Im September 2019 starben meine Freundin Bella

und im fernen München der Hund Heinz.

Sie wurden uralt. Schön, dass sie auf der Welt waren. Aber wo sind sie jetzt?

 

 

 

 

 

Von der Dankbarkeit

 

Als Doggy und ich heute Morgen von der Schnüffeltour zurückkehrten, hinkte Opa Ben an  uns vorbei. Doggy fragte Kalle, wo er eines Tages den guten Benn beerdigen werde: im Wald, im Garten oder auf dem Hundefriedhof? Es gibt Menschen, die denken nicht gerne über den Tod nach, auch wenn er bereits mit der Sense vor der Tür steht oder mit dem abgelaufenen Stundenglas winkt. Andere bereiten für ihre geliebten Vierbeiner schon zu Lebzeiten einen Ort der Erinnerung. Auf dem Hundefriedhof Cimetière des Chiens gibt es Denkmäler für Barry, Rin-Tin-Tin und den Schoßhund von Camille Saint-Saëns. Hier in der Nähe von Paris liegt auch der Pudel Tipsy, dessen Grab den Räubern zum Opfer fiel. Denn Tipsy trug bei der Beerdigung ein mit Diamanten besetztes Halsband. Auf seinem Grabstein sind zwei Engel abgebildet und ein zerbrochenes Herz mit der Inschrift MAMA. 

 

Wir sind zwar die besten Freunde des Menschen, aber im Todesfall besitzen wir keine Gleichberechtigung. Als man meinem Leichnam ein Bett in der Erde bereitete, grub man ein Loch vor den Stadtmauern. Der Heilige Franz bekam als Grabstätte eine Kirche. Ist das gerecht? Bei uns in Bad Salzdetfurth gibt es eine St. Gallus-Kirche. Sie ist nach dem irischen Mönch benannt, der die Stadt St. Gallen gründete. Wer aber half diesem Heiligen, die erste Kapelle aus Holz zu errichten? Ein Bär. Er transportierte die gefällten Bäume zum Bauplatz. Wer einmal nach St. Gallen fährt, sieht den Bären als Stadtwappen. Aber warum wurde ihm keine Kirche errichtet? Warum gibt es keinen Dom für den Löwen des Heiligen Hieronymos? Warum gibt es keine Kapelle für Bileams Eselin? Dem Heiligen Hubertus sind viele Kirchen geweiht. Warum nicht seinem Hirsch? Wer hat jemals daran gedacht, dem schwarzen Hund des Heiligen Don Bosco einen Altar zu weihen? Für die Heiligen drei Könige hat man den Kölner Dom errichtet. Warum gibt es keine Stätte zum Gedächtnis von Ochs und Esel und jenen Schafen, die auch an der Krippe ihres Herrn wachten?

 

Undine sagt, einen Himmel ohne Hunde will sie sich nicht vorstellen. Wie Adam und Eva vor Urzeiten mit vielen Tieren im Paradies lebten, so werden auch die Menschen eines Tages mit den Tieren vereint im Himmel sein. Um dies zu glauben, müsse man kein Zeuge Jevohas werden, sondern einfach nur die Bibel lesen.

 

Gut, es gibt viele heilige Schriften und viele Vorstellungen vom Leben in der kommenden Welt. Die einen reden vom Himmel, die anderen vom Nirvana, einige Moslems glauben, sie werden an der Pforte des Paradieses von zehn Jungfrauen empfangen, andere glauben, dass nichts kommt, was sich in Worte fassen lässt. Die einen sprechen von Auferstehung, die anderen von Seelenwanderung und Wiedergeburt.

 

 

 

Auf welcher Seite ich stehe, haben die Schilderungen einiger meiner Lebensläufe gezeigt. Die Wiedergeburt gehört zu den großen Rätseln des Lebens. Ich kann mich an viele Vorleben erinnern. Dieses Erinnerungsvermögen ist bei Seelenwanderungen jedoch nicht die Regel. Es gibt Yogis in Indien, die sich nicht an ihr Vorleben erinnern können. Die Wiedergeburt kann sogar in einen tragischen Lebenslauf führen.

 

Undine sitzt mal wieder über Abitur-Klausuren. Die Textvorlage ist Goethes „Iphigenie auf Tauris“. Ein Schüler hat die Klausur voll versemmelt. Da stimmte einfach nichts. Wenn dieser Schüler aber der wiedergeborene Goethe ist, der nun vor dem großen Drama des Humanismus steht wie der Ochs vor dem Berge?

 

Kann es passieren, dass ein frommer Mann wie Albert Schweitzer eines Tages im Himmel als Atheist erwacht und ein Philosoph wie Friedrich Nietzsche die Knie vor dem Altar Gottes beugt? Wer weiß das? Wer will das alles wissen?  Und was ist mit der Hölle und dem Fegefeuer?

 

Ich war einer der Hunde des Lazarus. Ich habe gesehen, wie er nach seinem Tod von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde, während der reiche Mann in den Flammen der Hölle saß.

 

Wie lange dauert die Ewigkeit? Niemand wird von mir erwarten, dass ich diese Fragen erörtere. Es gibt Gedanken, die sind einfach zu groß für einen Chiller wie mich. Manchmal suchen sie mich dennoch heim, aber sie beunruhigen mich nicht auf Dauer. Für Panikattacken ist Doggy zuständig. Ich liege auf dem Buchara-Teppich, denke an Axel Colly, atme einmal tief ein und wieder aus. Dann lasse ich meinen Atem ruhig fließen. Nun mögen die Gedanken über die letzten Dinge kommen. Sie kommen und ich schaue ihnen hinterher, wenn sie gehen. Große Rätselfragen des Lebens begrüße ich manchmal mit einem: 

 

Na, seid ihr wieder da? 

 

Dann atme ich tief ein und aus und sage völlig entspannt aus meiner Mitte: 

 

Und tschüss...!

 

Also: Auf die Frage, ob Hunde in den Himmel kommen, gibt es unter uns Buddhisten eine klare Antwort. Natürlich! Die entscheidende Frage ist aus unserer Sicht: Wie lange bleiben Hunde im Himmel? Denn bald steht vielleicht eine neue Reinkarnation bevor.

 

Bella, Du wirst es wissen! Bist Du noch da oben oder weilst Du bereits wieder unter uns? Heute haben wir auf der Wanderung in Irminseul dieses schöne Rindvieh gesehen. Es ist so freundlich und so verpeilt, dachte ich. Das kann nur Bellas neue Mutter sein. Die Heilige Kuh geht schwanger. Mit Dir? Melde Dich mal, Bella! Und auch Du, lieber Heinz!