"Se så! nu begynder vi.

Når vi er ved enden af historien 

ved vi mere, end vi ved nu",

 

sagt Hans Christian Andersen

zu Beginn seiner "Snedronningen".

 

Wie wahr!

 

So fange auch ich hier an,

das Märchen unseres Sabbatjahres für Euch zu erzählen.

Hauptartikel test

 

Auszug aus einem Weihnachtsgottesdienst mit Daniela Wolff

für die 5./6. Klassen des Goethegymnasiums Hildesheim 

 

Vorspiel: 

Der vierte König

 

Schüler A: Die drei Weisen aus dem Morgenland sehen den Stern von Bethlehem. Da geht ihnen ein Licht auf: Ein neuer König ist geboren worden! Sie zögern nicht. Sie brechen auf, wandern in Richtung Westen, finden die Krippe, knien nieder und beten. 

 

Schüler B: Mache dich auf den Weg!

Schüler C: Suche den König aller Könige!

Schüler D: Knie nieder und bete!

 

Schüler A: So lautet die Weihnachtsbotschaft der drei Könige aus dem Morgenland. Die drei Könige aus dem Morgenland werden als Heilige verehrt. Heilige sind Menschen, die vor Christus niederknien und ihn anbeten. 

 

Schüler B: Mit den Heiligen wandert der Stern von Bethlehem weiter durch die Jahrhunderte und Jahrtausende bis zu uns. 

Schüler A: Die heiligen drei Könige sind im Kölner Dom begraben worden. 

Schüler B: Zum Grab der Könige pilgern noch heute Menschen aus aller Welt.

Schüler A: Es gab aber noch einen vierten König.

Schüler B: Und von ihm wird erzählt, dass er noch heute lebt. 

 

 

Schüler E: „Ich bin der vierte König. 

Ich habe weder Weihrauch, Myrrhe noch Gold zu verschenken. 

Ich habe nur mein Herz.“ 

 

 

Ansprache: 

Das Geheimnis des vierten Königs

 

Was ein Schriftsteller ist, wisst ihr. Schriftsteller schreiben Romane, Märchen, Sachbücher und Theaterstücke. Ihre Texte finden wir auch in unseren Lesebüchern. Manchmal sind die Romane der Schriftsteller so berühmt, dass ich nur den Titel nennen müsste, und ihr könntet mir sofort den Namen des Schriftstellers zurufen. Ich mache einen Test und sage:

 

„Harry Potter“

Ein zweiter Test:

„Tintenherz“

Nun noch ein Test für die Lehrer:

„Die Leiden des jungen Werthers“

 

Die Legende vom vierten König steht in vielen Religionsbüchern. Sie ist verfilmt worden. Es gibt CD-Aufnahmen von ihr und Theaterstücke. Doch den Namen des Schriftstellers kennt kaum einer. Der Mann, der die Geschichte vom vierten König erfunden hat, heisst Edzard Schaper. Er war ein Jahr jünger als Astrid Lindgren und wurde im Jahr 1908 geboren. Der Name „Schaper“ ist im Hildesheimer Land sehr verbreitet. „Schaper“ bedeutet „Schäfer“. Die Schapers aber waren keine Schäfer, sondern Müller. Schapers Mühle lag in Mehle. Das Dorf liegt etwa 20 km westlich von Hildesheim. Noch heute kann man hier die Überreste von Schapers Mühle sehen. Edzard Schaper aber wollte kein Müller werden. Als er in eurem Alter war, hörte er in der Kirche ein Konzert. Der Komponist hieß Robert Schumann. Das Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Edzard musste weinen, so sehr war er von der Musik ergriffen. Aber er weinte leise, sodass niemand es merkte. Wenn man ihn gefragt hätte: Warum bist du so gerührt? Was bewegt dein Herz so stark? Dann hätte er es nicht erklären können. Aber er spürte vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, dass er ein besonders Herz hatte. 

 

Den Schlag seines Herzens hatte er schon oft vernommen. Zum Beispiel, wenn er im Sportunterricht schnell laufen musste oder wenn er vor einer Klassenarbeit aufgeregt war. Er wusste auch, wie man den eigenen Pulsschlag am Armgelenk messen konnte. Nein, es ging nicht um das Herz, das in seiner Brust schlug. Es ging um seine Seele und das unsichtbare Herz. Wenn er Musik hörte, dann spürte er dieses Herz und den Pulsschlag seiner Seele. 

 

Jeder Mensch hat eine Seele. Du spürst sie, wenn du von großen Gefühlen ergriffen wirst. Dann weißt du: Da ist etwas in mir, das man nicht erklären kann. Gefühle kann man nicht erklären. Aber man kann sie malen, über sie musizieren, man kann sie tanzen oder Geschichten über sie erzählen. Edzard Schaper lernte Klavier spielen. Auch einige von euch lernen ein Instrument. Ihr spielt in einer Band, einem Orchester oder seid Mitglied der Bläserklasse. Edzard Schaper gab nach einigen Jahren das Klavierspielen auf. Denn er hatte eine andere Sprache für seine Gefühle entdeckt. Er wurde Schriftsteller. 

 

Geschichten schreiben kann viel Freude bereiten. Auch in der Schule. Edzard Schaper aber war ein sehr schlechter Schüler. Mathematik, Physik, Biologie: alles mangelhaft und schlechter. Der Kunstunterricht: eine einzige Quälerei. Edzard Schaper besuchte das Humboldtgymnasium in Hannover-Linden und musste es vor der 10. Klasse verlassen. Das war eine Katastrophe. Und zugleich war es ein großes Glück. Denn der Schulleiter war nicht nur ein kluger Mann, sondern er war auch weise. Weise Schulleiter erkennt man daran, dass sie mit dem Herzen sehen können. Natürlich müssen sie darauf achten, dass die Schüler und Lehrer ordentlich arbeiten. Und manchmal müssen sie auch auf den Putz hauen, wie man zu Edzard Schapers Schulzeit sagte. Aber ein weiser Schulleiter lässt sich nicht von schlechten Noten blenden. Schaper hatte einen weisen Schulleiter. Er musste den jungen Burschen zwar aus der Schule entlassen, aber er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach ihm Mut zu: „Du wirst deinen Weg schon gehen!“

 

Solche Zeichen der Zuwendung vergisst man nicht. Da war einer in der großen Stunde der Not und hat unser Herz gestärkt, als wir so traurig waren. Da hat einer uns Mut zugesprochen. Gold, Weihrauch und Myrrhe und alle anderen schönen Dinge der Welt sind wichtig. Aber das wichtigste ist doch ein menschliches Herz. 

 

Edzard Schaper war schon ein alter Mann, als er die Legende vom vierten König schrieb. Aber sein Herz war noch immer bewegt. Er hatte in seinem Leben viel erlebt: Zwei Kriege. Zweimal war er zu Tode verurteilt worden. Einmal von Hitler, einmal von Stalin. Er saß über Jahre unschuldig in Gefangenschaft. Er wurde ein berühmter Schriftsteller, und dann wurde er vergessen. Er schrieb weiter und wurde erneut berühmt, und wieder kam eine Zeit, wo nur noch wenige seine Bücher lasen. Damals schrieb er die Legende vom vierten König. Und er wusste, dass diese Geschichte bleiben würde, so lange Menschen Geschichten erzählen. Der vierte König das ist Edzard Schaper. Der vierte König sind aber auch wir, wenn wir spüren: Es gibt nichts Wichtigeres auf der Welt als ein Herz voller Liebe und jemanden der an dich glaubt! Das Herz voller Liebe und der Glaube sind die schönsten Weihnachtsgeschenke.

 

 

 

 

Wer war Edzard Schaper?

von Kurt Kardinal Koch 

 

(aus der Ansprache bei der Präsentation des Buches von Uwe Wolff „Der vierte König lebt! Edzard Schaper – Dichter des 20. Jahrhunderts“ in der Apostolischen Nuntiatur in der Schweiz in Bern am 7. November 2012)

 

"Edzard Schaper war in seinem ganzen Wesen ein Grenzgänger, und zwar seit seiner Geburt. Dies gilt bereits von seiner äusseren Biographie, die ihn von Deutschland über Estland, über Finnland und Schweden in die Schweiz geführt hat. Indem er an den Grenzen von Nordosteuropa in einer Zeit grosser Umbrüche und weit reichender Umwälzungen gelebt hat, ermöglicht Uwe Wolffs faszinierende Biographie Edzard Schapers auch eine Reise im Geist durch Europa und seine ebenso grosse wie tragische Geschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Als ein Mensch, dessen Passion das Schreiben gewesen ist und der wegen der Freimütigkeit seines Denkens und Schreibens sowohl vom sowjetischen Russland als auch vom nationalsozialistischen Deutschland zum Tode verurteilt worden ist und sich deshalb immer wieder auf der Flucht befunden hat, bis er in der Schweiz eine gewisse Heimat gefunden hat, bringt er das scharfe Licht des Schriftstellers in das Dunkle der europäischen Geschichte, das wir nie der Vergessenheit anheimgeben dürfen.

 

Ein Grenzgänger war Schaper aber auch in seiner inneren Biographie. Auch sie hat ihren Ort an der Grenze. Seine immer wieder eintretenden Nervenzusammenbrüche zeigen die Grenzen  in seinem psychischen Leben, das auch von Suizidgedanken nicht frei gewesen ist, in dem er sich aber immer wieder auch mit der therapeutischen Kraft des Schreibens aufrichten konnte. „Das hohe Mass an Produktivität war die Kehrseite seiner Traurigkeit“ (284): Mit diesem Satz hat Uwe Wolff den inneren Grenzgang in der Biographie Schapers wohl meisterhaft und sensibel zugleich zum Ausdruck gebracht. Von daher wird es nicht überraschen, dass auch Schapers religiöses Denken und seine Spiritualität das Kennzeichen der Grenze tragen, nämlich die Grenze zwischen Schuld und Erlösung, die Grenze zwischen Tod und Auferstehung, die Grenze zwischen Karfreitag und Ostern und in allem die Grenze zwischen Anfechtung und Gnade. Dass es keinen Glauben ohne Anfechtung, keine Gewissheit ohne Zweifel und deshalb auch keine Erlösung ohne Versuchung geben kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biographie Schapers und dürfte sie gerade für die vielen suchenden Menschen von heute existenziell in besonderer Weise zugänglich machen."

 

 

 

 

 Louis Janmot. Le Poème de l'âme (Souvenir du ciel)

 

 

Literarisches Schreiben ist wie alle Kulturtechniken grundsätzlich lernbar. Sonst wäre ein Seminar für Literaturwissenschaft und literarisches Schreiben sinnlos und der Unterricht verschwendete Zeit. Doch ergeben Sprachgefühl und hoher Wortschatz, kompositorische Begabung und die Fähigkeit, Charaktere zu zeichnen, noch keinen „Malte“; Reim, Rhythmus, Versmaß und Metapher noch keine „Duineser Elegien“. Zur lern- und lehrbaren Seite des literarischen Schreibens tritt etwas Entscheidendes hinzu: Die Gunst der Stunde, in dem eine Begabung plötzlich Erfüllung findet und das rechte Wort zur richtigen Zeit gesprochen wird. Daher rührt die Freude des Gelingens, das Staunen und die Dankbarkeit. Sie ergreift auch den Lehrer. Der unverfügbare Augenblick hat eine Kehrseite: Zum Reden gehört das Verstummen, zum Kairos die ausbleibende Inspiration, zum Gelingen das Versagen, zum großen Wurf das Banale und Periphere, zum Vollendeten das Fragment. 

 

In dieser Spannung befindet sich Rainer Maria Rilke (1875-1926), als er sich auf Schloss Duino zurückzieht. Hier weilt er vom 22. Oktober 1911 bis zum 9. Mai 1912 als Gast der Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe (1855-1934). Rilke suchte neue Inspirationen an einem Ort, der nach der Überlieferung schon Dante Zuflucht geboten hatte. Der Dante-Felsen erinnerte an jenen Dichter, der die alte Lehre von den neun Chören der Engel in seiner „Göttlichen Komödie“ beschworen hatte. Gemeinsam mit der zwanzig Jahre älteren Fürstin widmete sich Rilke der Dante-Lektüre und übersetzte die „Vita nuova“. Dante inspirierte die Fürstin auch zu jenem Titel eines „Dottor Serafico“ oder „Serafico“ (der Engelgleiche), mit dem sie Rilke anredete. Im höchsten Chor der Engel sitzen die sechsflügeligen Seraphim. Sie sind die Mittler zwischen den Propheten und Gott (Jesaja 6.1-7). Ihr Gesang ist das Trishagion. Ihr Name gibt ihre Funktion an: „Entflammer“ oder „Erhitzer“ zur reinen Liebe. Franz von Assisi trug den Titel eines seraphischen Heiligen, weil er der Legende nach von einem sechsflügeligen Seraphim die Stigmata erhalten hatte. 

 

Kennengelernt hatten sich Rilke und die Fürstin im Dezember 1909 in Paris. Im April 1910 besuchte Rilke zum ersten Mal Duino, diesen Ort des kulturellen Gedächtnisses. Im Herbst 1911 zählt zu den weiteren Gästen der Fürstin der Philosoph Rudolf Kassner (1873-1959). Ihm wird er die achte Elegie zueignen, der Fürstin aber das gesamte Werk der zehn Elegien mit seinen 853 Versen. Schon vor den Elegien war der Engel ein immer wiederkehrendes Motiv in Rilkes Werk gewesen. Rilke war in einem katholischen Kulturkreis aufgewachsen, in dem die Heiligen, die Muttergottes und die Engel den Alltag strukturierten. Wichtiger als die Geburtstage waren hier die Namenstage mit ihrem Gedenken des Schutzpatrons, das Kirchenjahr mit den religiösen Festen im Familienkreis und der feierlichen Liturgie der katholischen Messe. Selbstverständliches Ritual war auch das Gebet zu den Heiligen und den Engeln. Rilke war zwar, was seine Mutter nie erfahren sollte, als er die norddeutsche Protestantin Clara Westhoff (1878-1954) heiratete, aus der katholischen Kirche ausgetreten, aber er blieb doch Katholik. Einen Teil des Honorars für die in einer Erstauflage von 10000 Exemplaren erscheinenden „Duineser Elegien“ wird er für die Renovierung der kleinen St. Anna Kapelle neben dem Turm von Muzot verwenden. 

 

Rilke befand sich in einer desolaten Lage. Seine Ehe mit Clara Westhoff ist gescheitert. Um die gemeinsame Tochter Ruth kümmern sich die Schwiegereltern. Rilke hat sich nach dem „Malte“ ausgeschrieben. Er klagt über Gedächtnisschwäche, Zahnschmerzen nervöser Art, Migräne, Hämorrhoiden, Wetterfühligkeit, ein übertriebenes Schlafbedürfnis. Deshalb hat er Kontakt zu dem Psychoanalytiker Emil Freiherr von Gebsattel (1883-1976) aufgenommen und erwägt eine Therapie, um die Schreibblockaden aufzulösen. Mit der alten Freundin Lou Andreas-Salome hatte er zwei Mal Russland besucht. Nun war das Verhältnis unterkühlt. Lou machte eine Ausbildung zur Analytikerin bei Freud und rät Rilke entschieden von einer Therapie ab: Mit den Neurosen werde auch sein kreatives Potential wegtherapiert. Der Aufenthalt in Duino soll die Rahmenbedingungen für neue Inspirationen schaffen. Literarisches Schreiben sei für ihn eine Form der „Selbstbehandlung“, bekundet Rilke gegenüber Emil von Gebsattel und Lou Andreas-Salomé. Schreiben hat eine therapeutische Funktion. Worin diese besteht, darauf werden die Duineser Elegien eine Antwort geben: Die Verwandlung der Welt in „ein erworbenes Wort“. 

 

„Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus,

Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster,-

Höchstens: Säule, Turm ... aber zu sagen, verstehs,

oh zu sagen so, wie die Dinge niemals

innig meinten zu sein.

(...)

Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat.

Sprich und bekenn.“

(IX. Elegie)

 

Im Dezember 1911 beginnt auf Duino eine Inszenierung, wie Rilke sie als Stimulanz brauchte: Zuerst wird für ihn ein Stehpult angefertigt, dann werden Möbel verrückt und Bilder umgehängt, ein Pavillon im Garten wird zuerst umständlich eingerichtet, dann aber doch nicht bezogen. Schließlich logiert er in einem großen Eckzimmer des Schlosses. Durch die Fenster schaut er auf das Meer: links in Richtung Triest und Istrien, rechts bis nach Aquileja und zu den Lagunen von Grado. Doch neben der sichtbaren Welt existiert hier oben auf Duino ein unsichtbares Reich der Geister, für das Rilke sehr empfänglich ist. Seinem Malte erscheint die längst verstorbene Christine Brahe. Auf Duino geistern Raymondine und die mit fünfzehn Jahren gestorbene Polyxène durch die Räume. Auf okkulten Sitzungen wird mit Hilfe der Technik des automatischen Schreibens ihre Gegenwart beschworen. Gemeinsam mit der Fürstin, sie war langjähriges Mitglied der Londoner Society of Psychical Research, und ihrem Sohn Alexander (Pascha) werden Séancen abgehalten. Die in jungen Jahren verstorbenen Frauen gehören zu jenen „Früheentrückten“, von denen die zweite Elegie spricht. Für Engel sind sie wie die Lebenden reale Gegenwart:

 

„Aber Lebendige machen

alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.

Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter

Lebenden gehen oder Toten. Die ewige Strömung

reißt durch beide Bereiche alle Alter

immer mit sich und übertönt sie in beiden.“

 

Die Haushälterin Miß Greenham wird in Rilkes vegetarische Diätwünsche  eingewiesen, der Diener Carlo bedient den Dichter in einem Esszimmer. Er ist angewiesen, den allein speisenden Dichter mit keinem Wort anzusprechen. Die Weihnachtstage verbringt Rilke auf eigenen Wunsch allein mit dem Personal. Zwischen dem 15. und 23. Januar 1912 entstehen die Gedichte des „Marien-Leben“. In Marias Begegnung mit dem Engel Gabriel spürt Rainer Maria Rilke jenem Unverfügbaren nach, aus dem neues Leben und neue Dichtung entsteht. Maria, deren Namen Rilke trägt, verkörpert Rilkes Selbstverständnis eines inspirierten Dichters, der „Schoss“ und „Gefäß“ sein will. Inmitten der Arbeit am „Marien-Leben“ wird dem Dichter die erste Elegie geschenkt. Nach dem Bericht der Fürstin stieg Rilke die steilen Treppen 200 Meter tief zum Meer hinunter. Die Sonne schien, das Meer leuchtete blau, eine heftige Bora wehte. 

 

„Da, auf einmal, mitten in seinem Grübeln, blieb er stehen, plötzlich, denn es war ihm, als ob im Brausen des Sturmes eine Stimme ihm zugerufen hätte: 

‚Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?’“

 

Rilke habe die Verse in sein Notizbuch notiert und am Abend die erste Elegie niedergeschrieben. In ihr spiegelt sich das Erlebnis der Inspiration wieder:

 

„Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur

Heilige hörten: daß sie der riesige Ruf

aufhob vom Boden (...) Aber das Wehende höre,

die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.“

 

Wenige Tage später entstehen die zweite Elegie und der Beginn der zehnten. Damit stand das Gerüst zum Bau einer Dichtung, deren Vollendung trotz aller Bemühungen in den kommenden zehn Jahren nicht gelingen wollte. Die Elegie ist ein Klagegesang, der in der deutschen Literatur bei Friedrich Hölderlin und Goethe einen Höhepunkt erreicht hatte, an dem gemessen zu werden jeder Dichter riskierte, der sich im frühen 20. Jahrhundert an diese Gattung wagte. Hat die Elegie in den Psalmen und in den Eingangsversen des Kyrie eleison der Liturgie einen göttlichen Adressaten, so markiert der doppelte Konjunktiv II der berühmten Eröffnungsverse einen Traditionsbruch. Die Existenz einer unsichtbaren Welt „der Engel Ordnungen“ wird nicht infrage gestellt. Die Engel bilden eine Welt für sich, ein Paralleluniversum, eine geschlossene Gesellschaft. Jede Kommunikation mit ihnen scheint unmöglich geworden zu sein. Wie die Götter Epikurs interessieren sie sich nicht für das Schicksal der Menschen. Im Irrealis der Melancholie,  im „Lockruf dunkelen Schluchzens“, wird von einer zweifachen Unmöglichkeit der Kommunikation gesprochen: Die Engel hören nicht auf den Anruf des Menschen und selbst wenn sie reagierten, so käme eine Begegnung dennoch nicht zustande: „und gesetzt selbst, es nähme/ einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem/ stärkeren Dasein.“ Der Gesang der Engel ist das Trishagion, jenes „heilig, heilig, heilig“, das während der Liturgie vor der Wandlung zitiert wird. Das Heilige aber ist das mysterium tremendum et fascinosum schlechthin. Wenn es erklingt, dann beben die Stufen des Altars, Knie und Haupt werden ehrfürchtig vor Gottes Gegenwart gebeugt. Der Engel bezeugt dieses „stärkere Dasein“. Wo es erscheint, ergreifen den Menschen Furcht und Zittern. Der jüdische Prophet Jesaja schreit „Weh mir, ich vergehe“, Mohammed versucht den Auftrag Gabriels abzuwehren. „Fürchte dich nicht!“ lautet daher die himmlische Entwarnungsformel, die Gabriel zu Maria spricht. Diese erschütternde Erfahrung des Heiligen hat Rilke treffend beschrieben, wenn es heißt: „Ein jeder Engel ist schrecklich.“ Als einziger Vers der gesamten Elegien wird er zu Beginn der zweiten Elegie wörtlich wiederholt: „Jeder Engel ist schrecklich.“ Deshalb konnte Rilke auch später gegenüber seinem polnischen Übersetzer betonen, dass die Engel der Elegien nichts gemein haben mit dem sentimentalen Engelkitsch einer katholischen Volksfrömmigkeit. Abschied genommen wird auch von der seit Kindheit vertrauten Gestalt des Schutzengels, die Rilke in vielen seiner Gedichte beschworen hat. 

 

Das Buch Tobit hat mit der Pubertätsparabel von Tobit (Tobias) und dem Engel Raphael die Urform aller Legenden vom Schutzengel geschaffen. Es erzählt den Weg ins Leben, bei dem der junge Tobit sich in verschiedenen Schlüsselsituationen bewähren muss. Auf dieser Reise ins Leben steht ihm Raphael zur Seite. Er wahrt das Geheimnis seiner Identität, indem er eine menschliche Gestalt angenommen hat und somit inkognito reist. Alle Engelgeschichten von der unsichtbaren Gegenwart himmlischer Geister basieren auf diesem Grundtext der jüdischen  Überlieferung. Er ist von bildenden Künstlern reich rezipiert worden und hat besonders durch Rembrandts lebenslange Beschäftigung mit diesem Motiv das Bild vom Schutzengel entscheidend geprägt. Kein Buch der Bibel hat Rembrandt so reich illustriert wie das Buch Tobit. In der lutherischen Tradition zählt das Buch Tobit zu den Apokyrphen, die Rilke während der Arbeit an den Elegien erneut studiert. Diese Lektüre findet ihren Widerhall in der Klage um den Verlust jenes Glaubens an die unsichtbare Anwesenheit der Schutzengel. 

 

„Wohin sind die Tage Tobiae,

da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Haustür,

zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar;

(Jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaussah).

Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen

eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochauf-

schlagend erschlüg uns das Herz.“ (II. Elegie)

 

 

Die Tage Tobiae aber sind vorbei. Die Engel der Elegien sind Boten des Heiligen. Dieses Heilige aber ist Ausdruck der Herrlichkeit einer himmlischen Hierarchie. Wo sie sichtbar wird, verblasst nicht nur jeder irdische Glanz, wer diese Schönheit angeschaut mit Augen, der fühlt sich in seinem innersten Wesenskern erschüttert. „Denn das Schöne ist nichts/ als des Schrecklichen Anfang“. 

 

Die Lehre von den himmlischen Hierarchien geht auf den christlichen Mystiker Dionysios von Areopagita zurück. Unter dem Einfluss der Philosophie Plotins (204/5-270) systematisierte er die verstreuten Aussagen der Bibel über die Engelwelt. Dabei ließ er sich von jenem Schema der Enneaden (Neunergruppen) anregen, nach dem Porphyrius die überlieferten Texte seines Lehrers Plotin gliederte. In einer stufenweisen Ordnung umkreisen die neun Chöre der Engel das Geheimnis der unsagbaren göttlichen Mitte, das sich wiederum nach neuplatonischem Muster durch die einzelnen Stufen der Engel ergießt, ohne sich in ihnen zu verlieren. In jedem Engel spiegelt sich das Schöpferische in einmaliger Weise. Die ästhetische Theologie des Areopagiten ist „die konzentrische Ordnung von Himmel und Erde, Engel und Mensch im Preisgesang um den Thron des Unsichtbaren: Wort, das sich in immer breiterem Widerhall fortsetzt, rings um die Mitte des Schweigens; Klang rings um die wesenhafte, unzugänglich verborgene Stille.“ Sie „erschöpft sich im Akt bewundernder Anbetung vor der in aller Erscheinung unerforschlichen Schönheit.“ Diese ästhetische Wahrheit „kann nur durch Eintritt in die Bewegung mitvollzogen werden: wer die Schönheit nicht sieht, dem ist durch Erläuterungen nicht zu helfen; wer nicht sehen kann, was in der Welt erscheint, dem nützt kein ‚Gottesbeweis’, wem die Wahrheit nicht ‚einleuchtet’, die aus der Mitte der Theologie ausstrahlt, dem wird keine Apologetik weiterhelfen.“  Für Dionysios von Areopagita ist alle Theologie eine „rühmende Feier der Gottesgeheimnisse“, die „ihr Ur- und Vorbild in den liturgischen Gesängen des Himmels besitzt“. Seine Engellehre hatte eine beispiellose Prägekraft als „evidente, verwirklichte Synthese von Wahrheit und Schönheit, von Theologie und Ästhetik“. Davon zeugt nicht zuletzt Hugo Balls Hymnus auf den Areopagiten und die orthodoxe Theologie, der zeitgleich mit den Duineser Elegien entsteht.

 

 Louis Janmot. Le Poème de l'âme (L'Auge et la mère)

 

 

Rilkes Elegien beschreiben den Weg zur Erfahrung dieser Herrlichkeit durch Teilhabe am Rühmen. „Wer seid ihr?“ (II. Elegie) In kühnen Metaphern umkreist der Dichter das Wesen des Engels und folgt dabei der seit Augustin gängigen Auffassung von der Engelwelt als erstem Schöpfungswerk Gottes. Vor der Erschaffung der sichtbaren Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen hat Gott die unsichtbare Welt der Engel durch das Wort ins Leben gerufen: 

 

„Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung, 

Höhenzüge, morgenrötliche Grate 

aller Erschaffung, - Pollen der blühenden Gottheit,

Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,

Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte

stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,

Spiegel: die die entströmende eigene Schönheit

wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.“ 

 

Mensch und Engel bilden in Augustins Gottesstaat eine Einheit. Sind die Engel der stationäre Teil des Gottesstaates, so gehört der Mensch zum pilgernden Teil. Die Einheit beider Teile aber wird in der Liturgie erfahrbar. Der Engel spricht und bekennt Gott im immerwährenden Lobpreis. In diesen Lobpreis stimmt der Mensch mit dem Gloria und dem Sanctus ein. „Rühmen, das ists! Ein zum Rühmen Bestellter“ (Sonette I. Nr. VII) wird Rilke nach Vollendung der Elegien in seinen Sonetten an Orpheus schreiben. Mensch und Engel bilden eine hymnologische Gemeinschaft. Die Welt ist Klang, die Welt ist Sprache: Der Gott der Genesis ruft allein durch sein Wort eine Welt ins Leben. An diesem Schöpfertum haben Mensch und Engel Anteil. Rilkes Elegien beginnen mit der Klage um den Verlust dieser hymnologischen Einheit, um sie sich schreibend wieder anzueignen mit einer „Zunge/ zwischen den Zähnen, die doch,/ dennoch, die preisende bleibt.“ (IX. Elegie) 

 

Hierarchie bedeutet heilige unerschütterliche Ordnung. In ihr hat jeder seinen Ort und seine Stimme. Und jeder erfüllt auf seine Weise das „Sprich und bekenn“. Die Chöre der Engel sind das Bild dieser Einheit in der Vielzahl der Stimmen. Vor diesem Urbild einer theologischen Ästhetik entfalten die Elegien zuerst das Drama der flüchtigen menschlichen Existenz. Nach langen Klagen über die Flüchtigkeit des Lebens und der Gefühle wird es gipfeln in dem Bekenntnis der siebten Elegie, dem Preislied der Erde: „Hiersein ist herrlich“. Diese Herrlichkeit des Lebens schließt alle Dunkelheiten des Lebens mit ein. Wie die Engel, so wird auch der Dichter zum Rühmenden. Das literarische Schreiben hat viele Dimensionen und Formen. Es erschöpft sich nicht in der Mitteilung, nicht in der Formgebung, auch nicht in einer möglichen selbsttherapeutischen Funktion. Es ist Daseinsbekundung, ein Akt kultureller Selbstbehauptung, der mit dem Menschsein selbst gegeben ist. Der Mensch spricht nicht nur, er ist Sprache. Zu sprechen und damit seine Existenz zu bekennen ist der Sinn seiner Existenz. Dieses Sprechen weist über das Sichtbare hinaus, verwandelt es, spiegelt es zurück. Worum es in den Elegien geht, ist die Verankerung der eigenen dichterischen Berufung und über sie hinaus der gesamten Kultur in einem transzendenten Prinzip. Dass sich der Geist in der Kunst offenbart, ist die Grundannahme jeder idealistischen Ästhetik. Rilkes Ästhetik des Rühmens als innerweltliche ästhetische Transzendenz findet in dem Lobpreis der Engel ihr himmlisches Vorbild. 

 

 

Der Engel ist Adressat der Elegien. Er wird nicht mehr als Begleiter beschworen, der in der Immanenz erscheint und den Menschen durchs Leben führt. „Glaub nicht, dass ich werbe./ Engel, würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn mein/ Anruf ist immer voll Hinweg; wider so starke/ Strömung kannst du nicht schreiten.“ (VII. Elegie)  Der Mensch begegnet jetzt dem Engel mit neuem Selbstbewusstsein auf gleicher Höhe, indem er der Erde treu bleibt. Er preist dem Engel die Welt, er rühmt das Vergängliche. Kultur schafft Gedächtnis. Zu ihr gehört auch das Handwerk, von dem Rilke in Erinnerung an seine Reisen nach Rom und Ägypten spricht:

 

„Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm

kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,

wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig 

ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,

als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.

Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest

bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.“

 

Das Wesen des kulturellen Gedächtnisses ist die Memoria. Durch sie schafft der Mensch eine eigene geistige Welt und stellt sie - das ist die Perspektive der Elegien – komplementär zu der geistigen Welt der Engel. Die Kulturgeschichte ist voller Beispiele für die Erfahrung, dass gerade im Zusammenbruch die großen Schöpfungen der Menschheit entstehen: Das gilt für die Sagen der Antike, die Schöpfungsberichte der Genesis, die Evangelien des Neuen Testaments, die Weisheit des Talmud, Augustins Gottestaat, Benedikts Klostergründung, die Märchen der Grimms bis zu Erich Auerbachs „Mimesis“, mit dem der jüdische Gelehrte im Istanbuler Exil ohne Zugriff auf wissenschaftliche Bibliotheken den Kreis der abendländischen Literatur durchschreitet. Es gilt auch für jene deutschen Gelehrten, die ein Jahrzehnt der Arbeit in den russischen Steinbrüchen überstanden, weil sie aus der geistigen Welt der auswendig gelernten Gedichte lebten und diese auf den Mundstücken der Zigaretten in Miniaturschrift überlebten. 

 

 

„Und diese, vom Hingang

lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich,

traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu.

Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbaren Herzen verwandeln

in – o unendlich – in uns! Wer wir am Ende auch seien.

Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar

ins uns erstehn? – Ist es dein Traum nicht,

einmal unsichtbar zu sein? Erde! unsichtbar!

Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?

Erde du, du liebe, ich will.“

 

Damit ist auch die Frage nach dem Adressaten der Elegien geklärt. Die Elegien sind ein Gebet. Es richtet sich an den Engel. Wer, wenn nicht sie, versteht etwas von der besonderen Stellung des Menschen im Kosmos? Wer, wenn nicht sie, kann das Glück der Erfahrung einer inneren Welt nachvollziehen? Wer, wenn nicht sie, kennt das überzählige Dasein, das dem Herzen entspringt (IX. Elegie) und nach Ausdruck verlangt? Die Elegien preisen den Raum der Kultur als ein unendliches und unerschöpfliches inneres Universum. Sie rufen die Engel als Zeugen der menschlichen Selbsttranszendierung in der Musik und in den Kathedralen, jenen großen aus Stein errichteten Gleichnissen des Himmels, an:

 

„War es nicht Wunder? O staune, Engel, denn wir sinds,

wir, o du Großer, erzähls, dass wir solches vermochten, mein Atem

reicht für die Rühmung nicht aus. So haben wir dennoch

nicht die Räume versäumt, diese gewährenden, diese

unseren Räume. (Was müssen sie fürchterlich groß sein,

da sie Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)

Aber ein Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es,-

Groß auch noch neben dir? Chartres war groß-, und Musik

Reichte noch weiter hinan und überstieg uns. Doch selbst nur

Eine Liebende-, oh, allein am nächtlichen Fenster...

reichte sie dir nicht ans Knie?“ (VII. Elegie)

 

Wem soll der Engel von diesen Wundern erzählen? Wunder, staunen, rühmen, lieben -: mit diesem Wortfeld der Herrlichkeit hat sich Rilke zu jener hymnischen Höhe emporgeschwunden, auf der der Mensch nun zum Mitsänger unter den Chören der Engel wird. Die hymnologische Einheit von Mensch und Engel, wie sie in der katholischen Liturgie gefeiert wird, findet ihr dichterisches Spiegelbild in der letzten Elegie. Ihre Eingangsverse wurden bereits im Januar 1912 niedergeschrieben. Sie sprechen eine Bitte aus, dass sich Mensch und Engel dereinst zu einer hymnologischen Gemeinschaft vereinen:

 

„Daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,

Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.“

 

Das von Dionysios über Dante vermittelte Bild der neun Hierarchien erfährt hier eine Ergänzung durch den zehnten Chor, der einst mit den Stimmen der Menschen besetzt werden wird. Die Lehre vom zehnten Engelchor spielte in den eschatologischen Bildern mittelalterlicher Dichtung wie etwa Wolframs Legende „Willehalm“ (308,5) eine Rolle. Ob Rilke sie gekannt hat, ist nicht zu klären und letztlich auch unerheblich.

 

Vollendet wurden die Elegien auf Château Muzot nach einer ähnlichen Inszenierung, wie damals auf dem nun durch den Krieg zerstörten Duino. Nanny Wunderly-Volkert (1878-1962), musste ihren Cousin aus Winterthur, den Industriellen und Mäzen Werner Reinhardt nicht lange überreden, um den Turm von Muzot samt des Hausgespenstes Isabelle de Chevron zu kaufen und nach Rilkes Bedürfnissen ausbauen zu lassen. Rilkes „Nike“ und seine zahlreichen weiteren Gönnerinnen, Freundinnen und Geliebten teilten das Selbstverständnis dieses Dichters, der sich als ein „zum Rühmen Bestellter“ zugleich als von jeder Sorge um den finanziellen Unterhalt seines Lebens befreiter Sänger verstand. Die Engel der Elegien sind auch das Urbild einer aller materiellen Sorgen enthobenen Dichterexistenz, wie sie Rilke seit je für sich reklamierte. Der Dichter singt wie der Engel: das ist seine Bestimmung und der Sinn seines Hierseins. Für die Ökonomie des Lebens sorgt der Mäzen.

 

Selbstverständlich wird mit Frida Baumgartner aus dem Kanton Solothurn, „einem stillen fleißigen jungen Mädchen, mit der ich nicht zehn Worte spreche in der ganzen Woche“ eine Haushälterin eingestellt. Er wohne nun, berichtet Rilke seiner Mutter, „im katholischsten Kanton der Schweiz nach etwa dem von Fribourg. Die alten Kirchen sind wunderbar und da sich hier überhaupt viel alte Überlieferung unter den überaus armen und hart arbeitenden Bauern erhält und fortsetzt, so sind auch die kirchlichen Traditionen im Volk sehr wirksam geblieben. Steigt man von Sierre nach meinem alten Muzot herauf, so ist jede Wegkreuzung durch ein großes Missionskreuz bezeichnet-, und zum Schlößchen Muzot selbst gehört durch die Jahrhunderte ein kleines Kirchlein, die alte St. Annakapelle“. Rilke besitzt den Schlüssel zu der kleinen St. Anna-Kapelle. In den Weihnachtstagen schmückt er selber den Altar mit Christrosen und hält die Kapelle mit Kerzen festlich erleuchtet. 

 

Zwischen dem 7. und 14. Februar 1922 eignen sich dann die produktivsten Tage in Rilkes Leben. In einem Schwung werden die Elegien und die 50 Sonette an Orpheus vollendet. In den Briefen an die Freundinnen verwendet Rilke durchgängig ein religiöses Vokabular: „Freude und Wunder“, „Dank“ und „Amen“ heißt es immer wieder, „unaussprechliche Gnade“, „ein großes gewaltiges Gebet“, „Wunder. Gnade“. Unter den Freundinnen ist es vor allen Dingen Lou Andreas-Salomé, die in diesen hohen Koloraturen virtuos mitsingen kann. Sie wählt den denkbar höchsten aller Vergleich, wenn sie das Werk der Elegien als „Wort gewordene Unaussprechlichkeit“ und „Urtext der Seele“ mit der Gottesgeburt vergleicht: „Möglich wohl, daß eine Reaktion eintritt, weil das Geschöpf den Schöpfer aushalten mußte, dann laß Dich davon nicht erschrecken (so fühlten sich auch die Marien nach der ihrem Zimmermann unfaßlichen Geburt.)“ 

 

Das Weihnachtsmysterium steht auch im Mittelpunkt jenes Briefes an die Mutter, den Rilke der Sendung seiner Elegien und der Sonette beilegt. Rilke hat ein widersprüchliches Bild von seinen ersten Lebensjahren und dem Verhältnis zu seiner Mutter überliefert. Neben der Klage über die Kleider, die Sophia Rilke ihrem Sohn anzog („Kindheit“ Winter 1905/6) steht die dankbare Erinnerung an diese kindlichen Rituale der Verkleidung und Inszenierung als Weihnachtsengel: „Kommt doch alles Lichte meiner Kindheit in jenen glücklichen Abenden zusammen, da man, in dem schönen Kleide, gleichsam den Engeln verschwistert war und sich zwischen ihnen und der übrigen Welt auf einer schwebenden Insel erhielt, zu der einen Leichtigkeit des eigenen Herzens hinaufgehoben hatte.“ 

 

Jedes Jahr erfüllten die adventlichen Rituale im Familienkreis und der geschmückte Baum hinter der verschlossenen Tür das Kind mit einer großen Vorfreude. „Vielleicht bin ich deshalb, meine liebe Mama, ein solcher Rühmer der Freude geworden (sie dem Glück, auch noch dem, was die Menschen ein großes Glück nennen, unbedenklich vorziehend), weil ihr mich zu so großer Vorfreude erzogen habt und an diesem einen Tag, in dem so viel Erfüllung geheimnisvoll zusammenkam, meinem Herzen zumuthet, in der Leistung der Vorfreude, ein Maß der Freude anzunehmen, das völlig unaussprechlich war. (...) In diesem Sinne lies auch meine beiden neuen Bücher, die Arbeiten meines vorletzten, (des ersten) Muzot-Winters: als einen Versuch, irgendwie Leben und Tod in einer übergroßen Freude, die ohne Namen bleibt, zusammenzufassen und alles, was hier geschieht, so auszusprechen, daß es sich feiern läßt, wie eine Vorfreude, um des Zitterns, um der Erwartung, um des Geheimnisses willen. Amen! Und so knieen wir wieder nebeneinander, liebe Mama, und erkennen die eine Quelle des Segens, und bitten, gesegnet zu sein. Dein alter René.“

 

 

Das Reich des Geistes, von dem Rilke in den Elegien spricht, bildet die  Grundlage allen Menschseins. Aus ihm leben die Kulturen, die der Mensch seit seinem Hervortreten aus der Evolution in Vers und Stein, Bild und Flötenlied geschaffen hat. Gerade die moderne Welt macht uns in der Vielfalt der Kulturen bewusst, was Kultur im eigentlichen Sinne ist: Ein Verwurzeltsein des Lebens im lebendigen Strom einer Überlieferung, die sich in jedem Leben neu spiegelt und in tausend Farben bricht. Zum Wesen jeder Kultur gehört, dass sie der Vermittlung bedarf. Sie vererbt sich nicht genetisch von Generation zu Generation, sondern wird durch die Erziehung weitergegeben. Der Acker der Kultur, von dem die Genesis spricht, will von jeder Generation neu bebaut und bewahrt werden. 

 

Die Philosophie Platons und Nietzsches, Goethes Faust und Thomas Manns Josephroman, die Welt der Symbole und die Musik von Bach sind wie alle großen Hervorbringungen des Geistes uns zur Überlieferung anvertraut. In dieser pädagogischen Aufgabe und Herausforderung stehen auch die Arbeit am kollektiven Gedächtnis, zu der jene Kulturwissenschaft auf ihre Weise einen Betrag leistet. „Aus einem gemeinsamen Wort- und Schriftgedächtnis lebt auch unsere ihm gewidmete, Orte und Länder und Kontinente übergreifende akademische Gemeinschaft, die kein Interesse vertritt als nur ihre humane Sache.“

 

 

 

 

 

Wiederkehr der Engel

Ein Rückblick auf die Jahrtausendwende

 

 

 

1. Symbole der Wandlung

 

„Zehn Jahre vor der Jahrtausendwende öffnen sich wieder die Himmel. Wie in den Zeiten der Altvordern herrscht reger Grenzverkehr. Die Engel kommen wieder! Zumindest hören Schriftsteller und Filmemacher ihre Flügel wachsen. Ein Zeichen, dass in apokalyptischer Gefahr auch das Rettende naht? Eine Flucht in die Illusion, weil wir die unerträgliche Einsamkeit unserer kosmischen Existenz nicht aushalten?“ Mit diesem Fanfarenstoss wollte ich unmittelbar nach dem Mauerfall und der politischen Wende des Jahres 1989 die Leser der Neuen Zürcher Zeitung auf die spirituelle Dimension des großen historischen Ereignisses hinweisen. Der Blick in die Religionsgeschichte lehrt, dass Engel immer in Krisenzeiten auftreten. Wenn der religiöse Kult an Strahlung verliert, wenn politische Systeme wanken und sich eine apokalyptische Stimmung ausbreitet, dann ist inmitten dieser Gefahren auch das Rettende nahe. Engel erscheinen nicht ohne Grund. Ihre Gegenwart markiert eine Stätte des Unheils, eine Erfahrung des Schmerzes, eine Stunde der Trauer. Doch in dem Moment, wo der Engel auftritt, beginnt bereits der Prozess der Heilung und Erneuerung. Deshalb sind Engel Symbole der Wandlung.

   

Mit der Wiederkehr der Engel in der Jahrtausendwende hatte niemand gerechnet. Die großen Theologen des 20. Jahrhunderts hatten sie einfach vergessen oder sich ihrer geschämt. So suchten sich die Engel eine neue Heimstatt. Als Rezensent verschiedener großen Zeitungen war mir bei der Durchsicht der Neuerscheinungen seit Mitte der Achtziger Jahre jedoch die zunehmende Präsenz der Engel in Romanen, Erzählungen und Autobiographien aufgefallen.  Inspiriert durch eigene Kindheitserinnerungen veröffentlichte Isolde Ohlbaum ihre ersten Photographien von Grabesengeln. Im gleichen Jahr 1986 kam Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ in die Kinos. Dieser Szene-Film erlebte mit „City of Angels“ ein populäres Remake. In einer Schlüsselszene  durchschreiten die beiden Engel Damiel (Bruno Ganz) und Cassiel (Otto Sander) die Berliner Mauer. Dieser Grenzüberschritt wurde zum Urbild der Ereignisse vom November 1989. Dass Mauern weichen und die Himmel sich wieder öffnen können, dass die Schöpfung sich wandelt und mit ihr der Mensch, davon kündet wie in biblischen Zeiten der Film. Mein Artikel für die Neue Zürcher Zeitung lag der Redaktion kurz nach dem Mauerfall vor. Ich hätte ihn gerne sogleich gedruckt gesehen. Doch meinte der zuständige Redakteur Martin Meyer, die Engel hätten Geduld. Zu meiner eigenen Vergewisserung schrieb ich das Buch „Breit aus die Flügel beide“, mit dem ich die biblische Überlieferung und die Rede von den Engeln in der Kunst, der Dichtung und Autobiographie sieben Lebensphase zuordnete. Vergeblich versuchte ich das Buch bei einem Verlag unterzubringen. Engel seien kein Thema mehr für den Buchmarkt, hörte ich immer wieder. Schließlich erschien das Buch 1993 im Herder Verlag. 

 

Inzwischen sind Engel aus dem Lebengefühl der Moderne nicht mehr wegzudenken. Als Kunst und Kitsch stehen sie in Drogerien und Blumenläden, schmücken Keksdosen und Dessous der Firma „Viva Maria“ oder zieren kleine Geschenkbücher, deren Flut unüberschaubar geworden ist. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist „Engel“ zu einer Chiffre für Hilfbereitschaft geworben. Menschen, die sich für andere selbstlos engagieren, werden wie Mutter Theresa von Kalkutta als Engel bezeichnet. Die moderne Reproduktionstechnik führt zur Allgegenwart von klassischen Engelbildern auf Postkarten, Kalendern und Bildbänden. Sie inspirieren Künstler zu einer neuen Arbeit am Mythos des Engels. Sein Bedeutungsreichtum ist so weit, dass sich der Engel auch als Mahnmal für die Verfolgung der Homosexuellen eignet, wie Rosemarie Trockel mit ihrem „Frankfurter Engel“ gezeigt hat. Engelbücher sind so zahlreich wie die himmlischen Chöre selbst. Einige von ihnen erreichen Millionenauflagen wie Anselm Grüns „50 Engel für das Jahr“. Bei einer breiten Leserschicht sind Lebenszeugnisse wie die Sammlung „Ich geb’ dir einen Engel mit“ besonders beliebt. Engel-Leser sind nicht an Theorie und Theologie interessiert, sondern an Erfahrungen. Es geht um mystische Erfahrungen und Mitteilungen aus der Innenwelt, dem esoterischen Bereich der Religionen. An dem Thema „Engel“ interessierte Leser suchen Anregungen, das eigene Leben im Spiegel einer anderen Wirklichkeit zu sehen und zu ihr durch meditative Techniken, Orakel oder das Gebet Kontakt aufzunehmen. Diese neue Sehnsucht nach Spiritualität ist keine romantische Flucht aus der Gegenwart, sondern eine Ergänzung der einseitig rationalen Wirklichkeitsauffassung.   Als Hilfe für diese Wiedereinübung eines Blicks hinter die Kulissen der sichtbaren Welt greifen auch erwachsene Leser verstärkt zu Kinderbüchern über Engel. 

 

Die Wiederkehr der Engel ist inzwischen offensichtlich.  Nicht alles, was heute den Buchmarkt bestimmt, hat Substanz. Deshalb muss man sich auch nicht mit einer Kritik der zahlreichen esoterischen Engelbücher aufhalten, die oftmals nichts anders sind als Selbstüberhöhung und Projektion. Als verbindendes Thema aller großen monotheistischen Religionen, als in der höchsten Dichtung der Menschheit Gestalt gewordene Erfahrung und als Begleiter im Labyrinth des Lebens bezeugen Engel zu allen Zeiten Gottes Gegenwart. Unsere Zeit hat ein großes Bedürfnis nach echter Erfahrung, nach Berührung mit dem Bleibendem, nach Begegnung mit dem Urgrund des Lebens. Wer vom Engel redet, der spricht immer von der Erfahrung der Transzendierung des Alltags und der Grenzen der eigenen Person. Der Gesang der Engel ist das Trishagion „Heilig, heilig, heilig“ (Jesaja 6.3) der Feier des Messopfers, in dem sich Himmel und Erde vereinen. Um die Erfahrung des Heiligen als mysterium tremendum et fascinosum geht es letztlich bei aller Rede von den Engeln. Sie zielt immer auf den letzten Grund der Wirklichkeit: So ist jede Engelerfahrung eine Gotteserfahrung.

 

 

 

2. Engel in der Autobiographie: Schlüsselerlebnisse 

 

Wie selbstverständlich die Rede von den Engeln inzwischen wieder geworden ist, lässt sich an zahlreichen autobiographischen Bekenntnissen ablesen. Marion Gräfin Dönhoff bekannte sich in ihrem letzten Interview öffentlich zu ihrem Schutzengel: „Natürlich gibt es ihn. Ich habe einen ganz engen Schutzengel. Davon bin ich überzeugt. (...) Ich habe einfach die Gewissheit, dass mein Schutzengel da ist.“ Auch die große alte Dame der Demoskopie, Elisabeth Noelle-Neumann, berichtet von Schutzengelerlebnissen aus früher Kindheit. Im Alter von fünf Jahren hatte sie eine Lichterscheinung in ihrem Zimmer wahrgenommen, die trotz intensiver Nachforschungen am nächsten Morgen unerklärlich blieb. Die Autorin berichtet, wie sie die Eltern, das Kindermädchen, die zwei Hausmädchen und die Köchin befragt und immer wieder die gleiche Antwort erhält: Niemand war in dem Zimmer gewesen, und keiner hatte ein Licht angezündet. „Als ich alle gefragt hatte, und niemand war nachts in meinem Zimmer gewesen, da sagte ich mir: Dann müssen es die Engel gewesen sein. Das war das Geheimnis. Von nun an behielt ich es bei mir - und bis heute ist es Geheimnis geblieben. Nie habe ich es vergessen, immer daran gedacht. Welch ein Trost.“ 

 

Erlebnisse dieser Art werden in modernen Autobiographien immer wieder erzählt. Ihnen kann die Forschung typische Merkmale der modernen Rede von den Engeln entnehmen: 1. Mit dem Wort „Engelerlebnis“ werden außergewöhnliche Begebenheiten im Lebenslauf bezeichnet, die sich als Erinnerungsspur tief im Gedächtnis verankern. 2. Diese Erlebnisse sind oftmals mit paranormalen Wahrnehmungen wie Lichterscheinungen verbunden. 3. Die betreffenden Personen erleben diese Momente im Lebenslauf als Schlüsselerlebnisse . 4. Sie machen die Erfahrung, dass sich diese Erlebnisse einer rationalen Analyse ebenso entziehen wie einer Versprachlichung. Daher werden sie oft mit dem Begriff „Geheimnis“ verbunden. 5. Diese Erlebnisse haben immer etwas mit den Fragen der Identität zu tun. Es geht um Beruf und Berufung, um Sinn und Ziel des eigenen Lebensweges, aber nur selten um religiöse oder gar kirchliche Bindung. 6. Die moderne Engelerfahrung ist eine direkte Verbindung zwischen  Gott und der Seele. Es geht nicht um kirchliche oder konfessionelle Bindung, sondern den „direkten Draht“ zu Gott. 7. Engelerfahrungen sind transkonfessionell. Sie deuten eine neue Form der spirituellen Entwicklung auf einen theozentrischen Glauben an, der auch keine Unterschiede zwischen den Religionen mehr kennt. 

 

Angeregt durch die eigenen Erfahrungen hat Elisabeth Noelle-Neumann verschiedene Umfragen zum Engelglauben der Deutschen durchführen lassen. 1997 waren 32 Prozent der Deutschen von der Existenz von Engeln überzeugt. 37 Prozent im Westen, 14 Prozent im Osten. Eine zweite Umfrage vom September/Oktober 2000 zeigte, dass der Engelglaube unter Männern zurückgegangen war. Während 1997 noch 23 Prozent der Männer an Engel glaubten, waren es im Jahr 2000 nur noch 16 Prozent. Gleichbleibend war die Zahl von 40 Prozent der Frauen, die von der Existenz der Engel überzeugt sind. Noch mehr Menschen glaubten an die Existenz von Schutzengeln. Die Frage „Glauben Sie, dass Sie einen persönlichen Schutzengel haben, oder glauben Sie das nicht?“ wurde in Westdeutschland von 47 Prozent der Befragten positiv beantwortet, 18 Prozent schlossen die Existenz eines Schutzengels nicht aus. Das sind immerhin 60 Prozent in Westdeutschland und 39 Prozent in Ostdeutschland, die ein positives Verhältnis zu Schutzengeln haben. In Amerika glauben sogar 69 % der Befragten an Schutzengel. 

 

Über die Aufgabe der Schutzengel existieren klare Vorstellungen. Auf die Frage, worüber man sich mit dem Schutzengel unterhalten würde, antworteten die Befragten: über Leben und Sterben (43 %), Lebenssinn und Lebensaufgabe (34 %), Kranksein und Heilung (33 %), die Weltlage im dritten Jahrtausend (26 %), Liebe, Ehe, Partnerschaft (25 %), Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Engeln (20 %), Arbeit und Beruf (18 %) oder Erziehungsfragen (10 %). Klare Vorstellungen herrschen auch über die Aufgaben der Engel. Sie schützen Menschen in gefährlichen Situationen (44 %), begleiten sie auf ihrem Lebensweg (38 %), warnen vor Gefahren (23 %), trösten und ermutigen Verzweifelte (21 %), begleiten die Sterbenden in den Himmel (17 %), überbringen göttliche Botschaften (16 %), greifen in das Leben ein (13 %) und bringen eine Wendung zum Guten.

 

Edgar Piel und Elisabeth Noelle-Neumann sind überzeugt, dass der Engelglaube von einem neu erwachten Bewusstsein für Transzendenz zeugt. „Denn eben diese Dimension ist es, die den Engelglauben neben vielen anderen Zeichen und Hinweisen als Antwort auf jedwede Transzendenzlosigkeit aktuell und brisant macht. (. . .) Der langsam wachsende Engelglaube aber ist ein Indikator dafür, dass sich allmählich und ganz still unterhalb der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle noch etwas anderes entwickelt. In welchem Maße dieses Andere am Ende Einfluss auf unsere Zukunft nimmt, ist zur Zeit kaum abzusehen.“ 

 

Mit einer Schutzengelerfahrung eröffnet auch der deutsche Diplomat und Schriftsteller Erwin Wickert seine Autobiographie. Sie führt zurück in die frühe Kindheit und berichtet von einem Treppensturz des dreijährigen Knaben, den er ohne Verletzung überlebte. Erfahrungen von Rettung und Bewahrung werden oft als Schutzengelerlebnisse bezeichnet, ohne dass diese eine bestimmte Bindung an einen Glauben zur Folge hätte: „Noch Jahrzehnte später, als ich den Glauben an die Wunder der Bibel, leider auch an die Auferstehung Christi, längst verloren hatte, wollte ich doch nicht von dem Glauben an den Engel lassen, der mich einst getragen hatte. Ich fühlte ja immer noch, wie er mich sanft die Treppenstufen hinabtrug.“ Engelerfahrungen markieren Schlüsselerlebnisse und Prägungen im Lebenslauf. Auch Wickert spricht vom Geheimnis dieser Erfahrung. Sie berührt einen letzten inneren Bezirk der Identität, die sich jeder Erhellung entzieht: „Ich habe überhaupt nie und mit niemand von dem Engel gesprochen, habe das Geheimnis in mir verborgen“. 

 

Auch Friedrich Cramer, der Göttinger Mediziner und ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts für Experimentelle Medizin, berichtet von einem Schutzengelerlebnis. Im September 1942 wird der damals achtzehnjährige Cramer am Don-Bogen schwer verwundet. In einem Nahtoderlebnis schaut er sein Lebenspanorama. Die Summe dieser Erfahrung von Identität inmitten der äußersten physischen Bedrohung fasst er später in dem Satz zusammen: „Alles, alles ist da – nichts geht verloren.“ Engelerfahrungen in der Gegenwart sprechen also nicht nur von Momenten glücklicher Fügung und Rettung aus Gefahr, sondern berichtet ebenso von der Bewahrung inmitten der Katastrophe. Das Geheimnis, von dem im Zusammenhang mit Engelerfahrungen immer wieder die Rede ist, umkreist das Geheimnis des Kerns einer Person, der trotz Krankheit, Schmerz und Todesgefahr als unzerstörbar erfahren wird. Ihn haben besonders die Arbeiten zur Sterbeforschung von Elisabeth Kübler-Ross immer wieder thematisiert. Die Schweizer Ärztin griff dabei auf eine alte Vorstellung zurück, nach der die Seele des armen Lazarus (Lukas 16.22) nach seinem Tod von den Engeln in den Himmel getragen wurde. Insofern führt jedes weitere Nachdenken über Engelerfahrungen zu Grundfragen der Anthropologie (Gibt es eine unsterbliche Seele?), des Wirklichkeitsverständnisses  (Gibt es eine Wirklichkeit, die sich empirisch nicht messen lässt und dennoch mein Leben bestimmt?)  und des Gottesbegriffs (Greift Gott in mein Leben ein?) 

 

Was schützt eigentlich der Engel? Diese Frage führt in einen Bereich, der nicht mehr von dieser Welt ist. Von ihm hat auch Dietrich Bonhoeffer in seinem bekannten Engelgedicht von den guten Mächten gesprochen. Es bildet innerhalb der modernen autobiographischen Zeugnisse vom Wirken der Engel ein Schlüsseldokument, weil es frei ist von jedem Verdacht der Stilisierung.  Das Lied taucht tief ein in die Nacht von Gethsemane und greift das Motiv des bitteren Kelches auf, den Jesus von einem Engel (Lukas 22.43) gereicht bekommt. Gottes Gegenwart und seine Bewahrung zeigt sich auf paradoxe Weise im Leiden. Bonhoeffers Engelerfahrung spricht von der Einswerdung des menschlichen Willens mit dem Willen Gottes. Das Engelgebet wurde als Weihnachtsgabe für die Verlobte geschrieben. In seinem Brief vom 19. Dezember 1944 aus dem Gefängnis berichtet Bonhoeffer auch von dem alten deutschen Kindergebet der 14 Engel, das Paul Gerhardt zu seinem Abenlied  „Nun ruhen alle Wälder“ anregte und das Johannes Brahms vertonte:

 

„Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken’, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder. Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich.“

 

 

 

3. Engeloffenbarungen: Medien

 

Schutzengelerfahrungen sind letztlich immer unverfügbar. Sie lassen sich wie letzte Haltungen oder ein religiöser Glaube nicht durch einen Willensakt erzeugen. Das breite Interesse an Schutzengelerfahrungen führt jedoch zu Rückfragen an die eigene Biographie. Habe ich auch einen Schutzengel? Wie kann ich ihn erfahren? Auf diese Fragen reagiert ein breiter Markt, der mediale Dienste anbietet. Er wird fast auschließlich von Frauen bedient. Engelvisionen in der Moderne haben eine lange Tradition. Früher waren sie den Propheten und Heiligen vorbehalten und führten immer ins Zentrum einer Gottesbegnung. In der Moderne wurden sie Ausdruck einer Individualisierung  und einer Autonomie des religiösen Subjektes. Eine Vision zu haben oder jemanden zu kennen, der visionäre Einblicke in andere Welten besitzt, war auch Zeichen der Unabhängigkeit von traditionellen kirchlichen Vermittlungswegen.  Engelmedien reagieren immer auf die Erstarrung religiöser Institutionen. 

 

Immer wieder nahmen Menschen für sich in Anspruch, einen Blick hinter den Schleier der Wirklichkeit geworfen zu haben. Emanuel von Swedenborg (1688-1772), Heinrich Jung-Stilling  (1740-1817) und Jakob Lorber (1800-1864) gehören dazu. Die Krankenschwester Joé Snell erblickte im Alter von zwölf Jahren, also zu Beginn der Pubertät, einen Engel in ihrem Kinderzimmer. Von da an folgte sie der Spur der Himmlischen. In ihren autobiographischen Aufzeichnungen „Der Dienst der Engel“ erzählte sie später von ihren Beobachtungen auf der Intensivstation der Krankenhäuser. Auch berichtet sie von Entrückungen in den Himmel, deren Straßen und Häuser sie detailliert beschreibt. Die Engelvisionen „Ein Büchlein von den Engeln“ von Mechthild Thaller-von Schönwerth sind nach ihrem Tod unter dem Pseudonym Ancilla Domini (Magd des Herrn) herausgegeben worden. Auch Wladimir Lindenbergs „Gottes Boten unter uns“ gehört zu den modernen Klassikern unter den Engelbüchern. Der russische Arzt Lindenberg hat die Rede von den Engeln eng mit der Deutung der eigenen Biographie verknüpft. Engel sind für ihn Symbole der Erfahrung des Wunderbaren im Lebenslauf. Sie bezeugen eine zweite Wirklichkeit hinter der sichtbaren Welt, die auf geheimnisvolle Weise jedes Menschenleben begleitet: „Wer auf die Zeichen achtet, dem werden sie zuteil.“

 

Zu den bekanntesten Privatoffenbarungen gehören die Mitschriften von 88 Engelgesprächen, die Gitta Mallasz unter dem Titel „Die Antwort der Engel“ (1981) veröffentlichte. Sie sind während der Kriegsjahre 1943/44 in Ungarn notiert und später überarbeitet worden. Unter vielen Engelfreunden gelten sie als echt. Gitta Mallasz zeichnete Engeloffenbarungen auf, die ihre Freundinnen Hanna und Lilli regelmäßig am Freitag um 15.00 Uhr zur Todesstunde Jesu erhielten. Mit dieser Uhrzeit deutet sie bereits die Passion der jüdischen Freunde Hanna, Joseph und Lilli an. Sie werden am 2. November 1944 von ungarischen Nazis gefangengenommen. Hanna und Lilli hatten die Möglichkeit einer Flucht ausgeschlagen, um das Leben ihrer Freundin Gitta zu retten. Alle finden den Tod, nur Gitta Mallasz überlebt. Dass in ihrem Nachnamen das hebräische Wort „malach“ (Engel) anklingt, dürfte kein Zufall sein. Mit der Veröffentlichung setzt sie ihren Freunden ein Denkmal.

 

Wie nehmen die Frauen die Botschaft der Engel wahr? Wie spricht ein Engel? Auch darüber geben die Dokumente Aufschluss. Hanna spricht von einer Erweiterung der Wahrnehmung. Alles innere und äußere Geschehen habe sie in großer Klarheit sehen und die Anwesenheit des Engels als belebende Kraft spüren können. Sie habe die Mitteilung der Engel in menschliche Sprache übersetzen müssen. Das letzte Wort des Engels inmitten der politischen Katastrophe lautet: „Glaubt es: Das ewige Sein ist schon euer.“ Aus Sicht der Engelforschung handelt es sich um eine moderne Märtyrerakte. Schon der Bericht von der Steinigung des ersten christlichen Märtyrers Stephanus und die Märtyrerakte vom Tod der Perpetua wissen von Engelvisionen zu berichten. Auch treten Engel in apokalyptischen Zeiten verstärkt auf. Worin besteht der Sinn dieser Engelbotschaft? Letztlich nicht in den Worten, meint Gitta Mallasz, sondern in den Bildern einer inneren Bewegtheit und der Entdeckung einer schöpferischen Kraft, die Menschen hilft, über sich selbst hinauszuwachsen. 

 

Engeloffenbarungen und Engelweihen kennt auch das 1961 von Gabriele Bitterlich (1896-1978) gegründete Opus Angelorum oder Engelwerk. Gabriele Bitterlich hatte seit ihrer Kindheit Engelvisionen und konnte angeblich ihren Schutzengel sehen. 1947 bekommt die sechsfache Mutter von ihrem Beichtvater den Rat, die Botschaft der Engel in einem geistlichen Tagebuch festzuhalten. Zwei Jahre später erhält sie von einem Engel den Auftrag, ihr erstes Buch zu schreiben. Es trägt den Titel „Das Reich der Engel“. 1961 zieht Gabriele Bitterlich auf die Burg St. Petersberg in Silz/Tirol. Was sie in Bildern schaute, wurde von Priestern gedeutet und in einem Andachtsbuch für die Gebetspraxis der Mitglieder des Engelwerkes zusammengestellt. Sie verstehen sich als Gebetsgemeinschaft für den Priesternachwuchs in der katholischen Kirche. Weitere typische Merkmale ihrer Spiritualität sind der Kampf gegen die Dämonen und die Vertiefung in das Sühneleiden Christi. Dazu gehört die tägliche Beichte und Kommunion. Diese wird in traditioneller Weise als Mundkommunion praktiziert. Bei Gabriele Bitterlich ging die Identifikation mit Christus so weit, dass sie die Wundmale (Stigmata) getragen haben soll. 

 

Das Corpus Operis Angelorum (COA) hat Niederlassungen in Augsburg, Freiburg i. Br., Wien, Rom. Neben dem Kloster St. Petersberg existiert St. Mattias in Schondorf/Ammersee. Die Priester werden in einer eigenen Hochschule in Anapolis/Brasilien ausgebildet. In fünf Schritten vollzieht sich die Einweihung in die Geheimnisse der Engelverehrung: Schutzengelversprechen, Schutzengelweihe, Aufnahme in den Helferkreis, Engelweihe und Sühneweihe. Die Schriften des Engelwerkes sind ausschließlich für Mitglieder und Freunde bestimmt. Sie sind einzeln nummeriert und gehen nach dem Tod des Besitzers an den Orden zurück. Wie Dionysios Areopagita, Hildegard von Bingen und mit ihnen eine ehrwürdige Tradition der katholischen Kirche, spricht das Engelwerk von neun himmlischen Chören der Engel. Diese traditionelle Lehre wird nun bis ins Detail entfaltet. Jeder Chor bekommt eine konkrete Aufgabe. Über die einzelnen Tagesengel informiert ein immerwährender Engelkalender. Hier kann das Mitglied des Ordens nachschlagen, welcher Engel für den Tag zuständig ist. Neben dem Namen ist der Tagesheilige genannt, der Engelchor und das Symbol, an dem der Engel erkannt werden kann. Ein kurzer Text informiert über die Person des Engels, seine Aufgaben und seinen Rufnamen. Ein Gebet beschließt die Einträge. Gabriele Bitterlich starb 1978. Ihr Nachfolger ist Georg Blaskò. Ihr Sohn Hanjörg Bitterlich ist der Abt des Ordens der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz. Als Rom nach längerer Prüfung bestimmte Schriften und Praktiken des Engelwerkes ablehnte, hat sich das Opus Angelorum formell unterworfen.

 

 

 

4. Anthroposophie: Engel als Erzieher

 

Der Engel als Wegbegleiter des Menschen ist von der jüdischen Überlieferung (Buch Tobit; Psalm 91), über das Neue Testament bis zum Islam ein allen Religionen gemeinsames Erbe. Der Glaube an den Schutzengel bleibt zwar an die Vorstellung der Existenz eines Gottes gebunden, der sich um das Schicksal des Individuums sorgt, er verlangt aber keine konfessionelle oder institutionelle religiöse Bindung. Deshalb ist er bei vielen Menschen auch außerhalb der Kirche sehr verbreitet. Eltern, die sich entschieden haben, ihre Kinder nicht taufen zu lassen, glauben dennoch häufig an die Existenz eines persönlichen Schutzengels. Daher taucht die Gestalt des Schutzengels nicht nur auf zahlreichen Reproduktionen von Kitsch-Bildern des 19. Jahrhunderts wieder auf, sondern steht im Kontext einer ernsthaften Besinnung vieler Eltern über Grundfragen der Erziehung. Galt es in der Pädagogik der Siebziger Jahre als ausgemacht, dass der Mensch im Wesentlichen durch Umwelteinflüsse, Familie, Schule und Gesellschaft geprägt sei, so treten heute wieder transpersonale Einflüsse wie Schicksal und Charakter ins Blickfeld. Auf diesem Hintergrund herrscht eine neue Offenheit für ein anthroposophisches Menschenbild, wie es etwa der Heilpädagoge Henning Köhler vertritt. Er versteht unter dem Schutzengel den Genius des Menschen, eine höhere Instanz, die durch die Stimme des Gewissens dem inneren Leben des Kindes eine Ausrichtung gibt: „In der Tat ist die Begenung mit dem Genius nicht nur motivierend, sondern auch riskant. Denn indem uns gezeigt wird, wozu wir aus Liebekräften imstande sind, bleibt uns die Bilanz unserer Versäumnisse, Selbstlügen und Anmaßungen nicht erspart. Ich erkenne, dem Wink des Engels folgend, die Fülle meiner Möglichkeiten und zugleich meine Schwäche, mein Versagen, das Ausmaß meiner opportunistischen Anpassungsbereitschaft; ich sehe, über welches Kapital ich verfüge, aber auch, wie viel Kapital ich ständig veruntreue.“ 

   

Manche Waldorfkindergärten tragen den Namen des Erzengels Raphael oder haben Michael als Schutzpatron. Damit wird den Kindern und Eltern signalisiert: Hier sind Menschen offen für das Einwirken der Engel und ihre erzieherische Arbeit. Dass Engel eine pädagogische Aufgabe haben, hatte schon Rudolf Steiner betont. In seinem Vortrag „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“, gehalten vor der Anthroposophischen Gesellschaft in Zürich (9. Oktober 1918), deutet er seine Engellehre an. Sie steht in engem Zusammenhang mit dem erzieherischen Auftrag zur Menschenführung, den Steiner als seine eigene Berufung empfand. Der Mensch wird von den Engeln geführt, ob er es weiß oder nicht. Die Wissenden oder Erwachten aber können zu Partnern der Engel werden. Am Ende der Zeiten bilden sie den zehnten Chor der Engel. So hatte es auch Hildegard von Bingen gelehrt, so dichtete Rainer Maria Rilke in seinen „Duineser Elegien“. Den Erwachten stehen die Schlafenden gegenüber. Sie wissen nichts von der Führung der Engel und der Wirklichkeit der höheren Welten. Rudolf Steiners Anthroposophie richtet sich an beide Menschengruppen. Denn er ist von der Erziehbarkeit des Menschengeschlechtes überzeugt. Menschen müssen nicht diejenigen bleiben, die sie gewesen sind. Steiner sieht eine Wesensgliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist, und er lehrt die Dreiteilung des Menschen in einen physischen Leib, einen Ätherleib und einen astralischen Leib. Die Engel haben nun die Aufgabe, Impulse für unsere Lebensführung zu geben. Sie machen das zuerst einmal im Traum. Jeder Mensch wird im Traum durch den Engel berührt. In Steiners Sprache tritt hier der Engel in Kontakt mit dem Ätherleib. Christian Morgenstern, der durch einige Vorträge Rudolf Steiners in Kristiania (Oslo) zur Anthroposophie kam, hat das nächtliche Gespräch zwischen Ätherleib und Engel in einem Gedicht beschrieben:

 

„Stör’ nicht den Schlaf der liebsten Frau, mein Licht!

Stör’ ihren zarten, zarten Schlummer nicht!

Wie ist sie ferne jetzt. Und doch so nah.

Ein Flüstern – und sie wäre wieder da.

Sei still, mein Herz, sei stiller noch, mein Mund,

mit Engeln redet wohl ihr Geist zur Stund.“

 

Der Mensch aber soll nicht Schlafender bleiben, sondern Erwachter werden. Er hat die Chance, den Engel auf einer höheren Stufe des Bewusstseins zu erfahren. Denn Engel formen auch in dem astralischen Leib, der Bewusstseinsseele, Bilder, Visionen, Gedankenblitze, Eingebungen, die in die Zukunft weisen und die Entwicklung der Menschheit auf eine höhere geistige Stufe vorantreiben. Die Aufgabe der Erziehung besteht darin, in den Kindern und Erwachsenen eine Achtsamkeit für die Wirklichkeit solcher Bilder zu schärfen. Anthroposophie versteht sich als Erwachen zur Wahrnehmung der Engelwelt und ihres Wirkens. Als abendliche Übung empfiehlt Steiner ein kurzes Innehalten, in dem die Ereignisse des Tages mit wachem Geist betrachtet werden. Jeder Mensch werde dabei auf ein kleines oder großes Erlebnis stoßen, das in sein Leben eingetreten ist. Steiner ist sich sicher: Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Wunder geschieht. Auch die Frage, was heute hätte alles passieren können, führe zu einer Tiefenerfahrung von Führung. „Von der Beobachtung des Negativen in unserem Leben, das aber von der weisheitlichen Führung unseres Lebens Zeugnis ablegen kann, bis zu der Beobachtung des webenden und wirkenden Engels in unserem astralischen Leibe ist ein gerader Weg, ein recht gerader Weg, den wir einschlagen können.“

 

 

5. Dichtung: Rilke

 

Rainer Maria Rilke befand sich in einer tiefen Lebenskrise, als er im Herbst 1911 die Einladung seiner Freundin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe annahm, den Winter auf ihrem Schloß Duino an der Adria zu verbringen. „Doctor Serafico“, wie sie den Dichter nannte, war aus der katholischen Kirche ausgetreten, die Scheidung von Clara Westhoff stand bevor, und er überlegte, ob er sich wie seine Frau in psychoanalytische Behandlung begeben sollte. Rilke war 36 Jahre alt und in einer Lebensphase, wo viele Menschen nach langem Ringen einen Durchbruch zu einer neuen Engelbegegnung finden. Auf Schloß Duino fand er die Einsamkeit, die für ihn Voraussetzung jeder echten Tiefenerfahrung war. Allein die Wirtschafterin Miss Greenham und der Butler Carlo standen diskret im Hintergrund. Am 20. Januar 1912 erhält Rilke einen Brief von seinem Anwalt. Die bevorstehende Trennung von Frau und Kind belastet ihn über die Maßen. Er verlässt das Schloss, geht den Weg hinunter zum Meer und vernimmt plötzlich Stimmen.

 

„Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“

 

Das ist der Beginn einer der bedeutendsten Engeldichtungen der Weltliteratur. Wie Maria die Worte des Erzengels Gabriel, will sie Rilke als reine Offenbarung empfangen haben. Noch am Abend schreibt er die erste der „Duineser Elegien“ nieder. Die zweite folgt bald, dann Bruchstücke, dann stockt die Niederschrift. Zehn Jahre werden vergehen, bis die zehn „Duineser Elegien“ vollendet sind, zehn Jahre des Ringens mit dem Engel. Viele Menschen kennen diesen Kampf mit dem Engel, auch wenn sie keine Dichter oder Künstler sind. Denn der Himmel geht über jedem Menschen auf. Es geschieht im Augenblick, in Bruchteilen von Sekunden. Das Erlebte festzuhalten, ihm Gestalt zu geben im eigenen Herzen, es wirken und wachsen zu lassen im Weltinnenraum der Seele, ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Dem Dichter ist es gegeben, ihn in Worte zu fassen. Das ist seine Gabe und sein Auftrag. Deshalb ist Mitteilung Pflicht.

 

Am 11. Februar 1922 vollendet er mit immer weiter nach innen genommenem Herzen auf Schloss Muzot den Gesang von „der Engel Ordnungen“. Sofort teilt er seiner Freundin Lou Andreas-Salomé in Göttingen die Geburt der Elegien mit. Er fühlt sich wie Maria nach der Geburt Jesu, spricht von „Wunder, Gnade“, und die Freundin stimmt in diesen höchsten aller möglichen Vergleiche ein: „Möglich wohl, dass eine Reaktion eintritt, weil das Geschöpf den Schöpfer aushalten musste, dann lass Dich davon nicht erschrecken (so fühlten sich auch die Marien nach ihrem Zimmermann unfasslichen Geburt).“

 

Rilkes zehn Engelgesänge erscheinen in einer Zeit, in der das Heilige als Kern echter Gottesbegegnung wiederentdeckt wird. Die bekannten kitschigen Engeldarstellungen im 19. Jahrhundert waren auch Ausdruck einer bürgerlichen Innerlichkeit gewesen. Nach den vergeblichen Versuchen der liberalen evangelischen Theologie, die Bibel unter den Gebildeten wieder gesellschaftsfähig zu machen, nach den ebenso vergeblichen Versuchen des Papsttums, die Moderne aufzuhalten, entdeckt Rudolf Otto das Heilige als ein tiefes Geheimnis, das den Menschen zugleich erhebt und erschaudern lässt. Von dieser Heiligkeit Gottes haben die Seraphim und Cherubim gesungen. Rilke, der sich nicht in eine vordergründig verstandene christliche Frömmigkeitsgeschichte einordnen läßt, nimmt ihren Gesang auf. „Ein jeder Engel ist schrecklich“, sagt er. Engel schützen, hüten und bewahren, gewiss, aber zuweilen erleben wir ihre Größe und Fremdheit, und vor ihrer Heiligkeit wird uns bewusst, wie weit wir von ihnen, aber auch von unserer eigenen Mitte entfernt sind.

 

Es ist kein Zufall, dass Rilke genau zehn Elegien veröffentlicht hat. Denn er übernimmt die alte kirchliche Vorstellung des Dionysios Areopagita von den neun Chören der Engel. Das sind die Ordnungen oder Hierarchien der Engel, von denen der erste Vers spricht. In der zehnten Elegie richtet Rilke schließlich seinen Blick in den Himmel auf den zehnten Engelchor, den einst die Menschheit bilden wird. Am Ende der Zeiten werden Engel und Mensch vereint sein und in Ewigkeit das Gotteslob singen. Rilke bedient sich also traditioneller Vorstellungen vom Himmel, zitiert klassische Engelgeschichten wie das Buch Tobit und vergleicht wie Hildegard von Bingen die Engel mit einem Spiegel. Doch wie kein Dichter vor ihm hat Rilke den Engeldienst des Menschen ernst genommen. Mensch und Engel, so hatten es die Kirchenväter gelehrt, sollen gemeinsam zum Ruhme Gottes singen. 

 

Wie aber fühlt sich der Mensch neben dem Engel? Was hat er schon mitzuteilen? Kann er mithalten? Aber gewiss, wenn der Mensch sich auf das konzentriert, was kein Engel weiß: Das irdische, vergängliche Leben, seine eigenen Erfahrungen, die Kunst, die Musik, die Empfindung, den Schmerz, die Liebe, die Sinnlichkeit. Der Mensch hat einen eigenen Auftrag. Sein Raum ist die sichtbare Welt. Sie will durch ihn ins Wort verwandelt werden, will Mitteilung werden, Lobgesang, wie ihn kein Engel anstimmen kann:

 

Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat.

Sprich und bekenn.“

 

Mensch und Engel sind Geschwister, Partner; jeder hat seine eigene Erfahrung von Welt, jeder seine eigene Stimme im himmlischen Chor. Der heilige Gesang der Seraphim und Cherubim hatte Rilke ergriffen. Gott findet zu allen Zeiten Propheten und Dichter, deren Herz offen ist für die Botschaft der Engel. Von ihren Worten zehrt die Menschheit. 

 

 

 

 

6. „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir...“ – Walter Nigg

 

Das Werk des Zürcher Kirchenhistorikers Walter Nigg (1903-1988) entwickelte sich im bewussten Widerspruch zur modernen Theologie. In zahlreichen Werken stellte er seinen Lesern „Große Heilige“ (1946) als glaubwürdige Leitbilder christlicher Existenz vor Augen. Nigg suchte einen erfahrungsbezogenen Zugang zu religiösen Fragen. Auf diesem Hintergrund ist sein Klassiker „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir...“ zu sehen, der 1978 erschien und zahlreiche Auflagen erlebte. „Der Lehre haftet nun einmal etwas Abstraktes, Intellektuelles, Trockenes an, obwohl man auf sie nicht verzichten kann. Wir aber möchten nicht Theorien und Behauptungen hören, sondern uns geht es um lebendige Erfahrungen, denn sie allein vermitteln dem Menschen eine innere Gewißheit, die ihm niemand rauben kann.“ Damit beschrieb Nigg die Erwartungshaltung des heutigen Lesers von Engelbüchern. Der Bachs Kantate zum Michaelisfest entlehnte Buchtitel war von Nigg als Gebet verstanden worden. 

 

Nigg schrieb sein Engelbuch während der Zeit des Terrorismus in Deutschland. Er sah nicht nur einen großen christlichen Traditionsabbruch, der mit Nietzsches Rede vom Tod Gottes begonnen hatte, sondern sorgte sich um den geistigen, sittlichen und kulturellen Bestand Europas: „Mit schwerem Herzen sieht man den Abbröcklungsprozeß, von dem man nicht sagen kann, wo er hinführt und wo er aufhört. Die Erosion des christlichen Glaubens ist in vollem Gange, und die Folge davon ist eine beispiellose Verarmung. Die Christen befinden sich in religiöser Beziehung in einem Elendzustand, mit dem sie sich nicht abfinden dürfen. Es gilt, sich mit allen Kräften zur Wehr zu setzen.“ Als junger Göttinger Student hatte Nigg durch Erik Peterson die Welt der Engel kennen gelernt. Sie wurde ihm mit Rudolf Otto Ausdruck für die Begegnung mit dem Heiligen, das der Mensch als Korrektiv bedürfe: „Der Christ anerkennt das Geheimnis, läßt das Mysterium gelten und versucht nicht, es analytisch aufzulösen, denn daraus würde nur ein Trümmerhaufen entstehen.“ Nigg hatte gemeinsam mit Karl Gröning Engelbilder aus der klassischen und modernen Kunst ausgewählt und mit Texten kommentiert, die sowohl informierenden wie meditativen Charakter hatten. Er verband damit eine erzieherische Absicht. Eine der wesentlichen Ursachen des Glaubensverlustes in der Moderne sah er im Sprachverlust begründet. Das rational-begriffliche Denken der theologischen Wissenschaft habe im Bewusstsein der Menschen eine zersetzende Wirkung gehabt. Wer Menschen wieder einen spirituellen Weg der Erfahrung eröffnen wolle, der müsse sie die Sprache der Symbole lehren. „Der religiöse Mensch denkt in Bildern, wie die Kinder und Künstler. Das abstrakte, unanschauliche Denken entspricht ihm nicht, weil es nicht dem unmittelbaren Bereich angehört.“ Durch Engelbilder hoffte Nigg, seinen Lesern wieder die Quellen der Spiritualität zu erschließen. Seine Zeitdiagnose war ohne Illusion, sah er doch die „radikale Abkehr von allem Engelglauben“. Dass sein Buch zur Wiederkehr der Engel im Bewusstein vieler Menschen beitrug, ist aus heutiger Sicht offensichtlich.  Nigg glaubte, dass allein ein transkonfessionelles  Christentum, das sich in seinem mystischen Erfahrungskern mit dem Judentum und dem Islam verbunden weiß, Bestand haben werde. Die Engel scheinen Boten dieser mystischen Frömmigkeit des 21. Jahrhunderts zu sein.

 

 

7. Thesen zum weiteren Gespräch 

 

Die folgenden Thesen verstehen sich als Impulse zur verantwortlichen Rede von Gottes Engeln. Sie sollen zeigen, dass Engel Anknüpfungspunkte für den interreligiösen, interkul­turellen, alle Zeit- und Lebensalter umspannenden Dialog stiftet. Der Engel eröffnet den Zugang zu Glaubensvorstellungen in Geschichte und Gegenwart und ermöglicht in Religionsunterricht und Gemeindearbeit den kritischen Dialog zwischen christlichem und nichtchristlichem Gottesbild.

 

These 1

Engel gehören zur Sprache der Offenbarung. Die ganze Bibel bezeugt im Alten und Neuen Testament Gottes Wirken durch die Engel. Damit bereichert sie die Rede von Gottes Eingriffsmöglichkeiten in die Geschichte durch Christus, den Heiligen Geist und die Propheten. Ein Verzicht auf die Rede von Engeln bedeutete eine Verarmung der Sprache der Offenbarung.

 

These 2

Engel gehören zur Sprache aller monotheistischen Religionen. Das Christen­tum teilt mit den großen monotheistischen Bruderreligionen Islam und Judentum die Mittlerfigur des Engels. Kein Monotheismus kann ohne sie gedacht werden. Der interreligiöse Dialog unter dem Aspekt der Engelvor­stellung führt zur Erkenntnis gemeinsamer Sprach- und Offenbarungstradi­tionen und damit zur Toleranz.

 

These 3

Engel gehören zur gemeinsamen Sprache von Altem und Neuen Testament. Während Christus erst im NT erscheint, die Propheten des ATs wiederum verschwinden, bleibt die Mittlerfigur von Gottes Geist, der Engel, von der Genesis bis zur Apokalypse ungebrochen gegenwärtig. Stärker als die neu­testamentliche Typologie vernetzt die Gestalt des Engels AT und NT und kann somit eine unbelastete Grundlage für den jüdisch-christlichen Dialog bilden.

 

These 4

Engel bringen Gott ins Gespräch. Die Rede vom biblischen Zentralmedium Engel eröffnet einen neuen, interessanten und unverbrauchten Zugang zur Frage nach Gottes Geist und seinem Wirken. Stärker als die durch Vertraut­heit und formelhaften Gebrauch unscharf gewordenen Sprachformen der, Rede von Christus (Christologie) und seiner Heilsbedeutung für den Menschen (Soteriologie), provoziert die Rede von Gottes Engeln Neugierde und Nach­denklichkeit über das Wirken Gottes in der Welt (3. Artikel). Bereits die Namen der biblischen Engel deuten den Hinweischarakter ihres Erscheinens an. Als Mittlerfigur zwischen Gott und Mensch bringt der Engel beide ins Gespräch. 

 

These 5

Engel richten den Blick auf Gottes Geist. Die Wiederkehr der Rede von Engeln in Dichtung, Film und in der Kunst steht in Zusammen­hang mit der Suche nach einer neuen Spiritualität. Christen können im Dialog mit diesem Zeitgeist ihr Erbe neu entdecken.

 

These 6

Engel zeigen die wahre Gestalt des Menschen. Die Rede vom Schutz- oder Begleitengel eröffnet ein neues Nachdenken über das Wesen und die wahre Gestalt des Menschen vor Gott. Der Engel zeigt als ein Wesen der dienenden Hingabe an Gott das Bild der reinen Schöpfernatur (Gottes Ebenbild) und setzt so einen Kontrast zur gebrochenen Existenz des Menschen. Damit eröffnet er einen neuen Zugang zu dem heute schwer zu vermittelnden Sün­denbegriff.

 

These 7

Engel bringen Christus ins Gespräch. Indem der Engel in der Welt das wahre Bild des Menschen erscheinen läßt und damit einen Kontrast zur gefallenen, sündigen Natur schafft, weist er auf die Notwendigkeit der Erlösung hin. 

 

These 8

Engel befreien aus der Ichbezogenheit. Der Engel stellt den einzelnen Menschen in einen sozialen und religiösen Kontext und stiftet damit ein ganzheitliches Ich- und Welterleben. Er führt aus der Ichbezogenheit und Vereinzelung zum Dialog. Somit ist er ein kritischer Gesprächspartner der Sicht des Menschen in Psychologie, Psychoanalyse und Anthroposophie.

 

These 9

Engel stellen die christliche Gemeinde in einen kosmischen Zusammenhang. Im Gesang und Gebet des Gottesdienstes ist die Gemeinde Teil der univer­salen Gemeinschaft des Gotteslobes.

 

These 10

Engel stellen Umwelt her. Der Engel setzt den Menschen in ökologische Kontexte und lehrt die Welt als Einheit zu sehen. Er führt zu einer ganz­heitlichen Sicht des Menschen und der Welt. Eine theologische Ethik, die ökologische Horizonte zu denken wagt, wird sich auf Gottes Engel besinnen dürfen.

 

These 11

Engel bringen Bibel, Tradition und Gegenwart ins Gespräch. Der Engel ist nicht nur Medium der Vernetzung biblischer Offenbarungen Gottes in höchst unterschiedlichen Kontexten, sondern in seiner Gestalt befreit Gott auch in nachbiblischer Zeit den Menschen. Das gilt von den Kirchenvätern, den Heiligen, über das gesamte Mittelalter bis zur Gegenwart. Keine biblische Mittlerfigur kann so wie der Engel auf eine ungebrochene Präsenz verwei­sen. Diese zeitliche und räumliche Allgegenwart des Engels ermöglicht Anknüpfung und kritischen Vergleich gegenwärtiger Gotteserfahrung mit denen der Bibel.

 

These 12

Engel fördern den ökumenischen Dialog. Im Gegensatz zur katholischen Verehrung der Gottesmutter und der Heiligen ist der Engel eine von allen Konfessionen geteilte Mittlerfigur. Er ermöglicht besonders den Dialog mit der griechisch- und der russisch-orthodoxen Kirche.

 

These 13

Engel bringen Dichtung, Kunst und Theologie ins Gespräch. Dichtung und Kunst haben die religiöse Vorstellungswelt entscheidend beeinflußt. Die wechselseitige Beziehung von Dichtung, Kunst und Theologie kann am Bei­spiel der Engel exemplarisch verdeutlich werden. Damit wird die Rolle der Tradition als einer neben der Bibel das christliche Bewußtsein prägenden Kraft sichtbar.

 

These 14

Engel geben Einblick in die Entstehung der neutestamentlichen Gedanken­welt. Die neutestamentlichen Welt- und Gottesbilder sind unter Aufnahme, Abgrenzung und Umformung von Vorstellungen der religionsgeschichtlichen Umwelt Israels entstanden. Diese Genese kann am Beispiel der vorchristli­chen und außerchristlichen Engelvorstellung - wie sie etwa in der jüdisch­apokryphen Tradition dokumentiert ist - exemplarisch erschlossen werden.

 

These 15

Der Engel begleitet den Menschen durch alle Lebensalter. Die Rede von den Engeln gehört in den Kontext elementarer Anfänge religiöser Erziehung (Gebet mit den Eltern, Kindergarten, Grundschule), wo grundlegende und bleibende religiöse Vorstellungen geprägt werden, und in den Kontext der Rede von den letzten Dingen (Sterben, Tod, Auferstehung). Er verbindet somit nicht nur biblische und außerbiblische Tradition, christliche und außerchristliche Glaubenwelten zu einem Dialog, sondern auch die Lebens­alter der Menschen.

 

 

 

8. Bibliographie „Engel“ von Uwe Wolff

 

-: Die Wiederkehr der Schutzengel. In: Rheinischer Merkur vom 29. September 1989.

-: Himmlische Helfer an der Zeitmauer. Die Engel kehren im Dämmer der Moderne wieder: In: Lutherische Monatshefte 12/1989.

-: Himmlische Chöre oder Der Engel frohe Lieder. In: Rheinischer Merkur vom 15. Dezember 1989.

-: Bitte keine Flügel stutzen! In: Rheinischer Merkur vom 22. Dezember 1989. S. 17.

-: Auf der Himmelsleiter. In: Braunschweiger Beiträge 53-3/1990. S. 5--25. 

-: Auf den Spuren der Engel. In: Engel und Dämonen. Wiederkehr mythologischer Rede vom Bösen und Guten? Herrenalber Protokolle 79/1990. S. 39-54.

-: Lesen lernen im Buch des Lebens. Hans Blumenberg zum Geburtstag. In: Akzente 3/1990. S. 264-267.

-: Himmel und Hölle öffnen sich wieder. Warum wir noch immer Engel brauchen. In: Stuttgarter Zeitung vom 22. Dezember 1990. S. 46.

-: Die Engel fliegen wieder. Zur Renaissance eines religiösen Phänomens. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 24. Dezember 1990.

-: Die Wiederkehr der Engel. Boten zwischen New Age, Dichtung und Theologie. EZW-Texte. Impulse Nr. 32. 35 Seiten. 1991.

-: Der Geist ist willig, doch der Bauch ist schwach. (Rez. Peter Brown. Die Keuschheit der Engel. Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit am Anfang des Christentums). In: Rheinischer Merkur vom 11. Oktober 1991. S. 44.

-: Himmlische Körper. Rezension von Peter Browns „Die Keuschheit der Engel„ In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 18. November 1991. 

-: Der Engel Flügel wachsen hören. Kapitel einer Angelologie der Jahrtausendwende. In: Neue Zürcher Zeitung Nr. 297 vom 21./22. Dezember 1991. S. 53-54. 

-: Die Engel fliegen wieder. In: Mut. Forum für Politik und Geschichte. Dezember 1991. S. 58-68. 

-: Die Botschaft der Engel. Ein erfahrungsbezogener Zugang zur Gottesfrage. Klett Verlag. Stuttgart (= Stundenblätter Schülerheft und Lehrerkommentar). 1992.

-: Wo sich die Pforten der Wahrnehmung öffnen. Epiphanien in der Literatur. In: Rheinischer Merkur vom 3. Januar 1992.

-: Der ganze Himmel und die ganze Erde. Christen brauchen die Herausforderung der Heiligen. In: Lutherische Monatshefte. April 1992. S. 157-161.

-: Die Wiederkehr der Engel. Zu einem erstaunlichen Phänomen – längst vor der Weihnachtszeit. In: Idea Nr. 11/1992. S. III-IV. Zugleich in: Idea-Spektrum 48/1992. S. 14-15.

-: Die Engel fliegen wieder. In: Arbeitshilfe für den evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien. Heft 50. Hrsg. von Jochen Papst. Hannover 1992. S. 53-66. 

-: Breit aus die Flügel beide. Von den Engeln des Lebens. Verlag Herder. Freiburg. 240 Seiten. 1993. 42006.

-: Gottesdämmerung. Auf den Spuren einer Sehnsucht. Verlag Herder. Freiburg. 224 Seiten. 1994.

-: Im Lichte des Glücks. Träume vom Paradies, fromm und profan. In: Stuttgarter Zeitung vom 5. Februar 1994.

-: Das große Buch der Engel (Anthologie mit Farbtafeln). Verlag Herder. Freiburg. 280 Seiten. 1994. 42007.

-: Himmlische Grenzgänger. „Engel der Liebe“ – Ein Themenabend bei „arte“. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 27. Dezember 1994.

-: Unter Deinen Flügeln geborgen. Legenden vom Geheimnis der Engel. (Anthologie mit Farbtafeln). Verlag Herder. Freiburg. 120 Seiten. 1995. 21995.

-: Der gefallene Engel. Von den Dämonen des Lebens. Verlag Herder. Freiburg. 256 Seiten. 1995.

-: Und der Engel ließ mich nicht los. Erfahrungen mit unsichtbaren Freunden. Verlag Herder. Freiburg. 120 Seiten. 1996. 21997.

-: Engel sind Liebende. Gedanken zum Schutzengelfest am 2. Oktober. In. Deutsche Tagespost vom 1. Oktober 1996.

-: Die Engel – Himmlische Wegbegleiter. In: Die Entdeckung des Himmels. Loccumer Protokolle 27/1998. S. 59-93.

-: Wo ist das Paradies? Von der tiefen Sehnsucht in Werbung und Religion. In: Auftrag und Weg. Thema: Werbung. 4/1998. S.133-134.

-: Engel sind Gottes Strahlungen für Menschen, die ihre Seele auf Empfang schalten. Interview mit dem Magazin Contrapunkt. 6/1998. S.14-15.

-: Der Engel an meiner Seite. Biographische, biblische und meditative Zugänge zum Geheimnis der Engel als Begleiter auf dem Lebensweg. Anthologie zur Tagung des Loccumer Arbeitskreises für Meditation vom 4.-6. Dezember 1998. (Zusammen mit Elisabeth Borries).

-: Die Engel – Himmlische Wegbegleiter. In: Barbara Hallensleben (Hrsg.). Un ange passe . . . Ökumenische Wegzeichen. Universität Fribourg Suisse. S. 5-24. Fribourg 1999.

-: Das quälende Gefühl der Entzweiung: Licht und Schatten bei C. G. Jung und Ernst Jünger. In: Thomas Arzt (Hrsg.). Jung und Jünger. Gemeinsames und Gegensätzliches in den Werken von Carl Gustav Jung und Ernst Jünger. Königshausen und Neumann Verlag. Frankfurt a. M. 1999. S. 163-180.

-: Die Engel – Himmlische Wegbegleiter. In: Lernort Gemeinde. Zeitschrift für spirituelle Praxis. Heft 4/1999. S. 31-36.

-: Engel in der modernen Literatur. Dort, wo man sie nicht erwartet. In: Markwart Herzog (Hrsg.). Die Wiederkunft der Engel. Beiträge zur Kunst und Kultur der Moderne. Irseer Dialoge. Band II. Kohlhammer Verlag 2000. S. 83-98.

-: Singen, Beten, Tanzen – Ein Vorgeschmack auf den Himmel. In: Forum Loccum Nr.2/ Mai 2000. S. 20-21.

-: Alles über Engel. Aus dem himmlischen Wörterbuch. Herder-Spektrum. Freiburg 2001.

-. Die Reise ins Labyrinth. Unterwegs zur eigenen Mitte. Herder-Spekrum. Freiburg 2001.

-: Gelobt seist Du mein Herr... Impressionen einer franziskanischen Pilgerfahrt. In: Antoniuskalender 2001. S. 75-82.

-: Vom himmlischen Flugverkehr der Engel. In: Hans-Werner Kalkmann. „Er fliegt und fliegt“  (Ausstellungskatalog )S. 49-56.

-: Grenzgänger mit Flügeln. Das Thema Engel braucht einen Platz nicht nur im Fachsortiment. In: BuchMarkt Juli 2001. S. 134-135.

-: Auf den Spuren der Engel. Warum Engel uns faszinieren. In: Leseforum Winter/2001. S.4-5.

-: Der Engel des Lichts. Weihnachtliche Gedanken zu einem romanischen Kunstwerk. In: MUT. Forum für Kultur, Politik und Geschichte. Nr. 412. Dezember 2001. S. 10-13.

-:  Alles über die gefallenen Engel. Aus dem Wörterbuch des Teufels. Kreuz    Verlag. Stuttgart 2002.

-: Die Engel von Ground Zero. In: Margot Kässmann (Hrsg.). Glauben nach Ground Zero. Kreuz Verlag. Stuttgart. S. 136-144.

-: Sieben Engel hat der Mensch. Wie sie dich durchs Leben leiten. Kreuz Verlag 2003. 22004.

-: Wo war Jesus zwischen Karfreitag und Ostersonntag? Das Leben Jesu für unsere Zeit erzählt. Kreuz Verlag. Stuttgart.

-: Welche Farbe hat die Himmelstür. Symbole der Weltreligionen für unsere Zeit erklärt. Kreuz Verlag 2003.

-: Satanismus. Spiel mit dem Bösen in der Jugendszene. In: MUT: Nr. 426.  S. 54-57.

-: Das kleine Buch vom Schutzengel. Kreuz Verlag  2003.

-: Jeder Tag hat seinen Engel. Kreuz Verlag 2003.

-: Der Engel der Stille behüte dich. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh. 2005.

-: Kinderbriefe an den Schutzengel. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2006.