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Menschen und Schicksale
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„Aber ich liebe die Frauen mehr. Darum lieben sie mich auch.“

Agnes Miegel

 

Die junge Agnes Miegel (1879-1964)

(Photo: Gottheil und Sohn Königsberg)

 

 

 

Helene Miegel (1858-1913), die Mutter der Dichterin, war mit sechs Jahren Vollwaise. Ihr Bruder nahm sich das Leben. Im Alter von 18 Jahren hatte sie als Rotkäppchen verkleidet den Silvesterball der Königsberger Kaufmannschaft besucht und hier ihren späteren Mann kennengelernt. Gustav Adolf Miegel (1838-1917) war zwanzig Jahre älter als sie. Agnes blieb ihr einziges Kind, nachdem ihr jüngerer Bruder bei der Geburt gestorben war.

Nach Abschluss einer Königsberger „Höheren Mädchenschule“ besuchte Agnes Miegel ein Mädchenpensionat in Weimar. Hier wurde ihr bewußt, dass sie ihr Leben nicht nach dem klassischen Rollenmuster der Zeit verbringen wollte. Sie suchte nicht die Versorgung durch eine Ehe, sondern die geistige Unabhängigkeit als Dichterin.

Der erste Gedichtband der 22-jährigen Agnes Miegel erscheint unter dem schlichten Titel „Gedichte“ (1901) im Cotta Verlag. Er wird durch ein Widmungsgedicht („Eva“) an eine jung verstorbene Freundin und die Klage der Liebesgöttin Venus („Die Statue“) eröffnet. Das produktive Erlebnis der schöpferischen Verwandlung von Schmerzes in Schönheit, versteht die junge Dichterin als „Wunder“ der Sprache. Diese Gabe des dichterischen Wortes mit seiner therapeutischen Kraft entdeckt bereits die Schülerin, als sie ein erstes Gedicht auf die verstorbene Freundin wie im Diktat empfängt. In der kleinen Skizze „Meine ersten Verse“ vergleicht die leidenschaftliche Tänzerin („Mädchenlied“, „Liebe“, „Das Tanzlied der Margarete von Valois“) das Schreiben mit der Leichtigkeit tänzerischer Bewegung:

„Oh, wie die Feder über das Papier lief! Wie sie tanzte zwischen blauem Tintenfaß und blauen Linien! Es war wie ein Zauber. Man war immer noch voll Trauer und Sehnsucht, gewiß, aber da war eine Freude, eine Freude, strahlender als Sonne, glühend in der eigenen kleinen Brust, wie Wort auf Wort sich formte, diese Sehnsucht zu sagen.“

Agnes Miegels dichterischer Impuls entzündete sich in der Berührung durch Frauenschicksale und Frauengestalten. Weit entfernt von Erbaulichkeit und romantischen Gefühlen offenbart sich in den Gedichten eine bedingungslose Hingabe an Leben und Liebe. Dabei erkundet sie mit feministischem Spürsinn Möglichkeiten eines radikal gelebten Frauenlebens in der Jahrhundertwende. Wohl deshalb empörte sich Peter Harden, ein früher Kritiker, über diese feministische Ästhetik: „Agnes Miegel jedoch stellt den weiblichen Körper aufs Piedestal, begeistert sich für seine sinnliche Schönheit“.

Noch heute wirken viele Gedichte kühn, wie etwa die Identifikation mit der Liebesgöttin der alten Sumerer („Wie Ischtar“):

 

„Leben - nimm mich selber hin, -
Ich habe nichts als mich nur hinzugeben, -
Mehr gab dir Ischtar selbst, die Göttin, nicht,
Da sie den Weg betrat, den niemand mehr
Jemals zurückgeht.“

 

Wie Agnes Miegel im Kontext der Frauenbewegung der Jahrhundertwende wahrgenommen wurde zeigt eine Würdigung in den „Sozialistischen Monatsheften - Internationale Revue des Sozialismus“ (Juni 1904). Ihr Autor Arthur Schulz (1878-1917) stammte aus der Memelniederung, studierte in Königsberg Rechts- und Staatswissenschaft, durfte aber wegen seiner sozialdemokratischen Tätigkeit das Referendariat in Ostpreußen nicht absolvieren. Schulz stellt Agnes Miegel ebenbürtig neben Stefan George und Hugo von Hofmannsthal und nennt sie „die begabteste Dichterin der jüngsten Generation“. Ihre Gedichte seien „nach Inhalt und Form unschätzbare Dokumente eines weiblichen und höchstpersönlichen Liebesgefühls“, das weit über allen Subjektivismus hinaus ins Überpersönliche verweist „wie hinübergerettete Klänge aus den eleusinischen Mysterien, die Stimmen des ungeborenen Lebens, das aus der innersten Tiefe des weiblichen Wesens zum Lichte der Sonne hindrängt“. Auch das Thema ihrer Balladen handele „zum grösseren Teil von dem seelischen Erleben und Erleiden der Frauen.“ „Das Leitmotiv all dieser Balladen ist eine gegen die Gitter und Schranken des grauen Daseins stürmisch andrängende Sehnsucht nach Schönheit, Grösse und Lebensfreude. Über ihre Verse liegt eine im Sinne Nietzsches dionysische Grundstimmung, wie trunkenes Sonnenlicht, gebreitet.“

Börries von Münchhausen (1874-1945) rühmte sich als Entdecker der jungen Dichterin. Er hatte erste Gedichte in seinem Göttinger Musenalmanch (1898) veröffentlicht und ohne ihr Einverständnis redigiert. Als Agnes Miegel ein Jahr später nach Berlin zieht, um hier am Kaiser-Friedrich-Krankenhaus eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester zu beginnen, kommt es zu einer Affäre. Bald entdeckt sie, dass Börries von Münchhausen weitere Beziehung zu Frauen und zu ihrer Freundin Lulu von Strauß und Torney hat.

„Wie ihr zusammen gewesen seid, weiß ich nicht“, schreibt Agnes Miegel an Lulu, um dann im Brief vom 19. März 1902 ein Bekenntnis abzulegen, das sie in vielen Variationen wiederholen wird: „Ich liebe die Menschen. Aber ich liebe die Frauen mehr. Darum lieben sie mich auch.“

Die Affäre zwischen Lulu und Börries war ebenfalls kurz gewesen und endete in einem unüberbietbaren Zynismus des Freiherrn, der am 21. Februar 1902 an Lulu schrieb:

„Bis jetzt haben Sie manches vom geschlechtslosen trockenen Jüngferchen an sich gehabt, und die Enge des Lebens hatte ihren 28 Jahren die Altjüngferlichkeit von 38 gegeben. Von jetzt ab sind Sie aber - neben der Freundin - auch ein Weib für mich. Ein Weib, eins von den Weibern, den vielen, die ich geküsst und umarmt habe. Glauben Sie mir: Es ist - auch vom Hofstandpunkt! - keine schlechte Gesellschaft!“

Diese Erfahrungen stürzen Agnes Miegel eine tiefe Krise. Will, kann sie überhaupt Männer lieben? Will sie eine Familie und Kinder haben? Kinderwunsch und heterosexuelle Beziehung sind damals noch nicht zu trennen, ein Kind adoptieren kann eine alleinstehende Frau nicht, bedauert Agnes Miegel: „Weißt Du, es ist eigentlich gemein, daß ein selbständiges weibliches Wesen kein Kind haben darf.“ (Brief vom 19. Juli 1902 an Lulu)

Im Herbst 1902 folgt Agnes Miegel ihrer Freundin Lise Marczinowski nach England, wo sie für einige Monate im Boarding House der Clifton High School junge Engländerinnen betreuen. Organisiert werden diese pädagogischen Einsätze von Helene Adelmann (1842-1915), einer bedeutenden Gestalt der deutschen Frauenbewegung. Mit ihrem Buch „Ratschläge für deutsche Erzieherinnen in England“ (1895) und durch die Gründung eines Vereins in London bereitet sie die jungen Lehrerinnen gewissenhaft auf ihren Einsatz vor. Im Heim der deutschen Lehrerinnen in London besucht Agnes Miegel Kurse bei Helene Adelmann und Magdalene Gaudian und geht damit die Verpflichtung ein, nach der Rückkehr das deutsche Lehrerexamen nachzuholen.

In Clifton nimmt sie Abschied von allen Kinderwünschen. Sie schreibt an Lulu (20. November 1902):

„Gesund bin ich unberufen sehr, und wenn es mir möglich wäre, ein Neutrum zu werden und nicht alle 4 Wochen daran erinnert zu werden, daß ich schwächeren Geschlechtes bin, so wäre ich perfectly happy. (…) Ich versteh nicht wie ich mir mal Kinder wünschen konnte - es ist zu unästhetisch, die Schmerzen gehen ja vorbei - aber neun Monate sich zum horreur - oder mit Schiller zu reden, mir nicht zur Freude, anderen zum Schrecken, herumgehn, nachher ein Junges werfen und zuletzt alt und faltig herumzupilgern und Windeln zu waschen - all das könnte ich nicht mehr, und schon der Gedanke daran könnte mich vom Heiraten auch des Erzengels Michael abbringen. Obwohl man eigentlich annehmen könnte, daß einem Erzengel sowohl solche Gedanken als auch die nun wie soll ich sagen: Werkzeuge, dazu abgehen.“

In dieser Zeit der Rollenfindung entdeckt sie Hermann Hesses Erstlingswerk „Romantische Lieder“ (1898). Sie spiegeln eine ambivalente Stimmung von Liebesverlangen und Einsamkeit, Heimweh und Todessehnsucht. Agnes Miegel bedankt sich für die „wundervollen Heimwehverse“ (26. Januar 1903) einer verwandten Seele. So beginnt ein Briefwechsel voller Fürsorge. Hesse erzählt von seinem baltischen Großvater, Landarzt in Paide/Estland und Gründer eines Waisenhauses und rückt damit seine Biographie in Nachbarschaft zu Ostpreußen. Doch Agnes Miegel klärt selbstbewusst die Beziehungsebene: „Ich freue mich eines äußerst gesunden Appetits und bin, was für eine versemachende Weiblichkeit ja beinah bedauerlich ist, ausgesprochen rundlich“, schreibt sie (8. Februar 1903). „Daß Sie vergnügt sind oder sein können, wäre mir sehr tröstlich zu hören; denn ich hatte ordentlich Bange für Sie, ich bin so gern vergnügt.“

Aus England schickt sie ihm im Februar 1903 ihre „Gedichte“ mit einem Widmungsgedicht, in dem sie ihre Seelenlage im Bild der verwelkenden Rose offenbart:

 

„Staub, Kinder, Lärm und Bettelnot
Und Pferdetrott und Sonnenbrand,
Und auf des schmutzgen Pflasters Rand
Lag halbverwelkt ein Röslein rot.

Gepflückt an ferner Gartenwand
Im Morgenschein, als Sommerzier,
Und starb nun arm und elend hier,
Im Großstadtstaub, am Straßenrand.“

 

Agnes Miegel und Hermann Hesse werden sich nie persönlich begegnen. Doch wird ihre Freundschaft über sechzig Jahre währen. Aus England zurückgekehrt will Agnes Miegel in Berlin das Lehrerinnenexamen ablegen (April 1904). Schwere gesundheitliche Probleme plagen sie. Sie glaubt zu erkennen, dass sie für den Lehrberuf nicht geschaffen ist. Ohne Abschluss kehrt sie in die elterliche Wohnung nach Königsberg zurück. Im April 1906 besucht sie die „Maidenschule zur landwirtschaftlichen Ausbildung“, eine wirtschaftliche Frauenschule in München-Geiselgasteig und wird auch diese Ausbildung nicht abschließen. Im Herbst 1906 kehrt sie für immer nach Königsberg zurück. Die Eltern brauchen ihre Hilfe.

Die zweite Geburt hatte bei Helene Miegel einen schweren manisch-depressiven Schub ausgelöst. Er kehrte in Steigerungen periodisch wieder. Agnes Miegel verzichtete auf berufliche Selbständigkeit und begibt sich wieder in die Abhängigkeit von den Eltern, um ihre Mutter in häuslicher Pflege begleiten zu können. Helene Miegel starb in geistiger Umnachtung in der Provinzial-Heil-und-Pflegeanstalt Kortau. Nach dem Tod der Mutter beugt sich Agnes Miegel, selbst seit früher Kindheit immer wieder von schwerer Krankheit aus der Bahn geworfen, den Rollenerwartungen und betreut über viele Jahre ihren pflegebedürftigen erblindeten Vater. Erst nach seinem Tod wird sie frei für ein selbstbestimmtes Leben an der Seite einer Frau.

Elise Schmidt (1896-1972) zieht in ihre Königsberger Wohnung. Die junge Frau stammt von der Küste des Baltischen Meeres, die Agnes Miegel wie die Kurische Nehrung seit früher Kindheit liebte und oft besuchte. In der Zeit des Einzugs der Lebensgefährtin schrieb sie das berühmte Gedicht über das Ostseebad „Cranz“. Ein Bild weiblicher Geborgenheit („im warmen Schoß“) voller Lebensfreude unter Frauen („Meeres Töchter“):

 

„An dieser Bucht hab ich als Kind gespielt,
Der Sand war sonndurchglüht und weich und warm.
Geborgen wie in einer Greisin Arm
Lag ich am Hang der Düne.

Drunten hielt
Schnaubend der Brandung schäumendes Gespann.
Auf flockig weiße Mähnen schien das Licht.
Und manchmal sahn, mit triefendem Gesicht
Grünäugig mich des Meeres Töchter an,
Und warfen Muscheln an den Strand und Tang
Und duckten jäh mit schrillem Möwenschrei.
Der feuchte Seewind strich an mir vorbei.
Ich aber lag geborgen an dem Hang
Der weißen Düne. In den Sand gekrallt
So wie ein Kätzchen liegt im warmen Schoß.
Und wohlig blinzelnd und gedankenlos
Spürt ich, sie wacht:
heilig, vertraut, uralt.“

 


Fast 46 Jahre wird diese glückliche Partnerschaft dauernd. 1955 wird Agnes Miegel ihre Freundin adoptieren, was damals wohl der einzige Weg einer juristisch legitimierten gleichgeschlechtlichen Beziehung war.

An der Seite ihrer Frau fühlt sich Agnes Miegel zu neuer dichterischer und journalistischer Arbeit befreit. Es folgen Jahre hoher Produktivität und zahlreicher Anerkennungen. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu Kants 200. Geburtstag wurde Agnes Miegel Ehrendoktorin der Albertina. Die Verleihung der philosophischen Ehrendoktorwürde an eine Frau, die zudem weder Abitur noch Studium vorzuweisen hatte, war eine ungewöhnliche Auszeichnung. Anlässlich des 50. Geburtstages am 9. März 1929 erhält sie das freie Wohnrecht in einer neuen, größeren Wohnung.

Nach der Machtergreifung arrangiert sich Agnes Miegel aus geopolitischen Gründen mit den Nationalsozialisten. Als Folge des Versailler Vertrages sind Königsberg und Ostpreußen vom Deutschen Reich durch einen Korridor getrennt. Dieses Lebensgefühl der Isolation wird durch die unmittelbare Grenze und das durchaus berechtigte Gefühl der Bedrohung durch die Sowjetunion mit ihren System der stalinistischen Lager gesteigert. Spät, im zweiten Kriegsjahr 1940 und nach der Besetzung des Baltikums durch die Rote Armee, tritt sie in die Partei ein. Wie Anna Achmatova wird sie das Requiem dieser apokalyptischen Zeit dichten („Abschied von Königsberg“, „Wagen an Wagen“, „Zum Gedächtnis der Tiere“).

In den Nächten vom 26./27. und 29./30. August 1944 wird Königsberg durch britische Bomber in ein Flammenmeer verwandelt. Ende Oktober ziehen endlose Flüchtlingstrecks durch die Stadt. Die Angst vor den Russen ist mehr als berechtigt wie die Eroberung Königsbergs durch Stalins Armee zeigen wird. Sie hat auch die Menschen in Schweden ergriffen. Am 6. Februar 1944 notiert Astrid Lindgren in ihr Tagebuch: „Die Russen sind nun beinahe bis zur estnischen Grenze vorgedrungen und die Esten fliehen in Scharen. Nach Finnland und Schweden. Viele kommen in kleinen Booten auf Gotland an. Alles lieber, als den Russen in die Hände zu fallen.“ (Lindgren 367)

„Alle Leute sind wie vom Fieber geschüttelt, aus Angst vor Russen, Abwandern, martervoll Sterben. Alles packt und schleppt, - selbst in ruhigsten Friedenszeiten könnte die Bahn so viel Gepäck in Monaten nicht bewältigen - jetzt verstopft es die Bahnsteige, die Hallen - und hindert alles - Es ist wie eine Massenpsychose, Gott bewahre einen, da rein zu geraten“, schreibt Agnes Miegel am 30. Oktober 1944 an Ina Seidel.

Am 26. Januar 1945 beginnt die Beschießung der Stadt. Am 27. Februar werden Teile der Bevölkerung evakuiert, unter ihnen Agnes Miegel und ihre Lebengefährtin. Für zwei Jahre finden sie Aufnahme in dem dänischen Flüchtlingslager Oksbøl. Dann ziehen sie nach Niedersachsen. Hier beziehen Agnes Miegel und Elise Schmidt die untere Etage eines Haus in Bad Nenndorf. 17 Jahre liegen zwischen den Lebensaltern der Frauen als die nächste Generation in ihr Leben tritt. Heimgart von Hingst (1922-1978) arbeitet als Schulsekretärin und wird nach Agnes Miegels Tod den Nachlass betreuen und ins Deutsche Literaturarchiv Marbach überführen.

In einem Verfahren vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss Hannover wird Agnes Miegel am 12. Februar 1949 freigesprochen. Noch lange über ihren Tod hinaus wurde sie besonders von Frauen viel gelesen. Agnes Miegels Werk erhält zahlreiche Auszeichnungen. Politiker wie Theodor Heuss oder Willy Brandt lassen sich gerne neben ihr ablichten. 1979 ehrt die Bundespost ihr Gedenken durch eine Briefmarke.

35 Jahre später beginnt eine Demontage, die Formen des Rufmordes und der Auslöschung der Erinnerung („damnatio memoriae“) annimmt. Dabei wurde besonders betont, dass Agnes Miegels Name auf der Liste jener Künstlerinnen und Künstler stand, die als unabkömmlich galten und deshalb von Kriegs- und Arbeitsdienst freigestellt wurden. Diese Liste der sogenannten „Gottbegnadeten“ (BArch R 55/20252a) ist öffentlich zugänglich. Sie nennt 1200 Personen, 30 Orchester und Kapellen, drei Chöre und vier Quartette.

Hier finden sich Namen von deutschen Künstlerinnen und Künstlern wie: Hans Carossa, Gerhardt Hauptmann, Richard Strauss, Carl Orff, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Hans Knappersbusch, Walter Gieseking, Wilhelm Kempff, Lina Carstens, Paula Wessely, Willy Birgel, Beppo Brem, O.W. Fischer, Willy Fritsch, Gustav Fröhlich, Gustav Knuth, Viktor de Kowa, Theo Lingen, Bernhard Minetti oder Heinz Rühmann.

 

 

Es ist daher Luise F. Puschs Urteil über Agnes Miegel entschieden zuzustimmen:

„Da war die große Gemeinde von AnhängerInnen der “Mutter Ostpreußen”, die 1945 als 66jährige aus ihrer Heimat fliehen musste und schließlich über ein Flüchtlingslager in Dänemark nach Bad Nenndorf in Niedersachsen kam, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Da waren auf der anderen Seite die GegnerInnen, die dafür kämpften, dass Agnes-Miegel-Straßen und Agnes-Miegel-Schulen umbenannt wurden, weil die Miegel eine Nazidichterin gewesen sei, so hoch geschätzt von den Nazis, dass sie auf deren “Gottbegnadetenliste” landete, wie auch Furtwängler, Richard Strauß, Elisabeth Flickenschildt, Ina Seidel, Gerhart Hauptmann und viele andere.
 
Ich kann nicht sagen, dass ich in Werk und Leben der Dichterin bisher allzu tief eindringen konnte, und kann also nicht gut mitreden. Aber es ist mir verdächtig, dass so viele männliche Nazis nach dem Krieg ihre hohen Funktionen als Juristen, Chefärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte weiter unbehindert und hochgeachtet ausüben konnten, während Agnes Miegel von einem Literaturbetrieb, der sich mit Gottfried Benns Nazi-Affinität nicht lange aufhielt, als Aussätzige behandelt wurde. Es erinnerte mich ungut an den Medienterror gegen Christa Wolf nach der Wende. Frauen eignen sich anscheinend besonders gut als Schuldabladeplatz.“

 

Agnes Miegel und ihr Werk ist es inzwischen still geworden. Eine Zeit des Vergessens schadet wahrer Dichtung niemals. Denn Miegels Gedichte liegen wie Perlen im Meer des kulturellen Gedächtnis’. Das Wahre, das Gute und Schöne ist unzerstörbar. Franz Lennartz nannte Agnes Miegel „die größte deutsche Balladendichterin seit der Droste-Hülshoff“ (Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts 1984) und Karl Ernst Knodt, ein früher Kritiker, sagte im altväterlichen Stil: „Der alte Fontane hätte an diesem Preussenmädchen seine besondere Freude haben müssen.“

 

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Literatur und Quellen

Werke (Auswahl)

Agnes Miegel. Gesammelte Werke. Band I-VI. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1952ff.

Agnes Miegel. Ostland. Gedichte. Diederichs Verlag. Jena 1940.


Agnes Miegel. Mein Bernsteinland und meine Stadt. Gräfe und Unzer Verlag. Königsberg 1944.

Agnes Miegel. Du aber bleibst in mir. Flüchtlingsgedichte. Hameln 1949.


Agnes Miegel. Alt-Königsberger Geschichten. Eingeleitet von Anni Piorreck. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1981.

Agnes Miegel. Gedichte aus dem Nachlaß. Hrsg. von Anni Piorreck. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1979.

 

Weiterführende Literatur (Auswahl)


Martin Kakies. Elche zwischen Meer und Memel. Hugo Bermühler Verlag. Berlin 1936.


Marianne Kopp. Agnes Miegel. Untersuchungen zur dichterischen Wirklichkeit in ihrem Werk. München 1988. (=Dissertation)

Marianne Kopp. Als ich nach Weimar in die Pension kam… Aus Briefen und Erinnerungen von Agnes Miegel über ihre Zeit im Mädchenpensionat 1894 bis 1896. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 2013-2015.


Marianne Kopp. Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung. Agnes Miegel an Lulu von Strauß und Torney. Briefe 1901 bis 1922. Maro Verlag. Augsburg 2009.

Marianne Kopp. Abschied von Königsberg. Zerstörung Königsbergs, Flucht, Flüchtlingsleben und Neubeginn. Agnes Miegels Lebensweg 1944-1953 dokumentiert in privaten Briefen. Jahresgabe 2017/2018 der Agnes-Miegel-Gesellschaft.

Astrid Lindgren. Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Berlin 2015.

Jürgen Manthey. Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. Hanser Verlag. München 2005.


Wilhelm Sahm. Geschichte der Pest in Ostpreußen. Leipzig 1905.
 

Uwe Wolff. Agnes Miegel lesen in der Quarantäne. Arnshaugk 2020.