Multiple Persönlichkeit, Borderline, Schizophrenie - das ist für mich als Buddhisten der Normalzustand.

Wenn Ihr mich fragt: "Wie viele bist Du eigentlich in Deinen zahlreichen Erdenleben gewesen, lieber Geselle?",

dann sage ich: "Gewiss, ich weiß schon, was Ihr meint. Nur kann ich mich nicht mehr an jede Reinkarnation erinnern.

Ich war ein Schaf. Aber welches? War ich ein Opferlamm? War ich vielleicht Jesus?

 

 

 

 

Heilige Hunde:  Barry I. vom großen Sankt Bernhard

  

Wir Hunde gelten als engelgleiche Begleiter der Menschen. Das heißt im Klartext: Kein Arbeitsvertrag, keine festen Arbeitszeiten, kein Recht auf Freizeit, kein Urlaub, kein Lohn. Kein Mensch möchte so leben. 

 

Ich war der Hund des Odysseus. Zwanzig Jahre lang wartete ich an der Seite der guten Penelope, bis der Alte von seinen Irrfahrten durch Meere und andere Feuchtgebiete heimkehrte. Ich erkannte ihn sofort wieder. Habe ein phantastisches Gedächtnis. Ein Bauchgedächtnis und ein Nasengedächtnis. Ich habe Odysseus die Wunden geleckt wie auch dem armen Lazarus. Lazarus? Das war einer von denen, die man heute aus den Bahnhöfen und Stadtparks vertreibt. Wie meine Kumpel, die Punks. Denn ich war auch einmal Tobit, der Punk. Ihr erkennt es noch heute an dem Irokesen auf meinem Nasenrücken.

 

Ich heiße Tobit und bin die Reinkarnation einer griechischen Mischlingshündin, eben jener Namenlosen aus Ithaka, die auf Odysseus wartete. Ich war der schwarze Hund des Don Bosco und der Wolf, den Franziskus zähmte. Ich war Topsy, Sigmund Freuds Chow Chow. Ich war Axel, der Colly von Hans Blumenberg und der Spitz Bambilo von Oma Selma. Jetzt bin ich Tobit der Blogger, ein reinrassiger Rüde. Aber Rassenfragen interessieren mich nicht, besonders nicht in Deutschland.

 

Unter Hunden gibt es Lebensläufe, die man selbst seinem ärgsten Nachbarn nicht wünscht. Zerberus zum Beispiel, der Höllenhund im alten Griechenland, oder Hitlers Schäferhündin Blondi und ihr Sohn Wolf. Bevor Hitler und Eva Braun Selbstmord begingen, ließen sie Blondi und Wolf umbringen. Das ist eine sehr traurige Geschichte, die auch nicht dadurch besser wird, dass der Schauspieler Michael Degen in seinem Roman „Blondi“ das treue Tier wieder auferstehen lässt und einen Roman aus seiner Perspektive schreibt. 

 

Wiedergeburt ist für mich kein Thema. Über Reinkarnation diskutiere ich nicht. Mir muss auch niemand beweisen, dass ich ein goldbraunes Fell habe. Wer die Wiedergeburt bestreitet, hat keine erlebt. Was soll ich dem Blinden von der Farbe reden? Was mich echt nervt, ist das Denken in Rangordnungen: Erst ist man Wurm, dann Echse, dann Vogel, dann Katze oder Hund, dann Frau und endlich wird man als Mann wieder geboren. Wieso steht der Mensch über dem Hund? Warum kann ich nicht sagen: Einmal war ich ein Junge und ein Mädchen und ein Busch und ein Vogel und ein aus dem Meer springender wandernder Fisch? Die Frage der Wiedergeburt ist ein heißes Eisen. Da verbrennt man sich schnell die Pfote, legt sich mit den Indern an und gilt als eurozentrisch. Jetzt nur so viel: Wer wieder geboren werden will, der muss verdammt flexibel sein. Ich zum Beispiel habe im Straßenstaub gelebt, war Schoßhündchen von Rudolph Moshammer, Begleiter von Vladimir Putin und zog den Schlitten von Fridtjof Nansen in Richtung Nordpol. So habe ich viele Kompetenzen erworben. Ich bin ein ganzes Kompetenzzentrum. Aber auch hier muss man mit der Wortwahl vorsichtig sein, sonst bekommt man Ärger mit den Bildungspolitikern.

 

Von allen meinen Geschwistern habe ich es am besten getroffen. Das muss ich hier schon schreiben, allein wegen der Frau, mit der ich in hier in Schweden wohne. Sie heißt Undine. Undine ist ein schöner Name, denn er bedeutet „kleine Welle“. Er passt sehr gut zu meinem gewellten Haar. Auch bin ich wie die Undinen ein Wassernarr. Undine kann zwei Mal am Tag duschen. Dann singt sie fröhliche Lieder. Louis, unser Nachbarhund in Deutschland, duscht immer mit. Ich darf nicht mit Undine unter die Dusche, nicht in unseren Gartenteich mit den Goldfischen und nicht den Schlammteich im Wald baden. Aber unten im Dorf fließt die Lamme. Da schwimme ich sehr gerne. Undine ist Lehrerin mit Leib und Seele. Sie sieht mädchenhaft aus und ist immer fröhlich, solange sie bekommt, was sie will. Sie ist eben voll der Prinzessinnen-Typ. Lieblingsfarbe rosa. Aber hinter den rosa Wolken regiert ein knallharter Wille und eine konsequente Haltung. Die habe ich in der Hundeschule zu spüren bekommen. Dort nannte man mich den Streber. Eine grobe Verkennung meines Wesens. Ein Chiller ist kein Streber. Aber ich hatte Undine sofort ins Herz geschlossen und dachte schon, als ich noch bei Ilka und Fritz im Rudel routierte: „Die oder keine!“ Deshalb mache ich alles, was sie will. 

 

Wenn ich eine Wurst im Maul habe, und sie sagt: „Nein!“, dann lege ich sie Undine sanft zu Füßen und fresse sie auf Kommando. Undine kann mir den Napf während des Fressens wegnehmen und auf das Fensterbrett stellen. Wenn ich auf dem Boden liege, dann legt sie mir ein Stückchen Käse mit Rosmarin auf die Vordertatze. Ich muss sie anschauen und darf erst den Käse fassen, wenn sie das Kommando gibt. Kein Wunder, dass Undines Schüler ihr gehorchen als wäre sie ein Viersternegeneral. Ihren Mann hat sie ebenfalls gut im Griff. Sie nennt ihn Papito seit sie den Film „Killing Moves“ mit Robert Duvall gesehen hat. Natürlich ein Tango-Film, was denn sonst!

 

Papito geht mit mir auf Schnüffeltour und versorgt anschließend den Haushalt. Er räumt Undines tausend Klamotten in ihre drei Kleiderschränke, macht die Betten, putzt die Badezimmer, saugt meine goldenen Haare von den roten Teppichen, er putzt Undines hundert Schuhe, wäscht ihren Fiat 500, jätet Unkraut im Garten und kocht das Essen. Ich liege in der Zeit auf einem der Teppiche oder auf der Terrasse und schaue ihm bei seiner Arbeit zu. Wenn er alles erledigt hat, darf er mit mir ein zweites Mal auf Schnüffeltour gehen. Dann kommt Undine aus der Schule, und er muss sich Schulgeschichten anhören.  Papito sagt immer: Wer mit einer Undine verheiratet sei, der habe keine Zeit für eine weitere Aufgabe. Das ist eine seiner typischen Zuspitzungen. Nach dem Mittagsschlaf hat er Zeit für seine Arbeit im Garten oder am Schreibtisch. Nur abends wird er wieder von Undine gefordert. Tango tanzen, Bücher vorlesen – eine Frau wie Undine braucht einen kulturellen Input, sonst läuft bei ihr gar nichts. Deshalb habe auch ich angefangen, mich in die Literatur- und Kulturgeschichte einzuarbeiten. Vielleicht schreibe ich noch einmal eine Doktorarbeit über den Hund in der Weltliteratur. Mal sehen. Die Wiedergeburt als Golden Retriever ist jedenfalls mein leichtester Job. 

 

Wir sind der B-Wurf von Miriam. Also bekamen wir Vornamen mit dem Buchstaben B: Barbarella vom Turm, Bernhard von Clairvaux, Bernward von Hildesheim, Bilbo van Beutlin, Bille August, Birger Ruud, DJ Bobo, Bibi Blocksberg, Birgitta von Schweden, Bulgur von Balutschistan – ich erfinde hier einige Namen, denn ich kann mich an die echten Namen meiner Geschwister nicht erinnern. Wahrscheinlich habe ich sie nie gekannt, denn unter uns ist die Anrede mit Vornamen nicht üblich. Auch tragen wir keine Titel, selbst wenn wir einen adeligen Stammbaum haben oder einen akademischen Abschluss wie Franz Kafka. Dazu an anderer Stelle mehr. 

 

Tobit werde ich gerufen, aber ich heiße Barry - wie der berühmte Bernhardiner, der in den Alpen über 40 Menschen das Leben gerettet hat und dem selbst die Pariser ein Denkmal setzten. Die Schweizer pflegten eine handfestere Erinnerungskultur. Nach seinem Tod ließen sie Barry I. ausstopfen, bestreuten ihn mit Mottenpulver und stellten ihn in eine Glasvitrine des Naturhistorischen Museums Bern. In China werden jedes Jahr eine Millionen Kuschel-Barrys produziert und rund um den großen Sankt Bernhard an Touristen aus aller Welt verkauft. 

 

Einer dieser China-Barrys gehört zu meinen Kuscheltieren. Aber ich spiele nie mit ihm, weil er nach Chemie stinkt. Wenn Doggy in Weinlaune ist, klopft er mir manchmal auf die Schulter und sagt: 

 

„Feiner Tobit! Eines Tages wirst du wie Barry I. ausgestopft werden!“ 

 

Dann wedele ich mit dem Schwanz. Doggy deutet diese Geste als Zustimmung und sagt:

 

„Da freust du dich! Nicht wahr?!“

 

Undine findet diese blöden Sprüche gar nicht lustig, denn sie meint, der Name Barry-Tobit passe gut zu mir. Jede Mutter ist stolz auf ihr Kind und gibt ihm einen besonderen Namen. Miranda Helena zum Beispiel oder Lotta-Sophia. Bei Hundemüttern ist es nicht anders. Wer mich kritisiert, der greift auch Undine an. Wer über mich lästert, übergießt sie mit Spott. Tierärzte kennen diese psychologischen Zusammenhänge zwischen Hund und Frau und gehen mit uns ebenso sanft und fürsorglich um, wie Kinderärzte bei den Vorsorgeuntersuchungen von U 1 bis U 11. 

 

Ein besonderer Name schafft immer einen Erzählanlass. Wenn Undine mit mir spazieren geht, ruft sie mich mit dem Namen Tobit. Tobit bedeutet „Gott ist gut“. Anlässlich einer Hundebegegnung erwähnt Undine gerne, dass ich eigentlich Barry heiße. Bei Tobit denkt jeder an Toben, und da einige Hunde gerne toben, leuchtet allen der Name Tobit ein. Schon hat Undine eine gute Gelegenheit, diese falsche Ableitung wortreich zu verbessern. Bei Barry müssen die meisten passen. Jeder kennt Lassy. Einige ältere Herren haben vielleicht noch die Serie Rin Tin Tin gesehen. Beider Vorbild ist Barry. Leser der Annette von Droste-Hülshoff kennen vielleicht „das fromme Tier“, dem viele Menschen ihr Leben verdanken:

 

„Und Barry plötzlich wie gehetzt

Zur Seite in den Flugschnee setzt;

Steht still dann, winselt schaut sich um,

Dann fort er watet, mühevoll stöhnend,

Versinkend oft, nun auf sich dehnend...“

 

Aus dem Tiefschnee rettet Barry I. ein Kind und bringt es zu den Mönchen ins Hospiz auf dem großen Sankt Bernhard:

 

„Der Barry hat das Kind gebracht.“

 

Ein barmherziger Samariter im Hochgebirge, der den Schwachen und Verletzten beisteht, ein Engel auf vier Pfoten, der den Verirrten einen Weg durch den Tiefschnee weist, ein diskreter Helfer der Armen wie der heilige Nikolaus von Bari – das alles ist Barry I., der heilige Hund vom großen Sankt Bernhard-Pass in der Schweiz. Gerne würde ich an dieser Stelle behaupten, ich sei dieser Barry I. gewesen, der im Welpenalter am 20. Mai 1800 Napoléon Bonaparte begegnete. Der Diktator überquerte damals mit 46000 Soldaten, 7000 Pferden und 30 Geschützen den Großen Sankt Bernhard. Alle wurden von den Augustinermönchen in ihrem Hospiz mit Essen versorgt. 

 

Bernhard von Aoste und Köngin Esmeralde hatten im frühen Mittelalter diese Herberge zur Versorgung der Reisenden und Pilger gegründet und große Hunde zum Schutz gegen Räuberbanden und plündernde Sarazenen auf den Berg geholt. Von den räuberischen Horden bekehrten sich einige zum Glauben des heiligen Bernhard und erhielten als Hundeführer (Morroniers) eine Anstellung im Hospiz. Napoléon I. war von Barry I. sofort begeistert und wollte den Welpen mitnehmen. Der Vorsteher des Klosters aber wusste dies zu verhindern. So blieb der Wunderhund auf dem Berg. 

 

Wie die Raben, die den Propheten Elias in der Wüste mit Nahrung versorgten, wie der namenlose heilige Hund, der Tobias begleitete und wie die Hunde des Lazarus’, so war auch Barry I. ein Seelsorger und Arzt. Er gehörte zu jenen Ärzten mit der Zunge, die Kranke heilten, und wie die spanischen Hunde Berganza und Scipio aus dem Hospital in Valladolid das Gebetsleben der Mönche teilten. Ich war nicht Barry I., der zwölf Jahre auf dem Berg lebte und Menschen aus dem Schneesturm rettete oder Verschüttete unter den Lawinen aufspürte, bis er aus einem Versehen angeschossen wurde. Der treue Barry I. trottete durch den Tiefschnee auf einen verirrten Wanderer zu und wollte ihm helfen. Der aber hielt ihn für einen Wolf und schoss. So wurde der Retter zum Opfer. Als Barry I. von seiner schweren Verletzung genas, brachten ihn die Mönche ins Tal, wo er noch zwei Jahre auf seinem wohl verdienten Altenteil in Bern verbrachte. Seit jenen Tagen heißt immer ein Hund auf dem großen Sankt Bernhard wie ich: Barry. Um die vielen Barrys von dem großen Helden zu unterscheiden, wurde dieser Barry I. genannt. 

 

Bei ihren Hundebegegnungen erzählt Undine gerne von der Bedeutung des Namens Barry. Da die Sachlage kompliziert ist, kann sie nach Herzenslust ausschweifen. Ich mache es hier kurz: Bernhard von Aoste war ein Verehrer des heiligen Nikolaus, der - wie jedermann weiß - in Myra Bischof wurde, dessen Reliquien aber vor den muslimischen Eroberern der Stadt nach Bari in Italien gerettet wurden. Bernhard hatte eine Nikolaus-Reliquie auf den Berg gebracht, und da Barry selbstlos lebte und handelte wie der Heilige aus Bari, erhielt er den Namen dieser Stadt. Andere glauben zu wissen, dass dunkel gefärbte Hunde damals Bäri oder Bärli genannte wurden. Ich lasse beide Etymologien so stehen, denn ich will mich mit niemandem anlegen. 

 

Gerne bekenne ich mich aber zu den Frauen und gestände noch lieber, ich wäre der Bernhardiner der Droste gewesen, jener Seherin aus dem Münsterland, die einen sechsten Sinn wie wir Hunde hatte. Mit meinem dicken Fell hätte ich ihre Füße gewärmt, in jenen Stunden, als sie die Geschichte „Barry, der Hund vom Großen St. Bernhard“ schrieb. Aber leider war ich nicht der Hund an ihrer Seite. Wiedergeburt ist eben auch immer wieder ein Glückspiel.

 

Ich war auch nicht der Erfinder von Barryvox, dem elektronischen Suchgerät für Lawinenverschüttete, sondern ein einfacher Bernhardiner in den Schweizer Alpen. Barry I. war der Star unter uns Hunden. Von ihm sprachen bald alle Reisenden, und die Geschichten von seinen Wundertaten wurden immer kühner. Ich gehörte damals zum Fußvolk. Wir lebten wie die Mönche im Wechsel von Gebet und Arbeit. Scipio und Berganza, die heiligen Hunde aus dem Hospital von Valladolid, zogen durch die Gassen, um milde Gaben für die Kranken zu erbetteln. Mein Arbeitsplatz war die Küche. Hier briet der Bruder Koch zur Versorgung der vielen Pilger Ochsen, Schafe und Ziegen. Der Drehspieß wurde durch ein Laufrad betrieben, in dem ich im Wechsel mit einigen Brüdern Tag für Tag und Jahr für Jahr meine Runde drehte. Diese Tätigkeit in der Tretmühle würde heute sofort den Tierschutz auf den Plan rufen und das Gesundheitsamt wegen eines groben Verstoßes gegen die Hygiene in einer öffentlichen Küche.

 

Unsere Nahrungsaufnahme geschah nach klösterlichem Vorbild. Wir nahmen vor unseren Schlüsseln Platz. Dann wurde gebetet, das Kreuz geschlagen und anschließend schweigend gegessen, während ein Bruder aus der Regel des heiligen Augustin oder einem anderen erbaulichen Werk vorlas. Für unsere Novizen, so nannten wir die jungen Hunde, war dies keine leichte Übung. Kaum saßen sie an ihrem Platz, wollte sie das Essen hinunterschlingen. Es gehörte zu meinen Aufgaben, hier für mönchische Disziplin zu sorgen. Neben meinem Amt im Laufrad war ich als Novizenmeister für die Wahrung der Andacht und Esskultur zuständig. 

 

Die Neigung zu langsamer Einnahme der Mahlzeit ist mir noch heute zu eigen. Niemals stürzte ich mich auf meinen Napf, sondern warte stets, bis Undine mich ruft. Auch schlinge ich nicht das Essen hinunter. Wenn Undine mir einen dicken Hundekeks gibt, zerbeiße ich erst das Gebäck und nehme anschließend sehr bedächtig die einzelnen Brocken zu mir. Das gibt zwar eine riesige Krümelei auf dem roten Teppich, aber ich finde Achtsamkeit ist wichtiger als Sauberkeit. Außerdem muss Doggy sowieso jeden Tag die Teppiche saugen. Ein Leben im Kloster geht in die Substanz. Das schleift sich auch nach zehn Wiedergeburten nicht ab. Auch die beiden Klosterhunde Scipio und Berganza, von denen Miguel de Cervantes berichtet, erlebten mehrfache Reinkarnationen, wie mir Sigmund Freud mit dem Hinweis auf E.T.A. Hoffman erzählte. In seiner Jugend glaubte Freud an Wiedergeburt und meinte, er sei der Scipio redivivus, sein Freund Eduard Silberstein der Berganza. Beide schrieben sich Briefe in spanischer Sprache und unterzeichneten mit den Namen der Hunde. Warum nicht?

 

Namen sind nicht Schall und Rauch. Im Namen liegt ein Schicksal verborgen. Wer Barry heißt, so könnte man denken, der landet irgendwann beim Tierpräparator. In meinem Fall war es ein Besuch im Atelier von Nikolai Makarov, der Doggy auf die Idee brachte, mich ausstopfen zu lassen. Undine und Doggy waren zur Geburtstagsfeier eines Freundes nach Berlin gefahren. Der Freund heißt Heimo. Das ist ein wunderbarer Hundename. Heimo aber ist kein Hund, sondern Schriftsteller. Seine Geburtstagsfeier fand im Atelier von Nikolai Makarov statt. Während Doggy seine Geburtstagsrede hielt, fixierte Nikolai mit seinen Maleraugen Undine. Klar, dass sie bald über Hunde und Engel sprachen. Nikolai lud Undine in seine privaten Räume ein, um ihr einige seiner Engel-Ikonen zu zeigen. Vor einer Ikone saß ein großer brauner Hund, wahrscheinlich eine Mischung aus Bernhardiner und Leonberger. Als Nikolai ihn zu Undines Verblüffung mit dem Fuß zur Seite schob, zeigte sich, dass dieses Kalb nur noch die Hülle eines Hundes war. Dann erzählte Nikolai die Geschichte dieses Hundes. Seine inzwischen verstorbene Mäzenin hatte bestimmt, dass er ihr Erbe nur antreten dürfe, wenn er auch den ausgestopften Hund mit übernähme. Wie alt dieser treue Gefährte war, wusste Nikolai nicht zu sagen. Wahrscheinlich so alt wie Barry I. Es war dieser Bursche vor der Engelikone, der Doggy auf die Idee brachte, auch mich eines Tages präparieren zu lassen. Wahrscheinlich war er eifersüchtig auf Nikolai, denn malen kann Doggy nicht.

 

Undines Widerstand gegen eine Präparierung meines Balges ist schwächer geworden, seitdem sie einen Film über den japanischen Akita-Hund Hachiko gesehen hat. Alle Japaner lieben Hachiko. Zehn Jahre lang hat diese treue Seele am westlichen Ausgang des Bahnhofs Shibuya auf die Rückkehr seines verstorbenen Herren gewartet. Zur Erinnerung nannte man diesen Ort Hachiko Exit. Den Balg des frommen Hundes stopfte man aus und präsentierte ihn im Nationalmuseum der Naturwissenschaften. 

 

Reliquien sind Erinnerungsstücke an Heilige. In ihnen soll eine besondere positive Energie liegen. Der Zahn des Buddha, der Fußabdruck des Propheten, der heilige Rock, das Gewand der Maria, das Blut von Johannes Paul II. Mir ist egal, was aus meinem Körper wird. Ein Flügelschlag und hinter mir liegen Äonen. Aber was ich gewesen bin, das wird in Erinnerung bleiben. Jeder, der einen treuen Hund an seiner Seite hatte, weiß dies.