Sollten Ehebrecher entmannt werden?

Viele Rüden sind kastriert, damit sie auch mal auf andere Gedanken kommen.

Wir Hunde gelten nach deutschem Recht als "Sache", haben also keine Persönlichkeitsrechte.

Der grösste Ehebrecher aller Zeiten war weder Don Juan noch Casanova, sondern der Zauberer Klinschor.

Mit ihm verfuhr ein gehörnter Ehemann wie mit seinen Hunden.

 

 

Die Ehebrecherin:

Ein deutsche Dogge im Einsatz

 

Als ich bei Doggy und Undine einzog, hörten sie in den Abendstunden regelmäßig CDs und ließen sich Werke aus der Weltliteratur vorlesen: Puschkin, Flaubert, Goethe, Strindberg, Sterne. Doggy ist bei seiner Lektüreauswahl echt elitär, ganz anders als Tobias und Miriam. Die lesen sogar Bücher in der Sauna. Doggy behauptet, alles, was nach dem Tod von Thomas Mann geschrieben worden sei, tauge nichts. Dabei hat Doggy selbst Anfang der Achtziger Jahre drei Romane geschrieben, in denen sogar Hunde vorkommen. Selbst Thomas Mann, sagt Doggy, könne er nicht mehr ertragen, seitdem er sämtliche Lesungen von Gert Westphal gehört habe. 

 

Älter werdende Menschen sind wie alte Hunde. Man muss sie so nehmen, wie sie sind. Doch in letzter Zeit wird Doggy immer seltsamer. So hat er sich angewöhnt, während der Autofahrten NDR I zu hören. Das ist so ein Schlagersender mit deutschen Titeln und zwischendrin für die Spätachtundsechziger einige Songs von den Beatles und Stones. Doggy hört am liebsten deutsche Schlager. Sein Musikgeschmack ist echt auf den Hund gekommen. Ein Besserwisser wie er, kann natürlich noch die dümmsten Interessen rechtfertigen. Er höre die Schlager, sagt Doggy, aus rein sprachanalytischen Gründen. Wenn ein Wort erklingt, quatscht Doggy den zu erwartenden Reim dazwischen. 

 

„Ein Bett im Kornfeld“, singt zum Beispiel der Sänger im Radio, und schon brüllt Doggy dazwischen: 

 

„Ein Bett im Kornfeld, hört, wie der Hund bellt!“ 

 

Er findet das witzig. Ich nicht. Denn ich wusste bereits bei den ersten Akkorden, dass dieses Lied von Jürgen Drews stammt und 1976 ein Hit war. In der Zeit hat Doggy von der Welt nichts mitbekommen, weil er nur hinter Büchern hockte. Der Reim des Liedes geht nämlich so:

 

„Ein Bett im Kornfeld, das ist immer frei,

Denn es ist Sommer und was ist schon dabei?“

 

Das Lied handelt von einem Pärchen, das sich im Kornfeld ein Liebeslager errichtet hat. Von Liebe in freier Natur hat Doggy keine Ahnung. Der würde sich niemals nackend ins Korn legen. Er hat Angst vor Käfern, Tausendfüßlern oder Mücken. Außerdem müssten am Rand des Kornfeldes eine Dusche und ein Dixi-Klo stehen. Im Mittelalter waren die Menschen so ungezwungen wie wir Hunde. Die Deutschen vergnügten sich gerne in Gottes freier Natur – nicht nur, weil Zuhause drei Generationen in einem rauchigen Loch hockten. Walter von der Vogelweide trieb es am liebsten unter einer Linde auf der Heide zwischen Blumen und Gras. Zum Liebesspiel brauchte er immer einen Lindenbaum als Stimulanz. Einmal, weil sie Schatten spendet. Eine braune Haut war bei den Damen des Mittelalters echt uncool. Dann konnte Walter nach dem Akt einige Verse in die Baumrinde schnitzen. Das kommt heute bei den Frauen nicht mehr gut an, weil es wie fast alle alten deutschen Bräuche, von denen das Volkslied berichtet, verboten ist: „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum. Ich schnitt in seine Rinde, so manches liebe Wort.“ Für einen Liebesvers im Lindenbaum kann Mann heute zu einer hohen Geldstrafe oder sogar Einzelhaft verdonnert werden. Wir geraten mit den neuen ökologischen Gesetzen nicht in Konflikt, denn wir brauchen für unsere Liebesbotschaften kein Schnitzmesser. Jede Hundedame findet es gut, wenn ich ihr ein dickes Stöckchen mit dem Abdruck meiner Zähne überlasse. Für uns sind die viele kleinen Bissspuren im Holz wie ein Gedicht im Morsealphabet.

 

Im Mittelalter hatten die Männer noch echt Stil. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein Liebeslager im Kornfeld zu errichten. Denn dies ist eine ökologische Rücksichtslosigkeit sondergleichen. Breit gelegener Roggen, Gerste oder Weizen kann nicht ausreifen. Das Lied zeigt, wie egoistisch die Jugend in den Siebziger Jahren gedacht hat. Ein Bett im Kornfeld – was ist schon dabei? Jede Menge, wie wir heute wissen. Heute dürfen nicht einmal mehr Hunde durchs Kornfeld rasen, es sei denn, sie haben die Witterung einer Mitbewohnerin aufgenommen wie meine Freundin, die dicke Bertha.

 

Bertha heißt eigentlich Berthalda. Sie ist eine deutsche Dogge, eines von jenen Riesenkälbern, die Fürst Bismarck, der Gründer des Deutschen Reiches so liebte. Sie sehen gefährlich aus, sind aber gutmütig. Bertha wohnte bei Michael und Maya. Die beiden hatten Kohle ohne Ende. Doch irgendwann wurde es Maya langweilig. Die Kinder waren aus dem Haus, die Immobilien längst abgezahlt, auch das Luxusferienhaus in der Toskana. Maya ging auf die 50 zu und beschloss, ihren Horizont zu erweitern. Zuerst machte sie eine Fortbildung in Bummerang-Coaching, dann einen Pilades-Kurs, dann eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin, dann lernte sie japanische Heilstrommassage für Katzen. Um an den Kursen teilnehmen zu können, nahm sie weite Reisen auf sich und blieb desöfteren am Wochenende außer Haus. Auch Michael entdeckte wieder verborgene Talente und belegte einige Workshops an der Volkshochschule bei Gitarrenlehrern aus Andalusien, San Franzisko und aus dem Zentral-Kongo. Vor allen Dingen entdeckte er seine Liebe zu Bertha. Während der Hauptstressphasen im Beruf hatte er kaum Zeit für das treue Tier gehabt. Jetzt war er Maya dankbar, denn ihre neu erwachte Energie übertrug sich auf ihn. Regelmäßig machte er mit Bertha gemeinsame Spaziergänge. Sie taten seiner Gesundheit spürbar gut. Zudem wurde er viel kommunikativer. Hatte er früher immer auf die Uhr geschaut und Kontakte nur gepflegt, wenn sie ihm geschäftlich nützten, so blieb er jetzt stehen und plauderte mit Hundehalterinnen jeden Alters. Es waren jene Gespräche, aus denen unsere Freunde auf zwei Beinen so viel Energie schöpfen können, weil es nur um die einfachen und grundlegenden Dinge des Lebens geht: Essen, Trinken, Schnuppern und Schlafen. 

 

Michael spürte, wie seine Erdung zunahm. Hunde erleichtern die Kommunikation. Sie sind wie Beziehungstrainer. Besonders in Liebesdingen erlauben sie einen indirekten Weg der Annäherung. Michael merkte wohl, dass die eine oder andere Dame näheren Kontakt zu ihm suchte. Besonders eine kleine Frau mit zwei dicken Möpsen schien sich in ihn verliebt zu haben. Sie sagte nie, dass sie Michael mochte, sondern sprach immer von ihren beiden Möpsen, die so gerne Bertha bespielen wollten. 

 

Aber Michael mochte keine Möpse, wie er auch für den trockenen Humor von Loriot nichts übrig hatte. Mops und Dogge sind schlecht auf einen Nenner zu bringen, meinte er. Da stimme schon der Größenunterschied nicht. Michael war ein Ästhet. Er störte sich auch an dem Größenunterschied des Liebespaars Hayden Panettier (155 cm) und Wladimir Klitschko (geschätzte 210 cm). Vor allen Dingen nervte ihn die schrille Stimme der Hundefreudin, mit der sie ihre Lieblinge rief: „Möpsilein, kommt zu Mutti!“ Nein, das musste nicht sein. Dann lieber mit Bertha allein durch die Feldmark streifen und die Seele baumeln lassen.

 

Eines Tages, Maya war zu einem Wochenendkurs für Beckenbodenmassage ausgeflogen, wollten Bertha und Michael ihren Horizont erweitern, setzten sich ins Auto und fuhren weit hinaus ins Grüne. Irgendwo im Namenlosen hielten sie neben einem Kornfeld. Kaum hatte Michael die Heckklappe geöffnet, stürmte Bertha los. Wer einen Hund hält, muss ihn im Griff haben. Das gilt besonders für große Hunde. Bertha gehorchte immer wie eine Eins. Sie wusste genau, dass sie nach dem Öffnen der Klappe aus dem Wagen zu springen und dann zu warten hatte, bis Michael sie an die Leine nahm. Nun aber stürmte sie los – direkt in das Kornfeld. Sie mochte wohl einhundert Meter durch die Ähren gesprungen sein, da erhob sich vor ihr ein nackter Mann und pestete Michael an, er solle gefälligst seinen Köter an die Leine nehmen. Da erhob sich eine weitere Person aus dem Kornfeld und sagte: 

 

„Berthalda, was machst du denn hier?“ 

 

Bertha begrüsste Maya mit tausend freudigen Sprüngen. Das war das Ende der Ehe. Es ging Michael nicht um den ökologischen Frevel im Kornfeld. Für das Problem des plattgedrückten Kornes war er damals nicht ansprechbar. Er fand einfach sein Vertrauen missbraucht. Weder Maya noch Bertha hatten später Schuldgefühle. Bertha war sogar stolz auf seine Schnüffelleistung, und Maya mährte herum, Michael solle die Sache nicht persönlich nehmen und schon gar nicht zu Herzen.  Bei der Übung sei es nicht um ihn gegangen, auch nicht um Liebe und Fremdgehen, sondern allein um ein wenig Praxis nach dem Theorieblock auf dem Seminar über Beckenbodenmassage. Die Sache habe also eigentlich gar nichts mit Michael zu tun. 

 

Es gibt Menschen, die können einem einen Kropf an den Hals sabbeln. Maya gehörte dazu. Am Ende hatte Michael einen so dicken Hals, dass er die Scheidung einreichte. Die Trennung von der Rundumversorgung fand Maya gar nicht witzig. Der Typ von der praktischen Übung hieß Jochen und war ein mit allen Wassern gewaschener Scheidungsanwalt. Er fand Michaels Reaktion unmännlich und wenig souverän. Dafür zeigte er im Scheidungsverfahren, wo der Hammer hängt und zog Michael über den Tisch und nackend aus.

 

Ich habe in meiner Zeit als Punk lange genug auf der Straße gelebt und weiß, wohin solche Geschichten führen können. Michael fand zum Glück eine tolle Frau, die ihn wieder aufbaute und den Dichter in ihm befreite. Nun schreibt Michael Hundegedichte und lässt sie von einem Spezialisten vertonen. Die sind echt ergreifend. Die sollte man mal auf NDR I spielen und nicht das „Bett im Kornfeld“.