Michael Holzach starb am 21. April 1983 bei dem Versuch, seinen Hund aus der Emscher zu retten. Der Hund hieß Feldmann. Er wurde von der Feuerwehr geborgen. Für Michael Holzach kam die Rettung zu spät. Die tosenden Wasser hatten ihn gegen ein Wehr geschleudert. Michael Holzach war durch einen Reisebericht berühmt geworden. Zu Fuß und ohne Geld hatte er sich von Hamburg nach München auf den Weg begeben. Sein Reisebericht „Deutschland umsonst“ sollte verfilmt werden. Bei der Suche nach geeigneten Drehorten war Feldmann über die Böschung in den Fluss gestürzt. Michael Holzach zögerte keinen Moment. Er sprang ins Wasser, um seinen treuen Wegbegleiter zu retten. So verlor er sein Leben in jenem Fluss, den er in seinem Buch mit dunklen Bildern des Todes beschrieben hatte.

 

Im Frühjahr 1839 wanderte Friedrich Hebbel zu Fuß und ohne Geld mit seinem Hund den gleichen Weg in umgekehrter Richtung von München nach Hamburg. Die Tage waren extrem kalt und bald bluteten die Füße von Hebbels Hund. So trug er ihn streckenweise auf Händen durch Deutschland. Feldmann war ein junger Boxer-Mischling aus einem Hamburger Tierheim. Die Rasse von Hebbels Hund ist nicht überliefert worden. Michael Feldmann war Journalist. Er ging freiwillig zu Fuß und ohne Geld durch Deutschland. Friedrich Hebbel war ein junger Schriftsteller aus Wesselburen in Dithmarschen. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und lebte damals von den Zuwendungen seiner Freundin Elise Lensing, die ihm später zwei Kinder schenkte. Mit seinem Hund auf den Armen kehrte er bei einem Bauern ein und bat um eine Tasse Boullion zur Stärkung für sein Hündchen. Das Tier konnte die Gabe vor Erschöpfung nicht trinken. Der Bauer aus der Gegend von Soltau meinte, der Hund werde die kommende Nacht nicht überleben. Hebbels solle alleine weitergehen und das Tier dem Bauern überlassen. Er werde es erlösen. Erlösen hieß erschlagen. Mit Tränen in den Augen verließ Hebbel den Bauernhof. Er trug seinen Hund bis Hamburg auf dem Arm und rettete so sein Leben.

 

„Die Welt: die große Wunde Gottes", notierte Friedrich Hebbel in Erinnerung an die Reise mit dem Hündchen (Tagebuch vom 6. März 1843). Hebbel wuchs mit Hunden auf. Einen Hund zu kaufen, fehlte das Geld. So fanden herrenlose Tiere bei ihm Zuflucht. Ihre Nahrung sparte sich das Kind von den eigenen Mahlzeiten ab. Denn die Lebensmittel in seinem Elterhaus waren knapp. Zu Hebbels Hunden gehörte ein Pudel. Wenn er krank war, durfte er das Tier mit in sein Bett nehmen. Eine Katze hatte sich selbst zu ernähren. Wenn sie Milch stahl, wurde sie ertränkt. Hebbels Hund Caro wurde ausgesetzt, als er größer und größer wurde und nicht mehr ernährt werden konnte. Das war die Wunde, die in Friedrich Hebbels Seele blutete. Sie setzte in dem Kind zugleich das verborgene Talent zur Dichtung frei. Die ersten Gedichte des Sechsjährigen sind Grabgesänge auf Tiere. 

 

Caros Schicksal wird Hebbel ein Leben lang bewegen. In einem vielstrophigen Gedicht erinnert er sich an den Hund, der gehen musste, weil das Geld zu seiner Ernährung fehlte:

 

„Er erhielt von jedem Bissen

Seinen Theil, den ich bekam,

Und er war mir so ergeben,

Daß er selbst die Kirschen nahm.

 

Aber allzu bald nur trübte

Uns der heitere Himmel sich,

Denn er hatte einen Fehler,

Diesen, daß er wuchs, wie ich.

 

Und an ihm erschien als Sünde,

Was an mir als Tugend galt,

Da man mich um’s Wachsen lobte,

Aber ihn um’s Wachsen schalt.

 

Immer größer ward der Hunger,

Immer kleiner ward das Brot,

Und der Eine konnte essen,

Was die Mutter Beiden bot.

 

Als ich eines Morgens fragte,

Sagte man, er wäre fort

Und entlaufen wie mein Hase,

Doch das war ein falsches Wort.

 

Noch denselben Abend kehrte

Er zu seinem Freund zurück,

Den zerbißnen Strick am Halse,

Doch das war ein kurzes Glück.

 

Denn, obgleich er mit in’s Bette

Durfte, ach, ich bat so sehr,

War er Morgens doch verschwunden,

Und ich sah ihn niemals mehr.

 

Ward er an die Eisenkette

Jetzt gelegt von seinem Herrn,

Oder fiel sein Loos noch härter,

Weiß ich nicht, doch er blieb fern!

 

Blick’ ich in die tiefste Ferne

Meiner Kinderzeit hinab,

Steigt mit Vater und mit Mutter

Auch ein Hund aus seinem Grab.“

 

Zu Hebbels Hunden gehörte auch der Neufundländer eines Pastors. Der Geistliche hatte die Begabung des jungen Hebbel entdeckt und nahm ihn in seine Obhut. Hebbel hatte Büroarbeiten zu erledigen. Dafür durfte er im Pfarrhaus wohnen und bekam etwas zu essen. Der Pastor konnte sich die Fütterung eines gewichtigen Neufundländers leisten. Das große Tier hörte auf den Namen Monarch. Es suchte Hebbels Nähe und wich ihm bald nicht mehr von der Seite. Nach einem Roman von Laurence Sterne gab ihm Hebbel zwei weitere Vornamen. Yorik Sterne Monarch hieß nun der Hund, der Hebbel im Büro und auf den Spaziergängen stets begleitete. Das gutmütige Tier ließ allerlei Späße mit sich machen. Wenn Hebbel Besuch erwartete, setzte er Monarch gerne auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch, befestigte ihm eine Schreibfeder hinter dem Ohr und setzte ihm eine alte Brille auf. Vor Monarch legte er ein Buch über Kirchenrecht und kommentierte die Inszenierung: „Mein ehrwürdiger Yorik Sterne Monarch wiederholt das Corpus juris und gedenkt demnächst zu promovieren; er ist wahrlich dem Ziele weit näher, als ich dem meinigen.“ Hebbel, das erwarteten seine Förderer, sollte sich durch ein Jura-Studium eine Grundlage für seinen Lebensunterhalt schaffen. Er ging das Wagnis der Existenz eines freien Schriftstellers ein. Seine ersten Gedichte veröffentlichte er unter dem Namen seines tierischen Freundes Yorik Stern Monarch.

 

Michael Holzach opferte sein Leben für Feldmann. Caro musste gehen, weil das Brot im Hause Hebbel nicht für alle Zwei- und Vierbeiner reichte. Die Hunde Kaiphas und Eulen wurde erschossen, damit ihre Herren überleben konnten. Kaiphas und Eulen waren die letzten Überlebenden von 28 Schlittenhunden, mit deren Hilfe Fritjof Nansen und Hjalmar Johannsen im Frühjahr 1895 den Nordpol zu erreichen suchten.