleiten Eisblöcke vorbei. Die breite Urinspur eines Eisbären zieht sich über eine Schneewehe. Grüne Steine mit langer gleichmäßiger Maserung liegen auf dem Boden. Einige Stellen sind mit leeren Patronenhülsen übersät. Zwei mannshohe Steintürme und ein aufgerichteter Baumstamm mit roten Farbstreifen markieren den Ort: 77° 42’ 07’’ nördlicher Breite, 104° 8’ Länge. Musik und Dialogfetzen der Radiostation durchdringen lautstark die Eiswüste. Wir frieren trotz der Spezialkleidung. Viktors Hals und Hände sind ungeschützt. Wärmende Kleidung wird den Soldaten nicht zugeteilt. Vielleicht geht deshalb die Zigarette im Mund niemals aus. Sechzig Kilometer von Kap Tscheljuskin entfernt befand sich ein Lager für politische Gefangene. Eine Ahnung von den Zuständen im GULAG läßt uns erschaudern.


Zehn Stunden dauert der Flug mit dem Hubschrauber MI-8 von Dickson über Kap Tscheljuskin ins Nordland. Ein gefährliches Unternehmen. Denn zwei MI-8 Hubschrauber sollten in diesem Sommer 1995 über dem Eis abstürzen. Aus zweihundert Metern Flughöhe gleitet der Blick über endlos scheinende Tundraweiten. Kilometerweit haben sich die Spuren der Kettenfahrzeuge in den Boden gefressen. Dreißig Jahre lang werden sie sichtbar sein. Das Leben ist empfindlich, und die kurzen Sommer schenken ihm nur wenig Blütezeit. Fünf Sommer dauert es, bis sich ein knospendes Blümchen entfaltet hat.

Niemand kann hier oben allein überleben. Alles Lebendige braucht Schutz. Die rotfarbene Flechte den Stein, das winzige Vergißmeinnicht die Grasnabe, der Eisbär die Schneehöhle, der Mensch den Hund und das Gespräch. Auch wir hocken dichtgedrängt zwischen den großen Benzintanks im Innenraum des Helikopters. Der Lärm der Rotorblätter ist ohrenbetäubend, die technische Ausrüstung wirkt überaltert.


 


 

Auf Sewernaja Semlja

 

 


 

Mir ist nicht zum ersten Mal auf dieser Fahrt ins Land hinter Lethe unwohl. Ein Ordensbruder kommentiert: „Man merkt auf Schritt und Tritt, dass du noch nie im Knast gewesen bist!“ Das stimmt. Ulrich wurde im Frauenzuchthaus Hoheneck geboren. Später wurde er wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Jeder Ordensbruder hat Knasterfahrung. Offenbar schöpft er daraus eine innere Stärke und Gelassenheit. Sebastian Kleinschmidt bringt diese Erfahrung auf den Punkt:

„Wer im Gefängnis ist, erfährt Licht und Dunkelheit elementar. Schacht gehörte zu denen, die Energie daraus gezogen haben, auch als späterer Dichter. So wurde er Zeuge der Dunkelheit und zugleich Bote des Lichtes. Beides ist in sein Schreiben eingegangen. In fast allen seinen Gedichten, besonders denen über den Norden, ist das zu spüren.“

Auf alles waren wir nach den bisherigen Erfahrungen gefaßt, nur nicht auf den angenehmen Komfort der Radio- und Wetterstation „Prima“. Sie liegt auf Bolschewik, der südlichsten Insel des Nordlandes Severnaja Semlja. Ihre Entdecker nannten sie Swjataja Olga - Sankt Olga. Die Revolution löschte auch diesen Namen aus.

Vier Russen wohnen das ganze Jahr über auf Prima. Die Station über dem 79. Breitengrad kann nur im Monat August von Eisbrechern aus Murmansk oder Archangelsk versorgt werden. Prima beherbergt in diesem Jahr nur drei Reisegruppen. Das sei zum Überleben zu wenig, erklärt Vladimir Baranov in morgendlicher Runde. Unser Begleiter war Angestellter des berühmten Forschungsinstituts für Arktis und Antarktis in St. Petersburg und versucht nun einen sanften Tourismus aufzubauen. Auf den Tischen steht der köstliche Fisch, den wir am Nachmittag geangelt hatten. Oberhalb der Station befindet sich der See Osero Twerdoje. Er dient zur Trinkwasserversorgung und ist ganzjährig zugefroren. Im Sommer beträgt die Eisdichte 150 Zentimeter. Wir hatten Löcher gebohrt und Lachsforellen gefangen. Unsere russischen Begleiter ließen die Tiere auf dem Eis liegen, wo sie lange Maul und Kiemen bewegten. Einige von uns befremdete der Brauch, und sie baten, die Fische zu köpfen. Entsetzt wiesen die Russen das Anliegen zurück. Wie könne man nur einem so edlen Tier den Kopf abschneiden!

Severnaja Semljas Inselwelt erstreckt sich 360 km von Nord nach Süd und 324 km von West nach Ost. Gut die Hälfte der Fläche ist vergletschert. Rentiere, Eisbären, Schneehasen, Lemminge und Polarfüchse sind auf Severnaja Semlja zu Hause. An den steilen Felswänden der Fjorde brüten Seevögel. Einige Kolonien bestehen aus zehntausend Brutpaaren. Severnaja Semlja bietet ein abwechslungsreiches Landschaftspanorama. Sanftwellige eisfreie Hochebenen sind mit grünen Schiefertafeln bedeckt. Weder Grashalme noch Moose wachsen hier. Schwarze Flechten mit grauen Rändern bilden die ersten Spuren des Lebens zwischen den gewaltigen Brocken einer Geröllhalde. Der Frost hat die Steine aufgesprengt und steinerne Blütenornamente gebildet. Im Anorganischen prägen sie die Grundmuster des Lebens vor. Orangerot leuchtende Flechten ernähren sich von den Mineralien. Die Reise führt in den Anfang der Schöpfung zurück, als Wasser und Land gerade getrennt worden waren.

 

 

Swernaja Semlja

 

Himmel, Erde und Wasser fließen ineinander über. Farben und Formen wechseln in Minutenschnelle. Türkisblau und grauschwarz bricht der Gletscher auf. Jahrtausendelang wurde das Land von seinen Eismassen geknetet. Jetzt hat das Eis den fruchtbaren Lehm der Schöpfung freigegeben, einen Erdenkloß, dem zum Lebendigwerden nur noch der Anhauch Gottes fehlt. Keine Kamera kann das Farbenspiel des Urschlamms einfangen. In braunroten, ockergelben und lindgrünen Linien stürzen Berge den Canyon hinab. An ihren Rücken sind die Spuren des Walkens und Knetens deutlich sichtbar. Unten in den Schluchten murmelt rostfarbenes Wasser über rosige Gipsplatten. Nur laufend können wir uns in dieser Landschaft bewegen. Wer stehenbleibt, versinkt bis zu den Knien im Boden. Vor Jahrmillionen war die Arktis eisfrei. Käme heute tatsächlich ein dauerhafter weltweiter Umschwung des Klimas, hier oben wäre bereits der fruchtbare Boden für eine neue Entfaltung des Lebens gegeben. Die Arktis geht mit jedem Klimawandel kreativ um.

Auf Novaja Semlja haben russische Wissenschaftler Atomversuche durchgeführt und große Teile der Insel verstrahlt zurückgelassen. Während wir die Überreste des Winterlagers „Het Behouden Huys" von Willem Barents an der Nordspitze dieser Insel besuchen, wird weltweit gegen die geplanten französischen Atomversuche im Pazifik protestiert. Seltsame Gedanken überfallen den Reisenden. Es ist, als werde hier im Nordland bereits eine neue Schöpfung vorbereitet. Die arktische Landschaft ist weder schön, gewaltig noch erhaben, ihre Größe übersteigt alles Begreifen. Sie ist ein heiliger Raum, vor dem der Eindringling zurückschreckt. Es kommt auf den Menschen nicht an, selbst die von ihm geschaffenen Katastrophen und Zerstörungen wirken bedeutungslos vor der Erfahrung einer unergründlichen Schöpferkraft. Ulrich Schacht schreibt:

 

„Woher wir kommenbleibt unerschlossen:
Die Daten sind reine Zahl auf Papier.
Am Anfang des Lebens wird Blut vergossen;
am Ende erschrickt ein verwundetes Tier.

Auftauchen Verlöschen: Kometengewitter -
im Raum aller Spiele besiegt uns der Kreis.
Es gibt kein Gestade für jenen Ritter,
von dem unser Herz mit Gewißheit weiß.

Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten:
ihr Kreisen ist grundlose Trunkenheit.
Wann immer wir in unser Leben schnellten,
gewannen wir nichts und verloren die Zeit.“

 

Vor dem fünfstündigen Flug von Severnaja Semlja über das Eismeer nach Franz-Josef-Land werden die vier großen Tanks des Hubschraubers in Sredni aufgefüllt. Sredni gehört zu den Sedow-Inseln. Die Haut des Tankwartes auf der Militärstation ist vom Frost gezeichnet. Ein erfrorenes Lächeln legt die Zahnhälse und das rotbläuliche Zahnfleisch frei. Drei junge Frauen sind gekommen und blinzeln gegen die Sonne. In Sichtweite von Sredni liegt die Insel Domaschni. Hier stand in den dreißiger Jahren das Haus des russischen Arktisforschers Georgi A. Uschakov (1901-1963). Bären- und Walroßknochen liegen verstreut. Zwischen den letzten Balken des Hauses brüten die Elfenbeinmöwen. Sie gelten als Schutzengel der Arktis und Symbole der Unsterblichkeit. Sergej, der Funker, verweist auf die Schwingen der Elfenbeinmöwe, die er als Tätowierung auf dem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger trägt. Wenn der Helikopter ins Wasser stürze, sagt er, kämen die Möwen und trügen unsere Seelen in den Himmel.

 

 

 

 Engel der Arktis

 

 

Nach zwei Stunden Flug besuchen wir den einsamsten Ort der Arktis, die verlassene Station Uschakova. Zwei Holzhäuser inmitten des Eismeeres auf einem Gletscher. Ziegelsteine sind vor einem Haus gestapelt, ein moosiger Eisbärenschädel liegt zwischen alten Zeitungen und leeren Flaschen. Heute steht er ausgekocht auf Heimo Schwilks Art-Deco-Schreibtisch in der Uckermark.

Lebensmittelreste in der Vorratskammer. Wäsche hängt noch an der Leine und ein Feuerlöscher an der Wand. Mit weißem Pinselstrich sind die Umrisse eines nackten weiblichen Körpers an die Eingangstür gemalt. Doch schon beginnt eine dicke Eisschicht den Fußboden der Häuser zu überziehen. Über dem Hauptgebäude sind noch die Funkdrähte gespannt. Doch kein Mensch sendet aus diesem Eiland Botschaften, und auch die große Antenne empfängt keine Signale mehr. Auf ihren Drähten spielt der Polarwind das Lied von Nacht und Eis. In seinem Reisebericht „Von weißen Nächten und roten Tagen“ (1934) spricht Arthur Koestler vom „Wahnsinn der Einsamkeit“ und dem „Eiskoller“. Als er die Fahrt des Zeppelins L 127 begleitete, war er soeben Mitglied der kommunistischen Partei geworden. Seinen Reisebericht wird er in der Sowjetunion veröffentlichen. Die Arktis beweise, dass der Mensch nur in der sozialistischen Gemeinschaft leben könne: „Wenn man alle Propheten des Individualismus und alle Poeten, die die Einsamkeit verherrlichen, von Nietzsche bis Rilke, zwänge, nur ein Jahr oben zu verbringen - der Individualismus würde bald ausgestorben sein.“

Franz-Joseph-Land wurde von dem böhmischen Offizier Julius Payer und dem Schiffsleutnant Karl Weyprecht aus Hessen entdeckt. Ihre Fahrt mit der „Admiral Tegethoff“ inspirierte Christoph Ransmayr zu einem Roman, den Ulrich auf seiner ersten Fahrt nach Spitzbergen (1989) las. Unser Quartier auf der Station Krenkel (Hayes-Insel) befindet sich in einem desolaten Zustand, der alles in den Schatten stellt, was wir bisher gesehen hatten. Der Namensgeber, Ernst Krenkel (1903-1971), gehörte mit Pavel Molchanov und Rudolf L. Samoilowitsch (1881-1940) zu den wissenschaftlichen Leitern des ersten Zeppelin-Fluges nach Franz-Joseph-Land. Der LZ 127 Graf Zeppelin traf in der Buchta Tichaja - Stille Bucht der Hooker-Insel - auf den Eisbrecher Malygin. Die Forschungsstation an der Stillen Bucht wurde 1959 geschlossen. Dafür wurde unser Quartier neu errichtet.

Dass die Geschichte der Entdeckung der Arktis auch eine Geschichte des Scheiterns ist, wird plötzlich wieder bewußt. Willem Barents starb noch bei seiner Rückkehr von Novaja Semlja an Skorbut, Otto Krisch, Maschinist der Tegetthoff, liegt auf der Wilczek-Insel begraben, auf der Rudolf-Insel, dem nördlichsten Eiland von Franz-Josef-Land, liegt das Grab des Matrosen Sigurd Myhre, daneben der Propeller und andere Teile einer Antonov-26 und die Rotorblätter von zwei Hubschraubern. Als Franz-Josef-Land in den dreißiger Jahren von der Sowjetunion besetzt wurde, versuchte man sämtliche Spuren der bisherigen Erforschung des Archipels zu beseitigen. Planmäßig wurden amerikanische und norwegische Polarstationen eingeebnet. Wie unübersichtlich und wenig kontrollierbar die Inselwelt von Franz-Josef-Land jedoch ist, zeigt die Tatsache, dass inmitten des Zweiten Weltkrieges deutsche Soldaten auf Alexandra-Land eine Militärstation errichten konnten, die erst in den sechziger Jahren entdeckt wurde. Inzwischen hat sie ein Gletscher unter sich begraben.

Stille herrscht in der arktischen Landschaft, aber kein Schweigen. Das ruhige Gespräch beim Eisangeln ist noch in weiter Ferne zu vernehmen. Aus den Fjorden steigt das Geschrei der Möwen empor. Die Walrosse grunzen und rülpsen am Meeressaum. Wer könnte die Worte des Windes übersetzen und den Gesang der treibenden Eisberge? Wer entziffert die Frostmuster der Steine? Die eisige Stille der Arktis bricht Felsen und versteinerte Seelen auf. Nach jahrelangem Schweigen beginnt mancher Pilger wieder das Gespräch mit Gott.

 

 

 

 

Wir sind die letzten Gäste auf der nördlichsten Wetterstation der Welt. Nach unserem Besuch wird die Station geschlossen werden. Sie liegt an der Teplitzbucht unweit des Kap Germania. Hier auf der Rudolf-Insel lebt ein Ehepaar. Krapfen, Gebäck, Brot, Butter, Marmelade und Tee werden aufgedeckt. Gesang ertönt. Der Funker hat ein kleines Museum eingerichtet: Steine, Eisbärenkrallen, Überreste der Ziegler-Expedition. Die Hausfrau führt uns durchs Gebäude. Im Schlafzimmer über dem Ehebett eine Muttergottes mit Jesuskind, dann durch einen Flur mit Nahrungsvorräten vor eine Tür, hinter der sich Unglaubliches verbirgt: Leinen- und ledergebundene Bücher, Regale vom Boden bis zur Decke gefüllt. Es mögen zehntausend Bände sein. Wir versuchen, die Buchrücken zu entziffern. Alles ist in diesem Hort der Kultur zu finden. Auch Goethe in der Arktis. Seit 1995 versinkt die Station in Schnee und Eis. Einst wurden hier Saurierknochen gefunden. Vielleicht werden kommende Geschlechter eines fernes Tages die Bibliothek der Weltliteratur unter dem Eis finden.

Auf der Jackson Insel erinnert eine Gedenktafel in russischer und norwegischer Sprache an Fridtjof Nansen und Fredrik Hjalmar Johansen, die hier vor genau einhundert Jahren neun Monate in Nacht und Eis überwinterten. Nach zwei Jahren Eisdrift mit der „Fram“ („Vorwärts“) hatten sie auf 84° 4’ nördlicher Breite das Schiff verlassen, um zu Fuß den Nordpol zu erreichen. Trotz unglaublicher Willensstärke scheiterte der Versuch, und nur einem guten Geschick hatten es die beiden zu verdanken, dass sie auf ihrem Rückweg Franz-Josef-Land erreichten. Auf Jackson ist noch der Fichtenstamm zu sehen, der als Firststück für ihre Winterhütte aus Stein, Eis- und Walroßfellen diente. Neun Monate dunkle Nacht, neun Monate, in denen nichts passiert, die Gedanken nichts mehr denken und das Herz im Schweigen versinkt. Was ist der Mensch? „Nur ein Staubkorn ist er vor der Macht, die alles, was wir sehen und nicht sehen, erschaffen hat, der Macht, die von Ewigkeit her alles regiert und in Ewigkeit alles nach ihren uns unfaßbaren Gesetzen regieren wird, der Macht, die uns auf dieser Reise so oft vom Untergange errettet hat!“, notiert Hjalmar Johansen in seinem Reisebericht. Noch immer ist die Arktis ein Ort der Selbstbegegnung und der Berührung mit dem Geheimnis der Schöpfung.

 

 

 

Undine von der Lamme und Ulrich Schacht im Arbeitszimmer des Dichters

 

 

In seiner neuen schwedischen Heimat habe ich Ulrich immer wieder besucht. Das letzte Mal im Herbst 2017 mit Undine, meiner Frau. Ulrich führte uns in sein weiß gestrichenes Arbeitshaus. Es besteht aus einem großen Raum, vollgestopft mit Büchern. Eine Couch von Büchern bedeckt. Davor ein Tischchen mit einem Schachspiel. Dann zwischen Büchern eingemauert der Schreibtisch. Zur Linken an der Wand ein Bild Friedrich Schillers, eine Ikone mit der Darstellung der Ankündigung der Geburt Jesu, ein schlichtes Holzkreuz, Rubljovs Dreifaltigkeitsikone. Im Bücherregal hinter dem Schreibtisch Bilder und Postkarten: Die Sixtinische Madonna, Uta von Naumburg, Cranachs junger Luther, daneben Papst Benedikt XVI., weitere Marienbildnisse. Daneben eine grüne Postkarte mit der Bitte: „Herr, gib mir Geduld, aber zackig!“

 

 

 

Das Leben feiern

 

Am Nachmittag fahren wir mit Stefanie und Ulrich ans Meer nach Hovs Hallar. Birgit Nilsson lebte hier. Es gibt auch ein kleines Museum. Aber die Saison ist schon vorbei. Wir gehen hinunter an die Steilküste. Die stark zerklüfteten Felsen erinnern an die Steinwüste von Franz-Joseph-Land. Ulrich herzt unseren Hund Tobit und bleibt auf einem dicken Felsbrocken sitzen, während wir weiter durch das unwegsame Gelände steigen. Hier auf der Halbinsel Bjäre drehte Ingmar Bergmann im Sommer 1956 den Film „Das siebente Siegel“. In Hovs Hallar wurde die Szene aufgenommen, in der Max von Sydow mit dem Tod Schach spielt.

Fassungslos waren wir, als wir ein Jahr später die Nachricht von Ulrichs Tod erhielten. Dieser überaus vitale Bursche - so früh aus dem Leben gerissen. Viel zu früh! Es gibt sehr viele Todesarten, und jeder Mensch hat sein eigenes Urteil, seine eigenen Ängste und Hoffnungen. Viel zu früh. Ja. Aber wenn es sein muß, denke ich heute, dann möchte ich auch so gehen dürfen, allein, aber nicht einsam. Stefanie Schacht hat auf der Todesanzeige ein Photo platziert. Es zeigt Ulrich, wie immer schwarz gekleidet, in einem winterlichen Buchenwald. Mit dem rechten Arm lehnt er seinen mächtigen Leib an einen Baum. Ganz klein wirkt Ulrich in dieser Landschaft. Beigegeben hat Stefanie dieses herrliche Gedicht ihres Mannes:

 

„Manchmal gibt der Wind den
Bäumen eine Stimme: Sie flüstern sie

ächzen sie schreien vor
Schmerz. Gefährten, sagen

wir dann, und wissen: Selbst
wenn wir die letzten Stimmen

wären wir wären, noch
immer, nicht einsam.“

 

 

 

  

Forschungsstation Krenkel/Rudolf-Insel/Franz-Joseph-Land

 

*

 

Die Gedichte werden zitiert nach:
Ulrich Schacht. Platon denkt ein Gedicht. Edition Rugerup. Berlin 2015.

 

 

 

 

 

 

 

Bundespräsident Johannes Rau im Gespräch mit Uwe Wolff

(Bild: WamS vom 17. Oktober 1999)

 


Reinhold Schneider (1903-1958) war der Lieblingsschriftsteller von Bundespräsident Johannes Rau. „Bruder Johannes“ nannte man den ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen respektvoll wegen seiner kirchlichen Bindung und Bildung. Während meiner Münsteraner Jugendzeit war der Sohn eines reformierten Laienpredigers mein Landesvater. Mit ihm erreichte die SPD 1980, 1985 und 1990 mühelos die absolute Mehrheit, obwohl er politische Gegner von Format hatte. 1995 erzielte der christliche Politiker noch einmal 46 % der Stimmen.

„Das wichtigste, was uns Reinhold Schneider heute zu sagen hat, ist die Verantwortung der Politik vor Gott. Das ist auch das Thema seines großen Widerstandsromans ‚Las Casas vor Karl V.‘. Schneider ist für mich der große katholische Romancier neben Gertrud von le Fort. Ich bin ihm persönlich einige Male begegnet“, bekannte der mit der Reinhold-Schneider-Plakette 1999 ausgezeichnete in einem Gespräch, das Heimo Schwilk und ich mit ihm führten.

Nachdem uns das Wachpersonal im Bellevue kontrolliert hatte, wurden wir von einer Mitarbeiterin empfangen, trugen uns in das Gästebuch ein und erwarten den Bundespräsidenten in seinem Dienstzimmer. „Reinhold Schneider“ hatte sich der gelernte christliche Buchhändler aus dem Ruhrgebiet als Ausgangspunkt für unser Gespräch gewählt. „Jugendsünden“, kommentierte er seine eigenen schriftstellerischen Versuche, die er unter dem Pseudonym „Heinz Gräber“ vorgelegt hatte. Sie waren inspiriert von jenen berühmten Sonetten, die Reinhold Schneider in der Diktatur geschrieben hatte. Wie die Dichtung von Osip Mandelstam in den Jahren des großen Terrors wurden Schneiders Sonette ab 1941/42 mündlich überliefert. Der Schüler Johannes Rau schrieb sie eigenhändig ab und legte sie jenen Feldpostbriefen bei, die unter dem Dach des evangelischen Pfarrhauses am Klingelholl in Barmen-Gemarke von Mitgliedern der Bekennenden Kirche zusammengestellt wurden. Darunter Schneiders berühmtes Sonett von den Betern. Der Präsident zitierte das Sonett aus dem Gedächtnis:

 

„Allein den Betern kann es noch gelingen,
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug’ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.“

 


Schneiders Sonett spricht von der Macht der Ohnmächtigen in apokalyptischer Zeit. Das Weltgericht steht unmittelbar bevor. In einer Zeit der Gottesfinsternis („da sich das Heil verbirgt“) und der Hybris („Menschenhochmut“) bleibt ihnen allein das Gebet. Doch dürfen sie gewiss sein, dass ihr Opfer stärker ist als die Macht und Werke der „Täter“. In scheinbar aussichtsloser Lage vertrauen sie auf Gottes Hilfe („Segen“). Geschrieben wurde das Sonett im Mai 1936 während einer Italienfahrt. Ein Zusammenhang mit Schneiders Reversion zum Katholizismus ist nicht bekannt. Bereits im Januar 1930 hatte Schneider dem Insel Verlag einige Sonette zum Druck angeboten. Erst im November 1939 erscheint eine Auswahl mit 59 Sonetten. „Allein den Betern“ wurde nicht aufgenommen. Seine Stunde kam erst in den fortgeschrittenen Kriegsjahren, als Schneider in Eigenauflage (Samisdat-Verfahren) seine inzwischen verbotenen Texte veröffentlichte.

Reinhold Schneiders Sonett hat eine lange Wirkungsgeschichte. Als Gebet wurde in den Bombennächten ebenso gesprochen wie über vierzig Jahre später bei den Friedensgebeten in den Kirchen der ehemaligen DDR. So steht es für eine Erfahrung christlicher Einheit. Was Christen in Glauben und Charakter, in Mentalität und Herkunft, in Konfession und Politik trennte, schien überwunden und aufgegangen in einer Ökumene des glaubenden Herzens. Mit Reinhold Schneider hatten viele Christen gehofft, dass „Gott aus unsern Opfern Segen“ wirken werde. Not lehrt Beten. Doch mit der größten Not schien die Stunde der Beter vergangen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es Reinhold Schneider an Ehrungen nicht gefehlt. Das hätte ihn skeptisch werden lassen müssen. Denn in seinem Namen feierte sich das westdeutsche Bürgertum als widerständig. Reinhold Schneider war mit weißer Weste durch die braune Zeit gekommen, ein Mann der Inneren Emigration, in der nun viele die Diktatur überlebt haben wollten. Reinhold Schneider aber blieb, der er war - ein schwermütiger Dichter mit einer tragischen Weltsicht, der seiner Berufung folgte. Entschieden sprach er sich gegen die Wiederbewaffnung aus und veröffentlichte seine Artikel auch in Ostdeutschland. Katholische Kreise forderten daraufhin seine Exkommunikation. Reinhold Schneider reagierte mit Humor und bezeichnete sich gegenüber seinem engen Freund Walter Nigg (1903-1988) als einen Ketzer und Narren.

Der reformierte Pfarrer Walter Nigg hat das Bild Reinhold Schneiders in der Nachwelt durch fünf biografische Portraits geprägt. Sie erstrecken sich über einen Zeitraum von 34 Jahren (1958-1982) und dokumentieren Hoffnungen und Illusionen im interkonfessionellen Dialog. Walter Nigg erzielte mit seinem Buch „Große Heilige“ (1946) eine beispiellose Wirkung unter katholischen Lesern. Auf dem Schutzumschlag der Erstausgabe sind Albrecht Dürers „Betende Hände“ („Studie zu den Händen eines Apostels“ 1508) abgebildet. Geschult an Søren Kierkegaard und Fjodor Dostojevskij schrieb Walter Nigg in schonungsloser Offenheit von den Krisenerfahrungen der Heiligen, von realer und eingebildeter Schuld, von Frömmigkeit und Frömmelei, von Machtgelüsten und Ohnmachtserfahrungen, von der endlos scheinenden Nacht der Gottesferne und der Erfahrung des Lichtes. Niggs dramaturgisch gestaltete Heiligengeschichten wurden als Pilgerreisen der Seele gelesen. Kein Triumphzug zum Heil, sondern oftmals ein tragischer Labyrinthweg, der nach vielen Anfechtungen zur Mitte führt. Walter Nigg holte das wirkliche Leben in die Legende. Der Leser spürte, dass hier weder akademische Theologie noch seichte Spiritualität betrieben wurde. Denn Walter Nigg schöpfte aus der Fülle kulturgeschichtlicher christlicher Überlieferung und spiegelte sie mit dem eigenen bewegten Leben. So entstand ein authentisches Lebens- und Glaubenszeugnis. Das Kind aus einer „Mischehe“ war nach dem Freitod des katholischen Vaters und dem Krebsleiden der Mutter in sehr jungen Jahren Vollwaise geworden. Seine erste Frau und Mutter seiner Kinder litt unter schweren manisch-depressiven Schüben und nahm sich schließlich das Leben. Diese schmerzhaften Grenzerfahrungen gingen in Niggs Lebensbeschreibungen der Heiligen ein. Der reformierte Pfarrer zeigte die Bruchstellen des Lebens. Aber er wusste auch einfühlsam zu beschreiben, wie durch diese Risse neues Licht einbrach und eine Tiefendimension erschloss.

In Reinhold Schneiders tragischer Familiengeschichte erkannte Nigg eigene Grenzerfahrungen wieder. Die Eltern führten ein Nobelhotel in Baden-Baden. Als sie in der Währungskrise bankerott machten, verließ die Mutter ihren Mann. Reinhold Schneiders Vater erschoß sich. Der Selbstmordversuch des katholisch getauften und gefirmten Sohnes scheiterte. Schneider erlebte eine tiefe Glaubenskrise. Wie Reinhold Schneider, so ging auch Walter Nigg mit den Schicksalsschlägen produktiv um. Als Seelsorger einer ländlichen Gemeinde und Vater von zwei Kindern stand er fest im realen Leben. Nigg heiratete wieder. Seiner zweiten Frau sind „Große Heilige“ gewidmet. Als sie nach kurzer Ehe einem Krebsleiden erliegt, geht Walter Nigg wie der dänische Dichter und Pfarrer Nikolai Grundtvig eine dritte Ehe ein. Das geordnete Leben an der Seite einer Frau war ihm Voraussetzung einer nie versiegenden schriftstellerischen Produktivität.

In dem Privatdruck für die Vereinigung Oltner Bücherfreunde „Ein Ritter des Glaubens“ (1958) stimmt der Heiligenforscher einen hohen Ton an: „Reinhold Schneider war nahe an der Grenze der Heiligkeit.“ Seine Sendung sei die Versöhnung der Konfessionen:

 

„Er stimmte dem Gedanken völlig zu, dass sich heute innerhalb des Christlichen eine Gruppe bildet, die man nicht mehr mit den bisherigen Begriffen bezeichnen kann, zudem es kein gewollter Vorgang, sondern ein geistiges Ereignis unserer Zeit ist. Die in diesem Sinne Verbundenen können sich nach ihm nicht verlieren und auch nicht mißverstehen. Reinhold Schneider war ein Glied jener unsichtbaren Gemeinde, die in allen sichtbaren Kirchen vorhanden ist.“

 

Walter Nigg hatte allen Einladungen zur Mitarbeit an der ökumenischen Bewegung eine Absage erteilt. Denn die Einheit der Kirche ist allein Gottes Sache. Der Beter aber schaut in jene „Tiefen, die kein Aug’ entschleiert“ und erfährt die Ökumene schon heute als reale Gegenwart. Nigg nennt sie Ökumene des glaubenden Herzens. In ihr spielt die Frage konfessioneller Bindungen und Differenzen zwischen der katholischen Kirche und den Denominationen keine Rolle mehr. Diese überkonfessionelle Gemeinde ist eins, ohne einig sein zu müssen. Sie gehört zu den Stillen im Lande. Sie fordert auch keine Mahlgemeinschaft (Interkommunion), weil sie weiß, dass die Einheit in der Eucharistie als eigentliches Ziel der Ökumene nicht von dieser Welt ist. Nigg hat über diese Fragen intensiv mit Reinhold Schneider gesprochen. Deshalb zählt er ihn zu den Glaubensrittern der unsichtbaren Kirche.

Auch Hans Urs von Balthasar (1905-1988) arbeitete an der Gestalt einer neuen Heiligen. In der Konvertitin Adrienne von Speyr fand er ein Medium mit hochsensitiver Begabung, eine Schwester im Geiste der westfälischen Nonne Anna-Katharina Emmerick, die sich unter der Anleitung des Dichters Clemens von Brentano in ferne Zeiten und Zustände versetzen konnte und mit anschaulichen Erzählungen jene Leerstellen der Bibel füllte, die hier im Geheimnis blieben. Die Visionärin sah Jesus und Maria mit eigenen Augen. Was Clemens von Brentano nach ihrem Diktat auf vielen tausend Seiten niederschrieb, hielten die Leser für geoffenbarte Wahrheit, Literatur oder schlicht für Blödsinn. Auch an Adrienne von Speyr schieden sich die Geister - nicht erst, als ihr Seelenführer die Kunde von ihrer Revirgination verbreitete. Adrienne von Speyr diktierte nicht nur umfangreiche Kommentare zu den Büchern der Bibel, sondern schaute das innere Gebetsleben der Heiligen im Himmel.

Walter Nigg und Reinhold Schneider kannten diese Berichte aus dem entstehenden „Allerheiligenbuch“, weil sie ihnen durch Hans Urs von Balthasar zugänglich gemacht wurden. Nigg sah in dieser Literatur mit Beichtstuhlperspektive eine Indiskretion. Der gutmütige Reinhold Schneider erwehrte sich nicht der Bitte, Adrienne von Speyrs Werk zu besprechen. Hans Urs von Balthasar hatte ihn mit dem Angebot einiger Heiligenbilder auf Bestellung geködert. Aus dem gemeinsamen Sommerurlaub 1951 mit Adrienne in der Bretagne schrieb Hans Urs von Balthasar an Reinhold Schneider:

 

„Sie ist hier sehr glücklich, es ist ganz das, was sie sich träumte, und sie schenkt dafür neue Heiligenbilder, die wohl ihre besten sind. Sollten Sie ein paar Heilige von ihr wünschen, so schreiben Sie mir deren Namen.“

 

Walter Nigg und Reinhold Schneider trafen sich regelmäßig zu persönlichen Gesprächen. Hans Urs von Balthasar dagegen kannte die Biografie Schneiders nicht, als er zum 50. Geburtstags des Autors eine ideengeschichtliche Monografie vorlegte, in dem er das „Urkatholische“ seiner Sendung zu erkennen glaubte, „dass der unsichtbare Glaube und die sichtbare Geschichte nicht getrennt werden“. Schneiders größte Leistung sei „die Rückholung einer säkularisierten, protestantischen Geschichtsauffassung in den geheiligten Innenraum, in dem allein die Deutung des Geschehens gelingen kann.“

Zwischen Walter Niggs erster Würdigung und dem Aufsatz „Reinhold Schneiders Erbe“ (1969) liegt das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen Hoffnungen und Enttäuschungen. Draußen auf den Straßen und in den Hörsälen rebellierten die Studenten. Ein linker Mob sprengte Vorlesungen und zitierte akademische Lehrer wie den Münsteraner Kirchenhistoriker Erwin Iserloh vor ein Tribunal. Als Ritter wider den Zeitgeist - auch innerhalb der Kirche - erhob Walter Nigg seine Stimme und schrieb den Namen Reinhold Schneiders auf seinen Schild. Im Pensionsalter und entbunden von allen Pflichten eines Gemeindepfarrers, folgte er nun den zahlreichen Einladungen zu Vortragsreisen. In Kirchen und katholischen Akademien wetterte er in guter prophetischer Tradition wider den Zeitgeist und die rebellischen Studenten. Schneider, so heißt es jetzt, war „ein Kämpfer gegen den Zeitgeist in und außerhalb der Kirche, er besaß den Mut, den augenblicklichen Modeströmungen ins Angesicht zu widerstehen. Ohne eine kämpferische Gesinnung werden die Christen von der allgemeinen Schlammflut zugedeckt, die gegenwärtig das Kostbarste der abendländischen Tradition fortzuschwemmen droht.“ Auch gegen die ihm unliebsamen damals viel aufgeführten Autoren wie Friedrich Dürrenmatt oder Peter Handke zückt er die heilige Lanze des Glaubensritters:

 

„Noch viel weniger gesellte er (Reinhold Schneider) sich zu jenen dem Zeitgeist hörigen Schriftstellern, die mit Linkstendenz plus erotischen Schamlosigkeiten ihre Stilübungen zu machen pflegen und zuletzt dem Publikum die Zunge herausstrecken.“

 

 

Walter Nigg hatte entschieden Mut, sich unbeliebt zu machen. Er sprach von den geistigen Ruinen der späten Sechziger Jahre, „einem moralischen Trümmerfeld ohne gleichen“. Aber er schoß sich nicht nur gegen das entstehende Linkskartell ein, gegen „demonstrierende Jugend“ und „Gammler“, sondern auch gegen eine Kirche, deren Zeugnis von „verworrener Dürftigkeit“ sei, geprägt von Ratlosigkeit, Sinnentleerung und Substanzverlust. Walter Nigg blickte seiner Zeit scharf in die Augen und thematisierte die Folgen eines Traditionsabbruches und eines Bildungsverlustes, der sich noch radikaler entwickeln sollte, als er es ahnen konnte.

In seiner zweiten Rede über Reinhold Schneider wettert Nigg auch gegen die Ökumene. Keineswegs lebe man in einem ökumenischen Zeitalter. Ökumene sei nichts als ein Schlagwort. Die Ökumene, zitiert er Schneider, sei bei Gott im Himmel verwirklicht, daher liege „die Erreichung dieses Zieles nicht in unseren Kräften.“ Nur „die kleine Schar“ lebe schon heute in dieser überzeitlichen und überkonfessionellen Ökumene.

 

„Trotz der verschiedenen Kirchenzugehörigkeit stehen sie einander ganz nahe, weil sie an einer Intensivierung, Verlebendigung des Christlichen und nicht an einer Verdünnung, Anpassung und Entmythologisierung interessiert sind.“

 

Walter Nigg blieb ein viel gelesener religiöser Schriftsteller, als Reinhold Schneiders Bücher selbst in den damals noch existierenden christlichen Buchhandlungen nicht mehr zu finden waren. Die geistige tabula rasa des Angebotes heutiger Buchhandlungen lag noch jenseits von Niggs Vorstellungskraft als er Gelassenheit gegenüber den „Neuigkeitsjägern“ empfahl:

 

„Wir kennen diese Neuigkeitsjäger, die sich immer nach dem neusten Schrei ausrichten; aber es ist unser ganzer Stolz, dass wir nicht so denken. Auf dem Gebiet des Geistes herrschen doch andere Gesetze, der abgeschmackten Zeitdienerei sind die ewigen Werte der abendländischen Überlieferung gegenüberzustellen. Wir kennen ein Brot des Lebens, das heute so notwendig ist, wie es gestern war und morgen sein wird. Im Bereich des Geistigen gibt es ein Dauerndes im Wechsel der Zeiten, von dem wir keinen Schritt abweichen, und wir stellen uns eher die Frage, ob wir innerlich stark genug sind, die Last des Erbes zu tragen. Wir geloben feierlich, zu Reinhold Schneiders Erbe unwandelbar zu stehen, mag kommen, was da kommen will, wir geben sein Vermächtnis nicht preis, wir wollen es der nächsten Generation weiterschenken, weil wir selbst von ihm beschenkt worden sind.“

 

Dieser Treueschwur übersieht nicht, dass der Glaubensritter in den Sechziger und Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Züge des Ritters von der traurigen Gestalt annimmt. Der Einsatz gegen den Zeitgeist gleicht immer mehr einem Kampf gegen Windmühlenflügel. Das verdrießt Walter Nigg in keiner Weise. Narr und Ritter folgen unangefochten ihrem Auftrag. 1973 erscheint ein drittes Portrait von Reinhold Schneider unter dem beschwörenden Titel „Was bleiben soll“. Der nun siebzigjährige Walter Nigg zeichnet zehn biografische Bilder von Wegbegleitern, die für ihn zum geistigen Erbe gehören. Ich nenne hier die Namen. Möge der Leser selbst überprüfen, welcher Name für ihn heute zu denen gehört, die geblieben sind: Hermann Kutter, Albert Schweitzer, Georges Bernanos, José Orabuena, Julien Green, Romano Guardini, Peter Wust, Reinhold Schneider, Martin Buber und Leo Schestow.

Die Studentenunruhen waren aus Walter Niggs Sicht ein Vorspiel des Terrorismus, der in den Anschlägen der RAF gipfelte. Die Zeit geriet aus den Fugen. Längst ging es nicht mehr um Fragen des kulturellen Kanons, um Bildungsauftrag oder ökumenische Fragen. Die Axt schien an die Wurzeln gelegt. Nigg rückte nun Schneiders letztes Buch in den Blick. Es trägt den Titel „Winter in Wien“ und berichtet von schweren Anfechtungen bis zu Erfahrungen des Glaubensverlustes. Nigg bringt es auf den Punkt: Reinhold Schneider sei an der Schöpfungsordnung irre geworden, er habe sich im Widerspruch zu seiner Zeit buchstäblich aufgerieben und sein Leben geopfert.

 

„Was am gegenwärtigen Generationenkonflikt so tief beunruhigt, ist die Tatsache, dass Alt und Jung das gemeinsame Erbe des Abendlandes aus den Augen verloren haben, was bei den früheren Auseinandersetzungen nicht der Fall war. Beide Teile haben die tieferen Wurzeln vergessen, sie kennen die unzerstörbare Mitte nicht mehr. Es ist töricht, über die heutige Jugend mißbilligend den Kopf zu schütteln, und noch törichter ist es, um ihre Gunst zu buhlen, indem man all ihren Albernheiten zustimmt. Wir haben vielmehr den jungen Leuten die abendländische Tradition wortlos und glaubwürdig vorzuleben.“

 

Im Jahr des deutschen Herbstes veröffentlichte Walter Nigg sein berühmtes Engel-Buch. Der Titel zitiert eine Bach-Kantate (BWV 19) und nimmt unüberhörbar Bezug auf die terroristische Bedrohung jener Zeit. „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“ (1977) ist eine Kulturgeschichte der Engel ohne jene spirituellen Selbstbespiegelungen, die nach der Jahrtausendwende durch Engelbücher in Mode kommen sollten. Nigg glaubte an Engel als Boten einer anderen Welt, die wirkmächtig in das weltliche Geschehen eingreifen können. „Kein dichterisches Werk entsteht ohne Hilfe des Engels“, schreibt er in seinem vierten Portrait des Freundes. „Reinhold Schneiders Glaube“ (1978) deutet seine Sendung im Kontext der spanischen Mystik und der Erfahrung der dunklen Nacht der Abwesenheit Gottes: „Wir sind in eine Stunde eingetreten, in der die Bilder, die Zeichen erloschen sind und trostloses Grau wie eine Krankheit das Leben befallen hat, der Mensch lebt in der letzten Situation.“ Nüchtern und im Blick auf die Zukunft recht realistisch wird auch die Ökumene beurteilt: „Sie wird nicht durch Diskussionen und Kommissionen bewerkstelligt, das haben die Religionsgespräche in der Vergangenheit genügend bewiesen.“ In seinen düsteren Rechenschaftsberichten „Verhüllter Tag“ (1954), „Der Balkon“ (1957) und „Winter in Wien“ (1958) habe Reinhold Schneider im Geiste die Agonie des Christentums in der Jahrtausendwende durchlitten:

 

„Was wir gegenwärtig an auflösendem und verhärtendem Geschehen erleben, ist, tiefer gesehen, in der Sprache der spanischen Mystik ausgedrückt, eine ganz schwere, geradezu würgende Trockenheitsperiode. Die Quellen sprudeln nicht mehr, das frische Wasser fehlt, und deswegen wirkt sich diese Durststrecke zu einem so bedrückenden Erlebnis aus, das wir seelisch-geistig fast nicht zu bewältigen imstande sind.“

 

Hans Urs von Balthasar sah bei Schneider keine Teilnahme an der mystischen Nacht des Glaubens, sondern nur ein Überwältigwerden durch die angeborene Schwermut und einen Rückfall in frühe nihilistische Phasen. „Winter in Wien“ sei aus sehr niedrigen Motiven ein Bestseller geworden. Eine heimliche Freude an Schneiders Agonie und vermeintlicher Apostasie habe das Interesse der Leser bestimmt. Hans Urs von Balthasar sieht sich zu einer Überarbeitung seiner Schneider-Monografie gezwungen. Urkatholisch sei der späte Schneider nicht mehr. Vielmehr habe er einen Rückfall in die Welt des protestantischen Zweifels Kierkegaardscher Prägung erlebt. Keine mystische Dunkle Nacht des Glaubens, „die ein übernatürlicher Entzug tiefer, seliger Gotteserfahrung ist“, sondern „vor allem intellektuelle Einsichten, die zur Verdunkelung des Gottesverhältnisses führen: das unbegreifliche Leiden der Kreatur, die sinnlose, nie abgetragene Schuld geschichtlichen Daseins, die Unfasslichkeit der kosmischen Dimensionen, die Welt als ‚rotierende Hölle‘, als Prozess des Fressens und Gefressenwerdens. Dies alles verdunkelt ihm das Antlitz des liebenden Vaters, aber, was er vor sich hat, ist nicht, wie in der Dunklen Nacht, der abgewendete oder entschwundene Vater Jesu Christi, sondern ‚die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Keltertreters‘.“

Walter Nigg überlebte den Freund um dreißig Jahre. Von seiner eigenen reformierten Kirche hatte er innerlich längst Abschied genommen. „Ich habe mein Leben im Dienst der Kirche zugebracht. Wenn ich aber heute an einem Gottesdienst teilnehme, gehe ich mehr oder weniger traurig nach Hause. Die Kirche hat ihr Thema verloren und versucht sich weltklug der gegenwärtigen Situation anzupassen“, bekennt er gegenüber Axel Springer, dessen Seelsorger er nach dem Freitod des Sohnes Sven Simon (Axel Springer junior) geworden war. Von den offiziellen ökumenischen Annäherungsversuchen seiner Tage hielt er weniger denn je. „Die nachkonziliare Epoche ist auf der ganzen Linie durch Unsicherheit, Verwirrung und Ratlosigkeit gekennzeichnet. Es ist unsere vordringliche Aufgabe, diesen Zustand zu überwinden, was freilich weder durch eine reaktionäre noch durch eine progressive Haltung geschehen kann“, schreibt er in seinem letzten Schneider-Portrait. Es trägt den Titel „Vergängliches und Unvergängliches: Reinhold Schneider“ (1982).

Im Laufe seines langen Berufslebens hatte Walter Nigg ungezählte Abdankungsreden am Grab seiner Gemeindemitglieder gesprochen. Diese waren geschätzt, weil in ihnen der Verstorbene vor dem Horizont der Ewigkeit gesehen wurde. Ein Purgatorium dieser Art ist auch Niggs letzte Rede auf den Freund. Sie benennt das Zeitbedingte und betont das Bleibende seiner Sendung.

Vergängliches: Schneiders Dramen. Bestenfalls Lesedramen, aber auf der Bühne nicht zu genießen!

Vergängliches: Die Reinhold-Schneider-Gesellschaft. Rückwärts gewandte Idealisierung! Einbalsamierung und Errichtung eines Mausoleums! Die Feiern zum 75. Geburtstag waren „Begräbnisse erster Klasse“. Man müsse „Reinhold Schneider aus den Händen der Gartenzwerge befreien“.

Vergängliches: Die neuen religiösen Bücher über Zen-Meditation, Theologie der Befreiung, Politisches Nachtgebet: „heute schon Makulatur“! Der religiöse Buchmarkt, das Angebot der Kirchentage: Ein Augiasstall! Verlust des Wesentlichen. Dafür religiöse Unterhaltungsmusik.

Bei aller Hochachtung für Reinhold Schneider vermisste Nigg die erotische Dimension in seinem Leben und Werk. Dafür machte er Anna Maria Baumgarten verantwortlich, „die ihn besitzen wollte und nicht losließ und von der er sich in seiner Weichheit nie zu befreien vermochte. Diese sich vordrängende Dame inspirierte ihn nicht im geringsten; sie verwaltete seinen Nachlass unwürdig und ist deshalb nur am Rande seiner Biographie kurz zu vermerken. Er selbst hat sie in seinen autobiographischen Schriften nie erwähnt.“

Unvergängliches: Die Erfahrung des Scheiterns und der Demut. Der Gewinn von Bescheidenheit, Geduld und ein Offenwerden für den Willen Gottes. Dein Wille geschehe! Johannes Rau sagte es in dem zitierten Gespräch mit diesen Worten: „Das meine ich mit der Dimension der Transzendenz und der Eschatologie. Der Kern der christlichen Botschaft ist nicht die Bewahrung dessen, was ist, sondern die Freude auf das, was kommt. Und auf den, der kommt. (…) Ich kann den Kirchen nur raten, den Mut zu haben, Kirche zu sein und nicht zu Sozialverbänden zu mutieren.“

Reinhold Schneider hatte die Wiederkehr Christi vor Augen, als er das Sonett von der Macht des Gebets schrieb. Den Betern allein könne es gelingen, das Weltgericht abzuwenden. Diese theologische Deutung der Geschichte ist heute weitgehend verpönt. Im Vordergrund kirchlichen Engagements stehen ethische und psychologische, ökologische und genderspezifische Fragen. Die Erfahrung des Klimawandels führt daher nicht in eine eschatologische Dimension. Es herrscht keine „Freude auf das, was kommt“, sondern jene atemlose Panik, die Greta Thunberg in Davos beschworen hat. Welcher Geistliche würde heute die Corona-Pandemie auf endzeitlichem Horizont zu deuten wagen und ihr eine Mahnung Gottes zur Umkehr entnehmen? Wer würde im Angesicht des Endes von dem Frieden der Seele predigen, der wichtiger ist als alle Impfstoffe?

Die Stunde der Beter ist wieder gekommen. Reinhold Schneider hat ein unvergängliches Gedicht für Krisenzeiten geschrieben. Heute in der Corona-Pandemie ist es eine starke Zumutung, weil es in einen Zwiespalt führt: Alles tun müssen und doch nicht alles tun können. Es gibt kein Leben ohne Schuld. Aber diese Erfahrung von Schuld ist bereits eine Erfahrung von Gnade.

Die Wirkungsgeschichte des Sonetts ist noch nicht geschrieben worden. Sie würde die geheimen und oftmals überraschenden Wege des Wortes aufzeigen. Ernst Jünger (1895-1998), der im hohen Alter in die katholische Kirche eintrat, las während des Weltkrieges zwei Mal die gesamte Bibel. Spuren dieser Lektüre sind in seinen Tagebüchern mit dem Titel „Strahlungen“ zu finden. Doch auch Reinhold Schneiders Sonett muss ihn erreicht haben. Unter dem Eindruck der Bombardierung von Paris durch alliierte Flieger notiert er am 31. Dezember 1943 in sein Tagebuch:

 

„Von allen Domen bleibt nur noch jener,
der durch die Kuppeln der gefalteten Hände gebildet wird.
In ihm allein ist Sicherheit.“

 

*

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Lepanto-Almanach. Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte. Band 2/2021. S. 152-169.

 

 


Besuch in Wilflingen: Jaakobs Kampf mit dem Engel

 

 

Zu den Ritualen eines Besuches in der alten Oberförsterei der Grafen Stauffenberg in Wilflingen gehörte neben einer Sitzung in Jüngers Stammkneipe auch die Signierung von Büchern. Es war der 10. Dezember 1988. Wenige Monate zuvor war die Bildbiographie „Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten“ von Heimo Schwilk erschienen. Ich bat den 93jährigen Autor, ein Exemplar für meinen jüngsten Sohn zu signieren. Jünger fragte nach dem Namen des Kindes. „Jaakob“, sagte ich, „bitte mit jenem Doppel ‚a’, das Thomas Mann in seinem Josef-Roman benutzt.“ Der Verweis auf Thomas Mann wurde überhört. Ungehalten hatte Jünger dagegen auf meinen Versuch reagiert, mit ihm über die „Marmorklippen“ zu sprechen. Damals unterrichtete ich an einem deutschen Gymnasium und erzählte von der Lektüre dieses Buches in meiner Oberprima, die ich gegen erhebliche Widerstände im Kollegium durchgesetzt hatte. Die Schüler waren begeistert; den Schülerinnen dagegen blieb die mythisierende Bilderwelt mit ihren kämpfenden Molossern und archaischen Waffenträgern fremd. Jüngers Pathos wirkte auf sie stellenweise kitschig und pseudoreligiös. Ernst Jünger schreibt Männerprosa. An ihr scheiden sich bereits die jungen Geister. Junge Erzieher aber lieben die Herausforderung, und so wollte ich auch meine Schülerinnen für diesen Autor gewinnen.

Da Jüngers Verleger Michael Klett auch einen großen Schulbuchverlag führt, fragte ich den Autor, ob er sich nicht für eine preiswerte Schulausgabe der „Marmorklippen“ einsetzen könne. Das war ein Fehler. Denn ich wusste damals noch nichts von Jüngers eigener katastrophaler Schullaufbahn in zehn verschiedenen Anstalten zwischen Wunstorf, Hannover, Braunschweig und Hameln. „Herr Wolff“, sagte Jünger, „ich will in der Schule gar nicht gelesen werden!“ Ich war so verblüfft, dass ich mich als Lehrer angegriffen fühlte. Aber ich hatte den Alten falsch verstanden. „Ich will von Schülern gar nicht gelesen werden!“ So blieb es in meinem Gedächtnis. Heimo Schwilk klärte mich später auf. Von der Schule war die Rede gewesen, nicht von den Schülern. Während ich noch betroffen schwieg, schraubte Jünger die Kappe seines Füllfederhalters ab und notierte in schwarzer Tinte:

 

 

„Wir müssen uns
in unserer Eigenschaft als Rationalisten
überwinden lassen,
und dieser Ringkampf findet heute statt.
Gott tritt den Gegenbeweis gegen uns an.

Kirchhorster Blätter 23. XII. 1944“

 

 

Die Widmung nimmt Bezug auf eine der Schlüsselstellen der Luther-Bibel (Gen 32.23ff), deren Lektüre zu Jüngers täglichem Exerzitium gehörte. In einer existentiellen Krise kämpft Jaakob am Jabbok mit dem Engel, bis die Morgenröte anbricht und Gott ihn segnet. Der Gesegnete aber ist zugleich der Gezeichnete. Denn mit dem Segen erhält Jaakob einen Schlag gegen die Hüfte. Der Kampf mit Gott ist das innere Erlebnis schlechthin. Eine Konversion, wie sie der evangelisch-lutherisch getaufte Jünger (am 26. September 1996) zum Katholizismus vollzog, markiert einen Endpunkt seines inneren Weges. „Wir sind auf der Wallfahrt – was wir geglaubt haben, bleibt als Votivbild, was wir gewusst haben, als Krücke in den Kapellen zurück“, schreibt Jünger den Freunden als Dankesgruss zu den Glückwünschen anlässlich seines 95. Geburtstages. Eine spirituelle Biographie Ernst Jüngers, die sein lebenslanges Ringen mit dem Engel beschriebe, bleibt auch weiterhin ein Desiderat und eine interdisziplinäre Herausforderung. Sie würde wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, dass der Sohn einer bayerischen Katholikin schon immer katholisch war und daher denjenigen recht geben, die wie Lieselotte Jünger kein großes Aufheben von der Konversion des Hundertjährigen machten.

Ernst Jünger hat die Spuren Gottes im Garten, in der Bibel und im eigenen Leben bezeugt. Die Mitte seines Glaubens ist der Dank.

 

„Nach Mitternacht weckte mich eine Dankeswelle für Eltern, Lehrer, Kameraden, Nachbarn, unbekannte Freunde, ohne deren Hilfe ich nie mein Alter erreicht hätte. Meine Knochen würden in der Sahara bleichen, in einem Granattrichter modern; ich würde in Lagern oder Zuchthäusern verschmachtet sein. Wer weiß, wer für mich eintrat, wo um Köpfe gehandelt wurde, wer für mich Akten fälschte oder verschwinden ließ. Man sagt: ‚Freunde in der Not gehen hundert auf ein Lot.’ Aber einer genügt; ich habe gute Erfahrungen. Ob bei leichten Havarien, ob in schweren Katastrophen – es war immer einer da. Das kann kein Zufall sein.“

 

Diese Tagebuchnotiz vom 22. April 1986 steht im Kontext einer zweiten Begegnung mit dem Kometen Halley, den Jünger im Kreis der Geschwister 76 Jahre zuvor im niedersächsischen Rehburg am Himmel über dem Steinhuder Meer gesehen hatte. Wie der Komet in seiner Bahn, so folgt die gesamte Schöpfung für Ernst Jünger einem großen Plan. Gegen die Anfechtungen des Nihilismus hat er diesen Glauben in allen Katastrophen seines Lebens bezeugt. Die Parabel „Auf den Marmorklippen“ (1939) setzt den Glauben einer äußersten Bewährungsprobe im Zeichen des Halleyschen Kometen aus. Wohl deshalb stärken sich die Brüder, bevor sie in die Kämpfe gegen den Oberförster eintreten, durch einen Krug von jenem Wein, der im Kometenjahr 1910 gekeltert wurde.

 

 


Das zweite Gesicht: Zur Entstehungsgeschichte der „Marmorklippen“

 

Die Entstehungsgeschichte der „Marmorklippen“ führt zurück in die Zeit der Kriegsvorbereitungen in Deutschland. Im Dezember 1936 war Ernst Jüngers Familie von Goslar an den Bodensee gezogen. Wie üblich nahm Gretha von Jeinsen (1906-1960) ihrem Mann sämtliche Arbeiten ab. Während er mit der „Monte Rosa“ auf „Atlantische Fahrt“ nach Brasilien, Marokko und auf die Kanarischen Inseln ging, organisierte sie mit dem Kindermädchen Luise den Umzug in das „Weinberghaus“ in Überlingen. Am Bodensee wohnen sie mit den Söhnen Ernstel, dem katholisch getauften Alexander und dem Bruder Friedrich Georg nur knapp drei Jahre, dann zieht die Familie am 1. April 1939 in das ehemalige Pfarrhaus nach Kirchhorst. Hier vollendet Jünger am 28. Juli 1939 in seiner blau gestrichenen Klause unter dem Dach den Roman „Auf den Marmorklippen“. In „blauem Glanze“ (343) erstrahlen auch Blumen und Büsche am Ende der Erzählung. Am 30. August 1939 wird Ernst Jünger einberufen. Fünf Jahre nach Erscheinen des Buches, am 29. November 1944, fällt sein Sohn Ernstel bei den Marmorbrüchen von Carrara.

Zur Vorgeschichte des Buches gehört der Besuch von Männern des Widerstandes im „Weinberghaus“. Sie versuchen Jünger für die Idee eines Attentates auf Hitler zu gewinnen. Der nächtliche Besuch des zwanzigjährigen Heinrich von Trott zu Solz fand einen Widerhall in der Gestalt des Fürsten von Sunmyra. Nach einem Attentatsversuch auf den Oberförster wird er enthauptet und gepfählt.

Gretha von Jeinsen hat die Atmosphäre des Hauses in Überlingen in ihren Erinnerungen „Silhouetten“ (1955) beschrieben und auch jenen geheimnisvollen Mitbewohner nicht verschwiegen, dessen Existenz ein aufgeklärter Leser als anachronistischen Aberglauben abwehren wird. Im „Weinberghaus“ habe ein Poltergeist gewohnt, der, wie das Kindermädchen und Gretha bezeugen, durch das Haus polterte, Türen öffnete und wieder schloss, obwohl der Schlüssel im Schloss steckte.

„Dann kehrte der Gebieter heim und zur offiziellen Begrüßung entstand ein nächtliches Getöse von Ausmaßen, das uns in Windeseile aus den Betten springen und nach oben eilen ließ, denn wir glaubten ganze Einbrecherbanden am Werk, die unser gesamtes Möbelmaterial aus dem Fenster zu befördern gedachten. Nichts rührte sich, als wir nähere Umschau hielten. Da in der Folge die Polterei mit preußisch anmutender Pünktlichkeit um Mitternacht begann, um gegen ein Uhr zu enden, so gewöhnten wir uns daran. Auch die Schritte verließen uns nicht, unsere Gäste verstummten oftmals erschreckt“.

Ernst Jünger hatte im Ersten Weltkrieg den Pour le Mérite verliehen bekommen. Als er im Herbst 1922 mit wehendem Militärmantel, einer Reichswehrmütze, schleppendem Säbel und am Kragenausschnitt weithin leuchtend der „blaue Max“ die Georgstrasse in Hannover entlang schritt, konnte er die Schülerin Gretha von Jeinsen beeindrucken, der Poltergeist im Weinberghaus ließ sich jedoch von der Anwesenheit des Autors der „Stahlgewitter“ nicht einschüchtern. Es ist die Hausfrau, die durch einen unerschrockenen Wurf mit den Holzpantinen des Kindermädchens und einen entschieden ausgesprochenen Verweis den Poltergeist zur Ruhe bringt.

Über die Existenz von guten und bösen Geistern lässt sich kein Diskurs führen; und diejenigen, die mit okkulten Phänomenen dieser Art in Berührung gekommen sind, haben in der Regel kein Bedürfnis, vor Unberufenen von diesen esoterischen Erfahrungen zu sprechen. Jünger hat in seinem Werk „Die Schere“ (1990) paranormale Erfahrungen gesammelt und zu deuten gewagt. Besonders interessiert hat ihn das Zweite Gesicht, das seine westfälische Großmutter Anna Determann ebenso hatte wie die Seherin Annette von Droste-Hülshoff und der Wüstenvater Antonius, dessen Vita eine von Jünger immer wieder gern zitierte Quelle für die „Vorschau“ ist.

„Die Vorschau widerspricht der Erfahrung; sie ruft selbst bei dem Betroffenen Befremden hervor. Meist sucht er sie zu verdrängen, sie zum Traum zu degradieren – doch war es, wie Shakespeare sagt, ‚kein gewöhnlicher Traum’. Ein Bild wurde empfangen, nicht in der eigenen Werkstatt erzeugt.“

In den „Marmorklippen“ besitzt die greise Mutter des 70jährigen Hirten Belovar die Gabe des Zweiten Gesichtes. Bevor ihr Sohn und der Ich-Erzähler in den Kampf ziehen, betastet die „Bestemutter“ ihre Körper vom Kopf bis zu den Füßen und sieht mit den inneren Augen jene Stellen, an denen die beiden Kämpfer von den Angriffen des Gegners getroffen werden. (325, 339) In seinen Adnoten zu „Auf den Marmorklippen“ führt Jünger sogar die Konzeption des Buches ausdrücklich auf ein Zweites Gesicht nach durchzechter Nacht zurück: „Es war ein Vorbrand gewesen, wie man ihn in Westfalen und Niedersachsen kennt.“ Nehmen wir den Autor beim Wort, dann enthüllte sich ihm in diesem Gesicht nicht nur der kommende Krieg, sondern auch die Ahnung einer Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß. Für einen Geist, der seine besondere Sensibilität für den „Kampf als inneres Erlebnis“ im Ersten Weltkrieg bewiesen hatte, war diese Ahnung fast schon Gewissheit. Schon der Erstling „In Stahlgewittern“ zeigt, dass Jüngers Autorschaft eine Reaktion auf die Erfahrung des Weltenbrandes ist.

Jüngers Parabel „Auf den Marmorklippen“ erscheint in den ersten Kriegsmonaten des Jahres 1939. Die blutigen Szenarien und die Schilderung der Schinderhütte von Köppelsbleek fällen ein eindeutiges Urteil: „Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und Menschenfreiheit schauerlich ergötzt.“ (311) Sie rücken das Geschehen in eine übergeschichtliche Dimension. Die Tyrannis des Oberförsters ist als vollendeter Nihilismus der Widerspruch gegen die Schöpfung selbst. Mit ihr ist die gegengöttliche Macht auf den Plan getreten, der Geist der Verneinung, das absolut Böse. Braquemart, der „reine Techniker der Macht“ (321f.) verkörpert dagegen die tragische Seite des Nihilismus, „die Bitterkeit des Menschen, der sein Heil verloren hat.“ (318)

 

 


Über Schlangen und Skorpione gehen: Überwindung der Todesfurcht

 

Die „Marmorklippen“ bedienen sich nicht nur eschatologischer Bilder; sie sind eine „Apokalypse der Seele“. Eschatologie ist nach Hans Urs von Balthasar die Lehre vom Verhältnis der Seele zu ihrem ewigen Schicksal. Die Apokalypse ist die Erfüllung dieses Schicksals. Auf dem Hintergrund des Schreckens von Köppelsbleek geht es um „letzte Haltungen“, um den Glauben also und die für Jünger entscheidende Frage des Menschen, „wie er gewachsen ist“ und sich selbst treu bleibt. Um das Wesen seiner eigenen Berufung zu bestimmen, hat Ernst Jünger den kühnen Vergleich mit den Sehern der alten jüdischen und griechischen Überlieferung nicht gescheut:

„Der Autor wird sich auf die Katastrophenstimmung nicht einlassen. Die Katastrophe abzuwenden oder zu mindern, ist Aufgabe des Politikers, die Beistand verdient. Die höheren Geisteskräfte können hier nichts ausrichten; ihre Teilnahme ist eher zensorischer Natur: es gibt Entwicklungen, die moralisch einstimmig verurteilt werden und selbst der Logik widersprechen – sie nehmen dennoch ihren Gang.
Der Autor fasst den Untergang in seiner vollen Dimension ins Auge, in seiner tragischen Bedeutung, wie die großen Propheten und nach ihnen Heraklit. Letzthin ist der Untergang das einzig Normale und das Verhältnis des Autors zu ihm nur insofern besonders, als es sich im Werk profiliert. Überwindung der Todesfurcht ist Aufgabe des Autors; das Werk muß sie ausstrahlen.“

Die „Marmorklippen“ spielen diese letzten Haltungen durch. Sie erproben die Überwindung der Todesfurcht und halten dem Nihilismus des Oberförsters die spirituelle Kraft der Engel und der Heiligen entgegen. Verfolgt von Chiffon Rouge und den anderen Bestien des Oberförsters, wandelt der Ich-Erzähler unangefochten durch die verheerte Landschaft. Dabei ergreift ihn jene Kraft des Glaubens, mit der die Heiligen auf Schlangen und Skorpione treten oder auch Ottern, wie Martin Luther übersetzt.

 

 

„Denn er hat seinen Engel befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Über Löwen und Ottern (Skorpione) wirst du gehen
und junge Löwen und Ottern (Skorpione) niedertreten.“

(Psalm 91.11-13)

 

 

Der berühmte Schutzengelpsalm spricht von der Wirkung des Glaubens. Wer mit Engeln geht, der wird ohne Furcht durch die Zone der Todesgefahr schreiten. Ernst Jünger zitiert diese „Kraft auf Skorpione zu treten“ nach dem lateinischen Text der Vulgata. Der Hinweis auf die „vis calcandi supra scorpiones“ (341), die den Ich-Erzähler im Augenblick der Todesgefahr beflügelt, ist ein entschiedenes Urteil über die Tyrannis. Es nimmt Bezug auf einen erfolgreichen Exorzismus der Jünger. Jesus hatte sie ausgeschickt, in seinem Namen die Dämonen zu vertreiben. Zu ihrem Meister zurückgekehrt, stößt Jesus einen Jubelruf aus und zitiert darin die „vis calcandi supra scorpiones“ des Psalmisten:

 

 

„Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.
Seht ich habe euch Macht gegeben,
zu treten auf Schlangen und Skorpione,
und Macht über alle Gewalt des Feindes;
und nichts wird euch schaden.“
(Lk 10.18f)

 

 

Das Kloster Maria Lunaris ist der Maria immaculata geweiht. Ihr Bild erscheint in der berühmten Vision des Johannes auf Patmos:

 

 

„Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel:
eine Frau, mit der Sonne bekleidet,
und der Mond unter ihren Füßen
und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“
(Apk 12.1)

 

 

Die Frau ist schwanger und steht kurz vor der Niederkunft. Ihr Gegner ist der Teufel in Gestalt eines großen, roten Drachen. Er will das Kind verschlingen. Doch wird der Knabe von Gott gerettet. Seiner Mutter gelingt die Flucht in die Wüste. Daraufhin entbrennt im Himmel ein Kampf der Heerscharen unter Michaels Führung gegen Satan und die gefallenen Engel.

 

 

„Und es entbrannte ein Kampf im Himmel:
Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen.
Und der Drache kämpfte und seine Engel,
und sie siegten nicht,
und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel.
Und es wurde hinausgeworfen der große Drache,
die alte Schlange, die da heißt:
Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt,
und er wurde auf die Erde geworfen,
und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.“
(Apk 12. 7-9)

 

 

Damit wird der Kampf gegen den Drachen auf die Erde verlagert. Der Apokalypse kommt es auf diesen kosmischen Zusammenhang des Kampfes an. Das Geschehen auf der Erde kann ohne diesen Hintergrund nicht verstanden und noch weniger ertragen werden. Der Sturz des Engels steigert zugleich seine Bosheit. Denn der Teufel weiß, dass seine Tage gezählt sind und dass er folglich wenig Zeit hat. Für den Gläubigen aber kommt alles darauf an, seine Lebenszeit im Kontext der Weltzeit zu sehen. Die Überwindung der Todesfurcht im Glauben ist auch eine Frage der Perspektive. Der Blick auf das Bild der Maria Lunaris rückt das Leiden in den rechten Zusammenhang der Wehen der Endzeit: Die Krise bietet eine Chance des Durchbruchs zum wahren Leben.

Das Motiv von Sternenjungfrau, göttlichem Kind und Engelkampf ist in der gesamten Geschichte des Abendlandes verbreitet. Ihm sind die großen Kirchenbauten zu Ehren Michaels geweiht, der Monte Gargano, der Mont Saint-Michele und die zahlreichen Michaeliskirchen Europas. Dürer hat es in seinen Holzschnitten zur Bibel ins Bild gesetzt und Bach in seiner berühmten Kantate zum Michaelsfest „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir...“ vertont. Der Knabe Erio verweist auf den Typos des göttlichen Kindes und das messianische Zeitalter, in dem der Wolf neben dem Lamm weiden wird und der Knabe mit der Schlange spielt: „Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.“ (Jes 11.8). Für Erio sind die hoch giftigen Lanzenottern und die Greifin bereits gewandelte Schöpfung. Auch die Apostelgeschichte als erste christliche Hagiographie nimmt dieses Motiv auf, wenn sie Paulus nach seinem Schiffbruch auf Malta ohne jede Folgen von einer Giftschlange beißen lässt. „Er ist ein Gott“ (Apg 28.6), sagen die Malteser.

Der Wallfahrtsort Kloster Maria Lunaris ist der Sternenjungfrau aus der Apokalypse geweiht. Darauf spielt auch die volkstümliche Bezeichnung der Gottesmutter als „Falcifera“ an: „falcifer“ bedeutet „sicheltragend“. Damit ist die Mondsichel als Attribut der Maria gemeint. Das Bild der Maria Lunaris gilt als wundertätig. Der Ich-Erzähler und Bruder Otho verehren das eine Göttliche in vielen Erscheinungsformen, so in den alten Haus- und Flurgöttern, den Penaten und Laren, oder eben auch im Bild der Falcifera:

 

„Als uns der Pförtner durch die Kirche führte, erwiesen wir dem Wunderbilde unseren Gruß. Wir sahen die hohe Frau auf einem Wolkenthrone, und ihre Füße ruhten wie auf einem Schemel auf dem schmalen Monde, in dessen Sichel ein Gesicht, das erdwärts blickte, gebildet war. So war die Gottheit dargestellt als Macht, die über dem Veränderlichen thront und die man zugleich als Bringerin und Fügerin verehrt.“ (291f.)

 

Jünger fällt gegen das Regime in Deutschland ein eindeutiges Urteil, und indem er in kühnem Wagemut die Wahrheit ausspricht, ergreift ihn jene Sicherheit, aus der heraus er den Prolog der „Marmorklippen“ niederschreibt. Er ist nicht nur eine Imagination des Untergangs, sondern auch die Gewissheit, dass die Vernichtung nicht das letzte Wort haben wird. Jünger schreibt 1939 aus der Perspektive eines gelehrten Sprach- und Naturforschers, der die Katastrophe überlebt hat. So sind die „Marmorklippen“ nicht nur eine Antizipation des Untergangs, sondern zugleich dessen Überwindung im Bild der Heimkehr. Nach der Katastrophe kehren die Brüder in ein festlich geschmücktes Bauernhaus ein, an dessen breiten Giebel das niedersächsische Symbol des Pferdekopfes im Licht gleißt. Der Hof gehört dem alten Ansgar, dessen Schutzpatron und Namensgeber der große Missionar Nordeuropas ist. „Da schritten wir durch die weit offenen Tore wie in den Frieden des Vaterhauses ein.“ (351)

 

 


Die Naturstudien der Brüder: Das Wunder der Schöpfung

 

Bereits mit dem ersten Satz wendet sich der Ich-Erzähler an eine Gemeinde Gleichgesinnter: „Ihr alle kennt die wilde Schwermut“. Wer hier nicht aus eigener Lebenserfahrung zustimmen kann, für den ist die apokalyptische Erzählung nicht geschrieben worden. Über die Gattung der Apokalypse sind viele Missverständnisse im Umlauf. Apokalypsen bedienen sich großer prunkender Bilder vom Weltenbrand, doch ist nicht der Weltuntergang ihr Thema, sondern die Ankunft der neuen Schöpfung. Der Untergang der alten Welt und des alten Menschen wird zum notwendigen Durchgangstor in die neue Welt und die Erneuerung des Menschen. Er nimmt alles hinweg, was nicht zur göttlichen Wahrheit gehört. Ihr Ziel ist die Sichtbarwerdung der reinen Gestalt, die Enthüllung der nackten Wahrheit, die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung. Die neue Schöpfung aber wird in Feuer und Blut geboren, dem Feuer der brennenden Leiber in den römischen Arenen und dem Blut der Märtyrer. Der Apokalyptiker ist der Dichter des letzten Wortes, er richtet den Blick auf das, „was unveränderlich im Schreine der Erscheinung eingeschlossen ist.“ (262) Darin besteht sein Beitrag zu einer Überwindung der Todesfurcht. Ihre Methode beschreibt Bruder Otho mit der Metapher „die Zeit absaugen“ (262).

In strenger Zucht widmen sich die Brüder dem Studium der Fauna und Flora der Großen Marina. Von der Rautenklause aus unternehmen sie botanische Feldforschungen und gewinnen auf ihren Streifzügen ein differenziertes Bild von der Landschaft und ihren Bewohnern. Auch sind sie als ehemalige Mitglieder des Ordens der Mauretanier sehr genau über die politischen Händel informiert. Aus den Wäldern am Rande der Großen Marina erreichen die Brüder zuverlässige Informationen über die Pläne des Oberförsters. Das Leben der Brüder auf den Marmorklippen ist ein bewusster Rückzug aus diesem Spiel der Mächte. Er darf aber nicht als innere Emigration missverstanden werden. Die Brüder sind Krieger und werden sich in den Kämpfen gegen den Oberförster im Kampfe bewähren. Ihr Rückzug hinter die Mauern der Rautenklause ist vielmehr als Akt des Widerstandes zu verstehen. Als Benedikt von Nursia seinen Orden gründete, brach das Römische Reich endgültig auseinander. Unter der Anleitung von Cassiodor wurde in seinen Klöstern nach einem strengen Tagesablauf gelebt. Die Mönche widmeten sich dem Studium der antiken Quellen des Abendlandes und retteten durch ihr Kopieren von lateinischen und griechischen Handschriften diese Tradition vor dem Untergang.

Diese Klassiker der Antike und die Werke der Kirchenväter bilden auch den Grundbestand der Bibliothek der Brüder. Ihr angegliedert ist das Herbarium. Die Sammlung umfasst tausende von Herbarienblättern mit teilweise sehr alten Beständen. Einige stammen sogar aus der Sammlung Carl von Linnés. Das Linnésche System der Namengebung ist die universale Systematik der Biologie. Das Sammeln, Sichten und Ordnen der Pflanzen ist für die Brüder alles andere als reine Wissenschaft. Das Eintauchen in die große Ordnung der Natur wird zur mystischen Einweihung in das Geheimnis der Schöpfung. Der Blick auf die Pflanzen zeigt: Die Welt folgt einem Ordnungsschema. Sie ist Kosmos und nicht Chaos. Das Studium der Naturordnung schenkt gerade in Zeiten der politischen Wirren dem Geist eine neue Kraft. „Von jeher hatte ich das Pflanzenreich verehrt und seinen Wundern in vielen Wanderjahren nachgespürt. Und wohl war mir der Augenblick vertraut, in dem der Herzschlag stockt, wenn wir in der Entfaltung die Geheimnisse erahnen, die jedes Samenkorn in sich verbirgt. (...) Ich fühlte, wie mit unseren Studien zugleich die Kräfte wuchsen, den heißen Lebensmächten standzuhalten und sie zu bändigen, so wie man Rosse am Zügel führt.“ (258) Und noch deutlicher: „(W)ir suchten, wenn ich so sagen darf, im Chaos uns an Linnaeus’ Wunderwerk zu halten, das einen der Säulentürme stellt, von denen der Geist die Zonen wilden Wachstums überblickt.“ (303)

In der Rautenklause auf den Marmorklippen wird der Blick frei. Dieser freie Blick betrifft zuerst die Landschaft, geht über auf die politischen Parteien und Händel und führt zuletzt über das Studium der Naturordnung zur Mitte des eigenen Lebens, dem letzten Grund der Freiheit. Um ihn geht es in den „Marmorklippen“. Inmitten einer apokalyptischen Welt stimmt Jünger das Hohe Lied der Freiheit an. Diese Freiheit ist der höchste innere Wert. Er hat nichts zu tun mit stoischer Distanz und ihrer Ataraxia, sondern mit jener höheren Heiterkeit, die demjenigen zu eigen ist, der auf das Wesen der Dinge geschaut hat. Heiterkeit ist das Schlüsselwort und Leitmotiv der „Marmorklippen“ und das sichtbare Zeichen der Überwindung der Todesfurcht.

 

„Wir gingen vom hohen Beispiel des Linnaeus aus, der mit dem Marschallstab des Wortes in das Chaos der Tier- und Pflanzenwelt getreten war. Und wunderbarer als alle Reiche, die das Schwert erstritt, währt seine Herrschaft über Blütenwiesen und über die Legionen des Gewürms.
Nach seinem Vorbild trieb auch uns die Ahnung, dass in den Elementen Ordnung walte, denn tief fühlt ja der Mensch den Trieb, die Schöpfung mit seinem schwachen Geiste nachzubilden, so wie der Vogel den Trieb zum Nesterbauen hegt. Was unsere Mühen dann überreich belohnte, das war die Einsicht, dass Maß und Regel in den Zufall und die Wirren dieser Erde unvergänglich eingebettet sind. Im Steigen näherten wir uns dem Geheimnis, das der Staub verbirgt. Mit jedem Schritte, den wir im Gebirg gewinnen, schwindet das Zufallsmuster des Horizontes, und wenn wir hoch genug gestiegen sind, umschließt uns überall, wo wir auch stehen, der reine Ring, der uns der Ewigkeit verlobt.
Wohl blieb es Lehrlingsarbeit und Buchstabieren, was wir so verrichteten. Und doch empfangen wir Gewinn an Heiterkeit, wie jeder, der nicht am Gemeinen haften bleibt. Das Land um die Marina verlor das Blendende und trat doch klarer, trat more geometrico hervor. Die Tage flossen, wie unter hohen Wehren, schneller und kräftiger dahin. Zuweilen, wenn der Westwind wehte, spürten wir eine Ahnung vom Genuß der schattenlosen Fröhlichkeit.
Vor allem aber verloren wir ein wenig von jener Furcht, die uns beängstigt und wie Nebel, die aus den Sümpfen steigen, den Sinn verwirrt. Wie kam es, dass wir die Arbeit nicht im Stiche ließen, als der Oberförster in unserem Gebiet an Macht gewann und als der Schrecken sich verbreitete? Wir hatten eine Ahnung von Heiterkeit gewonnen, vor deren Glanze die Truggestalten sich verflüchtigen.“ (264)

 

 

Monastisches Leben ist eine lebenslange Übung der Einkehr ins Wesentliche, in jenen innersten Bezirk, der von keiner Macht der Welt bedrängt werden kann, weil hier allein Gott wohnt. Er ist der letzte Grund der Heiterkeit. Der Weg des Mönches ist das Gebet. Dazu gehört nicht nur das Tageszeitengebet der Psalmen. Alles wird für ihn zum Gebet. So auch die Arbeit. Am Ende der Katastrophe wird Bruder Otho das Lebenswerk mit dem Spiegel Nigromontans vernichten, indem er die Herbarien und die Bibliothek in Brand setzt. Nicht die Erstellung der Sammlung ist das Ziel der Arbeit gewesen. Der Sinn lag im Sammeln, Sichten und Ordnen selbst als eines schöpferischen Nachvollzugs einer Welt, die wunderbar im Ganzen ist und deren Wunder sich in der Arbeit erweist.

So wie die Schöpfung einen Anfang und ein Ende hat, so wird auch kein Menschenwerk ewig bestehen. Von allen Domen, die Menschen erbaut haben, sagte Jünger einmal, werde nur der Dom der gefalteten Hände bleiben.

 

„Und freudig erfasste uns das Wissen, dass die Vernichtung in den Elementen nicht Heimstatt findet und dass ihr Trug sich auf der Oberfläche gleich Nebelbildern kräuselt, die der Sonne nicht widerstehen. Und wir erahnten: wenn wir in jenen Zellen lebten, die unzerstörbar sind, dann würden wir aus jeder Phase der Vernichtung wie durch offene Tore aus einem Festgemach in immer strahlendere gehen.
Oft meinte Bruder Otho, wenn wir auf der Höhe der Marmorklippen standen, dass dies der Sinn des Lebens sei – die Schöpfung im Vergänglichen zu wiederholen, so wie das Kind im Spiel das Werk des Vaters wiederholt. Das sei der Sinn von Saat und Zeugung, von Bau und Ordnung, von Bild und Dichtung, dass in ihnen das große Werk sich künde wie in Spiegeln aus buntem Glase, das gar bald zerbricht.“ (298)

 


Pater Lampros: Die Geduld erreicht alles

 

In der apokalyptischen Welt der „Marmorklippen“ geht am Ende auch das Kloster der Maria Lunaris in Flammen auf. Durch einen befreundeten Botaniker aus dem schwedischen Uppsala, jener alten Bischofsstadt, in deren Dom Carl von Linné seine letzte Ruhestatt gefunden hat, erfahren die Brüder, dass Pater Lampros vom Kloster der Falcifera identisch ist mit dem berühmten Autor eines Klassikers der Biologie. „Der Leuchtende“ hatte unter dem Pseudonym „Phyllobius“ („der in den Pflanzen lebt“) ein Standardwerk über die Symmetrie der Früchte verfasst. Der katholische Geistliche entstammte einem alten Adelsgeschlecht. Als einzigen Besitz aus der Zeit vor dem Klostereintritt trägt er einen Siegelring, in dessen roten Karneol ein Greifenflügel graviert ist und die Worte: „meyn geduld hat ursach“ (293). Dies ist der Wappenspruch Gretha von Jeinsens, den Jünger hier an zentraler Stelle der „Marmorklippen“ platziert. Die Geduld (patientia) gehört zu den zentralen Tugenden des inneren Weges. Der Patient auf dem Krankenbett bedarf ihrer ebenso wie die Eltern, Erzieher und Lehrer. „Die Geduld erreicht alles“, sagt Teresa von Avila, die große mystische Lehrerin:

 

„Nichts verwirre dich,
Nichts erschrecke dich,
Alles geht vorüber,
Gott ändert sich nicht.
Die Geduld erreicht alles.
Wer Gott besitzt, dem mangelt nichts;
Gott allein genügt.“

 


Pater Lampros verkörpert die Geduld als zentrale Tugend in apokalyptischer Zeit. Die Geduld vertraut dem großen Plan. Rot wie der Karneol ist auch das Tuch, das der Geistliche über eine junge Wegerich-Staude gebreitet hatte. Als er es vor den Augen der Brüder lüftet, sehen sie zuerst eine gewöhnliche Pflanze mit ovalen Blättern von regelmäßigem Wachstum, in deren Mitte sich ein leuchtender Wachstumspunkt erhebt. In dieser Symmetrie liegt aber das große Geheimnis verborgen, auf das Pater Lampros die Brüder hinweisen will. „Die Bildung schien zugleich so frisch und zart im Fleische wie unzerstörbar im Geistesglanze der Symmetrie. Da fasste uns ein Schauer an; wir fühlten, wie die Lust zu leben und die Lust zu sterben sich in uns einten; und als wir uns erhoben, blickten wir in Pater Lampros’ lächelndes Gesicht. Er hatte uns ein Mysterium anvertraut.“ (294) Die Schöpfung bezeugt den ordnenden Geist hinter aller Erscheinung. Aus dieser Erfahrung wächst die Geduld und jene Gelassenheit und Heiterkeit, die Pater Lampros ausstrahlt.

Damit wird er auch zu einem Seelenführer der Brüder in den kommenden Kämpfen. Er ist in den Gang der Ereignisse vollkommen eingeweiht. Mit Hilfe kleiner Zettel, die durch Erio den Brüdern überbracht werden, lenkt er ihr Geschick. So schickt er sie in Momenten der Gefahr auf botanische Exkursionen. Auf einer dieser Gänge sind sie auf der Suche nach dem Roten Waldvögelein, einer seltenen Orchideenart, die Mitte Juni auf kalkhaltigen Böden wächst. Damit gibt der Pater ihnen einen Hinweis auf die Schinderhütte von Köppelsbleek, die sich direkt neben der Fundstelle des Roten Waldvögeleins befindet.

Hier finden die Brüder auch den Kopf des Fürsten von Sunmyra. Jünger hat eigenen und fremden Todeserfahrungen immer wieder nachgespürt. So sucht auch der Ich-Erzähler inmitten des Schreckens nach Spuren der Transzendenz. Der Kopf des adeligen Jünglings, der vergeblich auszog, den Tyrannen zu morden, steckt auf einer hohen Eisenstange. Auf der bleichen Maske des Toten „spielte der Schatten eines Lächelns von höchster Süße und Heiterkeit, und ich erriet, wie von dem hohen Menschen an diesem Tage Schritt für Schritt die Schwäche abgefallen war – so wie die Lumpen von einem König, der als Bettler verkleidet ging. Da fasste mich ein Schauer im Innersten, denn ich begriff, dass dieser seiner frühen Ahnen und Bezwingern von Ungeheuern würdig war; er hatte den Drachen Furcht in seiner Brust besiegt.“ (337)

Das Motiv des Drachenkampfes ist untrennbar mit dem Bild der Maria Lunaris verbunden. Berühmte Drachentöter sind neben dem Engel Michael die Heiligen Georg und jene Margarethe, die noch in der Kerker-Szene des „Faust I“ aus der Kraft ihres katholischen Glaubens den Teufel vertreibt. Der Fürst von Sunmyra hatte im Widerstand gegen die Tyrannis sein Leben verloren und zugleich gewonnen. Jünger verlegt den Drachenkampf auf jene spirituelle Ebene, um die es bei letzten Haltungen immer geht: Der Fürst „hatte den Drachen Furcht in seiner Brust besiegt.“ Damit zeigt sich in seinem Martyrium die letzte Wahrheit des Glaubens, von der Pater Lampros sprach: „Die Stunde der Vernichtung aber müsse die Stunde des Lebens sein.“ (302) Weil dieses Sterben über sich hinausweist, nimmt der Ich-Erzähler das Haupt des Fürsten von der Stange und bettet es in seine Ledertasche. In die Rautenklause zurückgekehrt, wäscht er es mit Wein und legt es in eine Duftamphore mit Blättern von weißen Lilien und Schirasrosen. Die weiße Lilie ist ein Symbol der Reinheit und als Attribut der Maria und Christus, dem Weltenrichter, zugewiesen. In der christlichen Tradition ist die Rose ebenfalls ein Symbol der Maria, jener mystischen Rose, in der sich das Geheimnis von Schönheit und Schmerz verbindet. Die Rose von Schiras verweist auf den großen Sänger der islamischen Mystik.

Nachdem die Brüder ihr Herbarium in Brand gesetzt haben, begeben sie sich auf die Flucht. Das Haupt des Fürsten nehmen sie mit. Auf dem Weg zum rettenden Hafen passieren sie das Kloster der Maria Lunaris. Hier schlagen die Flammen aus dem Turm und die Kirchenfenster sind zersprungen. Pater Lampros steht, im Prunkornat gekleidet, lächelnd vor dem Flammenmeer. Der Ich-Erzähler greift nach dem Kopf in der Duftamphore und streckt ihn dem Pater entgegen.

 

„Bei seinem Anblick erfaßte uns ein Schauer, denn die Feuchte des Weines hatte die Rosenblätter angesogen, so dass es nun im dunklen Purpurprunke aufzuleuchten schien. Doch war es noch ein anderes Bild, das uns, als ich das Haupt erhob, ergriff – wir sahen im grünen Ganze die Rosette strahlen, die in noch unversehrter Rundung den Fensterbogen schloß, und ihre Bildung war uns wundersam vertraut. Uns schien, als hätte uns ihr Vorbild in jenem Wegerich geleuchtet, den Pater Lampros uns einst im Klostergarten wies – nun offenbarte sich die verborgene Beziehung dieser Schau.“ (347f.)

 

Der Pater hebt wie bei der Consecratio die Hand. Im gleichen Augenblick sprühen goldene Funken aus der Rosette und der Turm bricht über dem Gottesmann zusammen. Das Haupt des Fürsten wird später als Reliquie in das wieder aufgebaute Kloster gefügt. Am Hafen angekommen, vernehmen die Brüder in der Kapelle der Sagrada Familia den Gesang der Gemeinde. Das Kirchenlied, mit dem die „Marmorklippen“ schließen, gehört zu jenem Kernbestand an Liedern, die Ernst Jünger wie alle Konfirmanden seiner Generation auswendig lernen mussten. Es trägt den Titel „Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in den Tod“ (EG 303) und wurde von Johann Daniel Herrnschmidt nach Psalm 146 gedichtet. Jünger zitiert die zweite Strophe:

 

 

„Fürsten sind Menschen, vom Weib geboren,
Und kehren um zu ihrem Staub;
Ihre Anschläge sind auch verloren,
Wenn nun das Grab nimmt seinen Raub.
Weil denn kein Mensch uns helfen kann,
Rufen wir Gott um Hilfe an.“ (350)

 

 

 

Überwindung des Nihilismus: Der Drache Furcht

 

Das Martyrium Dietrich Bonhoeffers, Maximilian Kolbes, Edith Steins und ungezählter namenloser Opfer der Tyrannis ist ein Glaubenszeugnis in der dunkelsten Nacht des Nihilismus. Darf man die „Marmorklippen“ mit Blick auf das freiwillige Opfer des Pater Lampros als Märtyrerlegende bezeichnen? Der Märtyrer bezeugt die Überwindung der Todesfurcht. Damit wird er zum Gegenspieler des Nihilisten. In einer nihilistischen Welt, so schreibt Jünger in „Über die Linie“ (1950) zerfallen die christlichen Werte. „Es gibt hier keine Heiligen.“

Märtyrer sind Heilige. Der Blutzeuge ist nicht nur der große Einzelne im Widerspruch zum Ungeist seiner Zeit, sondern in ihm verkörpert sich die Aufgabe der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen. „Es bleibt beim nihilistischen Konfliktfall, in dem es ohne Zweifel nicht nur einsichtiger ist, sondern auch würdiger, auf die Seite der Kirchen zu treten als auf die Seite jener, die sie angreifen. Das hat sich erst kürzlich gezeigt und zeigt sich auch heute noch. Immerhin ist es außer einigen Soldaten wohl nur der Kirche zu verdanken, daß es nicht unter dem Jubel der Massen zum offenen Kannibalismus und zur begeisterten Anbetung des Tieres gekommen ist. (...) Die weitere Zurückdrängung der Kirchen würde die Massen entweder gänzlich dem technischen Kollektiv und seiner Ausbeutung preisgeben oder sie in die Arme jener Sektierer und Scharlatane treiben, die heute an jeder Kreuzung aufspielen. Hier münden ein Jahrhundert des Fortschritts und zwei Jahrhunderte der Aufklärung.“

Für Jünger bildet die Möglichkeit einer Überwindung des Nihilismus die Kernfrage des 20. Jahrhunderts. Er war überzeugt, dass der Nihilismus weder mit politischen noch pädagogischen Mitteln überwunden werden könne, sondern allein durch eine neue Zuwendung zum Glauben. Jünger sah hier die Aufgabe der Kirche, fragte aber auch kritisch nach der Wirksamkeit der Sakramente in glaubensloser Zeit.

Mit seiner Zeitdiagnose beruft er sich auf Dostojewskij und Kierkegaard und beschwört in der Gestalt des heiligen Antonius einmal mehr das Urbild des Menschen, der die nihilistische Versuchung und den Drachen Furcht in der eigenen Seele überwindet:

 

„Der kennt am wenigsten die Zeit, der nicht die ungeheure Macht des Nichts in sich erfahren hat und der nicht der Versuchung unterlag. Die eigene Brust: das ist, wie einst in der Thebäis, das Zentrum der Wüsten- und Trümmerwelt. Hier ist die Höhle, zu der die Dämonen andrängen. Hier steht ein jeder, gleichviel von welchem Stand und Range, im unmittelbaren und souveränen Kampfe, und mit seinem Siege verändert sich die Welt. Ist er hier stärker, so wird das Nichts in sich zurückweichen. Es wird die Schätze, die überflutet waren, auf der Strandlinie zurücklassen. Sie werden die Opfer aufwiegen.“