Aber nein! 

„Tango“ bedeutet „Berührung“.

Im Tango berühren sich zwei Menschen.

Das kannst Du auch.

Der Tango ist eine Liebeserklärung an das Leben.

Lass Dich berühren.

 

Meine Reise mit Undine in die Welt des Tango führt von Hannover über Halle und Dresden, von der Schweiz und Italien nach Schweden und Dänemark. „Tango - Das Leben tanzen“  ist eine Kulturgeschichte der Berührung. 

 

 

Tango war ursprünglich der Tanz der Auswanderer und Heimatlosen: Seine Anfänge liegen in einer großen Migrationsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts von Europa nach Südamerika. So spiegelt sich in der Musik und den Texten eine widersprüchliche Stimmung von Aufbruch und Abschied, Liebe und Trauer, Zuversicht und Melancholie. Tango ist Therapie - Verwandlung des Schmerzes in Schönheit.

 

 

 

 

Undine von der Lamme und Uwe Wolff (Oktober 2018) 

 

Walzerklänge:

Noch einmal - Führen und Folgen

 

 

 

 

Es ist Februar geworden. Hornung, sagt Undine. Sie lässt sich vom Zauber alter Wörter berühren. Manches Wort ist für sie reine Magie. „Satumaa“ zum Beispiel. „Lennä laulu sinne missä siintää satumaa“. Gerne wären wir nach Helsinki zum Frostbite Tango-Festival gefahren. Natürlich mit dem Schiff über das Baltische Meer.  Nicht mit der schnellen Fähre, damit viel Zeit bleibt für die Berührung mit Möwen und Meerjungfrauen.

 

Finnischer Tango, russischer Tango - wir lieben diese Musik, aber wir haben noch nie in Turku oder Tampere, in St. Petersburg oder Königsberg getanzt. Der Tango, behauptet Aki Kaurismäki, sei in Karelien erfunden worden, jener verwunschenen Landschaft im Grenzgebiet zwischen Russland und Finnland, die so viel Leid gesehen hat. Von Karelien habe er sich Mitte des 19. Jahrhunderts bis an den Bottnischen Meerbusen verbreitet und sei von finnischen Seeleuten nach Uruguay und Argentinien gebracht worden. Eine der vielen Legenden vom Ursprung des Mysteriums.

 

Der kleine Fluss mit dem Namen Innerste ist kein Ersatz für das Meer, und die Ortschaft Heinde ist nicht Helsinki. Aber ein Spaziergang am Wasser belebt, und am Abend können wir daheim vor dem Kaminofen Tango tanzend über die Ostsee fliegen. Jetzt fahren wir an die Innerste und laufen an den Steilufern entlang. Bald wird hier der Eisvogel in den Sandhöhlen brüten. Die Sonne wärmt an diesem Tag. Dürfen wir uns an ihren Strahlen erfreuen und die Gesichter in ihrem Lichte baden? Die Niederschläge seien zu gering, hören wir. Wieder drohe ein viel zu heißer Sommer. Ein Mädchen aus Stockholm hat sich auf den Weg nach Davos begeben, um vor den Weisen dieser Welt ein Lied vom Untergang anzustimmen. Furcht und Zittern möge über sie kommen, damit sie endlich erwachen und erkennen, was die Stunde geschlagen hat. Lange Zöpfe trägt die kleine Schwester von Oskar Matzerath. Das Wachstum, sagt sie, habe sie aus Protest eingestellt. Und weil das als Zeichen nicht reiche, schwänze sie jeden Freitag die Schule. Schwänzen ist keine Kunst. Aber wie stellt man das Wachstum ein, um ewig Kind zu bleiben? Auf dem Tango-Festival in Helsinki tanzen heute Timo Hakkarainen und Marjo Kiukaanniemi. Sie treten bei ihren Shows als tanzende Zwerge auf. Das hätte ich gerne einmal gesehen. 

 

Während wir uns von den Strahlen der Sonne durchdringen lassen, spricht das Trollkind aus Schweden vor Hamburger Schülern und Schülerinnen über Umweltschäden. Wir wandern durch eine Landschaft, die durch Schwermetalle aus dem Harzbergbau belastet wurde. Vor 1000 Jahren ließen die Ottonen hier nach Erzen graben. Inzwischen wächst an den Ufern der Innerste der Schwermetallrasen. Er steht unter Naturschutz wie die Auwälder und Uferstauden. Vielleicht wird die Erde nach der Katastrophe neue Pflanzen, Tiere und einen neuen Menschen hervorbringen? Vielleicht ist das Ende nur ein neuer Anfang? 

 

Wir haben das Steilufer verlassen und gehen durch ein Wäldchen auf eine Hochebene. Hier führt der Weg durch eine Allee. Zu beiden Seiten öffnet sich zwischen den Bäume der Blick auf die liebliche hügelige Landschaft des Vorharzes. Am Ende der Allee liegt ein alter Friedhof.

 

In der Sonne eines verfrühten Frühlings sprechen wir über letzte Dinge. Was kommt, wenn das Ende gekommen ist? Eine Tango-Freundin ist gestorben. Sie wurde kaum fünfzig Jahre alt. Ute und Franz haben mit uns bei Donã Martina das Tanzen gelernt. Andere Freunde sind ihr bereits vorausgegangen. Auch sie erreichten nicht das sechzigste Lebensjahr. Der Tango hält gesund, heißt es. Er sei gut für den Kreislauf, für Muskeln, Gelenke und Rücken. Er stärke das Immunsystem, beuge Herzkrankheiten und Demenz vor. Ute wollte nicht über ihre Krankheit sprechen, auch dann nicht, als sie schon längst von ihr gezeichnet war. Nein, das sei ganz normal, sagte sie, im Sommer nehme sie immer stark ab.

 

Tango tanzen macht nicht immer schön. Wir sprechen über den finnischen Tango. Finnlands größter Sänger hatte über sechshundert Tango-Titel aufgenommen. Olavi Virtas Leben (1915-1972) endete im Suff. Wegen Trunkenheit wurde er in ein Arbeitslager eingewiesen. Niemand nahm ihn auf, als er entlassen wurde. Er hatte kein Geld und keine Altersversorgung. Eine alte Zigeunerin bot ihm schließlich Zuflucht. Olavi Virta starb im Alter von 57 Jahren. Tango tanzen macht nicht jeden glücklich. Rauli Badding Somerjoki (1947-1987) heißt ein anderer legendärer Tango-Sänger aus Finnland. Er verkraftete seinen Erfolg nicht und verlor sich im Alkohol, sodass ihm selbst in seinen Stammkneipen der Zutritt verweigert wurde. Mit vierzig Jahren erlag er einem Herzinfarkt. In einem seiner letzten Lieder sang er:

 

„Sterne, Sterne, darf ich denn raus aus der Zeit

nicht bereits jetzt, ihr Sterne, in die Unendlichkeit?“

 

Unsere Freundin wollte nicht gehen. Sie wollte nicht raus aus der Zeit, sondern weiter mit uns Tango tanzen.Wir sprechen über unseren Freund Stanislaus. Er starb plötzlich an einem Herzinfarkt. Wir erinnern uns an Sarina. Vergeblich tanzte sie gegen den Tumor in ihrem Hirn. Vor der Friedhofsmauer stehen blühende Schneeglöckchen in großen Nestern. Ich schneide einige und binde sie zu Hause mit einer rosafarbenen Schleife zu einem Sträußchen. Eine kleine Gabe auf dem letzten Weg. Aus dem Regal mit unserer Sammlung von Lochsteinen wähle ich zwei besonders schöne Exemplare aus. Dann fahren wir nach Hannover-Lahe. 

 

Der Friedhof - die Stadt der Toten. Vor dem Parkplatz der Nekropole stehen dreistöckige Wohncontainer. Das Gelände ist umzäunt. Zwischen den Containern befindet sich ein Sportfeld. Afrikaner dribbeln mit einem Ball. Wir sind wie immer gut in der Zeit. Doch viele Menschen strömen bereits durch das Friedhofstor. Zu unserer Tango-Gemeinde gehören Tänzer und Tänzerinnen aus Marokko, Syrien, Persien und der Mongolei, aus Polen, Russland und der Ukraine. Sie sind Juden, Moslems und Christen. Die Männer und Frauen, die jetzt auf den Friedhof strömen, sind Jeziden. Das Symbol ihrer Religion ist der Engel Melek Tau. Die Mitglieder der Trauergemeinde begrüßen sich mit Bruderkuss auf die Wangen oder mit einem Kuss auf die ausgestreckte Hand. Die meisten Frauen tragen ihr Haar offen. Wenige haben sich einen lilafarbenen Schleier auf das Haupt gelegt. Eine Limousine wird vorgefahren. Der Beifahrer steigt aus und öffnet die Hintertür für eine alte Frau. Sie trägt einen weißen Schleier mit schwarzem Flor. Eine Braut in Trauer.

 

Einige hundert Trauergäste sind inzwischen gekommen. Wo ist Franz? Zwischen den Jesiden steht er mit zwei Begleitern vor einer Bank und hält Ausschau. Wir umarmen uns wortlos. Franz ist ein zurückhaltender Tänzer. Ute war offen und zugewandt. Eine beliebte Tänzerin. Auch ich tanzte gerne mit ihr. Weil sie die Impulse der Führung so leicht aufnahm, kam ich mit ihr in eine wunderbar fließende Bewegung. Was immer ich führte, sie folgte. Wenn ich meiner Freude über das Zusammenspiel von Führen und Folgen Ausdruck gab, sagte sie: „Wieso? Du führst mich doch!“

 

Nun war sie letzten Freitag ihrem Krebsleiden erlegen. Am Abend ihres Todestages ging Franz an den Ort, wo wir gemeinsam das Tanzen gelernt hatten. Neben dem Mischpult von Donã Martina steht ein Stuhl, der für Kriseninterventionen immer frei zu bleiben hat. Hier setzte sich Franz und erzählte, worüber er in den letzten Monaten hatte schweigen müssen.

 

Wir betreten die Leichenhalle mit dem geschlossenen Sarg. Donã Martina, Tänzerinnen und Tänzer, Arbeitskolleginnen, Verwandte sind gekommen. Auf den Plätzen das evangelische Gesangbuch. Neben der Orgel ein CD-Player. Der Pastor spricht vom Tango und kündigt ein Lied an. Wir hören „Desde el alma“ (1911) von Rosita Melo (1897-1981). Ute hatte dieses Lied besonders gemocht. „Von der Seele“ heißt der Titel. Jetzt ist der Augenblick gekommen, sich den Schmerz von der Seele zu reden. „Desde el alma“ ist ein Walzer.  Wir haben mit Ute nach diesem Lied getanzt und uns fröhlich im Kreis gedreht: Moulinette oder Giro nach links, Moulinette nach rechts, das ging so wunderbar leicht. Jetzt erklingen die Walzerklänge über dem Sarg. Das haut mich um. Der Tango verstummt nicht vor dem Tod, denke ich. Er hüllt ihn ein und nimmt ihn mit auf die Reise.

 

Der Pastor macht nicht viele Worte, beschwört nicht den Himmel, bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Er beschreibt den Leidensweg, den Ute bis zum Schluss allein mit Franz gehen wollte. Kein Wort über den Ernst der Lage zu ihrer Tochter. Kein Wort zu uns. Franz kannte sie seit dem Sandkasten, hören wir. Geheiratet hat sie einen anderen Mann. Die Ehe scheiterte. Nach einer Versöhnung heirateten sie zum zweiten Mal. Ein Kind der Versöhnung wurde gezeugt. Wieder scheiterte die Ehe. Ute ging zurück in ihre Heimatgemeinde, traf Franz und tanzte sich ihr altes Leben von der Seele.

 

Der Walzer „Von der Seele“ wurde von einem vierzehnjährigen Mädchen komponiert. Die junge Frau hieß Rosita Melo (1897-1981). Ihr Tango im Walzertakt entstand am Klavier. Noch fehlte der Text. Jahre später heiratete Rosita Melo den Dichter Victor Piuma Vélez. Victor dichtete zur Hochzeit einen Text, schenkte ihn seiner Frau und damit der Welt:

 

 

„Auch ich, aus ganzer Seele

brachte dir meine Zärtlichkeit dar,

bescheiden und arm,

aber rein und gut,

wie die Liebe einer Mutter,

wie die Liebe zu Gott.

Nach so vielem Leid

ließ deine heilige Liebe mich

die Bitterkeit vergessen,

die ich bis gestern

in Seele und Herzen bewahrte."

 

„Desde el alma“ (1911) von Rosita Melo und Victor Piuma Velez erzählt von einer Heilung. Rosita stammte aus einer Familie italienischer Auswanderer und war das jüngste von neun Geschwistern. Im Alter von vier Jahren begann sie nach Gehör Klavier zu spielen. „Aus ganzer Seele“ war ihre erste Komposition. Ein Welterfolg, an den Rosita durch keines ihrer weiteren Lieder anknüpfen konnte. Das eine ist das Bemühen, das andere die Gunst der Stunde. Rosita Melo hat sie einmal im Leben erfahren. Das reichte ihr. Sie arbeitete bis ins hohe Alter als Konzertpianistin und führte mit ihrem Mann eine glückliche Ehe. Victor Piuma Velez war Schriftsteller und Maler. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als Finanzbeamter. „Von der Seele“ erzählt vom Wunder einer neuen Liebe:

 

„Nach so viel Leid

ließ deine heilige Liebe mich

die Bitterkeit vergessen,

die ich bis gestern

in Seele und Herzen bewahrte.“

 

Was aber gibt es zu sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? Gibt es einen letzten Trost? Vielleicht ein letztes Geheimnis, das sich im Liebesschmerz selbst verbirgt? Etwas, das nicht von außen kommt und gesagt wird, sondern sich im Schmerz selbst zeigt und nur im Schmerz erfahren werden kann, wenn man ihn aushält, sich in ihn gleichsam hineinbegibt? Vielleicht diese Erfahrung, von der ein anderer Text spricht, den Homero Manzi der Melodie unterlegte:

 

„Zusammen mit dem Schmerz,

der eine Wunde öffnet,

kommt das Leben

und bringt neue Liebe.“

 

„Junto al dolor

que abre una herdia

llega la vida

trayendo otro amor.“

 

Der Pfarrer schlägt das Kreuz zwischen Himmel und Erde und spricht ein Gebet. Dann öffnet sich eine Tür im Hintergrund. Die Sargträger treten in die Leichenhalle und verbeugen sich vor der Toten. Der Pastor kündigt einen zweiten Tango an. „Felicia“ (1908) komponiert von Enrique Saborido (1878-1941), schwungvoll, fast übermütig gespielt von D’Arienzo, den Ute besonders liebte. Die Musik setzt einen scharfen Kontrast zu dem, was nun bevorsteht. Unter den zahlreichen Legenden vom Ursprung des Tango gehört die Nachricht, dass der Tango ursprünglich auf Beerdigungen getanzt wurde. Ich hatte davon gelesen und war skeptisch geblieben. Nun hinter Utes Sarg gehend, denke ich an jenen Brauch vom Rio del la Plata, den wir in dieser Stunde neu entdecken.

 

Der lange Gang zum ausgehobenen Grab am Ende des Friedhofes. Als Euridike starb, folgte ihr Orpheus in die Unterwelt und erweichte mit seiner Musik das Herz der Totenrichter. Sie gaben Euridike frei. Gemeinsam stiegen sie hinauf in Leben und Licht. Orpheus führte. Euridike folgte. Doch eine Bedingung war an den Aufstieg geknüpft: Der Führende durfte sich nicht nach der Folgenden umschauen. Er sollte ihre Gegenwart mit geschlossenen Augen spüren und sich auf sein Gefühl verlassen. Orpheus aber drehte sich um, und Euridike entschwand. Wir gehen durch lange Gräberfelder und kommen nicht in Versuchung, den Blick zu wenden. Wir schauen voraus. Ute geht uns voran. Wir sprechen das Vaterunser und lassen Blütenblätter in die Tiefe schweben. 

 

Am Tor Jesidinnen. Sie reichen auch uns Wasserflaschen und Brot. Ich gebe Utes Tochter einen Lochstein, einst auf den Grabstein zu legen. „Ein Elfenstein!“, sagt sie. Ein weiterer Stein für Franz. Ihm ging es wie mir: Er wollte nicht Tango tanzen lernen. Doch sie führte und er folgte zu Donã Martina. Nun ist sie uns vorausgegangen und führt noch immer.

 

Wenn man einen Elfenstein vor das Ohr hält, dann erklingen die Zwischentöne, die in jedem Lied mitschwingen, aber mit bloßem Ohr nicht zu hören sind. Vor das Auge gehalten, wirkt ein Elfenstein wie eine Brille für die dem bloßen Auge unsichtbare andere Welt. Das Land der Träume, das Land der Seele. „Satumaa“ - „Märchenland“ nennen es die Finnen. „Satumaa“ ist der berühmteste finnische Tango - fast eine zweite Nationalhymne. Geschrieben wurde „Satumaa“ von Unto Mononen (1930-1968). Mit 38 Jahren erschoss er sich im Suff.

 

Der Tango reicht über den Tod hinaus. Manche Sorgen verflüchtigen sich rasch. Andere vergehen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte. Manche Heilung braucht mehr Zeit als die eigene Lebenszeit. Der Tango ist ein Wegbegleiter. In seinen schönsten Momenten erfahren wir jene beseligenden Ausblicke in das Märchenland. Dann spüren wir: Dieses Land gibt es. Ganz gewiss. Der Blick durch den Elfenstein bezeugt:

 

„Lennä laulu sinne missä siintää satumaa,

Sinne missä oma armain mua odottaa.

Lennä laulu sinne lailla linnun liitävän.

Kerro että aatoksissain on vain yksin hän.

 

Fliege, mein Lied, dorthin zu diesem Märchenland,

wo meine Liebste auf mich wartet.

Flieg dorthin wie ein Vogel.

Sage ihr, dass ich allein an sie denke.“

 

Führen und Folgen war das Thema der ersten Tangostunden. Führen und Folgen steht am Anfang. Führen und Folgen steht am Ende des Weges. Es gibt viele Arten zu gehen. Der Tango ist eine Einweihung in das gemeinsame Gehen. In der Berührung wird das Eine erfahren, das Eine, das am Anfang war und am Ende wieder sein wird.

 

„Ostern fahren wir wieder ans Meer!“, sagt Undine, als wir den Friedhof verlassen. 

„Wir werden am Strand tanzen und uns den Wind um die Nase blasen lassen.“

„Elfensteine sammeln.“

„Die Steine vor das Auge halten.“

„Durchblicken.“

„Para siempre.“

„Wir fahren nach Lemvig in Bjarnes Fisketeria.“

„Essen Rejersalat und Sterneskud.“

„Kaufen ein beim Slagter Mortensen.“

„Holen Wein und Käse.“

„Flødeböller.“

„Und dann?“

„Dann führe ich, und du folgst.“

„Aber ich kann nicht folgen.“

„Dann wirst du es lernen. Ich ziehe auch wieder mein Hochzeitskleid an.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwedischer Tango mit Leonard Cohen:

Die Versöhnung

 

 


 

Vor uns auf der Überholspur donnert ein schwerer Sattelschlepper an der Kolonne der LKWs vorbei. „Thomas Schmitz - Cargo Bull“ lese ich auf dem Heck. Ich übe mich in Geduld. Werfe einen Blick zur Seite. Auf Undines Schoß liegt eine Landkarte und darüber ein Buch, das ich nicht kenne. „Gehen, ging, gegangen“ heißt der Titel. Das klingt nach Tango. Ja, ich bin einen weiten Weg gegangen. Er hat sich gelohnt. Ich bin angekommen.

 

„Gewiss einer der vielen Tango-Romane, die in Mode gekommen sind“, sage ich. 

„Nein, Pflichtlektüre für den Grundkurs Deutsch im kommenden Schuljahr“, antwortet Undine. „Eine Flüchtlingsgeschichte.“

 

Undine und ich sind auf dem Weg nach Schweden. In Lübeck machen wir Station und besuchen das Günter-Grass-Haus. 1964 war ich das erste Mal in dieser Stadt. Mit den Eltern besuchte ich die Borkumer Schönheitskönigin des Jahres 1963. In diesem Jahr erschienen die „Hundejahre“. Woran die Jury in der Seemannsbar von Borkum erkannte, dass Uschi die schönste unter allen Sommergästen war, haben mir die Eltern nicht verraten.

Uschis Mann besaß in Schleswig-Holstein die Generalvertretung für Pril. So kehrten wir aus Lübeck mit einem großen Paket voller Pril-Flaschen und vier kleinen Plastikenten zurück. Diese Enten gehören zu meinen frühen Lübecker Erinnerungsbildern wie die zersprungene Glocke der Marienkirche, die Foltergeräte im Holstentor und die winzigen Bettkammern im Heiligen-Geist-Hospital. 

 

Erst später erfuhr ich, dass in der Hauptsaison auf Borkum jede Woche eine Schönheitskönigin gewählt wurde. „Auf Borkum ist alles anders!", sagen die Insulaner. Bei unserem Bummel durch Lübeck lesen wir über einem Bäckerladen: „Normal ist nix für uns“.

 

„Warum habe ich mich bei der Lektüre von Grass’ Büchern fast immer gelangweilt“, frage ich mich. Undine wagt eine Antwort. Grass habe keine Transzendenz. Nie war ich versucht, eine Formulierung in seinen Romanen zu unterstreichen. Kein Wort, kein Satz, kein Funkenflug des Geistes. Als Grass das „Treffen in Telgte“  (1979) veröffentlichte, wurde er vom Germanistischen Seminar der Universität Münster eingeladen. Gastgeber war Günther Weydt. Er galt als bedeutender Grimmelshausen-Forscher. Ich hatte den „Simplicissimus“ gelesen, liebte die Lieder Paul Gerhardts und hatte in Martin Opitz' „Schäfferei von der Nimfen Hercine“ die erste Begegnung mit einer Undine. 

 

Im großen Hörsaal des Fürstenberghauses traf die akademische Elite der Barockforschung auf einen politischen Schriftsteller, der sich in ihr Gebiet vorgewagt hatte. Welche Fragen würde das gelehrte Publikum stellen? Ich war gespannt. Grass trank Rotwein und las. Er beendete seine Lesung und schenkte sich nach. Niemand fragte etwas. Schweigen. Grass schwieg. Die klugen Männer schwiegen. Da trat Professor Weydt ans Mikrophon und richtete eine Frage an den bildenden Künstler Grass.

 

„Herr Grass, können Sie die Titelbilder Ihrer Bücher nicht direkt auf den Buchdeckel pressen lassen?“

 

Niemand verstand die Frage, und der Spezialist für die Barock-Literatur, deren berühmte Vertreter Günter Grass auf ein erfundenes Treffen ins westfälische Telgte geladen hatte, erläuterte das Problem. Auf den Schutzumschlägen fänden sich  Zeichnungen von Grass. Bei der Inventarisierung durch die Bibliothekare werden Schutzumschläge entfernt. Daher die Bitte, die Bilder direkt auf den Umschlag zu setzen. 

 

Dieses Problem, sagte Grass, leerte sein Glas und griff zur Flasche, müsse der Professor mit seinen Bibliothekaren klären.

 

Die Veranstaltung war zu Ende, denn niemandem fiel eine zweite Frage ein.

 

„Welche Frage hättest Du Günter Grass gestellt?“, frage ich Undine.

„Keine Frage. Ich hätte ihn zum Tango aufgefordert.“

 

Im Jahr 1999 erhielt Grass den Nobelpreis für Literatur. Einige Jahr später wurde die Aberkennung dieser Auszeichnung gefordert. Grass hatte sich zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannt. Wieder einige Jahre später fiel die Verleihung des Literatur-Nobelpreises aus, weil Mitglieder des Komitees in eine Korruptionsaffäre verwickelt waren. Damals am Lucia-Tag des Jahres 1999 aber tanzte Günter Grass mit seiner Tochter Tango auf dem Ball der Nobelpreisträger. 

 

In der Lübecker Ausstellung entdecken wir sein Buch „Letzte Tänze“ (2003) mit Gedichten, Lithografien und Zeichnungen. Ich blättere darin und stoße auf „Tango Nocturno“:

 

„Der Herr knickt die Dame,

nein, biegt sie, so beugsam die Dame,

der Herr gibt sich steif.

 

Zwei Körper, die eins sind, doch nichts

von sich wissen, geschieden in Treue,

in Treue vereint.

 

Die Hand in der Beuge, gedehnt tropft die Zeit,

bis plötzlich die Uhr schlägt:

fünf eilige Schritte.

 

Wir stürzen nach vorne und retten uns rücklings,

wo nichts ist als Fläche,

nach vorne zurück.

 

In Angst, doch ich fange - der Sturz

ist gespielt nur - mit rettendem Händchen

dich oft geübt auf.

 

Sind leer jetzt mit Haltung und schauen

im Schleppschritt, beim Leerlauf mit Haltung

uns unbewegt zu.

 

Das ist der Tango, die Diagonale.

Aus Fallsucht zum Stillstand.

Ich höre dein Herz.“

 

 

Grass tanzte also den englischen Tango - Fallsucht und Diagonale. Ich habe es mir gedacht. Kurz vor unserem Aufbruch nach Schweden hatte ich unsere Bücherbestände gesichtet und um die Hälfte reduziert. Gepäckerleichterung auf der Reise. Unter den ausgemusterten Beständen befanden sich auch die signierten Werke von Grass. Wohin mit den Kisten voller Bücher? Einige Dutzend konnte ich an das Antiquariat der Benediktinerinnen vom Kloster Marienrode verschenken. Als ich sie ablieferte und in das Depot trug, saß dort ein Mann mit Mundschutz vor einer Flasche mit reinem Alkohol. Er hatte irgendeine Sache ausgefressen und musste zur Buße 200 Stunden Sozialarbeit leisten. Ein Kloster ist der rechte Ort für Buße, dachte ich. Der stille Büßer mit dem Mundschutz und Gummihandschuhen tränkte ein Baumwolltuch mit Alkohol und strich damit den Schimmel von einer lateinischen Ausgabe der Bekenntnisse des Heiligen Augustin. Der Winter war sehr kalt gewesen, das Lager ungeheizt. Eine Leitung war geplatzt und hatte eiskaltes Wasser über die Kirchenväter ergossen. Der Büßer schaute nicht von seiner Arbeit auf. Ich stellte meine Bücherkisten ab und verließ den Raum. 

 

Der größte Bestand an ausgemusterten Büchern wanderte in den Papiercontainer. „Das kannst du doch nicht machen!“, hatte Undine empört gerufen und die Entsorgung unterbrochen. „Stelle die Kisten doch ins Foyer der Universitätsbibliothek.“ Also fuhr ich nach Hildesheim. Kaum hatte ich die ersten Kisten ausgeladen, erschien ein Hausmeister und stellte mich zur Rede: Ob ich mir vorstellen könnte, wie es hier aussähe, wenn alle Dozenten und Professoren ihre Altbestände auf diese Art entsorgten? Das konnte ich mir gut vorstellen. Deshalb wollte ich meine Bücher gleich in den Container werfen. Zum Glück war der Papiercontainer um die Ecke soeben entleert worden. Ich füllte ihn bis zum Rand. Den Grass brachte ich mit den Büchern von Heinrich Böll und Martin Walser in das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft auf der Domäne Marienburg. Da gibt es neben dem Dienstzimmer der Direktorin einen großen runden Tisch. Auf ihm legte ich die Bücher ab und einen Zettel mit dem Hinweis „Zum Mitnehmen“.  

 

Die Ausstellung im Günter-Grass-Haus besteht weitgehend aus Monitoren. Hier könnte ich Informationen abrufen, indem ich mit dem Finger den Bildschirm berühre. Ich zögere. „Wie oft wird eigentlich das Display am Tag gereinigt?“, frage ich Undine und wische mit einem Papiertaschentuch über jene Stelle, an der ein Bericht über den Untergang der Wilhelm Gustloff abgerufen werden kann.

 

„Was ist aus den Büchern von Günter Grass geworden?“, fragt Undine. Eine gute Frage. Aber sie führt weg vom Tango. Ich könnte sie kurz beantworten, aber ich will nicht. Ich denke an Tante Ulla, die den Untergang der Wilhelm Gustloff überlebt hat, und an die Musiker auf der Titanic. „Näher mein Gott zu Dir!“, sollen sie inmitten des Untergangs gespielt haben. Wer weiß das? Gab es „Letzte Tänze“ auf der Titanic? Vielleicht sogar Tango? 

 

Schonen oder Skåne heißt die Landschaft, die wir durchfahren. Wir haben die Fähre von Helsingør nach Helsingborg genommen. Im Westen liegt der Kullaberg, wo einmal im Jahr die Tiere tanzen. Allen voran die Kraniche. „Es ist etwas Wunderbares und Fremdes  an ihrem Tanz“, sagt Undine und schaut aus ihrem Buch auf mich. Dann liest sie mir aus dem „Nils Holgersson“ vor, während draußen am Rand der großen Strasse die ersten Schilder mit Elchen auftauchen:

 

„Es lag etwas Wildheit in ihrem Tanz, und trotzdem war das Gefühl, das er weckte, eine milde Sehnsucht. Niemand dachte mehr an Kämpfen. Statt dessen wollten alle, die Geflügelten und die, die keine Flügel hatten, sich ins Unendliche erheben, über die Wolken hinaufsteigen, herausfinden, was jenseits davon lag, den Körper zu verlassen, der sie beschwerte und zur Erde hinabzog, und fortschweben, dem Überirdischen entgegen. Solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem, was hinter dem Leben verborgen war, verspürten die Tiere nur einmal im Jahr, und das war an dem Tag, an dem sie den großen Tanz der Kraniche sahen.“ 

 

Das Buch erschien 1907. Im Jahr 1912 hatte der Tango die Hauptstädte Europas erobert. Auch Stockholm. Tango in Schweden! Dem Tango gehört die Nacht. Doch in Schweden auch die Mittagsstunde. Wir wollen in Malmö Tango tanzen und fahren durch den Morgennebel nach Älmhult. Dort erreichen wir den Riksväg 23, die Straße nach Malmö. Bei Sösdala stoßen wir auf ein Gräberfeld in Form eines Schiffes. Etwas weiter südlich liegt das Bosjökloster mit einer 1000 Jahre alten Eiche, die von der Äbtissin einst gepflanzt wurde und alle Zeiten und Händel überdauert hat. 

 

Die Fahrt nach Malmö führt in eine Stadt, die mir nicht gefällt. Nur Mietskasernen aus Beton und Hässlichkeit. Wo sind die roten Holzhäuser? Eben! In den Wäldern! Wo ist die berühmte Altstadt? Am Bahnhof! Wo liegt der? Weit entfernt von der Fredriksbergsgatan 7. Hier erwartet uns eine Tango Fika der Tangokompaniet. Die Fika gilt als typisch für schwedische Gemütlichkeit. Fika ist ursprünglich die kleine oder große Kaffepause.

 

Die jungen Mitarbeiter von Daniel Carlsson haben ein Büffet aufgebaut: Warme Köttbullar, gekochte Eier, Käse, Schinken, dazu Gurken und Tomaten. Die Malmöer Tangogemeinde begibt sich um 12.30 Uhr auf die Piste. Dann ist das Büffet verputzt. Sonntags-Tango zur Mittagszeit hat einen familiären Charme - auch durch die Kinder, die sich auf alten Sofas lümmelnd die Zeit mit Videospielen vertreiben, während sich ihre Mütter von mir führen lassen. Kerstin, die Heilerziehungspflegerin aus der Universitätsstadt Lund hat eine Klientin mitgebracht. Sie trägt neonrote Turnschuhe und sieht Dustin Hoffmann durchaus ähnlich. Der Mathematiklehrer aus Malmö spricht so schnell und unsauber Deutsch, wie er Undine durch die Milonga hetzt. Göran ist ein fröhlicher Bursche mit offenem Herzen. Wie viele Tänzer aus Schweden und Dänemark berichtet er von Fahrten nach Hamburg oder Berlin. Ja, Berlin, gefalle ihm gut, nur nicht das Mala Junta. Da wollte man ihn nicht zur Practica zulassen, weil er zu schlecht tanze. Ja, sagt Göran, das habe an seiner Partnerin gelegen. Mit der habe er schlecht getanzt, weil sie schlecht getanzt habe. Die Kursleiterin ließ diese Ausrede nicht gelten. Görans Tanzlust blieb ungebremst.

 

Schweden gelten als zurückhaltend. Sie bleiben gerne unter sich und lassen auch neue Nachbarn nicht leicht in ihre Kreise. Hier erleben wir ein anderes Schweden: Da alle Tangotänzer eine große Familie bilden, gehören wir zur Tangokompaniet selbstverständlich dazu. Schweden gelten auch als wortkarg. Doch der Tango löst ihre Zunge. Vor Beginn der Tanda, nachher, während des Tanzes oder zwischen zwei Stücken halten sie inne und quatschen.

 

An den Toilettentüren sehen wir die Hinweise „Förande“ und „Följande“. Ein schöner gleich klingender Anlaut. Doch wo gehe ich hin? Wo Undine? Följande bedeutet Folgende. Förande bezeichnet die Führenden. Führende sind die Männer. Frauen die Folgenden. Führende können auch Frauen sein. Im Land der vollendeten Gleichberechtigung darf die Tanguera auf der Tanzfläche Förande sein und doch Följande bleiben.

 

Wir verlassen das Tanzlokal und wandern durch Berge von Hagelkörnern. Kündigt sich Ende September bereits der Winter an? Ich stürme vorwärts. Der Weg entlang der mehrspurigen Straßen zieht sich hin. Überall an den Straßenrändern haben sich riesige Pfützen gebildet. Vorbeifahrende Autos spritzen Fontänen über den Gehweg. Wir wollen die Altstadt von Malmö sehen.  Das Ziel scheint nicht näher zu kommen. Wie sollen wir ohne Stadtplan aus diesem Irrgarten wieder zum Parkplatz finden? Jetzt nicht umkehren. Das Ziel kann hinter jeder Straßenecke liegen. Doch immer öffnen sich neue Häuserschluchten. Also umkehren. Jetzt, wo wir schon so weit gelaufen sind? Ja, gewiss. Was suchen wir, wo wir doch alles und mehr an diesem frühen Nachmittag gefunden haben? Aber wir verpassen doch etwas? Na und! Man verpasst immer etwas. 

 

Wir sind zurück in unserem Haus am See. Gewiss gibt es auch in der Nähe die Möglichkeit, Tango zu tanzen. Nur wo verstecken sich die Tänzer und Tänzerinnen? Durch Facebook entdecke ich „Tango Experimental“ in Halmstad, und so machen wir uns auf den Weg.

 

Die Stadt liegt an der Ostsee neben Tylösand und gehört zu der Provinz Halland. Einen Tag vor Michaelis wirkt der mondäne Badeort trotz des wunderbaren Wetters wie ausgestorben. Die kleinen weißen Wochenendhäuser stehen leer, die Buden und Strandlokale sind geschlossen. Der blaue Wegweiser am Prinz-Bertil-Wanderweg zur „After beach party“ weist ins Leere. Auch „Rock’N’Roll-Brunch“ im Hotel war gestern. Die Saison ist beendet. Wir gehen über weißen Sand und Muschelfelder am Wasser entlang. Unser Blick fällt auf eine kleine Insel mit einem roten Leuchtturm. Ich singe: „I want to marry a lighthouse keeper and keep him company.“ So ein Blödsinn.

 

Auf der Höhe des Seezeichens geht der Sandstrand in eine bizarre Felsenlandschaft über. Gelbe Flechten rufen den Stein ins Leben. Noch einmal der Rosen Du: Zwischen Wegesrand und Felsen blüht noch immer Rosa rugosa, Kartoffel- oder Apfel-Rose, auch Sylter Rose oder Kamtschatka-Rose genannt. Das Meer weitet die Seele und öffnet Erinnerungsräume. Ich lege mich auf einen der Felsen am Meer, schließe die Augen und atme durch. Heute bin ich wieder in Schweden angekommen. 

 

Wir gehen den Prinz-Bertil-Wanderweg am Meer entlang. Tylösand verehrt die Künstler und Lebenskünstler wie Prinz Bertil, der als Prinz von Schweden und Herzog von Halland sehr populär war. Der schnelle Prinz war nicht nur ein Autonarr wie die meisten Schweden, sondern er hatte „Benzin im Blut“ und fuhr Erfolge als Rennfahrer ein. Dabei bediente er sich des Decknamens Monsieur Adrian, was völlig sinnlos war, da jeder wusste, wer auf das Gaspedal trat.

 

Der heutige Schweden-Prinz Carl Philipp, erzählt Undine, habe sich als Renn- und Skifahrer einen Namen gemacht - trotz einer anerkannten Lese- und Rechtschreibschwäche. Er habe auch eine Dyskalkulie. Undine kennt sich in allen Begabungen und Sonderbegabungen aus. Sie hat auch die aktuellen Sprachregelungen verinnerlicht wie es sich für eine Beamtin gehört. Denn nur eine Lehrerin von gestern würde Dyskalkulie mit „Rechenschwäche“ übersetzen. Die kleinen Prinzen und Prinzessinnen in den deutschen Schulen haben keine Schwächen, sondern besondere Begabungen. Alle sind auf ihre Weise hochbegabt wie der Bruder der Prinzessinnen Victoria und Madeleine, sage ich. So könne Carl Philipp vielleicht nicht gut rechnen, dafür aber einen BMW M3 GT und einen Porsche 911 GT fahren. 

 

„Seit wann kennst du dich mit Autos aus?“, fragt Undine. „Du kannst ja nicht einmal das Navi bedienen.“

 

Ich lege mich auf eine Bank, bette mein Haupt in Undines Schoß und lasse mich lausen wie der Teufel mit den drei goldenen Haaren von seiner Großmutter. Elche haben wir noch nicht gesehen, wohl aber Schwärme von Elchfliegen. Sie verkriechen sich gerne in Haaren. Undine findet keine Elchfliege. Wunderbar. Ein herrlicher Tag in einem wunderbaren Land! Über uns kreisen die Möwen und lachen. „Ich bin damals viel zu früh nach Schweden gegangen“, sage ich.  Ich hatte ein Haus in Undenäs gekauft. Gudrun hatte sich in unseren Nachbarn verliebt und die Ehe geschmissen. 

 

Wir betreten das Kulturhaus im Volkspark und sind gespannt auf den Abend. Lena begrüßt uns. Die Mitglieder des Tangovereins treffen sich jeden Donnerstag, und pünktlich um 18.30 Uhr sind alle da. Kaffee und Muffins werden gereicht und schon ist Undine auf der Tanzfläche. Herzlich, herrlich ist die Atmosphäre. Hier tanzen Anfänger und Fortgeschrittene zu klassischen Tangos und Nontangos. Die Veranstaltung heißt Practica. Damit ist im Unterschied zur Milonga eine Lernsituation gemeint, die offen ist für das Experiment. Auch wer keinen Tango tanzen kann, tanzt einfach mit. Undine ist bald Mittelpunkt und nicht lange, da werden wir von Ulla eingeladen. Übernächsten Samstag trifft sich die Gruppe in Ullas Haus. Jeder bringe etwas zu essen mit und dann werde getanzt. 

 

Undine tanzt mit einem Japaner. Er ist Zahnarzt in der Stadt. Undine tanzt mit einem Syrer. Ich spreche mit einer Rumänin: Tango ist nicht nur ein Tanz. Tango ist nicht nur ein Lebensgefühl. Tango ist eine unsichtbare Gemeinschaft, die im Tanz sichtbar und erfahrbar wird. Am Tisch unterhalten wir uns über die Spiritualität des Tango. Was ist die Essenz des Tango? Ich sage, nach meiner Erfahrung steht vor dem Tango fast immer ein Bruch, ein Verlust, eine Trennung, eine Krankheit. 

 

Diese Voraussetzungen gelten auch für Schweden, sagt Lena. Und Ulla, die so herzlich lacht, erzählt vom Tod ihres Mannes und wie sie danach zum Tango kam und das Lachen wieder lernte. Was ist also das Wesen des Tangos? Healing. Heilung. Da sind sich alle Schweden einig. Wir umarmen uns und tanzen wieder und alles ist heil.

 

Die Zeit ist fortgeschritten. Die letzten Lieder erklingen. Es verschlägt uns fast den Atem. Undine und ich schauen uns an. Die schwedischen Worte ergreifen mich unmittelbar wie etwas Altvertrautes, das plötzlich wieder ins Leben tritt.: „Ja vill ha dej, vill ha dej, vill ha dej“. „Ist das nicht Leonard Cohen?“, frage ich Undine. Der schwedische Sänger stimmt den Refrain an: „Ay, ay, ay, ay!“ „Das ist Flamenco mit Walzerklängen“, antwortet Undine.

 

Wir hören Schwermut aufgelöst in Walzerklänge. „Ta min vals“, gesungen von Rikard Wolff. Nichts wird verschwiegen. Alles verwandelt in Bewegung. Ich tanze mit einer Schwedin. Ob ich früher Ballett getanzt habe, fragt sie mich. Alles wird ganz leicht. Was ist der Tango? Ein Wunder. Das Mysterium der Wandlung.

 

Zum Abschied umarmen wir uns. Umarmungen sind heilsam. Dann geht es durch die nächtlichen Wälder in unser Haus. Zwei Stunden Fahrt liegen vor uns. Im Nachhall der Begegnung vergeht die Zeit wie im Fluge. Die Dunkelheit ist nicht mehr dunkel. Die Wege schon vertraut. Wir lassen das Radio ausgeschaltet und legen auch keine CD ein. Undine summt „Take this waltz“, und plötzlich fragt sie mich, ob ich mich noch an das erste Gedichtbüchlein erinnere, das sie mir einst geschenkt habe. Welche Frage. Es waren Gedichte von Federico Garcia Lorca. Damals tanzte Undine Flamenco und führte uns dank ihrer Sprachkenntnisse auf unseren Reisen nach Spanien. Der Liedtext stamme von Lorca und das Gedicht trage den Titel „Pequeño vals vienés“. Und dann singt sie:

 

 

„Te quiero, te quiero, te quiero,

con la butaca y el libro muerto,

por el melancólico pasillo,

en el oscuro desván del lirio,

en nuestra cama de la luna

y en la danza que sueña la tortuga.

¡Ay, ay, ay, ay!“

 

 

„Was hat dieser Ruf zu bedeuten?“, frage ich Undine. „Ay, ay, ay, ay!“ Das sei der Duende sagt sie. „Duende?“ Wenn die Sufis sich sehr lange im Kreis gedreht haben, dann rufen sie den Namen Gottes. Allah, Allah, Allah. Die Zigeuner rufen Ay! Aber eigentlich rufen nicht sie, sondern es ruft in ihnen. Was ist dieses „es“? Der Gott? Der Engel? Die Muse? Nein, der Duende. Das Wort könne man nicht übersetzen. Es bezeichne eine Kraft, die von ganz unten kommt. Duende sei das Leben selbst, das Schöpferische. Zugleich sei es die Wunde, der Schmerz und der Tod. Es ist, als ob ein Vorhang aufgezogen werde. Der Duende verwundet und er heilt. Und wieder verwundet er und wieder heilt er. Er ist die Kraft des Schöpferischen. Der schöpferische Augenblick selbst, ein Geheimnis:

 

„Jag vill ha de, vil ha dej, vill ha dej

Ay, ay, ay, ay

Ta min vals, ta min vals…“

 

 

 

 

Wie Meerjungfrauen auf den Wellen:

Das Leben tanzen

 

 

 
 

 

Der dänische Tangokalender verzeichnet keine Veranstaltungen für die Westküste von Jütland. Zwischen Rømø und Skagen tanzen nur die Schaumkronen auf den Wellen. 

 

„Das sind die Meerjungfrauen“, sagt Undine. Sie trägt an diesem Tag ein dunkelblaues T-Shirt mit dem Aufdruck „Havfrue“.

 

Die frische Luft beflügelt meine Gedanken. Sie fliegen einmal um den halben Erdball. Ein Farbholzschnitt von Hokusai ist mir in den Sinn gekommen. Jeder kennt „Die große Welle von Kanagawa“. Die kleine Arbeit entstand zur gleichen Zeit wie das dänische Märchen von der kleinen Meerjungfrau. 

 

„Hokusai“, sage ich. 

 

Vor dem Hintergrund des Berges Fuji schießen drei Boote durch die tosende See. Über ihnen bricht die große Welle in schäumender Gischt zusammen. 

 

„Ob Hokusai in dieser Naturgewalt die Meerjungfrauen dargestellt hat?“ 

 

Japaner, sagt Undine, lieben Meerjungfrauen und dänisches Gebäck. „Little Mermaid Bakery“ nenne sich eine Kette mit gut 300 Filialen in Japan. „Hygge for Life“ laute ihr Motto. Eine Meerjungfrau ist ihr Logo.

 

Unsere Gedanken kommen und gehen wie die Wellen des Meeres. Wir wandern vor der Brandungszone von Vedersø Klit. Weiter nördlich liegt Klitmøller, Dänemarks „Cold Hawaii“. Dort schießen jetzt junge Meermänner und Meerfrauen auf ihren Surfbrettern durch die Gischt. Wir haben vor einigen Tagen den Ort besucht und die Fahrkünste bewundert. Wenn der Wind in die Segel fährt und sie tief gegen das Wasser beugt, dann strecken diese Meerfrauen und Meermänner ihre Körper in die entgegengesetzte Richtung. So halten sie die Balance.

 

Unsere Blicke richten sich auf den Kieselstrand. Wir suchen Lochsteine. Durch ihre Öffnung in der Mitte oder am Rand können sie einzeln oder zu einer Kette aufreiht werden. So ein Lochstein in den Hühnerstall gehängt, weiß Undine, inspiriere die Hühner zu verbesserter Legetätigkeit. Hühnergötter werden diese Steine genannt. Wegen der Hühnergötter schmecken dänische Frühstückseier besonders gut. Undine  sammelt nicht nur Lochsteine, sondern sie hat in ihrem Reisegepäck auch das passende Buch. Der Autor heißt Jewgeni Jewtuschenko. Der Hühnergott, sagt Undine und beugt sich zu einem runden Stein mit einer großen Öffnung in der Mitte hinab, verströme eine positive Energie. Jewtuschenko schreibe, es gäbe auch Menschen, die mit dem Klang ihres eigenen Lebens andere beruhigen oder sogar heilen können. Manche Menschen seien ein Requiem, andere eine Hymne, wieder andere seien Foxtrott oder eine Polka.

 

„Oder ein Tango!“, ergänze ich. „Gibt es einen russischen Tango?“

 

Undine hebt den Lochstein und schaut durch ihn auf das Meer als wäre er ein Fernrohr. „Pjotr Leschenko!“ „Wo?“ „Ich habe eine CD mit Aufnahmen aus den Dreißiger Jahren.“ Wie immer, wenn wir in stille Wochen reisen, haben wir Bücher und DVDs im Gepäck. Ich bin gespannt.

 

Zwanzig Kilometer südlich von Vedersø Klit gibt es die Diskothek „Popen“ und eine Bavaria Alm. Der große Supermarkt von Søndervig öffnet an 365 Tagen im Jahr. Kronings Internationales Antiquariat ist nur am Donnerstagnachmittag in den Sommermonaten geöffnet. Über 150000 Bücher stehen hier zum Verkauf. Wie viele Artikel der Supermarkt „Meny“ im Sortiment führt, weiß ich nicht. Hier gibt es neben der Tagespresse auch internationale Bestseller in deutscher Übersetzung. In den Regalen des Antiquariates stehen Bücher von Werner Bergengrün, Hans Carossa, Ricarda Huch, Edzard Schaper. Ich bin erstaunt über die Vielzahl deutscher Bücher und bewundere die Leselust der Dänen. Die Bücher kämen alle aus Hamburg, sagt die Besitzerin des Antiquariates. Ein Freund fahre einmal im Jahr nach Hamburg und rette diese Bücher vor dem Reißwolf.  

 

Undine lernt Dänisch. Deshalb sucht sie in der dänischen Abteilung nach einer illustrierten Ausgabe von Andersens Märchen „Den lille Havfrue“. „Meer“ heißt auf dänisch „hav“, „frue“ bedeutet „Frau“. 

 

„Warum wurde aus der dänischen Meerfrau eine deutsche Meerjungfrau?“, frage ich Undine. Sie ist nie um eine Antwort verlegen und flüstert sie mir ins Ohr.

 

Meerjungfrauen können auf den Wellen tanzen. Wenn wir Tango tanzen wollen, müssen wir an die Ostküste nach Aalborg, Randers oder Århus fahren oder den Teppich in unserem Ferienhaus zusammenrollen. Das machen wir seit drei Wochen und üben die Colgada. Wir studieren immer wieder die Videos eines Paares aus Basel und betrachten dabei jede Sequenz. Männerrolle und Frauenrolle. Wenn wir an unsere Grenzen kommen, unterbrechen wir die Übungen und vertagen sie auf den nächsten Abend. Manchmal merken wir, dass wir nicht in den Fluss kommen, aber wir wissen nicht, woran es liegt. Irgendwo stimmt eine Bewegung nicht. Aber an welcher Stelle? Und wer verhält sich falsch? Im Zweifelsfall immer der Führende, habe ich gelernt. Bei einer guten Führung klappt fast alles. Nicht so bei der Colgada. Dass sich die Geführte, gehalten von den Händen des Partners, fallen lässt, setzt Vertrauen in den Führenden voraus. Undine vertraut mir blind und überschätzt dabei meine Standfestigkeit. Sie lässt sich fallen und bringt mich mit ihrem Schwung aus dem Gleichgewicht. Ich stolpere und fange sie gerade noch auf. 

 

„Du musst dich in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Du bist das Segel, an dem ich mich festhalte.“ 

 

Vor langer Zeit hat Undine das Surfen gelernt. Das sagt sie. Ich glaube es nicht. Wer sich ein Kinderbuch von der kleinen Meerjungfrau auf Dänisch kauft und den japanischen Namen der Meerjungfrau kennt, so denke ich, der bewegt sich nicht unter Surfern. Nicht weit entfernt von unserem Ferienhaus liegt der Nissumfjord mit seinem Stehrevier. Da könnte Undine ihre Surfkünste unter Beweis stellen. Aber auf Demonstrationen dieser Art lässt sie sich nicht ein.

 

Die Colgada im Tango ist wie das Tanzen auf den Wellen. Man braucht dazu kein Surfbrett, aber einen Partner, an dem man Halt findet wie an dem Segel. Die Colgada ist eine Vertrauensübung. Wir halten uns an den Händen, beugen leicht die Knie und lassen uns fallen. Im Fallen halten wir uns gegenseitig wie im Kinderspiel aus längst vergangenen Tagen. Eine Kreisbewegung um eine unsichtbare Mitte. Im Laufe unserer Ferientage wird sie sichtbar: Wir haben Spuren hinterlassen. Auf den Holzbohlen ist das Muster unserer Bewegungen zu sehen, obwohl wir vor jedem Tanz mit dem Nilfisk den Sand aufgesaugt haben. 

 

Wir brechen auf, nicht ohne den Boden mit Bienenwachs gepflegt zu haben. Nun fahren wir nach Århus. Eine junge Stadt voller Studenten. Doch wie überall zieht es vor allen Dingen die älteren Semester zur Tango Lesson. Es ist Sonntagnachmittag. Wer kommt, bereichert das Kuchenbüffet mit einer Gabe: Original dänisches Blätterteiggebäck, also ohne Meerjungfrauen-Logo, und Sahnetorten. Flødebøller - das sind Schaumküsse in allen Geschmacksvarianten. Undine liebt Flødebøller, nicht nur die Süßigkeit, sondern vor allen Dingen das Wort. Wie wenige andere Wörter enthält es den unverkennbaren Klang der dänischen Sprache. Wer Flødebøller aussprechen könne, der sei in Dänemark angekommen, heißt es.

 

Von Århus fahren wir nach Odense. Hier wurde Hans Christian Andersen geboren. Das Lächeln einer Ballerina begrüßt uns vom Plakat der örtlichen Ballettschule. Auf der Tafel vor dem Wirtshaus steht mit Kreide geschrieben: „Today is a good day“. Wie wahr!  Wir besuchen eine kleine Galerie mit großen Rumvorräten. Der Galerist und Rumkenner hat sich natürlich auf Nixenmalerei spezialisiert. Damit folgt er den Wünschen japanischer Touristen. Wir teilen mit den Japanern die Nixenliebhaberei und kaufen ein Bild für Undines Badezimmer und für mich eine Flasche Rum. 

 

Im Hans-Christian-Andersen-Park spielen Studenten mit Frisbee-Scheiben oder lassen den Bumerang geübt über den Körpern sonnenhungriger Mädchen kreisen. Zwei Pizzen - groß wie Wagenräder - schweben an den Strauchrosen vorbei, getragen von schönen Burschen. Heute findet in Andersens Park eine Salsa-Party unter freiem Himmel statt. Nächste Woche gibt es Tango. Dann werden wir Odense leider verlassen haben. 

 

„Schade“, sagt Undine. „Tango mit Hans Christian Andersen, das wär’s gewesen.“

 

Wir wohnen natürlich im Andersen-Hotel direkt neben dem kleinen Hans-Christian-Andersen-Museum. Irgendwie bekommt die Stadt nicht genug von ihrem berühmtesten Sohn. Auf der Bank vor dem Hotel sitzt der Dichter in Bronze gegossen. Ein sehr großer Mann neben Undine. Eine Skulptur neben der Tür zeigt Andersens Meerjungfrau mit einem Messer in der Hand. Scherenschnitte der Wasserfrau säumen die Treppe zum Ausstellungsraum im ersten Stock des Museums. Im aufgeschlagenen Gästebuch sehen wir fremde Schriften. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, was diese Zeichen zwischen Krikelakrak und Kalligraphie bedeuten. Überhaupt: Warum sind so viele Besucher aus Japan in Odense? Ist es das Märchen des Dichters oder das dänische Gebäck, dass sie anzieht? Angeblich steht die Geschichte von der kleinen Meerjungfrau in japanischen Schulbüchern. Warum aber beugen sie die Knie vor den gusseisernen Deckeln der Kanalisation mit Andersens Profil? Warum gehen sie in die Hocke vor der Skulptur des tapferen Zinnsoldaten? 

 

Im Museum ein Bett mit achtzehn bunten Decken. Irgendwo darunter liegt die Erbse. Andersen war die Prinzessin auf der Erbse - hochsensibel und überempfindlich. Ein unglücklich Liebender, voll krankhafter Schwermut und dem Hang, das Traurige im Leben zu suchen, und zugleich offen für die Berührung durch jeden Sonnenstrahl und voller Freude an den kleinen Dingen des Lebens.  

 

Über die Große-Belt-Brücke fahren wir weiter von Fünen nach Seeland und an Kopenhagen vorbei in den Norden. Jetzt sitzt Undine auf der Terrasse unseres Ferienhäuschens und schaut auf die Schiffe im Katzenloch. Kattegat - so nannten die Niederländer das Meer zwischen Jütland im Westen und Schweden im Osten. Auf dem Tischchen neben Undine liegen Erinnerungsstücke: Eine geöffnete Dose mit Nixenkeksen und das dänische Buch von Hans Christian Andersen: „Die kleine Meerjungfrau“. Es ist die Geschichte einer Balletttänzerin und ihrer Verwandlungen.  Eine Erfahrung von Liebe, Tod und neuem Leben. Eine Tango-Geschichte, meint Undine, die Geschichte einer Berührung. Na klar, erwidere ich. Was denn sonst? Dass Meerjungfrauen gute Schwimmerinnen sind, leuchtet ein. Gewiss sehen sie herrlich aus, wenn das Wasser auf ihren feuchten spitzen Brüsten wie Perlen im Sonnenlicht glänzt. Ich will glauben, was die alten Sagen berichten. Dass sie gerne und verführerisch singen, haben wir noch auf der Schule gelernt. Sirenen und Loreley und das „feuchte Weib“ aus Goethes „Fischer“. Männerphantasien der alten Zeit.  

 

Andersen, sagt Undine, mache aus der Wasserfrau eine Balletttänzerin, die wie ein Sommervogel über den Boden schwebe. Er wollte ja selbst Balletttänzer werden, damals, als es in Odense noch keine Ballettschule gab und er als junger Bursche ohne Schulabschluss nach Kopenhagen reiste. Andersen ist die Meerjungfrau, sagt Undine. Eine gewagte Behauptung, meine ich. 

 

In Kopenhagen, lese ich im Internet, werde eine dejlig Milonga stattfinden. So fahren wir los. Von unserem Sommerhaus ist es nur ein Katzensprung nach Kopenhagen. Wir nehmen uns Zeit für einen Umweg über die Küste. Fahren durch Orte mit schönen Namen wie Liseleje, Tisvildeleje, Rågeleje, vorbei am ehemaligen Zisterzienerkloster Esrum nach Helsingør. Wir wollen Rudolph Tegners „Tänzerinnenbrunnen“ sehen. Drei Tänzerinnen des Königlichen Dänischen Balletts standen dem Bildhauer Modell. Undine entziffert ihre Namen am Brunnenrand. Sie tanzen einen Reigen und schwingen dabei fröhlich ihre Beine. Die Energie ihrer Bewegung hebt ihre Körper aus der Achse. 

 

„Lege deine Hände in meine Hände!“, sagt Undine. Dann lässt sich fallen. Ich bin überrascht. Mit dieser Bewegung habe ich nicht gerechnet. Ich stolpere kurz, finde wieder einen sicheren Stand und fange Undine auf. „Noch einmal!“, lacht Undine und schwingt ein Bein. Wieder lässt sie sich nach hinten fallen. Jetzt fange ich sie sicher auf. Dabei strecke ich meinen Körper in die Gegenrichtung und halte so unser Gewicht. Jetzt haben wir wieder die Balance gefunden. 

 

„Herrlich!“, sagt Undine. „Wir haben das Schweben nicht verlernt.“

 

Wir fahren weiter nach Kopenhagen. An der Langeline im Norden der Stadt befindet sich ein Park, ein kleiner Hafen für Segelboote und eine lange Promenade. Hier steht  das Wahrzeichen der Stadt Kopenhagen, die Skulptur der Kleinen Meerjungfrau. Sie wurde wie der „Tänzerinnenbrunnen“ von dem Bierbrauer Carl Jacobsen (1842-1914) gestiftet. 

 

Der Sohn des Gründers der Carlsberg-Brauerei hatte am 26. Dezember 1909 im Königlichen Theater eine Vision, erzählt meine Nixenspezialistin. Er sah die Tänzerin Ellen Price (1878-1968) in der Rolle der Kleinen Meerjungfrau und beauftragte den Bildhauer Edvard Eriksen (1876-1959) eine Skulptur zu fertigen. Natürlich fühlte sich die Primaballerina durch das Angebot geehrt, doch nackend wollte sie nicht Modell sitzen.  So nahm der Bildhauer als Vorbild für den Körper der Skulptur seine Frau Eline Eriksen (1881-1963) und für das Haupt die Tänzerin. Am 23. August 1913 wurde die Skulptur an der Langelinie aufgestellt. Einen Monat zuvor war Tegners „Tänzerinnenbrunnen“ fertig gestellt worden. 

 

Die Kleine Meerjungfrau ist von zierlicher Gestalt, kleiner als Undine. Sie sitzt auf einem großen Findling im Wasser. Besucher aus Asien lassen sich in Ausflugsbooten zur Skulptur fahren. Dreißig Sekunden Aufenthalt, dann muss der Kapitän dem nächsten Schiff Platz machen. Alle Besucher möchten ein Photo von der Meerjungfrau schießen und hoffen auf einen Moment, wo kein Boot aus dem Hintergrund auftaucht. Auch ich stehe mit meiner kleinen Leica vor Undine und der Meerjungfrau und warte auf die Sekunde, die nur uns Dreien gehört. Mehr Zeit steht keinem Besucher bei der Audienz am Meer zu. Aber die Photographierenden kann ich ohne Zeitdruck photographieren. Selfie mit Meerjungfrau: Auf der Landseite stehen verschleierte Frauen vor der zarten Nacktheit der Tänzerin. Die Skulptur zeigt die Meerjungfrau in der letzten Phase ihrer Verwandlung zum Menschen. 

 

Wir nehmen oberhalb der Skulptur auf einer Bank Platz und erfreuen uns an den Besuchern. Undine erzählt von Hans Christian Andersen: Als junger Bursche kommt er nach Kopenhagen und tanzt vor der Balletttänzerin Margarethe Schall. Sie hält den Burschen im Konfirmationsanzug schlicht für verrückt und lässt ihn vom Hausdiener aus ihrer Wohnung entfernen. Der Tänzer Carl Dahlén nimmt sich seiner an. Doch bald wird auch er Klartext sprechen müssen: Bei seiner hochgewachsenen Gestalt und Schuhgrösse 48 habe Andersen keine Aussicht auf eine Karriere als Solotänzer. Andersen fühlte sich wie ein Hund, der gegen den Strom schwimmen muss und dabei noch mit Steinen beworfen wird.

 

Während Undine erzählt, springt plötzlich ein Hund ins Wasser und schwimmt auf die Meerjungfrau zu. „Tøben!“, ruft ein Frau. Aber der Hund kommt nicht zurück. Er klettert auf die grossen Steine mit der Meerjungfrau, und schüttelt sich das Fell. Sämtliche Cameras und Handy richten sich auf den Hund. 

 

„Meerjungfrauen tanzen gerne“, sagt Undine. „Unter Wasser ist ihr Körper federleicht. Schwierig wird ihr Tanz erst, wenn sie das Wasser verlassen.“

„Warum bleiben sie dann nicht in ihrem Element?“

„Weil die Liebe sie berührt hat“, sagt Undine.

„Der Prinz.“

„Genau. Die Meerjungfrau glaubte in dem Prinzen die große Liebe ihres Leben gefunden zu haben. Deshalb wird sie Mensch.“

„Aber es ist eine tragische Liebe. Denn der Prinz wird eine andere Frau heiraten. Er erkennt nicht ihr wahres Wesen.“

„Sie tanzt für ihn, schöner als alle anderen tanzen. Sie leidet an ihrer unerfüllten Liebe. Sie opfert sich für ihn.“

„Eine Tangogeschichte.“

„Die Geschichte einer Berührung.“

„Die Meerjungfrau lässt den Prinzen hinter sich und entwickelt sich weiter. Sie sucht weiter, was sie berührt hat. Ist es nicht so beim Tango? Du wirst berührt. Aber nicht allein der Mensch, den du in den Armen hältst, berührt dich. Da geht etwas durch ihn hindurch und will dich berühren. Etwas von weit her wie die Strahlen der Sonne.“

 

Wir fahren in den Süd-Westen von Kopenhagen. Dort liegt Karen Mindes Kulturhaus mit dem Tango-Pavillon. Orte, an denen Tango getanzt wird, haben nicht selten eine merkwürdige Geschichte . Der Tango Pavillon steht auf einem weiträumigen Gelände mit Hasenställen und einer Pferdewiese. Am Rand einer Schafweide sitzen Kinder und üben das Spinnen von Wolle. Der Pavillon ist aus Holz gefertigt worden. Durch die Fenster eines Türmchens dringt von oben Licht in den kreisförmigen Raum. Die Seitenwände hinter den Tischen und Stühlen können geöffnet werden. Doch so warm ist es an diesem Sommerabend nicht.

 

Der Tango Pavillon, so erfahren wir, ist vor über 120 Jahren errichtet worden. Damals stand hier eine Schule für taubstumme Mädchen. Die kleine Meerjungfrau hatte keine Stimme. Sie folgte dem Prinzen, aber sie konnte sich ihm nicht in Worten mitteilen. Und für die Sprache der Seele war dieser Mann taub. 

 

„Eine Tragödie“, sage ich.

„Eine Verwandlung“, entgegnet Undine.

 

Der Tango Pavillion wurde als Ort der Berührung errichtet. Hier konnten die jungen Frauen mit Füßen, Armen und Herz sprechen. Vieles kann nicht in Worte gefasst werden. Aber man kann das Leben tanzen. 

 

 

Schritte alter Meister:

Schwebende Hologramme

 

 

 

 

 

 

Tango im Nebelmeer. Auf der Terrasse vor unserem Zimmer liegen zehn Zentimeter Neuschnee. Ein guter Kühlschrank für Sekt und Weißwein. Das Hotel ruht auf einem Hügel. Wir hören das Rauschen der Wellen, aber wir sehen sie nicht. Dichte Nebelbänke verstellen den Blick auf das Meer. Zeit für einen Spaziergang durch die kleine Stadt. Wir sind Wanderer über dem Nebelmeer. Die Häuser tragen Namen wie „Zum Germanen“ oder „Deutschland“. Im Ortskern steht das Denkmal „Nixen auf dem Buskam“. Auf dem Sockel lesen wir Verse von Gorch Fock (1880-1916):

 

„Gottes sind Wogen und Wind,

aber Segel und Steuer sind Euer,

dass Ihr den Hafen gewinnt.“

 

Die Seebrücke ist vereist, dicke Eisschollen stapeln sich in der Brandungszone. So schön kann der Weltuntergang sein, wenn man Rügen mit den Augen von Caspar David Friedrich sieht. 

 

Tango im Nebelmeer. Eingeladen hat ein Lehrer aus Holland. Nach dem Abschluss seines Studiums der Architektur hatte er einen Traumjob. Er wurde zuständig für die Begutachtung sämtlicher Gebäude der holländischen Botschaften. So kam er in den ganzen Welt herum. In Buenos Aires entdeckte er 1989 den Tango und erlebte eine schicksalhafte Begegnung. Die Frau kam aus Deutschland. Beide gaben ihren Beruf für den Tango auf und wurden zum Traumpaar vieler Argentinier. 

 

Warum vergötterte eine ganze Nation zwei Europäer, die in Buenos Aires und bald in vielen Ländern der Erde argentinischen Tango tanzten? Der Tango erhielt schon einmal entscheidende Impulse aus Europa. Eine Blütezeit folgte. Dann kam eine Zeit des Vergessens. Das vom Tango begeisterte junge Paar aus Europa weckte wieder die Aufmerksamkeit für den Tango. Ihre Portraits finde ich in Zeitschriften und auf Briefmarken. Ein großer Automobilhersteller ließ ein Werbevideo mit dem Tango tanzenden Paar drehen. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verließ sie ihn. Diese Trennung liegt viele Jahre zurück, als wir Richard auf Rügen begegnen. 

 

Er hat sie alle erlebt und bei ihnen gelernt, jene großen Tänzer, deren Namen in keiner Geschichte des Tangos fehlen. Nun ist er selbst zu einer lebenden Legende geworden. In seinem Seminar geht es um die Schritte der alten Meister. Niemals wird einer von uns tanzen wie Antonio Todaro, und wer würde sich Juan Carlos Copes zum Vorbild nehmen wollen? Es geht nicht um Nachahmung. Es geht um die Berührung mit dem, was den Tango immer ausgemacht hat. Der Tango erfindet sich immer wieder neu. Wie alles Große erlebt er Zeiten der Begeisterung und Zeiten des Vergessens. Dann sind es die großen Einzelnen, die das Feuer hüten und die Fackel in dunkler Zeit weiterreichen: Leidenschaft, aber auch einzelne Schritte und Bewegungsabläufe, Bausteine für eigenes Tun.

 

Tango im Nebelmeer. Unangenehm war die Fahrt nach Rügen. Neuschnee auf der Autobahn vor Hamburg. Zum Glück müssen wir nicht durch den Albtraum Elbtunnel. Über die Ostseeautobahn geht es in Richtung Rostock. Hinter Lübeck erinnert ein Denkmal an jene Stelle, wo einst der Grenzzaun das Land teilte. 1989 war ein Schicksalsjahr für Deutschland und den jungen Tänzer aus Holland.

 

Bald erscheint der Hinweis auf die Abfahrt Grevesmühlen. Wir kennen den Ort von früheren Reisen. Von Grevesmühlen fuhren wir in ein Öko-Ressort am Meer mit vegetarischer Kost und Tango am Naturteich. Da bot die Wurstbude von Grevesmühlen die letzte Möglichkeit, noch einmal zu sündigen.

 

Wieder stehe ich am Tresen. Eine neue Bedienung. Ich studiere ihre Tätowierungen am Hals. Eine Schlange kriecht in ihr ärmelloses T-Shirt. Wie weit mag sie sich über den Körper hinabschlängeln? In einer Ecke des Raumes befinden sich zehn Stehtischchen. An jedem Tisch lehnt ein Mann. Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er an einem eigenen Tisch ungestört seine Wurst verzehrt!

 

„Was macht einen Mann aus?“, frage ich. 

„Rollenunsicherheit“, meint Undine. „Nur im Tango und in der Würstchenbude fühlt sich ein Mann als Mann.“  

 

Undine bleibt im Auto und liest in ihrem Buch über die Romantiker auf Rügen. Ich bestelle eine Bockwurst. Die Tätowierte überhört meine Bestellung. Ich werde unsicher. Spüre deutlich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Aber welchen? Das Schweigen der Frau berührt mich unangenehm. Unangenehm wie in manchen Stunden des Tangounterrichts verspüre ich meine Rollenunsicherheit. Ich habe etwas falsch gemacht. Aber was? Bei manchem Tangoschritt lag irgendwo der Fehler. Aber wo? Dann sagt die Domina hinter dem Tresen barsch:

 

„Guten Tag!“ 

 

Zehn Männer an zehn Stehtischen beißen die Zähne zusammen, legen ihr Würste auf den Pappteller und schauen auf mich. Blitzartig erfasse ich die Situation, hole den Gruß nach und erhalte eine Bockwurst mit exakt portionierter Senfbeilage: Nicht zu viel, nicht zu wenig. Hier kommt nichts um, denke ich. Hier herrscht Ordnung. Die Männer an den Stehtischen senken wieder den Blick. An jedem Tisch hätten vier Männer Platz. Ich grüße, wie ich es gelernt habe. Die Blicke der Männer konzentrieren sich auf die Würste. Eine Willkommenskultur für Landesfremde sieht anders aus, denke ich. Da hebt einer den Kopf. Ich schaue ihm höflich in die Augen, nicke freundlich, versäume auch den Gruß nicht - keine Reaktion. Schließlich entdecke ich ein Tischchen in der letzten Ecke. 

 

Ich grüße. Der Mann antwortet „Moin!“ Ich nehme Platz. Mein Tischnachbar ist Vertreter für Saatgut. In MäcPomm, sagt er, gehe es wurstig zu. Ich verstehe die Worte, aber nicht ihren Sinn. Am Anfang eines Verkaufsgesprächs stehe immer die Wurst, sagt der Vertreter. Mir fällt auf, dass der Saatmann eine rote Wurst verzehrt. Die möchte ich ebenfalls probieren. Nach einer unruhigen Nacht muss ich mein vegetatives Zentrum im Bauch stabilisieren. 

 

Essbesteck gibt es nicht. Ich gehe mit meinem Teller zum Tresen. Lobe die Brühwurst und bestelle eine Rotwurst. Die Tätowierte verzieht keine Miene, sagt militärisch kurz: „2.10“. Ich bin heilfroh, dass ich passendes Geld habe.

 

„Was führt dich in den Osten?“, fragt der Saatmann.

 

„Tango auf Rügen“, antworte ich.

 

Der Mann zuckt mit dem Kopf und macht eine ruckartige Bewegung mit dem Oberkörper zur Seite, als wollte er dem Anflug einer Hornisse ausweichen. Das soll wohl englischer Tango sein.

 

„Mitten in der Woche!?“, fragt er. 

 

Muss ich mich jetzt rechtfertigen?

 

„Hartz IV und Tango?“

 

Ich bin niemanden Rechenschaft schuldig.

 

Der Saatmann nimmt es gelassen. Er warnt mich vor den Blitzern in Langsdorf und Böhlendorf. 

 

„Ich nehme doch die Autobahn!“, erwidere ich. „Seit wann gibt es auf der A 20 Blitzer?“

 

„Du liest wohl keine Zeitung?“, sagt der Saatmann.

 

„Leider ja,“ antworte ich, „aber offensichtlich die falschen Artikel.“

 

Vom A-20-Krater bei Tribsees habe ich nichts gehört. Der Saatmann ist erstaunt über meine Unwissenheit. Ein Teilstück der neuen Autobahn sei abgesackt. Deshalb gebe es eine Umleitungsstrecke, die sich als Goldgrube für die Behörden erwiesen habe. 300 Mal täglich werde geblitzt. Das sind über 100000 Verwarn- und Bußgeldverfahren im Jahr. Der Landkreis habe das Personal verdoppeln müssen. Während mich der Saatmann auf den neusten Stand norddeutscher Straßenverhältnisse bringt, spüre ich ein Zwicken im Bauch. Die zweite Wurst war des Guten zu viel. Ich schaue zu der Tätowierten hinter dem Tresen. Soll ich die Wurst essen, obwohl ich satt bin? Soll ich die Wurst hinter meinem Rücken aus der Tankstelle schmuggeln und Tobit schenken? Ich finde, ein gewisses Maß an Anpassung gehört zu den angemessenen Verhaltensweisen in einem fremden Bundesland und verzehre vor den Augen der Tätowierten, der zehn Männer und dem Saatmann die Wurst.

 

Dann steige ich zu Undine ins Auto. Ungeblitzt fahren wir an Stralsund vorbei, nehmen die im Jahr 2007 eröffnete große Rügenbrücke und befinden uns in Nebelheim. Wir passieren Garz mit dem Ernst-Moritz-Arndt-Museum und erreichen unser Hotel. Die Hotelfachfrau an der Rezeption empfängt uns überschwänglich mit den Worten: 

 

„Schön, dass wir uns einmal persönlich sehen!“

 

Am Abend beginnt der Kurs. Schritte alter Meister im Nebelmeer: Antonio Todaro wurde im Jahr 1929 geboren. Juan Carlos Copes erblickte 1931 das Licht der Welt. Mein Vater war das Kind in der Mitte: In seinem Geburtsjahr 1930 putschte das Militär in Argentinien und es begann das „berüchtigte Jahrzehnt“ („década infame“) wie die Dreißiger Jahre später genannt werden sollten. Auswanderung, Flucht, Vertreibung gehören zur Geschichte des Tango. Mein Vater flüchtete aus Sagan/Schlesien, meine Mutter aus Königsberg. 1947 begegnen sie sich zum ersten Mal in einer Oldenburger Tanzschule von Peter Witte. Einmal in der Woche räumte der Lehrer sein Wohnzimmer aus, damit hier geübt werden konnte.

 

Der Vater neigte nicht zu Sentimentalitäten. Geschichten aus seinem Leben hielt er unter Verschluss. Als er einmal von der ersten Begegnung mit der Mutter in jenem Oldenburger Zimmer erzählen wollte, verschlug es ihm den Atem. Tränen standen in seinen Augen. 

 

Ricardo erzählt von seinen Lehrern. Er legt die Tangos der alten Meister auf und zeigt uns einige ihrer Schritte. Wir gehen in ihren Spuren, und sie sind uns nicht zu groß, denn wir gehen sie, wie es jedem von uns möglich ist. Der wahre Meister erdrückt nicht durch sein Vorbild. Er freut sich vielmehr an unseren Übungen. Ist alles Lernen ein In-Spuren-Gehen, eine Nachahmung des Vorbildes, eine Annäherung an ein Ideal? So war es einst in aller Pädagogik und so wird es immer sein. Väter, Mütter, Lehrerinnen und Lehrer sind Vorbilder. Sie geben eine Richtung vor. Sie schenken Orientierung. 

 

Antonio Todaro begann 1948 Tango zu tanzen. Er lernte mit anderen Jungs. So war es üblich. Denn erst mit einiger Erfahrung trauten sich die Tänzer, ein Mädchen aufzufordern. Wir tanzen nicht nur Schritte alter Meister, wir erleben ihr Werden und Wirken. Wir hören einen Bericht von Antonio Todaro, und ich frage mich, warum mich diese Geschichte aus längst vergangener Zeit berührt:

 

„In den Übungsstunden tanzte ich mit einem, und dann tanzte er mit mir. Es gab keine Lehrer, es gab niemanden, der sich um den Unterricht kümmert, wie das heute in einigen Salons der Fall ist. Wenn einer gut tanzte, schauten die anderen nicht mal hin, wenn er anfing. Sie machten sich ans Tanzen und übten untereinander. Die Anfänger übten untereinander. Schritt für Schritt, später ging es voran.

 

In meinem Fall war das so: Ich kam in den Club, setzte mich hin und schaute und schaute, und eines Tages kam ein Junge zu mir und sagte: Komm, komm! und fing an, es mir beizubringen. Heute, wo ich den Tanz beherrschte, muss ich sagen, dieser Bursche wusste noch nicht einmal, wie der Tango heißt, aber er ließ mich zum ersten Mal vom Stuhl aufstehen. Jahre später musste er Eintritt zahlen, um mich tanzen zu sehen. Denn ich machte Fortschritte, und wenn ich aufhörte zu arbeiten - ich war Maurer - hatte ich nur noch den Tango im Kopf.“

 

Die Anfänger tanzten in Vereinen, so hören wir. Wenn sie es sich leisten konnten, besuchten sie eine Schule, für deutsche Ohren etwas großspurig Akademie genannt. Hier unterrichtete ein Lehrer mit drei oder vier Tänzerinnen, mit denen die Jungen das Führen üben konnten. Um den Mädchen in den Salons imponieren zu können, musste man gut tanzen können. Antonio Todaro übte nach seiner Arbeit jeden Tag vier oder fünf Stunden lang. Abends, wenn er im Bett lag und zur Decke schaute, sah er sich tanzen. Er schaute neue Figuren und übte sie am kommenden Tag. Todaro erlebte den Tango als Berufung. Eine Berufung geschieht unmittelbar. Nicht der Tänzer entscheidet sich für den Tango. Der Tango entscheidet sich für den Tänzer. Und er macht dies in höchst vielfältiger Weise. Das ist vielleicht das Geheimnis aller Berührung, meint Richard.

 

„Der Tango berührt,“ sagte Todaro in seinem Todesjahr, „er ist ein schöner Tanz und man lernt nie aus. Keiner kann von sich behaupten, er wüßte alles. Er ist der beste Tanz. Ich lerne ihn schon seit 45 Jahren, das heißt doch, ich liebe ihn, er ist meine Leidenschaft. Mit 40 Jahren kann man nicht mehr Fußball spielen, aber ich kann mit 64 noch tanzen und lerne noch dazu. Fußball ist für eine begrenzte Lebenszeit. Der Tango ist für immer.“ 

 

Antonio Todaro und mein Vater hätten sich begegnen können. In Berlin auf einem der vielen Kurse, die Antonio Todaro gab. Sie hätten sich gewiss verstanden. Todaro war Maurer. Der Vater Elektriker. Ohne Strom wird es im Haus unwohnlich. Wie die Berufe, so ergänzten sich die Charaktere. Der große Meister des Tango und mein Vater mieden unnütze Worte und sprachen nicht während der Arbeit und nicht beim Tanz. 

 

Juan Carlos Copes, so erfahren wir, hatte ebenfalls mit siebzehn Jahren die Frau seines Lebens kennengelernt. Das war im Club „Estrella de Maldonado“. Sie hieß María Nieves und fand, er tanze so schlecht, dass er sich erst einmal wieder zurückzog und unter Männern übte, bis er sich ihr wieder zu nähern wagte. Copes und Nieves erlebten eine lange Karriere. Sie blieben auf der Bühne ein Paar, als er die Beziehung längst aufgekündigt hatte. Carmencita Calderón, die letzte Tanzpartnerin des legendären Cachafaz (Benito Bianquet), hielt Juan Carlos Copes für den größten Tänzer seiner Zeit. In einem Gespräch (1993) sagte sie: 

 

„Für mich ist Copes der beste Tänzer, den es gibt. Heute gibt es keinen anderen. Man sagt, der Virulazo wäre sehr gut. Aber Virulazo konnte nicht mehr als die Corrida, die er vom Cacha übernommen hatte. Er war ein Mann von 120 Kilo, er konnte sich nicht mit dem Cacha messen.“

 

Todaro hatte viele Tanzpartnerinnen. Die letzte war seine Tochter. „Es wäre natürlich besser gewesen, immer mit der gleichen zu tanzen. Je mehr Jahre man zusammen ist, desto besser kennt man sich im Tanz. Wenn er die Luft einzieht, weiß die Frau schon, was der Mann tun wird. Die Partnerin muß eine gute Tänzerin sein. Ich habe meine Partnerinnen selbst unterrichtet.“

 

Der Vater hatte es gerne, wenn wir ihn um einen Ratschlag baten. Auch Antonio Todaro wünschte sich einen Dialog mit der jungen Generation. Er hatte in den Jahren des Vergessens die Erinnerung an den Tango bewahrt, war nun ein reifer Mann geworden und suchte nach jungen Menschen, denen er sein Erbe anvertrauen konnte. Da kam Richard nach Buenos Aires. Todaro fand einen Schüler, der den Stil der Meister tanzen lernen wollte.

 

Wie der Vater, so besaßen die alten Meister das Tränencharisma. Das ist die Gabe zu weinen. Nicht vor Schmerz, nicht vor Glück, nicht aus Trauer, nicht vor Freude. Die Tränen fließen, weil sich plötzlich das Erhabene offenbart und unsere Seele berührt. Nicht wir weinen, es weint in uns. In Juan Carlos Copes eigenen Worten erfahren wir die Essenz des Tango, das Erbe der Väter:

 

„Als ich schon längst anerkannter Milonguero war, das heißt schon alle Tricks kannte, einschließlich der Kostümierung und allem Drum und Dran, da gab es immer noch Tangos, bei denen mir je nach dem, mit wem ich tanzte, die Tränen kamen. Das ist es, was ich eine wunderbare Beklemmung nenne. Das Mädchen, das bei mir war - ich war nie ein weicher Typ, ich wirke eher hart - sie hat es gesehen und so hingenommen. Denn sie wusste in diesem Moment, dass da der Tango zwischen uns beiden war. Mir ist das oft passiert. Wenn mir die Frau mit ihren Bewegungen so gut antwortete, dass wir auf einer großen Tanzfläche wie eine einzige Person waren, dann fühlte ich mich vollkommen durchdrungen von diesem Gefühl.

 

Du trugst also diesen Tango in dir, diese Musik, von der du besessen warst. Es war wie eine Droge, denn ich fühlte mich in einer anderen Welt. Und in diesem Moment war es mir gleichgültig, ob das Mädchen an meiner Seite hübsch oder häßlich war, ob sie lahmte, ob ihr ein Arm fehlte oder ein Auge. Mir war alles egal. Es war einfach etwas Erhabenes, und ich glaubte, beide teilten sich das. Es war ein Ritus. So sah ich das. Auch wenn all die Leute sagten, um Tanguero zu sein, also Tango-Tänzer oder -Sänger, müsse man saufen, müsse man spielen, müsse man Gigolo sein oder drogenabhängig. Ich entdeckte, dass die andere Seite des Tangos davon nichts brauchte - und ich war ein glühender Verehrer des Tango.“ 

 

Todaro wurde 64 Jahre alt. Der Vater 75 Jahre. Am letzten Tag unseres Seminars hätte er seinen 88. Geburtstag gefeiert. Undine und ich gehen ans Meer, das er so liebte. Dicke Eischollen türmen sich am Strand. Die Steine tragen hohe Mützen aus Schnee. Kleine Eisbrocken wabern  auf den Wellen. Möwen lachen. 

 

Abends tanzen wir die Schritte alter Meister nach der Musik von gestern. Sie ist die Musik von morgen, denn in ihr ist die Zeit aufgehoben. Wir tanzen die Musik der Zukunft und spüren die Vergangenheit in unserer Mitte wie schwebende Hologramme. Da ist der Vater, da tanzt Todaro, da Copes, da Carmencita: Sie lächelt und nickt mir zu. Da weiß ich, dass ich eine Tänzerseele habe. 

 

Wir fahren in das kleine Dorf Hagen. Es ist Ausgangspunkt für Wanderungen zur Stubbenkammer. Hier malte Caspar David Friedrich den „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818). Bald verweilen wir am Steilhang der Victoria-Aussicht. Ich stehe auf einer kleinen Aussichtsplattform hoch über der Ostsee. Unter mir branden die Wellen sanft an den Strand. Caspar Davids Friedrichs „Kreidefelsen auf Rügen“ ist ein Hochzeitsbild. Die Bäume sind so arrangiert, dass sie die Form eines Herzens bilden. Noch immer ist die kleine Stubbenkammer ein Ort romantischer Gefühle. Denn alle Lust will Ewigkeit, währt aber in der Regel nur kurze Zeit. Das beweisen sogenannte Liebesschlösser mit eingravierten Namen. Sie hängen am Maschendrahtzaun neben einem Schild mit der Aufschrift „Betreten auf eigene Gefahr“. Gemeint ist nicht der Garten der Liebe, sondern der kleine Überhang, von dem aus der Blick in jene Tiefe der bizarren Kreideformation geht, wo die kleinen Schlüssel liegen.

 

Caspar David Friedrich war ein Einzelgänger. In der Dresdener Akademie lernte er die 19 Jahre jüngere Caroline Bommer (1793-1847) bei einem Tableau vivant kennen. „Lebende Bilder“ nannte man die Darstellung von Werken der Malerei oder Plastik durch eine Gruppe von Menschen. Die Dresdener Künstler veranstalteten zuweilen solche Standbilder, und zu den Darstellerinnen gehörte Caroline Bommer. Im Januar 1818 heiratete sie den damals recht gefragten Maler und fuhr im Sommer des Jahres mit ihm nach Rügen.

 

„Führten sie eine glückliche Ehe?“, frage ich Undine. 

 

Caspar David Friedrichs Thema ist das Scheitern. Als Kind hatte er erlebt, wie sein Bruder beim Schlittschuhlaufen im Eis einbrach und von der Tiefe verschlungen wurde. Nie war der Künstler mit dem Erreichten zufrieden. Er malte Totenlandschaften und auch sein eigenes Grab. Ein Selbstmordversuch war gescheitert. Zudem hatte der Einzelgänger ein düsteres Naturell, das sich auch in seinen Gesichtszügen ausdrückte. Das Selbstbildnis, das zur Zeit seiner Hochzeit entstand, zeigt einen Mann, vor dessen finsterem Blick Kinder Angst haben mussten.

 

Caspar David Friedrichs Arbeiten kamen aus der Mode. Der russische Dichter und Übersetzer Wassili Andrejewitsch Shukowski gehörte zu den wenigen Besuchern, die noch Bilder von ihm erstanden. „Zu Friedrich. Traurige Ruine. Er weinte wie ein Kind“, notiert der russische Sammler in sein Tagebuch. Friedrich hatte einen Schlaganfall erlitten, der seine späten Jahre überschattete. Seine Ehe war unglücklich, obwohl Caroline Bommer einfühlsam und geduldig mit ihm umging. Der Maler durchlitt immer wieder schwere depressive Phasen. Dann fühlte er sich verfolgt, glaubte, seine Frau betrüge ihn. Er wurde gegen sie und die Kinder gewalttätig. Noch zu Lebzeiten war er vergessen.

 

Wir bleiben noch einige Tage und besuchen die Insel-Milonga in Putbus. Anne und Philipp leiten die kleine Gruppe, die sich jeden Montag im Circus 3 trifft. In Putbus machen wir an einem Wildgatter Halt. Eine große Herde von Hirschen tritt zutraulich ans Gatter und lässt sich mit Kastanien füttern. Unter ihnen fällt eine weiße Hindin auf. Neben dem Gatter befindet sich die Schlosskirche. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in dem ehemaligen Kursalon des Schlosses errichtet. Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus (1783-1854) ließ im Jahr 1817 einen Speise- und Gesellschaftssalon für Badegäste bauen. 1844, im Geburtsjahr Nietzsches, wurde der alte Salon abgebrochen und ein neuer Kursalon mit Tanz- und Spielsälen, Wirtschaftsräumen und einer Konditorei errichtet. Fürst Wilhelm zu Putbus (1833-1907) führte 1891 den Umbau dieses Kursalons in ein Gotteshaus durch. Das Schloss des Fürsten Malte wurde 1962 gesprengt, die Steine abgetragen. Von der Anlage erhalten blieb nur die Seeterrasse. Sie ist umrandet von Büschen und Bäumen.

 

Pastor Georg Hildebrandt ist heute für die Schlosskirche zuständig. An die Glasscheiben der Eingangstür hat er einen Computerausdruck des Monatsspruch für März 2018 geheftet. Über einem Büschel blauer Perlblumen im Schnee ist zu lesen: 

 

„Jesus spricht: es ist vollbracht!“ (Johannes 19. 30)

 

Unter diesem Sterbewort Jesu findet sich der Hinweis:

 

„Kirche geschlossen.“

 

Der Circus ist ein kreisrunder Platz in der Mitte der Planstadt Putbus. Acht Straßen laufen auf ihm zusammen. Warum acht Straßen? Der Circus sei ein Achtort oder eine Stätte der Achtsamkeit, erfahren wir. Der Obelisk ein Energiezentrum. Überall in Putbus finden sich Symbole der Freimaurer. Freimaurer seien Menschen, die an sich arbeiten, gleichsam den Tempel einer neuen humanitären Gesinnung mauern. Die Milonga findet im Saal des Freimauerhauses stand. Wir betreten ihn über den Hinterhof und werden im Eingang von einem Portrait Ferdinand Hasenbalgs (1793-1852) begrüßt. Undine studiert die Informationstafel des „Professor Hasenbalg e.V.“ und sagt:

 

„Hasenbalg war ein Schulmeister. Fürst Malte übertrug ihm die Leitung des neu gegründeten Pädagogiums.“

 

Wir tanzen unter einem Sternenzelt. Unter der Decke hängt eine kreisrunde Holzplatte von etwa drei Metern Durchmesser. Sie kann über eine Vorrichtung bewegt und gesenkt werden. Wahrscheinlich ist sie Teil eines Einweihungsrituals. Die Sterne werden durch viele winzige Lämpchen symbolisiert. Dargestellt sei der Himmel über Putbus am 24. Juni, dem Johannistag. Die kleine Tangogemeinde ist Gast der 1847 gegründeten „Johannisloge Rugia zur Hoffnung“. Die Loge zählt zehn Mitglieder. Ausschließlich Männer natürlich, wie es der alte Brauch vorschreibt. Frauen mögen ihre Geheimnisse haben, doch Geheimbünde sind Männersache. Warum eigentlich?

 

Putbus liegt weit ab von allen Tangoszenen. Einen Lehrer hat die kleine Tangogemeinde nicht. Doch auch ohne Missionar blüht und wächst hier der Glaube an den Geist des Tango. Man übt sich in beiden Rollen von Führen und Folgen, trainiert das Gehen und die Ochos. Getanzt wird mit großer Begeisterung und erfüllt von jenem Zauber, der allem Anfang innewohnt. So muss der Tango in den Hafenvierteln von Buenos Aires einst begonnen haben: Egal ob im Rhythmus oder scharf daneben - es regierte die Freude an der Bewegung, der Erprobung neuer Figuren und die Lust auf eine Paarbeziehung. Im Sommer kommen Feriengäste und tanzen unter dem Johannishimmel, sagt Anne. Zuweilen werden auch Lehrer vom Festland eingeladen. Nicole und Luis waren hier. Hieß so nicht die Frau, der Richard vor Jahrzehnten in Buneos Aires begegnete?