Ja, ihr Lieben, so geht Entspannung!

Es müssen nicht immer klimaschädliche Flugreisen und teure Strandurlaube sein.

Ein alter Holzfußboden, ein Kuscheltier reichen mir zum Chillen  voll aus.

Ein wenig mehr Askese würde unseren verwöhnten Hunden und Kindern recht gut tun.

Also, hört den folgenden Erfahrungsbericht!

 

 

Wenn Hunde Ferien machen

 

Seitdem Louis eine Reinkarnationstherapie gemacht hat, ist er entspannter geworden. Louis war echt fertig gewesen. Wieder einmal hatte man ihm vorsorglich den Magen ausgepumpt, weil er Rosendünger gefressen hatte. Dann wälzte er sich in einem Feld voller Kletten. Sein Fell war anschließend so verfilzt, dass es auf drei Millimeter Länge geschoren werden musste. Ein Bearded Collie mit Mecki-Schnitt sieht echt uncool aus, zumal, wenn er einen dicken buschigen Schwanz trägt. 

 

Irgendwann kamen auch seine Mitbewohner Naddel und Günni auf die Idee, dass Louis’ Ungehorsamkeit und Rüpeleien, vielleicht doch nicht nur Ausdruck purer Lebensfreude waren. So wurde dem armen Jungen ein Chip implantiert, der seine Hormonstöße und damit seine vegetative Unruhe reduzieren sollte. Trotzdem hat er wie blöd gebellt, sobald er das Haus verließ. Die Tierheilpraktikern Heike meinte, die Ursache von Louis’ suchtartigem Bellen sei wahrscheinlich ein allergisches Asthma, also auf gar keinen Fall eine hypertrophe Euphorie. Heike arbeitet mit Heilpilzen und verabreichte Louis eine Kombination von Cordyceps, Hericum, Reishi und OPC. 

  

Bei Louis blieb der mykotherapeutische Erfolg leider aus. Dann aber reichte Undine unserer Nachbarin einen Prospekt des Gutshauses Bellshagen über den Zaun, und einige Wochen später fuhr sie zu einer Mutter-Hund-Kur. Die frische Brise reduzierte Louis’ Belllust bereits am ersten Tag, sodass am zweiten Tag mit den Voruntersuchungen begonnen werden konnte. 

 

Fritz, ein erfahrender Tierheilpraktiker, war Empiriker und verließ sich deshalb nur auf messbare Untersuchungsergebnisse. Er fertigte ein Kirlianphoto von Louis’ Tatzen an. Auf weißem Photopapier waren die Umrisse der Pfoten zu sehen.

 

 „Was fällt ihnen auf, wenn sie die Aufnahme betrachten?“, fragte Fritz. 

 

Naddel rief so spontan wie entsetzt: „Die Abdrücke der Vorderpfoten sind kaum zu erkennen!“ 

 

In der Tat. Das Kirlianphoto zeigte in einer strahlenförmigen Zeichnung deutlich die Umrisse der Hinterpfoten. Die Vorderpfoten dagegen waren nur schemenhaft zu erkennen. Fritz hatte Louis noch nie vorher gesehen, er hatte sich auch jede Vorinformationen verbeten. Denn bei dieser Anamnese gehe es um Fakten und sonst nichts. 

 

„Dieser Hund steht unter extremen inneren Spannungen“, sagte Fritz. „Sie zerreißen ihn förmlich.“ 

 

„Woher wissen sie das!“, rief Naddel. „Es stimmt. Es ist die reine Wahrheit. Louis hat heute kaum gebellt!“ 

 

„Sehen sie“, sagte Fritz. „Dieser Hund braucht vor allen Dingen Ruhe, Ruhe und noch einmal Ruhe. Deshalb empfehle ich so wenig Behandlungen wie möglich. Gehen sie mit Louis viel an der frischen Luft spazieren. Unternehmen sie Ausflüge ans Meer, flanieren sie durch Klütz und besuchen das Café unserer Flamenco-Tänzerin oder schauen sich einmal im Uwe-Johnson-Haus um. Am Nachmittag empfehle ich eine Klangschalenmassage.“

 

„Für mich oder für Louis?“, fragte Naddel.

 

„Sie bekommen parallel zu Louis’ Behandlung eine Tiefengewebsmassage.“

 

 

Louis gewöhnte sich überraschend schnell an die Klangschalen. Zuerst erwiderte er jedes Anschlagen der Schale durch ein Bellen, dann aber kam er zur Ruhe und schließlich zu einer nie gekannten Tiefenentspannung. Naddel fand ihn schlafend und gönnte ihm ein weiteres Stündchen in der Versenkung. Die Folge dieser Entspannung war jedoch, dass Louis am Abend putzmunter mit seinem Ball spielen wollte. Zum Glück war noch Licht in der Bar des Gutshauses Bellshagen, und so gingen Naddel und Louis hinüber und bestellen einen trockenen Biowein und für Louis eine Streicheleinheit. 

 

Zu den Gästen in dieser späten Stunde gehörte auch der Gutsherr, der verantwortlich für die Weinkarte und die Betreuung der Stammgäste, am Tresen Überstunden schob. Er war in einem Alter, wo andere Männer in den Ruhestand gehen. Aber ein Womanizer kennt kein Rentenalter.

 

Naddels Wein ließ er sogleich auf Kosten des Hauses buchen. Beim zweiten Glas war er schon mitten in der Geschichte eines seiner vielen Vorleben. Der Mann hieß Robert. Irgendwann hatte er vom ordentlichen Leben seiner katholischen Familie die Schnauze voll, las die Bücher von Jack Kerouac, William Burroughs und Allen Ginsberg und fuhr mit seiner ersten Ehefrau in Richtung Westen. Ihr Ziel waren die Hügel hinter Greenbrae. Hier an der californischen Küste wohnte Curling Bear mit seinen Anhängern. Curling Bear war ein Schamane. Er lud Robert und seine Frau zu einer ersten Sitzung in seine Schwitzhütte ein. Der Assistent heizte ihnen ordentlich ein. Dann bemerkte Curling Bear eine atmosphärische Störung. Robert konnte sich an den Wortlaut nicht mehr erinnern. Jedenfalls befand er sich bald außerhalb der Schwitzhütte, und seine Frau auf dem Schoß von Curling Bear.

 

Naddel war zutiefst betroffen und wollte Robert trösten. Der aber lächelte nur und schaute dabei in Naddels braune Augen. Sie erinnerten ihn an die Wasser des Lake Tahoe, sagte er. 

  

 

Kein Wunder, dass der nächste Tag in vollkommener Entspannung begann. Naddel spürte, wie die Energieströme in sanfter Harmonie flossen. Sie freute sich auf die Sitzung bei Edda am frühen Nachmittag. Edda war Heilerin. Das sah man sofort. Eine Frau wie Mutter Erde, stattlich, geerdet und unerschütterlich stehend im Hier und Jetzt. Die zierliche Naddel dachte an eine Trollmutter, als sie vor Edda stand. Am liebsten hätte sie sich sogleich an Eddas dicke Brüste und den dicken Bauch gedrückt. „Ankommen, endlich ankommen“, dachte sie. 

 

Edda hatte sich auf dem Land ein Haus mit eigener Kapelle bauen lassen. Die Kapelle war ein kugelförmiger Rundbau mit Seitenfenstern und einem Oculus, durch das man den Himmel und bei Nacht die Sterne sehen konnte. Unter diesem runden Fenster befand sich die Mitte des Raumes. Hier waren in feiner Intarsienarbeit das keltische Symbol für die drei Elemente in das Parkett eingelassen, und in diesem Zentrum aller Kräfte sollte Louis Platz nehmen.

 

 

„Ich kann aus Louis keinen Schosshund machen,“ sagte Edda, „und das willst du ja auch nicht. Aber ich werde ihn jetzt in eines seiner früheren Leben zurückversetzen. Vielleicht war er ja einmal in einer jener Rassen inkarniert, die ein gemächlicheres Leben führen. Dann würde ich ihn auf diese Stufe zurückführen. Mal schauen, wer so alles in Louis drinnensteckt.“

 

Louis war während Eddas Ausführungen ruhig in der Mitte geblieben. Dann begann die Behandlung mit den Klangschalen. Bald schlief Louis, und es dauerte nicht lange, da sah Edda die lange Kette der Wiedergeburten, die Louis durchschritten hatte. Überall dominierte das Element Feuer. Edda sah eine Cuba-Dogge, eine Bordeaux-Dogge, einen Bull-Mastif: Molosser ohne Ende. Jetzt war klar, welches Erbe in Louis wütete. Weit und breit kein Goldie. Einen dieser Hund konnte Edda sogar namentlich identifizieren. Es war Chiffon Rouge, der Bluthund eines Oberförsters.

 

„Dieses Feuer bekommen wir nicht mehr aus Louis raus“, sagte Edda. „Ich würde sogar sagen, Louis hat in der Reihe der Wiedergeburten bereits einen enormen Fortschritt gemacht. Stelle dir vor, er wäre ein Mastiff. So wichtig wie die Harmonie der Elemente in Mensch und Hund, ist die Versöhnung mit unseren Grenzen.“

 

Dann erwachte Louis wieder. Erleichert umarme Naddel nun Edda und ging mit Louis ohne Leine den Feldweg ins Gutshaus Bellshagen. Am Ende der Woche bellte und tobte Louis wieder in gewohnter Weise im Nachbargarten. Doggy freute sich tierisch.

 

„So bist du. Du kannst dir selbst nicht entfliehen!“, zitierte er Goethe beim Gespräch über den Gartenzaun. Naddel sah das anders. Sie hatte bei Robert schon das nächste Wochenende im Gutshaus Bellshagen gebucht. Der Weg ist das Ziel. Niemand wusste das besser als er. Und von jetzt an führten für Louis und Naddel alle Wege nach Bellshagen.