Goethe war schon gut - keine Frage.

Ich gehöre nicht zu den 68zigern und bin nicht stolz,

wenn Denkmäler vom Sockel gestürzt werden.

Aber ich finde, man darf als Hund auch mal an den Sockel eines Denkmals pissen.

 

 

 

Des Pudels Kern 

 

Wer kennt Goethe nicht? Doch wer hat ihn freiwillig gelesen? Undine ist Deutschlehrerin an einem Goethegymnasium. Sie liest mit ihren Schülern den „Faust“, obwohl Goethe Hunde hasste wie die Pest. Nur ein Hundehasser konnte auf die perverse Idee kommen, dem Teufel die Gestalt eines schwarzen Pudels zu geben. Beim Spaziergang begegnet Faust einem Renommierpudel. Das waren Hunde zum Hingucken, mit denen die Studenten durch die Straßen liefen, so wie heute manche Stars und Sternchen mit ihren Schoßhündchen im Arm über den Catwalk schreiten. Der Pudel folgte Faust in die Studierstube und zeigte sich hier in seiner wahren Gestalt. Des Pudels Kern war der Teufel. 

 

Schwarze Hunde mit glühenden Augen sind des Teufels Beitrag zur Schöpfung. Das behauptete Oma Selma, und die kannte sich mit Hunden gut aus. Selma war katholisch. Deshalb kannte sie auch einen Zauberspruch gegen schwarze Hunde:

 

„Mutter Maria ging über Sand und Land,

sie hatte einen Stab in ihrer Hand.

Sie führte Gottes Wort im Mund,

damit schlug sie den bösen Hund.“

 

Keine Frage, dass mein Fell schneeweiß war. Einmal im Monat, bei Bedarf auch mehrfach wurde ich in der Badewanne mit Waschpulver bestreut und ordentlich durchgeknetet. Mein Fell war so weiß wie das Kommunionskleid der Mädchen der Ida Pfarrei in Münster-Gremmendorf. Oma Selma nannte mich Bambilo. Das war weniger ein Name, als eine Lautmalerei. Bam-Bi-Lo: die zwei hellen und der dunkle Vokal mussten sie wohl an den Klang der Glocken erinnert haben. In ihrer schlesischen Heimat wurde die Kirchenglocke gelegentlich als „Großer Hund“ bezeichnet. Ich war ein kleiner Hund, und da Oma Selma wie Goethe kein Hundegebell mochte, verbot sie mir das Bellen. Wenn mich jemand ärgerte, fletschte ich lautlos die Zähne, aber bellte nie. Abends um 18.00 Uhr, wenn die Glocken Frieden läuteten, sprang ich auf Oma Selmas Schoß und wir beteten den Angelus. Schon deshalb musste ich sauber sein. 

 

Ich war Bam-Bi-Lo, ein weißer Spitz. Aber noch mehr war ich Oma Selmas Orakel. Ein Orakel ist eine Art Medium. Es steht mit der Welt der bösen und guten Geister in Verbindung, kann die Zukunft voraussagen und manchmal auch Krankheiten abwehren oder heilen. Diese Gaben kann niemand erwerben. Sie sind angeboren. Deshalb sind sie auch kein Verdienst oder Grund überheblich zu werden. Übersteigertes Selbstbewusstsein hätte Oma Selma auch nicht zugelassen. Ich war ihr Hundeorakel. Wenn ich Gras frass, dann wusste Oma Selma, dass es schlechtes Wetter geben wird. Fraß ich im Winter Schnee, gab es Tauwetter. Meine nasse Schnauze deutete auf gutes Wetter, mein stark riechendes Fell - trotz Reinigung mit Persil – auf Regen. 

 

Da Oma Selma und ich die Feiertage begingen, kannten wir uns auch in heiligen Bräuchen der besondern Art aus. Jeder Heilige hat einen Festtag. Der 30. November gehört dem Heiligen Andreas. Oma Selma wusste, dass die Andreasnacht ein guter Zeitpunkt für Liebesorakel war. Heiratslustige Mädchen, sagte sie, sollen in der Andreasnacht wach bleiben und lauschen, ob nicht ein Hund belle. Dies sei nämlich ein schönes Zeichen, dass der Bräutigam nicht mehr fern sei. Wenn sich vor einer Hochzeit zwei Hunde beißen, so wird es viel Streit geben. 

 

Als Liebesorakel war ich leider nie im Einsatz. Aber wenn jemand in der Nachbarschaft krank war und das Bett über längere Zeit hüten musste, so ließ man mich gelegentlich kommen. Denn ein Hund, sagte Oma Selma, meide die Schwerkranken. Sie wusste nicht, was ich selbst erlebt hatte, als ich bei Freud lebte. Heute darf ich es offen gestehen, weil diese Geschichte bereits von Freuds Arzt Max Schur veröffentlicht worden ist: Ich mochte nicht in der Nähe des schwer an Krebs erkranken Freud bleiben. Das ist die Wahrheit. 

 

Einmal war unser Nachbar Rüdiger Bärtl am Blinddarm oder den Mandeln operiert worden. Er musste das Bett hüten. Seine kleine Freundin Sigrid Rendemann glaubte, er werde nie wieder gesund. So fragte sie Oma Selma, ob sie einmal mit mir Spaziergehen dürfe. Sigrid führte mich an Rüdigers Bett und ich wedelte mit dem weißen buschigen, frisch gekämmten Schwanz. Da waren alle glücklich, dass Rüdiger nicht sterben musste! Sigrid und Rüdiger waren damals etwa zehn Jahre jung. Sie wussten, dass ich Dinge sehen konnte, die ein menschliches Auge nicht wahrnimmt. Geister zum Beispiel. 

 

Am Waldrand wohnte in jenen Tagen die Cilly. Alle Kinder hielten sie für eine Hexe. Das war sie auch. Aber eine gute weise Frau. Sie sagte Rüdiger und Sigrid, auch sie könnten Geister sehen, wenn sie ihre Augen mit meinen Tränen bestrichen. Das fanden die beiden ekelhaft. Da gab ihnen die Cilly einen anderen Ratschlag: Sie sollten sich hinter mich stellen und durch meine Beine oder Ohren schauen, auch so könnten sie Geister sehen. Beide probierten es immer wieder vergeblich, bis das Angelusläuten vom Glockenturm mich zu Oma Selma rief. 

 

Gebet geht dem Orakel vor. Das war für Oma Selma keine Frage. Zur Kirche ging Oma Selma gerne, aber nicht am Sonntag, denn da musste sie kochen. Damit sie trotzdem dem Sonntagsgebot nachkommen und den Feiertag heilen konnte, besuchte sie am Samstagabend in die Vorabendmesse. Anschließend schaute sie „Einer wird gewinnen“. 

 

Ihre Lieblingsgeschichte aus der Bibel war die Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus, dem die Hunde die Wunden leckten. In der Zunge jedes Hundes liegt eine heilende Kraft. So stand es in der Bibel, so wurde es in der Messe vorgetragen und so glaubte es Oma Selma. Aber Oma Selma ließ sich von niemandem küssen, auch nicht von Opa Franz. Und so kam auch ich ihrem Gesicht niemals zu nahe. Ein ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz ist für jede Beziehung gut. 

 

Und noch etwas wusste Oma Selma von der Wunderkraft der Hunde. Der beste Hund unter den Welpen sei derjenige, der zuletzt sehend wird. Da hatte sie recht, wie ich später erfahren sollte, als ich als Tobit der Blogger erneut zur Welt kam. Ich hatte die Augen lange geschlossen und schließe sie noch immer gerne. Denn ich sehe mit den inneren Augen.