Sikhi in Hannover (Januar 2020): So geht befreiendes Lachen!

 

 

"Es existiert eine unausrottbare Feindschaft zwischen den Geschlechtern.

Man beschönigt dies, weil das Leben gelebt werden muss,

weil es leicht und bequem ist, aber die Feindschaft ist da,

ist immer da, ist selbst da in den intimen Augenblicken,

wo die Geschlechter ihre höchste Bestimmung ausüben -

als Geschlechter betrachtet."

Karin Michaëlis (1872-1950). Das gefährliche Alter (1910)

 

 

Doggy hätte lieber Gott gespielt. Was denn sonst? Zum Glück war diese Rolle beim Krippenspiel in Betheln bereits besetzt. So wurde Doggy der Großvater von Jesus oder wie die Menschen hier auf dem Land sagen „Jesus sein Oppa“. Ich stand dem Opa von Jesus als Hütehund zur Seite. Mein Auftrag: Ich sollte die Krippe vor einem möglichen Überfall durch den Problemwolf schützen. Weihnachtszeit ist leider auch Wolfszeit. Das gilt besonders für die alten Gaue zwischen Goslar und Irminseul, wo hartnäckige Heiden den Fenriswolf verehren  und sich für den Problemwolf engagieren. Wolfsschützer aus dem Sprengel Hildesheim-Göttingen hatten sogar Spenden gesammelt, mit denen Landwirte im Vorharz für die gerissenen Schafe entschädigt werden konnten.

 

Vielleicht gehört wegen dieses Thrills das Krippenspiel von Betheln zu den beliebtesten Events am Heiligen Abend. Hier ist wie zu Zeiten Jesu alles authentisch: Von der konkreten Gefahrenlage jenseits des Stalles bis zu den lebendigen Tieren an der Krippe. Sogar ein echtes Baby liegt auf Heu und auf Stroh. Es ist gewickelt in Hybridwindeln mit Baumwoll-Seiden-Einlage und vor der Kälte geschützt durch einen blauen Thermoschlafsack. 

 

Das Kind in der Krippe heißt Johannes. Seine Eltern sind Maria und Anna-Lena. Maria Bär und Anna-Lena Bock haben in Göttingen Evangelische Theologie studiert und teilen sich die Pfarreiengemeinschaft von Betheln und den umliegenden Dörfern. 

 

Doggy ist zu seiner Rolle als Opa von Jesus gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Er hatte die schwangere Maria an den Massagedüsen im Thermalbad von Bad Salzdetfurth kennengelernt. Die junge Pastorin hatte Verspannungen im unteren Rückenbereich, Doggy in der Leistengegend. Er hatte sich mal wieder beim Holzhacken übernommen. Ja, nicht jeder ist ein Alp-Öhi! Wenn es Doggy zwickt und zwackt, dann stellt er sich vor eine Düse und hüpft im Wasser auf und ab. Ich denke, weniger essen oder mehr Obst wären auch hilfreich. Aber Doggy ist wie immer unbelehrbar. 

 

Der Bauch gab das Stichwort für einen Dialog vor den Düsen im 37 Grad warmen Salzwasser der Therme. Doggy vergaß seine Verspannungen, schwärmte von Enkelkindern und zeigte sich als Schwangerschaftsexperte. Unterwassergeburt, Sitzbäder, Massagen, biologisch-dynamische Ernährung, kompostierbare Windeln, Veilchenwurzeln, Räucherwerk und Sternenstaub  - Maria war hin und weg, wie sich Doggy als Doktor med. Allwissend präsentierte. Als er dann noch über Schutzengel sprach, hatte er das Herz der jungen Mutter vollends erobert. Ja, welche junge Frau wünscht sich nicht einen erfahrenen Großvater an der Seite! 

 

Josef, sagte Maria und wechselte die Düse, Josef muss damals in Doggys Alter gewesen sein. Maria war ja schwanger vom Heiligen Geist, also gewissermaßen in einer assistierten Reproduktion befruchtet worden. Sie brauchte keinen Mann an ihrer Seite, wohl aber einen väterlichen Freund. Josef war der Mensch, der nichts wollte, aber alles gab. 

 

„Ja, solche Männer, findet man heute nur noch Ü 60“, sagte Doggy.

 

„Sag’ nicht Mann“, entgegnete Maria, „sag’ einfach Mensch.“

 

Doggy wechselte ein weiteres Mal die Düse und antwortete: „Aber natürlich. Der Mensch, darum geht es doch. Großväter sind Männer, die zu Menschen geworden sind.“

 

Begegnungen dieser Art können kein Zufall sein, meinte Doggy später und schwärmte von „der kleinen Muttergottes“. Undine verdrehte die Augen, enthielt sich aber jeden Kommentars. Doggy besuchte gelegentlich einen Gottesdienst von Maria und Anna-Lena und entdeckte wieder seine handwerklichen Fähigkeiten. Denn überall in dem Pfarrhaus standen kleine und größere Reparaturen an, für deren Durchführung in Zeiten des Mitgliederschwundes im Sprengel einfach keine Haushaltsmittel mehr vorgesehen waren. Die EKD hatte andere Sorgen als tropfende Wasserhähne, knarrende Türen, eine defekte Spülung auf der Gästetoilette oder den feuchten Keller in einem ländlichen Pfarrhaus. Der Ratsvorsitzende sah in diesen kleinen Missständen sogar die große Chance der Bildung neuer Kerngemeinden. Not mache erfinderisch und schenke Mut zur Nachbarschaftshilfe.

 

Doggy war bald unentbehrlich geworden und sollte sogar Pate von Johannes werden. Der Samenspender, sagten Maria und Anna-Lena, bleibe anonym. Aber auch dieses Kind habe ein Recht auf einen Opa. Doggy konnte nur zustimmen, erbat sich aber Bedenkzeit. Mit der Wahrheit rückte er nicht heraus. Er hatte schon einmal die Erziehung eines Johannes zu begleiten versucht und war hier mehr oder weniger gescheitert.  

 

Dann kam Weihnachten mit dem Krippenspiel. Maria spielte Maria. Anna-Lena spielte Josef. Johannes spielte Jesus. Doggy wurde ein Hirtenkostüm verpasst und ein grauer Bart aus Schafwolle angeklebt. Er spielte den Opa von Jesus, und ich war der Hund. Gut, Weihnachten ist nicht so mein Ding. Ich bin Buddhist und in meiner aktuellen Reinkarnation ein Golden Retriever. Das sind Jagdhunde, die sich auf Entenjagd spezialisiert haben. Aber als die Gemeinde das alte Lied sang „Ich steh’ an deiner Krippen hier…“, also, da gingen auch mir die alten trüben Augen über und wurden noch einmal ganz glasig.

 

Ich schäme mich nicht dafür, hat doch auch Jesus immer wieder Tränen der Rührung und des Mitleids vergossen. Mitleid und liebende Güte sind ja unsere höchsten Tugenden. Buddha sei Dank! Jesus weinte am Grab des Lazarus (Johannes 11.35), er vergoss Tränen über Jerusalem (Lukas 19.41), er hatte richtig Angst vor seinem Tod (Lukas 22.44). Also, Weihnachten und Tränen der Rührung passen sehr gut zusammen. Doch dann kamen die Tränen der Verzweiflung im Pfarrerinnenhaus von Betheln.

 

Ist es nicht oft im Leben so, dass gerade dann, wenn alles so wunderbar und harmonisch gelaufen ist, dass gerade dann der Widerstand wächst? Nein, es war nicht der Problemwolf aus dem Vorharz. Ihn schien der Weihnachtsfriede ergriffen zu haben. In dieser Heiligen Nacht stellte er den Schafen nicht nach.

 

Zuerst dachten Maria und Anna-Lena an einen Scherz, als der Regionalbischof sie in sein Dienstzimmer zum Gespräch „noch im ablaufenden Kalenderjahr“ bestellte. Doggy hütete derweil Johannes und fuhr ihn geschützt durch den blauen Thermoschlafsack über den Michaelishügel. Um diesen blauen Thermosack ging es. Eine sehr ernste Angelegenheit, hatte der Bischof bei der Einbestellung der Pastorinnen gesagt. 

 

Ich betrat mit Maria und Anna-Lena das Büro des Bischofs und wurde von dem Oberhirten mit einem freundlichen Klaps auf das dicke Fell begrüßt.

 

„Na, alter Blogger“, sagte der Bischof. „Dein Fell ist auch schon mal brauner gewesen!“

 

„Das sagt der Richtige“, dachte ich und legte mich neben die bunten Teller unter den Tannenbaum. 

 

Maria und Anna-Lena hatten vermutet, es habe Beschwerden wegen einer möglichen Verletzung der Brandschutzverordnung geben. Auch rechneten sie mit einer Anklage des Tierschutzbundes oder des Deutschen Allergiebundes. Beide Seelsorgerinnen hatten ein hohes Problembewusstsein und konnten mögliche Kritik durchaus realistisch einschätzen: Tiere könnten durch eine Weihnachtsfeier im Stall von Betheln nicht artgemäß gehalten werden, Tierhaarallergiker könnten sich von einem Gottesdienst dieser Art ausgeschlossen fühlen. Natürlich waren Maria und Anna-Lena hier sensibel und respektvoll vorgegangen. Die beiden hatten sich nichts vorzuwerfen. Die Feuerwehr stand neben Doggy inkognito unter den Hirten. Ein Kollege von der Berufsfeuerwehr Hildesheim spielte Gott im Himmel und saß direkt als Rauchmelder unter dem Gebälk der Scheune. Es gab einen weitgehend staubfreien Bereich für Tierhaarallergiker. Die Tiere selbst waren durch zahlreiche Proben von Doggy sensibel auf diese Heilige Nacht vorbereitet worden. Nein, nein, es war etwas anderes. Es ging auch nicht um Stroh- und Pollenallergiker. Nein. Maria und Anna-Lena hatten alles getan, damit ihnen keine Umweltsünden vorgeworfen werden könnten. Selbst den CO2-Ausstoß von Tier und Mensch im Stall hatten sie berechnen lassen. Aber die Sünde ist eben listig wie die Schlange. 

 

Aus Gemeindekreisen, sagte der Bischof, habe es eine Beschwerde über den blauen Sack des Jesuskindes gegeben. Maria und Anna-Lena verstanden die Welt nicht mehr. 

 

„Biodaune“, sagten sie aus einem Mund. „Nicht von lebenden Tieren gerupft. Nicht aus dem Ausland importiert. Alles aus Deutschland und zertifiziert.“ 

 

„Aber, liebe Schwestern im Herrn“, sagte er Bischof. „Es geht nicht um die Fütterung, sondern um die Farbe!“

 

„Die Farbe?“

 

„Blau?“

 

„Blau!“

 

„Aber Johannes ist doch ein Junge“, sagte Maria.

 

„Und Jesus war auch ein Junge“, ergänzte Anna-Lena. „Oder ist das nicht mehr die Lehre unserer Kirche?“

 

„Liebe Schwester Bär, liebe Schwester Bock“, sagte der Bischof großväterlich milde. Er hob sogar fürsorglich die Hand, um die jungen Kolleginnen mit einer achtsamen Berührung der Schultern zu trösten, unterließ dann aber die Geste. 

 

„Mir brauchen sie die Farbsymbolik nicht zu erklären. Blau stand einmal für Jungen, Rosa für Mädchen. Ich selbst trug 1955 noch einen blauen Strampler mit einer Ente auf dem Latz. Aber heute muss die Kirche respektvoll in allen Dingen sein.“

 

Doggy meinte später, früher hätte ein Bischof Machtworte sprechen können. Heute sei er so eine Art Prozessbegleiter. Der Bischof hatte gleich am ersten Weihnachtsfeiertag die Beschwerde eines Vaters entgegennehmen müssen. Der Vater, hoher Verwaltungsjurist in einem Hannöverschen Ministerium, und seine Tochter Petra hatten Verwandte in Betheln besucht und gerieten so in das Krippenspiel. Petra war als Peter geboren worden und stand nun kurz vor dem Abitur und zugleich nach einer erfolgreichen gendersensiblen Psychotherapie in Münster vor dem großen Ziel, endlich bei sich selbst anzukommen. Vater und Tochter hatten bewusst die Stille einer ländlichen Gemeinde gesucht, denn kurz vor den Weihnachtsferien hatte es im Ethikunterricht erhebliche Turbulenzen gegeben. Es ging um Transfigurationen und  Transformationen, um die uralte und immer wieder aktuelle Frage „Wer bin ich?“ und die dank Psychologie und Chirurgie nicht nur hypothetische Frage „Wer will ich sein?“ Die Diskussion war so lebendig, wie es sich Lehrer und Lehrerinnen nur wünschen können. Sie hatte aber einen Nachteil. Denn am Ende war der Kurs so aufgebracht, dass zwei Kursteilnehmende in Tränen ausbrachen. Der Lehrer, ein gestandener Pädagoge und Gründungsmitglied der Grünen, selbst sehr beziehungserfahren, versuchte die Lernenden zu beruhigen: Sie sollten sich nicht verrückt machen, immer cool bleiben. Wenn einer von ihnen Zweifel an seiner Identität habe, dann solle er einmal in der Badewanne zwischen seine Beine schauen: Sehe er dort einen „Pimmel“, dieses Wort gebrauchte der Lehrer, dann könne er beruhigt sagen: „Ich bin ein Junge!“ Im anderen Fall sei er gewiss ein Mädchen. „Also, entspannt euch!“

 

Ein derartig unsensibles Verhalten hatte natürlich ein Disziplinarverfahren zur Folge. Aber damit war die Sache, rein psychologisch betrachtet, für Petra noch nicht aus der Welt.  

 

 

Kapelle von Schloss Frederiksborg in Hillerød/Sæland

 

Ja, Krise und Konflikte kommen oft von weit her. Aber ihr Weg ist nicht die gerade Linie, sondern der verschlungene Pfad des Labyrinthes. Deshalb traf Maria und Anna-Lena der Vorwurf des unsensiblen Umgang mit wesentlichen Fragen der jugendlichen Identität gerade am Heiligen Abend völlig überraschend. Junge Geistliche ahnen oftmals nicht, welches Sprengpulver in den alten Symbolen steckt! Mit viel Liebe hatten sie zu den Adventsandachten im Altarraum ihrer Kirche ein kleines Labyrinth mit zwei Eingängen aus Tannenzweigen gelegt. Der Weg zur Mitte! Finde dich selbst! Finde Gott! Finde Jesus! Sei du selbst! Gott liebt dich, wie du bist! Ja, das sagt sich alles leicht, wenn man gerade glücklich Eltern geworden ist. Johannes war für die beiden die Mitte des Lebens. Doch wer sein eigenes Glück gefunden hat, sollte mit dem Jubel sehr vorsichtig sein. Wie schnell fühlen sich andere Menschen vom Glück ausgeschlossen und ausgegrenzt! Auch die Frohe Botschaft von Weihnachten will respektvoll mitgeteilt sein.

 

Der Bischof war in Doggys Alter und stand vor der wohlverdienten Pension. Noch ein Jahr, noch einmal Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt. Ein letztes Mal Pfingsten, Reformationstag, Buß- und Betttag, ein letzter Totensonntag und eine letzte Adventszeit. Dann Weihnachten 2020 und dahinter der Ruhestand. Der Bischof hatte selbst ein schweres Jahr überstanden, er hatte seine erwachsenen Kindern durch manchen Labyrinthgang des Lebens begleitet, er kannte das stolze und dankbare Gefühl der Großvaterschaft. Wenn einer Verständnis für die Nöte junger Amtsschwestern hatte, dann er. Er verstand auch die unschuldige Freude, mit der sie ihr Kind in das Krippenspiel integriert hatten. Aber diese Freude, glaubte er sagen zu müssen, sei doch naiv gewesen und vor allen Dingen grenze sie manche Besucher*innen des Weihnachtsgottesdienstes aus. Natürlich, Gott war Mensch geworden, das sei auch heute noch Kern der Frohen Botschaft. Doch ein Junge im blauen Schlafsack grenze nicht nur die Mädchen von der Weihnachtsbotschaft aus, sondern sei vor allen Dingen respektlos gegenüber jenen, die keine Kinder hätten - aus welchem Grund auch immer. 

 

Der Bischof nannte Bruder Serke aus Bad Salzdetfurth als Vorbild: Der stelle in der Krippe eine weiße Kerze auf. Mit einer weißen Kerze als Kind könne sich jeder und jede identifizieren. Weiß stehe bekanntlich für Unschuld, sei also die ideale Transgenderfarbe und zudem die Farbe der Auferstehung. Die Auferstandenen werden weder Mann noch Frau sein, sondern werden sein wie die Engel. So habe es der Herr selbst gesagt.

 

Maria und Anna-Lena verwiesen auf den Erfinder des Krippenspiels, den Heiligen Franz von Assisi. Der habe auch ein Baby in die Krippe gelegt, um die Menschwerdung möglichst authentisch feiern zu können.

 

„Liebe Schwestern“, sagte begütigend der Bischof, „ja der Franz, das war ein Ausnahme-Heiliger, der konnte das. Aber heute sind Performances dieser Art einfach zu gefährlich. Machen Sie’s doch wie Heinrich Bedford-Strohm und sagen, Gott wurde kein Afrikaner oder Araber, kein Italiener oder Inuit, kein Däne oder Deutscher, Gott wurde ‚einfach Mensch’. Gott wurde einfach Mensch. So geht Weihnachten heute. Das ist völlig politisch correct. Da kann sich niemand ausgegrenzt fühlen - nur die Hunde!“

 

Da war er wieder, der Schalk im Nacken des Bischofs. Maria und Anna-Lena atmeten durch und entspannten sich. Ich nutzte den Moment und schnabulierte das Königsberger Marzipan auf den Tellern.

 

„Nehmen sie unverdächtige Themen, liebe Schwestern, predigten sie über Umweltverschmutzung und Treibhauseffekte, predigen sie über einsame alte Menschen, Kinder im Flüchtlingslager auf Lesbos. Loben sie das Engagement von Fridays for Future. Erklären sie den Menschen, wie uns Greta Thunberg wieder den Sinn für Heilige erschlossen hat. Auch Predigen über sexuellen Missbrauch liegen ganz im Trend zeitgemäßer Verkündigung. Gerade sie als junge Familie können da ein offenes Wort sprechen. Sie sehen, es gibt wahrlich genügend Themen, mit der die Kirche die Frohe Botschaft in die Welt rufen kann.“

 

„Aber wir wollen doch das Krippenspiel in Betheln!“

 

„Dann machen Sie es wie Bischof Puff und laden Obdachlose in die Scheune ein. Das ist ganz unverdächtig, liebe Schwestern. Obdachlose gehen an Weihnachten immer. Oder sprechen sie von Maria und Josef, die wie die Flüchtlinge heute keine Unterkunft gefunden hatten, bis sie endlich den Stall fanden. Predigen sie von Kinder-Arbeitssklaven in Indien, wie es die diesjährige Brot-für-die-Welt-Aktion empfiehlt. Oder, oder: Bischof Stäblein, der neue Bischof von Berlin, hat gesagt, Weihnachten sei ‚eine Art Schlüsselloch auf das große Ganze‘. Sehen sie, ‚das große Ganze’, das ist eine Formulierung, an der sich niemand reiben kann. Oder, oder: Nehmen Sie Bischof Heiner Wilmer. Er sagte, Gott gebe ‚den Gestrandeten, den Flüchtlingen, den Obdachlosen und den seelisch Unbehausten eine Heimat‘. Ja, so geht Weihnachten!“

 

Zum Abschied nahm der Bischof Maria und Anna-Lena großväterlich in seine langen Arme, denn er war ein großer Mann. Dann erkundigte er sich nach dem kleinen Johannes. Der wartete bereits mit Doggy vor der Tür. Ja, der kleine Johannes! Was würde aus ihm werden? In welche Zeit würde er hineinwachsen? 

 

Nach Neujahr hatten sich die Wogen geglättet. Ruhe war in die Herzen zurückgekehrt. Maria und Anna-Lena sahen entspannter auf das kommende Krippenspiel. Ohnehin würde Johannes beim nächsten Weihnachtsfest bereits laufen können. An ruhiges Liegen in der Krippe war dann ohne Anschnallgurt nicht mehr zu denken. Aber die Frage blieb: War Jesus wirklich ein Junge?

 

Vielleicht war er als Junge geboren worden. Aber seine Seele war doch die eines zarten und empfindsamen Mädchens. Die Tränen Jesu bewiesen es zur Genüge! Gott ist Mensch geworden. Mensch, aber kein Mexikaner. Mensch, aber kein Mann. Maria hatte eine Doktorarbeit über die feministische Theologie und das Projekt der Übersetzung der Bibel in gerechte Sprache geschrieben. Das war alles Schnee von gestern, hatte sie gezeigt. Nun sah sie klarer: Es ging an Weihnachten letztlich um Fragen der Diversität Gottes. Gott war weder Frau noch Mann, weder Mutter noch Vater. 

 

Jesus stand gewissermaßen jenseits aller Geschlechterfragen, meinte auch Doggy. Sein Weg zum wahren Selbst war lang und mühevoll. Ein Passionsweg eben. Und erst durch den Schmerz und den Tod des alten Egos wurde er der, der er ist. Und genau deshalb sagte er zu Maria von Magdala, die seinen Leib nach seiner Auferstehung berühren wollte, sie solle ihn noch nicht anfassen! „Rühre mich an an! Noli me tangere!“ (Johannes 20. 17) Jesus war zu einem Engel geworden.

 

Gut, dass sind theologische Spitzfindigkeiten, die mich nicht interessieren.  Auch die Geschlechterfrage bewegt mich nicht wirklich: Mann - Frau und nun als drittes Geschlecht die Engel. Wo ist das Problem? Für uns Buddhisten sitzt alles drin: Heute bin ich ein Hund, morgen ein Engel. 

 

Jede Religion hat ihre eigenen Probleme. Der Bischof hatte es in seiner Altersweisheit geahnt: In Betheln ging es wie Bischof Stäblein in seiner Berliner Weihnachtspredigt gesagt hatte, um „das große Ganze“. Ganz unscheinbar in einer kleinen niedersächsischen Gemeinde des Vorharzes hatte es sich zwischen Ochs und Esel angedeutet. Maria und Anna-Lena beschlossen, in der kommenden Weihnachtsfeier auf Nummer sicher zu gehen und die Engel in die Mitte der Predigt zu stellen.

 

Wer, wenn nicht die Engel,  sind die Antwort auf die Genderfrage? Engel sind divers. Wenn sie auf die Erde kommen, können sie jede beliebige Gestalt annehmen. Mal sind sie Mann, mal Frau, mal ein weißes Kaninchen oder ein hellbrauner Hund. Alles unterliegt einem steten Wandel. Hatte nicht Jesus selbst gesagt, dass die Menschen einst im Himmel weder Mann noch Frau, sondern wie die Engel sein werden? War Jesus nicht selbst ein Engel - wie einst Martin Werner (Die Entsehung des christlichen Dogamas. S. 302ff) nachgewiesen hatte?

 

Warum kam ihnen diese Erkenntnis erst jetzt nach so viel Irritationen? Lag es am Studium der Theologie in Göttingen, aus dem die Lehre von den Engeln verbannt worden war? Egal! Warum zurückblicken? Warum Schuldige suchen? Neue Zuversicht hatte sie ergriffen und der Zufall ihnen geholfen. Ja, die Wege des Himmels sind noch immer wunderbar! Der weise Archivarius Lindhorst hatte Maria auf Goethes Mignon-Lieder hingewiesen. Da hieß es über die Engel:

 

"Und jene himmlischen Gestalten,
Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
Und keine Kleider, keine Falten
Umgeben den verklärten Leib."

 



Doggy meinte, mit Goethe könne m/w/d in der Gender-Debatte nicht reüssieren. Er schenkte seinen geistlichen Freundinnen das Buch "Körper und Gewicht" von Judith Butler.  Anna-Lena - mit dem kleinen Johannes auf dem Arm - blätterte darin und stieß zufällig auf folgende Stelle. Sie las:

 

"Dem sozialen Geschlecht unterworfen, durch das soziale Geschlecht aber auch zum Subjekt gemacht, geht das 'Ich' diesem Prozeß der Entstehung von Geschlechtsidentität weder voraus, noch folgt es ihm nach, sondern entsteht nur innerhalb der Matrix geschlechtsspezifischer Beziehungen und als diese Matrix selbst."

 

"Und verstehst Du auch, was Du liest?", fragte Maria. Doch da war es schon zu spät. Johannes machte ein kräftiges Bäuerchen und spuckte den Möhren-Erbsen-Brei auf das neue Buch! Ja, Menschenkinder (m/w/d) haben keinen Respekt vor der Wissenschaft.

 

 

Eine Havfrue vor der Genderfrage (Vedersø Klit)