Was in der Hundeerziehung alles falsch laufen kann

 

 

In der Erziehung läuft sehr viel falsch. Gut, Hunde haben andere Trinkgewohnheiten. Aber was sich dieser Hund eines Priesters erlaubt, sollte man nicht nur in Gottes Namen einfach nicht durchgehen lassen. Wir müssen wieder Mut haben, Grenzen zu setzen! Ich weiß, dass darf ein Hund nicht laut sagen, ohne als Reaktionär oder Sympathisant der AfD zu gelten. Sprechen wir also vom Hundehalter Thomas Mann. Er hätte heute sofort den Tierschutz am Hals.

 

 

 

 

Ob man von schlechten Vorbildern lernen kann, ist in der Pädagogik umstritten. 

Sollen andere darüber diskutieren. Ich zeige Euch am Beispiel von Thomas Mann,

wie es in der Erziehung nicht laufen darf.

  

Ich weiss, ich weiss: Früher war auch in der Hundeerziehung nicht alles besser. Heute würden Tierfreunde von Missbrauch oder Tierquälerei sprechen - früher wusste man es eben nicht besser. Seien wir also gnädig! Aber lernen wir für die Zukunft.

Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht Undines vierbeiniger Freund geworden wäre? Eine Frage im Konjunktiv ist die angemessene Einleitung, um einmal Klartext über Deutschlands bekanntesten Hundebesitzer zu reden. Ich spreche nicht von Dieter Bohlen, der von seinem Rottweiler Dickie ins Gesicht gebissen wurde. Nein, Thomas Mann ist berühmter. Keine Frage. Auch bei uns in Haus Sonnenschein stehen zwei Meter Thomas Mann. Doggy hat alles von Thomas Mann gelesen. Leider ohne den Sachverstand eines Hundes. Bekanntlich reagieren wir Hunde auf menschliche Sprache, sonst könnten wir auch nicht erzogen werden. Aber wir lassen uns nicht blenden von einem Autor, der einen aktiven Wortschatz von 25000 deutschen Wörtern hat und lange Sätze im Potentialis oder Irrealis formulieren kann. Hunde haben einen eigenen Zugang zur Sprache. Mich wundert es sehr, dass im Zeitalter der Gender-Studies darüber noch nicht geforscht worden ist. Auch die Geschichtswissenschaft übergeht uns nahezu vollständig. 

 

Was wäre aus mir geworden, wenn ich als einer der Hunde von Thomas Mann geboren worden wäre? Als Collie Perceval, als Pudel Nico oder als der Hühnerhund Bauschan, der in Thomas Manns Münchener Villa lebte? Ich will hier nicht behaupten, dass ich in einem meiner Vorleben der Hund Bauschan oder Thomas Mann gewesen bin. Bauschan wurde nur vier Jahre alt. Dann ließ ihn Thomas Mann einschläfern. Thomas Mann erreichte das 80. Lebensjahr und starb in dem Jahr, als Doggy geboren wurde. In der Erzählung „Herr und Hund“ berichtet Thomas Mann von Bauschan. Wer diesen Text mit Hundeaugen liest, ringt mit der Fassung. Er möchte ausrufen: Hallo! Geht’s noch?! Denn hier läuft in der Hundeerziehung alles falsch. Ich kann mein Urteil belegen, und deshalb werde ich hier Thomas Mann im Original sprechen lassen.

 

1. Züchtigungen

 

Thomas Mann prügelte seine Hunde auf brutale Weise. Wie sein Vorgänger Perceval wird Bauschan mit der Lederpeitsche oder der Karbatsche geschlagen. Perceval habe öfters ein Verhalten gezeigt, „welches nach Züchtigung geradezu schrie und dazu aufreizte. Wenn ich denn also, zum Äußersten gebracht, die Karbatsche vom Nagel nahm, so verkroch er sich wohl zusammengeduckt unter Tisch und Bank; aber nicht ein Wehelaut kam über seine Lippen, wenn der Schlag und noch einer niedersauste, höchstens ein ernstes Stöhnen, falls es ihn allzu beißend getroffen hatte, - während Gevatter Bauschan vor ordinärer Feigheit schon quieckt und schreit, wenn ich nur den Arm hebe. Kurzum, keine Ehre, keine Strenge gegen sich selbst.“

 

Muss man diesen Zynismus kommentieren? Die schreckliche Prügel-Szene spielt in einem Münchener Villenviertel und nicht auf einer Baumwollplantage neben Onkel Toms Hütte im Süden der Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts oder auf einem Marktplatz in Saudi-Arabien. Kein Wunder, dass der arme Sklave Bauschan, sobald er einem anderen Hund begegnet, sich in ihn verbeißt, bis sein Herr wieder mit dem Stock regiert.

 

2. Hasenjagd

 

„Wo ich bin, ist Deutschland!“, pflegte Thomas Mann zu sagen. In Amerika galt er als Vertreter eines Gedankens der Menschlichkeit und des besseren Deutschland. Kann es wahre Menschlichkeit geben, wenn man aus seinem Hund die Bestie herauskitzelt? Wie ein Sklavenhalter ergötzt sich der Lübecker Kaufmannssohn an der Qual der Kreatur. Seinen Sklaven Bauschan hat er dazu abgerichtet, ängstliche Hasen zu jagen.

 

„Die Gegend ist reich an jagdbarem Wild, und wir jagen es; das will sagen: Bauschan jagt es, und ich sehe zu. Auf diese Weise jagen wir: Hasen, Feldhühner, Feldmäuse, Maulwürfe, Enten und Möwen. Aber auch vor der hohen Jagd scheuen wir nicht zurück, wir pirschen auch auf Fasanen und selbst auf Rehe, wenn ein solches sich, etwa im Winter, einmal in unser Revier verirrt. Das ist dann ein erregender Anblick, wenn das hochbeinige, leichtgebaute Tier, gelb gegen den Schnee, mit hochwippendem weißen Hinterteil, vor dem kleinen, alle Kräfte einsetzenden Bauschan dahinfliegt – ich verfolge den Vorgang mit der größten Teilnahme und Spannung.“

 

Ja, geht’s noch, Herr Mann!? Ein Idyll nennt der Repräsentant des besseren Deutschlands seine Geschichte. Für den armen Hasen ist es kein Idyll. Er wird gejagt bis zum Herzinfarkt. Immer wieder beschreibt der Hobbyjäger Dr. Mann seine perverse Jagdlust:

 

„Der Leser verzeihe die weitläufige Abschweifung und kehre mit mir in den Park zum Jagdvergnügen zurück, worin wir uns unterbrachen. Kennt er das weinende Geheul, womit ein Hund, seine äußersten Kräfte zusammenreißend, die Verfolgung des flüchtigen Hasen aufnimmt, und in welchem Wut und Wonne, Sehnsucht und ekstatische Verzweiflung sich mischen?“

 

 

3. Scheinangriffe

 

Ohne Hundeführerschein darf heute niemand einen Hund halten. Wie wichtig diese Reifeprüfung für angehende Hundehalter ist, zeigt wieder unser Autor. Thomas Manns Hundeführerschein war die Peitsche. Der arme Bauschan wurde verprügelt und durfte seine Wut und Enttäuschung anschließend an unschuldigen Tieren auslassen. Manchmal aber probte der verzweifelte Sklave den Aufstand gegen seinen Herrn. Er springt an ihm hoch und hinterlässt auf dem Brustaufschlag seines Mantel nasse, schmutzige Abdrücke seiner Tatzen oder er prescht aus seiner Hundehütte hervor mit einem Scheinangriff:

 

„Unwillkürlich stelle ich mich seitlich gegen den Heranstürmenden, in Abwehrpositur, denn seine Scheinabsicht, mir zwischen die Füße zu stoßen und mich zu Falle zu bringen, hat unfehlbare Täuschungskraft. Im letzten Augenblick aber und dicht vor dem Anprall weiß er zu bremsen und einzuschwenken.“

 

Einige Pittbulls oder American Staffordshire Terrier werden gezielt trainiert, um Menschen in empfindsamen Körperregionen wie dem Urogenitalbereich oder das Gesicht zu beißen. Das sind Zuhältermanieren, die leider von Bauschan berichtet werden:

 

„Und plötzlich vollführt er, den Kopf vorstoßend und die Lippen rasch öffnend und schließend, einen Schnapper hinauf gegen mein Gesicht, als wollte er mir die Nase abbeißen“.

 

Muss man mehr von dieser schauderlichen Geschichte wissen? Ja, leider, denn aus kynologischer Sicht ist dieser Bericht eine Sammlung von negativen Verhaltensweisen. Ich denke, „Herr und Hund“ müsste Pflichtlektüre für alle Menschen sein, die einen Hundeführerschein ausgehändigt bekommen wollen. Der Bericht ist kurz. Jeder Prüfling kann ihn vor der schriftlichen Prüfung zu Hause lesen und sollte anschließend einige besonders auffällige Beispiele für nicht angemessenes Verhalten benennen können. 

 

Doggy meint, das sei eine Schnapsidee. Erstens sei Thomas Manns Verhalten zu seiner Zeit nicht nur gesellschaftlich geduldet, sondern begrüßt worden. Hunde waren damals noch Hunde und nicht Herren. Dabei schaute Doggy demonstrativ in Undines Augen. Wer sich damals ein Fahrrad oder ein Auto kaufte, der erwarb zugleich eine Großpackung Hundebomben, sagte Doggy. Undine hatte noch nie etwas von Hundebomben gehört. Doggy erklärte, Hundebomben wurden von Fahrradfahren und Automobilisten gegen angreifende Hunde eingesetzt. Man warf sie auf den Boden, wo sie wie große Knallerbsen mit lautem Geräusch explodierten und die Tiere vertrieben. Zweitens meinte Doggy, sei meine Idee schon deshalb nicht durchführbar, weil heute kein Mensch mehr Thomas Manns Texte verstehen kann. Die moderne Kommunikation arbeite mit Dreiwortsätzen zum Beispiel bei einer SMS: „Hund gebissen Fahrradschlauch.“ Thomas Manns würde diesen Sachverhalt auf drei Seiten beschreiben. Die Vielfalt und Fülle moderner Datenmengen und die Schnelligkeit, mit der sie bewältigt werden müssen, lasse keine Zeit für den kreativen Müßiggang, den jeder Leser von Thomas Mann mitbringen muss.

 

 

4. In der Stadt

 

Manchmal hat Doggy recht. Für eine Hundeführerscheinprüfung müssten Thomas Manns Texte auf SMS-Länge gekürzt werden. Die Beispiele für Fehlverhalten im Umgang mit Hunden sind leider noch immer hoch aktuell. So fährt Herr Mann mit der Tram in die Innenstadt und verhindert nicht, dass Bauschan ihm hinterherläuft. Die Folgen waren zu erwarten, denn Bauschan gehörte nicht zu jenen Hunden, die mit den Landstreichern auf der Straße leben und großstädtischen Verkehr und Menschengetümmel gewohnt sind.

 

„Redlich hielt er Schritt, solange es gehen wollte, und seine Atemkraft hätte ihn schwerlich im Stich gelassen. Aber den Sohn der Ökonomie verwirrte das städtische Treiben; er geriet Menschen zwischen die Füße, fremde Hunde fielen ihm in die Flanke, ein Tumult wilder Gerüche, wie er dergleichen noch nie erfahren, reizte und verstörte seinen Sinn, Häuserecken, durchsättigt mit den Essenzen alter Abenteuer, bannten ihn unwiderstehlich, er blieb zurück, er holte den Schienenwagen wohl wieder ein, allein es war ein falscher gewesen, dem er sich angeschlossen, ein dem richtigen vollständig ähnlicher; Bauschan lief blindlings in falscher Richtung fort, geriet tiefer und tiefer in die tolle Fremde hinein und fand sich erst nach drei Tagen, ausgehungert und hinkend, in den Frieden des äußersten Hauses am Flusse heim, wohin zurückzukehren auch der Herr unterdessen vernünftig genug gewesen war.“

 

Wer schützt uns Hunde vor Menschen, die von Erziehung keine Ahnung haben? Hunde und Kinder brauchen Grenzen. Irgendwann sollten Kinder kapieren, dass sie ihr Geschäft auf der Toilette zu erledigen haben. Ich käme nie auf die Idee Doggys Rosenbeete oder Undines Lavendelbüsche anzupissen. Das hat man mir einmal gesagt und ich halte mich daran. Bauschan aber hebt immer wieder sein Bein gegen ein Lebensbäumchen, bis es alljährlich an Verätzung eingeht und ausgewechselt werden muss. Kommandos sollten kurz sein. Eine klare Ansage „Bauschan, komm!“ reicht völlig aus. Thomas Mann aber muss auch hier noch seine Extravaganzen zelebrieren. Wo jeder andere Hundehalter einen Pfiff ausstößt, muss Thomas Mann gleich ein musikalisches Zitat erklingen lassen:

 

„Auf den Stufen, welche zur Haustüre führen, lass ich dann einen Pfiff von zwei Tönen hören, Grundton und tiefere Quart, so, wie die Melodie des zweiten Satzes von Schuberts unvollendeter Sinfonie beginnt, - ein Signal, das etwa als Vertonung eines zweisilbigen Rufnamens gelten kann.“  

 

Bauschan stammt von einem Bauernhof. Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln, sagt man. Manchmal reicht auch Bauernschläue oder einfach Dreistigkeit. Undines Freundin Jenny und ihre kleinen Töchter wünschten sich eine Hündin. Sie besuchten einen Bauern, spielten mit den Welpen, suchten sich einen aus und fuhren in ihr neu erworbenes Reihenendhaus. Der neue Mitbewohner bekam den Namen Emily. Emily fühlte sich vom ersten Tag an pudelwohl und markierte selbstbewusst Jonnas Kopfkissen, die neue Kuschelcouch von IKEA, Lillis Prinzessinnenkleid. Karsten, der Vater von Lilly und Jonna, weilte in jenen Tagen auf einem Praxisseminar Sexualpädagogik für Erzieher. Ihm wäre sicherlich sogleich aufgefallen, was Jonna in ihrer kindlichen Sprache formulierte: „Emily pinkelt aus dem Bauchnabel!“ Dass der Bauchnabel kein Bauchnabel war, konnte Jonna nicht wissen. Jenny aber wurde schlagartig bewusst, dass Emily ein Emil war, den ihnen der bauernschlaue Züchter untergejubelt hatte. Emil wurde in eine echte Emily umgetauscht. Rüden sind zur Zeit wenig beliebt. Vielleicht gibt es dafür Gründe, die in einer zunehmenden Feminisierung der Gesellschaft zu suchen sind. Ob Rüde oder Hündin. Wer einen Hundeführerschein bekommen will, der sollte seinem neuen Freund auch einmal zwischen die Beine schauen.

 

Noch ein letztes Wort zu Thomas Mann. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, behauptet ein Sprichwort. Ich sage: Besser Schweigen als Unsinn über Hunde schreiben.